In dieser Arbeit wird die folgende Fragestellung untersucht: „Inwiefern trägt die Vorliebe für das Theater zum Verfall der Romanfigur Christian Buddenbrook bei?“ Es wurde bereits viel über Thomas Manns Erfolgsroman publiziert, jedoch ist die Nebenfigur, Christian Buddenbrook, häufig nur am Rande betrachtet worden. Die Publikationen, die sich ausschließlich mit seiner Person befassen, setzen den Fokus oftmals auf seine Neurasthenie und Hypochondrie. Zweifellos ist diese Thematik ein Schlüssel zum Verständnis der Romanfigur. Es ist jedoch erstaunlich, dass Christians Vorliebe für das Theater, die beinahe durchgängig präsent ist in seinem Leben, nur sporadisch untersucht wurde.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der allgemeinen Rolle des Theaters im Roman und Christians Vorliebe zum Theater im Besonderen. Der Fokus der Untersuchung ist auf Christian Buddenbrook gerichtet, allerdings wird das Verhältnis der anderen Figuren zum Theater am Rande berücksichtigt. Zunächst sollen die historischen Gründe für die negative Konnotation des Theaters herausgestellt werden. Hierbei wird auf die Unvereinbarkeit des Bürger- und Künstlertums eingegangen sowie auf die Figur des Dilettanten. Ausgehend von dem zeitlichen Kontext wird in einem weiteren Kapitel Christians Vorliebe für das Theater, seine Inszenierungen im Alltag sowie die Reaktion seiner Umwelt analysiert. Außerdem befasst sich die Arbeit mit dem Verfall als Schauspiel und Theater im Roman. Zum Schluss wird ein Fazit, bestehend aus einer Zusammenfassung, Reflexion und weiteren Forschungsimpulsen gezogen.
Thomas Manns Roman „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ schildert den Niedergang der Kaufmannsfamilie Buddenbrook, der sich in einem Schwinden der Lebenskraft, bei gleichzeitiger Verfeinerung von Intellekt und Geschmack, äußert. So wie alle Mitglieder der Familie ist auch die Romanfigur Christian Buddenbrook dem Niedergang ausgesetzt. Seine Neigung zur Selbstbeobachtung und seine Unstetigkeit im Berufsleben sowie im Privaten stehen im Gegensatz zu seinen lebenstüchtigen und praktisch veranlagten Vorfahren. Hierbei zieht sich seine Vorliebe für das Künstlerische, insbesondere das Theater, wie ein roter Faden durch sein Leben. Es entsteht somit die Frage, ob die Schauspielerei unter anderem zu seinem Verfall beiträgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Unvereinbarkeit von Künstler- und Bürgertum
3. Die Figur des Dilettanten im 18. und 19. Jahrhundert
4. Christian Buddenbrooks Vorliebe für das Theater
4.1 Christians Imitationen und die Reaktionen seiner Umwelt
4.2 Der Verfall als Schauspiel und Theater im Roman
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die Rolle und Bedeutung der Theaterleidenschaft der Romanfigur Christian Buddenbrook in Thomas Manns „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“. Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern seine schauspielerischen Imitationen und seine Affinität zum Theater maßgeblich zu seinem persönlichen Verfall beitragen und wie diese Neigung in den Kontext des bürgerlichen Lebens und des modernen Dilettantismus einzuordnen ist.
- Die Unvereinbarkeit von bürgerlichen Idealen und künstlerischer Neigung.
- Die Analyse der Figur des Dilettanten im 18. und 19. Jahrhundert.
- Die Analyse der theateraffinen Selbstinszenierung von Christian Buddenbrook.
- Wahrnehmung und Reaktionen des familiären Umfelds auf das schauspielerische Talent.
- Theater als Metapher und Katalysator für den Niedergang des Bürgertums.
Auszug aus dem Buch
4. Christian Buddenbrooks Vorliebe für das Theater
Ja, es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein! (BU, S. 263)
Diese Aussage macht Christian Buddenbrook im Kreis seiner Familie, als er über seine Vorliebe für Konzert-Besuche spricht. Christian lässt bei dieser Aussage offen, ob er sich selbst als Künstler sieht oder über das Künstler-Dasein im Allgemeinen spricht.
Was sich aus seinen Worten eindeutig entnehmen lässt, ist seine Bewunderung und große Vorliebe für das Theater sowie die Schauspieler. Er ist schon glücklich, wenn er nur das Wort „Theater“ hört (Vgl. Ebd., S. 261). Diese Leidenschaft nimmt solche Ausmaße an, dass er stundenlang vor dem geschlossenen Vorhang stillsitzen könnte (Vgl. Ebd.). Christian mag das Theater nicht nur, er liebt es vielmehr. Es ist eine Leidenschaft und Liebe, die er scheinbar kaum in Worte auszudrücken vermag und er ist sich nicht sicher, ob andere Menschen dieselben Empfindungen haben (Vgl. Ebd.).
Sein Interesse für das Theater drückt sich darin aus, dass er diesen Ort häufig aufsucht oder andere Lokalitäten wählt, die Raum für Inszenierungen bieten. Wenn Christian nicht im Ausland, sondern in seiner Heimatstadt ist, hält er sich oftmals im Theater oder im „Klub“ (BU, S. 448), anstelle seines Elternhauses, auf. Des Weiteren verlässt er zum Beispiel das gemeinsame Weihnachtsfest im Familienkreis, um in den Klub zu gehen (Vgl. Ebd., S. 540). Er scheint im Theater sein Zuhause gefunden zu haben:
Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter die Coulissen [sic!] zu kommen - ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen. (Ebd., S. 262)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob Christians Theaterleidenschaft zu seinem Verfall beiträgt, und verortet das Thema im Kontext der Forschung zu Thomas Manns Werk.
2. Die Unvereinbarkeit von Künstler- und Bürgertum: Das Kapitel beleuchtet den historischen Gegensatz zwischen bürgerlichen Idealen wie Fleiß und Produktivität und der häufig als müßiggängerisch oder unzuverlässig abgewerteten Schauspielerei.
3. Die Figur des Dilettanten im 18. und 19. Jahrhundert: Hier wird der Begriff des Dilettantismus analysiert, der im 19. Jahrhundert einen Statusverlust erfährt und als Ausdruck von Unstetigkeit und dekadenter Auflösung verstanden wird.
4. Christian Buddenbrooks Vorliebe für das Theater: Dieses Kapitel untersucht detailliert Christians theaterbezogene Verhaltensweisen, seine Neigung zur Imitation und die Wirkung dieser Darstellungen auf seine Familie und Außenstehende.
4.1 Christians Imitationen und die Reaktionen seiner Umwelt: Dieser Abschnitt zeigt, dass Christians künstlerische Darbietungen zwar als amüsant empfunden werden, ihn jedoch gleichzeitig in seiner sozialen Stellung isolieren und seine Person als „Dilettant“ entwerten.
4.2 Der Verfall als Schauspiel und Theater im Roman: Diese Analyse betrachtet das Theater als übergeordnetes Deutungsschema für den Niedergang der Familie, in dem Christian exemplarisch die Abkehr von bürgerlichen Werten verkörpert.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Theaterleidenschaft als wesentlicher Baustein von Christians Dilettantismus und somit als Katalysator seines Verfalls anzusehen ist.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Christian Buddenbrook, Theater, Dilettantismus, Verfall, Bürgertum, Fin de Siècle, Schauspielerei, Literaturanalyse, Identitätskrise, Selbstdarstellung, Dekadenz, bürgerliche Normen, Imitation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der Theaterliebe der Figur Christian Buddenbrook in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ und hinterfragt deren Einfluss auf seinen persönlichen Niedergang.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Die zentralen Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen Künstlertum und Bürgertum, der Begriff des Dilettantismus im 19. Jahrhundert sowie die Funktion des Theaters als Metapher für den Familienverfall.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Inwiefern trägt die ausgeprägte Vorliebe für das Theater beziehungsweise die schauspielerische Imitation maßgeblich zum Verfall der Romanfigur Christian Buddenbrook bei?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Romananalyse, die unter Einbezug von Forschungsliteratur sowie zeitgenössischen Texten (wie z. B. von Diderot oder Bourget) den Kontext von Bürgertum und Dilettantismus erarbeitet.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte im Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die historische Unvereinbarkeit von Künstlern und Bürgern, definiert den Typus des Dilettanten in der Dekadenz-Epoche und untersucht die konkreten schauspielerischen Eskapaden Christians sowie deren Wahrnehmung durch die Familie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind „Dilettantismus“, „Dekadenz“, „bürgerliche Identität“, „Theatermetaphorik“ und „Selbstinszenierung“.
Warum wird Christian Buddenbrook im Text als Dilettant bezeichnet?
Er wird so bezeichnet, weil er seine Fähigkeiten nicht produktiv im Sinne eines künstlerischen Berufs einsetzt, sondern als Mittel zur Selbstausdrückung oder zur Distanzierung vom bürgerlichen Leben nutzt, was ihn in der bürgerlichen Welt isoliert.
Welche Rolle spielt die Familie Buddenbrook in Bezug auf Christians Theaterleidenschaft?
Die Familie fungiert ambivalent: Sie nutzt seine Talente zunächst zur Unterhaltung (im „Klub“), lehnt ihn aber spätestens im Zuge seines Verfalls ab, da sein Verhalten mit bürgerlichen Werten wie Pünktlichkeit, Disziplin und Leistung unvereinbar ist.
Inwieweit verschwimmen bei Christian Realität und Theater?
Der Autor zeigt auf, dass der Protagonist die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen seiner künstlerischen Darstellung und dem bürgerlichen Alltag verliert, wodurch sein Leben selbst zum Schauspiel („Dilettantismus“) wird.
Wie unterscheidet sich Thomans Manns Sicht auf den Verfall in Bezug auf Christian?
Die Arbeit analysiert, dass Christian den Verfall durch seine Theaterleidenschaft in sich trägt und als „Dilettant“ die Unmöglichkeit aufzeigt, das bürgerliche Erbe mit individuellen „künstlerischen“ Neigungen zu vereinen.
- Arbeit zitieren
- Christina Minich (Autor:in), 2016, Die Figur des Christian Buddenbrooks. Verfall und Schauspielerei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1341880