Theorie, Geschichte, Aufbau und Vergleich der Gruppendiskussion und der Fokusgruppe - zweier qualitativer Forschungsverfahren


Hausarbeit, 1998

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Gruppendiskussion
1.1 Die Geschichte des Gruppendiskussionsverfahrens
1.2 Definition der Gruppendiskussion:
1.2.1 Die ermittelnden und vermittelnden Gruppendiskussionen
1.2.2 Die Gruppendiskussionsmethodologie
1.2.2.1 Pollock:
1.2.2.2 Mangold:
1.2.2.3 Nießen:
1.2.3 c) Abgrenzung zu anderen Verfahren
1.2.3.1 Abgrenzung zum quantitativen Experiment
1.2.3.2 Abgrenzung zum (Einzel-)Interview
1.3 Aufbau der Gruppendiskussion:
1.3.1 zu 1.) Die Auswahl der Teilnehmer
1.3.2 zu 2.) Die Präsentation des Grundreizes bzw. die Vergabe des Themas
1.3.3 zu 3.) Die Gruppendiskussion
1.3.4 zu 4.) Die Aufzeichnung der Diskussion
1.3.5 zu 5.) Die Auswertung der Aufzeichnungen

2 Das Focusgruppenverfahren
2.1 Geschichte und Theorie des Focusgruppenverfahrens
2.2 Ablauf einer Focusgruppe:
2.2.1 zu 1. Auswahl der Gruppenteilnehmer
2.2.2 zu 2. Aufstellung des Fragebogens:
2.2.3 zu 3. Moderator und Diskussion:
2.2.4 zu 4. Analyse:
2.3 Integrated Assessment in der Focusgruppe

3 Bewertung von Gruppendiskussion und Focusgruppe:
3.1 Vergleich von Gruppendiskussion und Focusgruppe:
3.2 Fazit:

4 Literatur:
4.1 Literatur zur Gruppendiskussion:
4.2 Literatur zur Fokusgruppe:

1 Die Gruppendiskussion

1.1 Die Geschichte des Gruppendiskussionsverfahrens

Zuerst wurde das Verfahren der Gruppendiskussion in den USA von Kurt Lewin in den 30er und 40er Jahren angewendet. Sein Erkenntnisinteresse als Sozialpsychologe lag aber auf „dem Gesichtspunkt des Führungsstils und der Reaktion der Gruppenmitglieder untereinander. Annahme war, daß Gefühle und Verhaltensweisen entscheidend durch soziale Gruppen beeinflußt werden“ (Krüger, 1983). Er versuchte für das Verhältnis von Individuum und Gruppe die Wirkungen und Wechselwirkungen verschiedener einzelner Variablen herauszufinden, d.h. z.B. für die Ausbildung gruppenintern verbindlicher Normen (vgl. Mangold, 1962).

Die Erkenntnisse aus diesen Verfahren wurden in der angewandten Sozialpsychologie zur Meinungs- und Einstellungsbeeinflussung in Gruppen verwendet. Daneben wurde die Gruppendiskussion auch zur „Untersuchung der inhaltlichen Struktur von Meinungen, Einstellungen und Motiven neben oder gar anstelle von Methoden des Einzelinterviews nutzbar“ gemacht (Mangold, 1962). Sie wurde von der Markt- und Meinungsforschung recht bald aufgegriffen und „dabei diente sie der Vorbereitung von Verbraucherbefragungen und zur Untersuchung von Motivationsstrukturen bei Konsumenten“ (Lamnek, 1993).

„Die Frankfurter (Pollock, Mangold) leiteten die Wende zur Berücksichtigung gruppenprozeßübergreifender Diskussionsergebnisse ein. Die hier ausgelöste Diskussion und ihr Diskussionsstand ist noch heute weithin anerkannter und gültiger Ausgangspunkt für den Gegenstandsbereich der informellen und öffentlichen Meinung und für die methodischen Vorzüge der Gruppendiskussion“ (Krüger, 1983).

In Deutschland war es Pollock aus dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, der die Gruppendiskussion Anfang der 50er zur Untersuchung der politischen Einstellung und des Bewußtseins der deutschen Bevölkerung anwendete. Sein Interesse war vor allem auf die Herausbildung einer nicht-öffentlichen Meinung durch Gruppenprozesse, aber auch auf die Reaktionen der deutschen auf das Dritte Reich bzw. deren psychische Abwehr gerichtet. Er betonte den Unterschied zwischen der öffentlichen und nicht-öffentlichen Meinung, wobei er die nicht-öffentliche mit der individuellen Meinung gleichsetzte und deren Genese er untersuchte. „Pollocks (1955) Buch wurde nach seinem Erscheinen mehrfach besprochen und kritisiert. [...] Hofstädters (1957) Rezension in der ‘Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie’ hingegen ist heftig und nicht ohne Polemik gehalten. Aus offensichtlichem Unmut über die inhaltlichen Befunde der Studie kritisiert er das Vorgehen Pollocks sowie das Konzept der nicht-öffentlichen Meinung scharf. Noch im gleichen Heft der Kölner Zeitschrift antwortet Th. W. Adorno (1957) - Herausgeber der Reihe, in der das Buch von Pollock erschienen ist - und verteidigt die Monographie“(Lamnek, 1993).

Später in dem Vorwort zu Mangolds Buch „Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens“ (1960) schreiben Horkheimer und Adorno, daß die Abwehr des Hitler’schen Grauens, das durch die Pollock-Studie herausgefunden wurde, sich auf die Studie übertrug, genau nach psychoanalytischem Muster.

In den 50er und 60er Jahren, in denen die Frankfurter Schule für Sozialforschung an der Gruppendiskussion arbeitete, forschten die Mitarbeiter der Dortmunder Sozialforschungsstelle an der gleichen Methode; jedoch sind kaum weitereichende Ergebnisse davon geblieben. Nach Pollocks Buch bildet Mangolds Dissertation (1960) den Schlußpunkt zu der methodologischen Diskussion der 50er Jahre. Es enthielt aber zusätzlich weitergehende Überlegungen, die über Pollocks Standpunkte hinausgingen. Für Mangold war die Einzelmeinung nicht mehr wichtig, sondern die Gruppenmeinung als solche, da die der Realität am nächsten käme. Bis heute ist Mangolds These unveränderter methodologischer Forschungsstand.

In den 70er Jahren wurde die methodologische Diskussion von der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen von Mucchiulli und Nießen wieder aufgegriffen. Nießen griff in seinem Buch (1977) „Gruppendiskussion“den bisherigen Erkenntnisstand auf. Er erweiterte und überarbeitete die Gruppendiskussionsforschung um eine interaktionistische Theorie. Sein Ansatz ist weder in der Praxis noch in der Theorie rezipiert worden.

In den 80er Jahren hat das interpretative Paradigma und die qualititative Methodologie in der neueren methodologischen Diskussion stärkeren Zuspruch bekommen, wobei die Gruppendiskussion vernachlässigt wurde. Nur der Aufsatz von Krüger (1983) beschäftigt sich mit dem Verfahren. „Zu vemuten ist, daß es in erster Linie pragmatische Überlegungen sind, die den Einsatz der Gruppendiskussion von selbst eingrenzen und die Reflexionen in der Praxis zu kurz kommen lassen“ (Krüger, 1983, S. 90).

Diese Aussage von Heidi Krüger gilt aber nur für den wissenschaftlichen Bereich, denn in der kommerziellen Markt- und Meinungsforschung wird dieses Verfahren mit ansteigender Tendenz genutzt. In letzterer Sparte wird sie aus pragmatischen Gründen angewendet, da sie mit relativ niedrigen Kosten eine Großzahl an Informationen liefert. Durch diesen Pragmatismus und die Anwendungsorientiertheit werden methodologische Überlegungen erst gar nicht angestellt.

1.2 Definition der Gruppendiskussion:

1.2.1 Die ermittelnden und vermittelnden Gruppendiskussionen

Die Gruppendiskussion kann in zwei Abteilungen eingeteilt werden nach der Unterscheidung in ermittelnde und vermittelnde Interviews. Die vermittelnde Gruppendiskussion soll den Beteiligten in speziellen längeren Gruppensitzungen die ablaufenden Gruppenprozesse bewußt machen, um so negative Aspekte dieser Prozesse zu kontrollieren und abzuschaffen. Diese Art der Gruppendiskussion heißt Sensitivity- oder T-Gruppen-Training und wird vor allem in der Organisationsentwicklung oder Unternehmensberatung angewendet. Sie gehen auf die sozialpsychologischen Experimente von Kurt Lewin in den 30er Jahren zurück.

Bei der ermittelnden Gruppendiskussion geht es nicht wie bei der vermittelnden um die Form, sondern um den Inhalt der Gruppeninteraktionen. „Die Angaben, die die Gruppenteilnehmer im Verlaufe einer Sitzung machen, bzw. die Gruppenprozesse, die zur Äußerung einer bestimmten Meinung oder Einstellung führen, stehen im Mittelpunkt des Interesses der Forscher. Allgemein kann man die Gruppendiskussion als Gespräch einer Gruppe von Untersuchungspersonen zu einem bestimmten Thema unter Laborbedingungen auffassen“ (Lamnek, 1993). Untersucht werden kann die Entstehung oder der Inhalt der öffentlichen, individuellen oder Gruppenmeinungen, aber auch gesellschaftlicher Teilbereiche. Die Gruppendiskussion „ist eine Methode, die sehr flexibel an den jweiligen Gegenstand, das Thema, die Erkenntnisabsichten und die spezifische Population angepaßt werden kann. Daraus resultiert - in Kombination mit der günstigen Kosten-Nutzen-Relation - ihre Beliebtheit“ besonders im kommerziellen Bereich (Lamnek, 1993).

1.2.2 Die Gruppendiskussionsmethodologie

Es gibt drei Stadien in der Entstehung der Gruppendiskussionsmethodologie:

1.2.2.1 Pollock:

Den Anfang machte Pollock, der laut Lamnek, Nießen und Mangold, die öffentliche von der nicht-öffentlichen bzw. individuellen Meinung trennte. Die nicht-öffentliche Meinung gibt sich nur in einem Aushandlungskontext im Zusammenhang mit einer Gruppe zu erkennen. Dabei erhöht die Gruppe das Erscheinen der Gruppenprozesse. Die Meinungen entstehen in Gruppeninteraktionen und seien größtenteils ambivalent. Sie sind trotzdem als dem Individuum eigen und unabhängig von der öffentlichen Meinung zu sehen: „In dem an Freud angelehnten Konzept sollten, ‘tiefergehende Bewußtseinsschichten’ mit Hilfe alltäglicher Kommunikationssituationen offen gelegt werden. In lockerer, entspannter Atmosphäre läßt die Gruppendiskussion spontane und freie Äußerungen zu, die die Teilnehmer gegenseitig stimulieren und zur gewünschten Breite von Aussagen führen sollen“(Krüger, 1983).

1.2.2.2 Mangold:

Mangold entwickelte Pollocks methodischen Standpunkte weiter. Für ihn ist nicht mehr wie bei Pollock, die nicht-öffentliche Meinung des einzelnen, wichtig, sondern die ‘situationsunabhängige informelle Gruppenmeinung’. Die Gruppendiskussion ähnelt der Realität, in der sich Gruppenmeinungen unter Gruppenkontrolle entwickeln. Mangold unterscheidet dabei 2 Ansätze in der Sozialforschung.

Der erste Ansatz setzt individuelle und kollektive Meinung gleich, wobei die individuelle erforscht wird. Dies ist ein atomistischer Ansatz, in dem das Verhalten und Meinen des Einzelnen verallgemeinert wird, z.B. in der Wahl- und Konsumentenforschung.

Im Zweiten geht er davon aus, daß „sozial relevantes Verhalten ... durch Wechselbeziehungen kostituiert“ ist, sowie „ in ihnen ... nicht ‘Summen’ isolierter oder quasi-isolierter Individuen“ reagieren (Mangold, 1960: S.34). Für ihn ist im Gegenteil die Gruppenmeinung die zentrale Variable.

Als Voraussetzung für große Realitätsnähe und zur Ausbildung der beteiligten Gruppenkontrollen sieht Mangold die homogene Zusammensetzung der Gruppen. Deswegen sollten die Teilnehmer aus soziologisch-gesellschaftlichen oder sozialen Großgruppen bestehen. bei diesen homogenen Gruppen entstehen nicht unbedingt Meinungen, sondern es werden vorhandene artikuliert.

1.2.2.3 Nießen:

Nießen erweiterte die Gruppendiskussionmethodologie in den 70er Jahren um einen interaktionistischen Ansatz. Er interessiert sich für die ‘situationsbedingte Gruppenmeinung’. Aus dem Interaktionsparadigma heraus sieht er jede Handlung in einer Gruppendiskussion, wie in Realität, als Interpretation und Definition der Situation durch die Handelnden. Folglich ist jede Gruppendiskussion eine Aushandlungssituation, die für jede Diskussion charakteristisch und einmalig ist. Die Erkenntnisse aus der Gruppendiskussion sind seiner Meinung nach aus diesem Grund auf andere Situationen nicht oder schlecht übertragbar. Gegenüber Mangold vertritt er die Meinung, daß „die Fundierung des Gruppendiskussionsverfahrens auf situationsunabhängige Meinungen sozialer Großgruppen nur mit Einschränkungen verträglich“ ist (Nießen, 1977: S.63).

Als Abhilfe und Mindestkriterien sollten zur Erstellung der Gruppen folgende Stichpunkte angewendet werden:

„1. Diskussionsgruppen müssen auch unabhängig von der Diskussion als Realgruppen bestehen.
2. Als Realgruppen werden sie dadurch definiert, daß sie vom Gegenstand der Gruppendiskussion unabhängig von der Diskussion als in der Zusammensetzung identische Gruppen betroffen sind“ (Nießen, 1977: S.64).

Weiterhin wird angenommen, daß „Realgruppen von einer gemeinsamen Interaktionsgeschichte im Hinblick auf den Diskussionsgegenstand und damit von schon entwickelten Formen gemeinsamen Handelns und ihm zugrundeliegender Bedeutungsmuster ausgehen“ (Nießen, 1977: S.66). „Sind diese Bedingungen [Anm. des Verf.: s.o. Kriterien und Vorannahme] nicht erfüllt, lassen sich für die Gruppendiskussion keine theoretisch relevanten Vorteile im Vergleich zur standardisierten Einzelbefragung nachweisen“ (Nießen, 1977: S.68).

1.2.3 c) Abgrenzung zu anderen Verfahren

1.2.3.1 Abgrenzung zum quantitativen Experiment

Die Gruppendiskussion wurde z.T. auch Gruppenexperiment genannt, obwohl es gar kein richtiges Experiment in eigentlichen Sinne darstellt. Bei einem Experiment sollen die oben genannten Prämissen der quantitativen Sozialforschung eingehalten werden. Bei der Gruppendiskussion ist dies nicht der Fall.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Theorie, Geschichte, Aufbau und Vergleich der Gruppendiskussion und der Fokusgruppe - zweier qualitativer Forschungsverfahren
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
26
Katalognummer
V134186
ISBN (eBook)
9783640420919
ISBN (Buch)
9783640421084
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Qualitative Methoden, Forschungsverfahren, Methoden, Sozialforschung, Gruppendiskussion, Fokusgruppe, Focusgroups, focus groups, qualitative Sozialforschung
Arbeit zitieren
Andreas Brand (Autor), 1998, Theorie, Geschichte, Aufbau und Vergleich der Gruppendiskussion und der Fokusgruppe - zweier qualitativer Forschungsverfahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134186

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