Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit/-angst

„Die Darwinisten machten aus Darwin ein ähnliches Gespenst wie die Marxisten aus Marx“


Essay, 2009
5 Seiten

Leseprobe

Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit/-angst

„Die Darwinisten machten aus Darwin ein ähnliches Gespenst wie die Marxisten aus Marx“

„Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.“ (Gen 1,27)

Die Auffassung von einer stabilen Natur bzw. der Unveränderlichkeit der biologischen Arten – welche im Einklang mit der biblischen Schöpfungs-lehre bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unangetastet bestand – wurde von Charles Darwins monumentalem Werk On the Origin of Species by Means of Natural Selection (dt. Über die Entstehung der Arten durch na-türliche Zuchtwahl ) 1859 bis ins tiefste Mark erschüttert. Seine hierin erst-mals veröffentlichte Evolutionstheorie, nach der der Mensch das Produkt eines Jahrmillionen andauernden Anpassungsprozesses war, brach mit dem Geist der Zeit und brachte das christlich-viktorianische Weltbild ins Wanken. Adrian Desmond, Evolutionsforscher und Verfasser einer um-fangreichen Darwin-Biografie, beschrieb dieses Ereignis mit dem prägnan-ten Satz: „Darwins book came as a bombshell“.

Aber auch sein 1871 erschienenes 2. Hauptwerk The Descent of Man and Selection in Relation to Sex (dt. Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl) – in dem er erstmals seine an Tieren und Pflanzen gewonnene Selektionstheorie auf den Menschen projizierte – erzeugte erneut großes Aufsehen, denn mehr noch als die Veränderbar-keit der Arten, war es Darwins Abstammungslehre, welche die Gesell-schaft polarisierte und Anhänger seiner wissenschaftlich fundierten Argu-mente ebenso auf die Bühne holte, wie oppositionell argumentierende Bi-beldogmatiker, die mit allen Mitteln an dem alten Weltbild festhalten woll-ten.

Darwins Evolutionstheorien, wonach die Natur ein Resultat ständiger Ent-wicklung ist und das Überleben der Arten durch das Prinzip der natürli-chen Selektion gesichert wird, stehen im starken Kontrast zur christlichen Lehre und zum Ablauf der Schöpfung, wie er in der Genesis beschrieben wird und riefen infolgedessen starken Widerstand seitens der Kirche her-vor. Man warf ihm Gotteslästerung und die Beleidigung der Menschheit vor. Die konträren Standpunkte – der christliche Schöpfungsbericht vs. eine autonome Entwicklung bar jeder Fremdeinwirkung – waren unverein-bar.

Glaube vs. Vernunft, Religion vs. Wissenschaft, ein ewiger Krieg. Jedoch hat es eine Auseinandersetzung diesen Ausmaßes, wie sie Darwins Evo- lutionstheorie angefacht hatte, nur selten zuvor in der Geschichte gege-ben. Allein Kopernikus und Galilei, die mit ihren Entdeckungen im 16. Jh. das geozentrische Weltbild ablösten, hatten es geschafft eine solch tiefe Kerbe in die kirchliche Weltanschauung zu schlagen. Mit ihnen wurde die Erde aus dem Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung verdrängt und mit Darwin, der Mensch.

Exemplarisch für die Disharmonie von Religion und Wissenschaft im 19. Jahrhundert, ist das Wortgefecht zwischen Thomas Henry Huxley, ein An-hänger der Darwinschen Theorien und Bischof Samuel Wilberforce, ein Vertreter der anglikanischen Kirche, aus dem Jahre 1860, bei dem heftig über eine Beteiligung Gottes bei der Erschaffung der Arten debattiert und mit Polemik und Sarkasmus nicht gegeizt wurde.

Darwin hat mit seinen progressiven Erkenntnissen jedoch nicht nur die Naturwissenschaften revolutioniert und nachhaltig geprägt, sondern bei-läufig einen gesamten Wandel der Weltsicht (indem er das menschliche Selbstverständnis, ein Abbild Gottes zu sein, desillusionierte) und eine ganze Bandbreite von auf Evolution basierenden Philosophien hervorgeru-fen. Seine Anhänger ließen es nicht bei der Evolutionstheorie bewenden, sondern entwickelten aus einem wissenschaftlichen Erklärungsversuch eine – durchaus atheistische – Weltanschauung. Der Darwinismus war geboren und griff um sich.

Möglicherweise waren für die Kirche diese weit reichenden Folgen der Veröffentlichung von Darwins Werk zum Thema Evolution bereits abzuse-hen. Ging im geistlichen Europa etwa das Gespenst des Evolutionismus’ um?

Wo Gespenster sind, da ist auch Angst. Folglich war es die Angst vor dem bedrohlichen Einfluss der Wissenschaft und dem aufklärerischen Gedan-kengut auf das alte religiöse Weltbild, welche die Kirche in dieser diffamie-renden Weise agieren ließ. Aber gab nicht gerade diese Angst vor einer wissenschaftlichen Bedrohung Darwin die Bestätigung, mit seinen Theo-rien in die richtige Richtung zu forschen? Denn sofern sich die Kirche mit der Verteidigung des biblischen Schöpfungsberichts auf der sicheren Seite gewusst hätte, wären solche Reaktionen doch vollkommen überzogen und gar nicht notwendig gewesen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit/-angst
Untertitel
„Die Darwinisten machten aus Darwin ein ähnliches Gespenst wie die Marxisten aus Marx“
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Das viktorianische England
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V134206
ISBN (eBook)
9783640417094
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
keine Notenvergabe, aber sehr positives Feedback vom Dozenten
Schlagworte
Wissenschaft, Wissenschaftsgläubigkeit/-angst, Darwinisten, Darwin, Marxisten, Marx“
Arbeit zitieren
sarah böhme (Autor), 2009, Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit/-angst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134206

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Titel: Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit/-angst


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