Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropaganda in der Reformationszeit


Hausarbeit, 2008

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Einleitung

Am Ende des Mittelalters galt die römische Kirche vielen Zeitgenossen als reformbedürftig. Es schien der kirchliche Materialismus, unvereinbar mit dem göttlichen Gebot. Martin Luther zweifelte an, dass die göttliche Gna-de mit irdischen Gütern erkauft werden könnte. So schlug er seine Fun-damentalkritik an den jahrhundertealten Kirchentraditionen, in Form von 95 Thesen, am 31.10.1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg und ent-fachte einen Jahrzehnte andauernden Glaubenskrieg. Doch war dieser Krieg nicht nur von kämpferischen Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld, sondern ebenso von publizistischen und propagandistischen Flugschriftenkämpfen gekennzeichnet.

Welche Rolle also haben die Medien bei der „konfessionellen Revolte“ gespielt? In welchem Verhältnis standen die damaligen Medien zueinan-der und warum konnten sich die Protestanten gegenüber dem etablierten Machtapparat des Papstes und der römischen Kirche durchsetzen? Im Folgenden widme ich mich diesen zentralen Fragestellungen und werde die wichtigsten Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropa-ganda der Reformationszeit gesondert vorstellen.

Johannes Gutenberg (1397-1468) gilt als Erfinder der Buchdruckerkunst mit beweglichen, auswechselbaren Lettern. Die Etablierung dieses Let-terndrucks Mitte des 15. Jh. bildet einen bedeutenden kulturhistorischen Einschnitt. Der Buchdruck ermöglichte die exakte Reproduktion von Wissen in einem nie zuvor gewesenen Ausmaß. Das Wissen wurde all-gemein zugänglicher, da gedruckte Bücher preiswerter als die handschrift-lich kopierten waren. Schrieben die Autoren im Mittelalter noch weitestge-hend anonym, wuchs nun ihre Bedeutung. Es wurde wichtig, wer etwas gesagt bzw. geschrieben hatte und wann dieses zu datieren war. Eine all-gemeine Alphabetisierung begann und leitete eine Bildungsrevolution ein. Doch vollzog sich die Wende in der Mediengeschichte (von der oralen zur literalen Kultur) nicht bereits durch Gutenberg, sondern erst mit und durch Martin Luther (1483-1546), der als erster mit dem massenhaften Einsatz des gedruckten Wortes begann und den Buchdruck erstmals gezielt für agitatorische Zwecke einzusetzen wusste.

Seine Flugschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ erschien bei-spielsweise in einer Auflage von 4.000 Exemplaren, die nach wenigen Ta-gen vergriffen waren. „Sermon von Ablass und Gnade“, die erste gedruck-te Schrift in deutscher Sprache, erschien in den Jahren 1518-1520 in 22 Auflagen.[1] Der so genannte „Flugschriftenkrieg“ (1520-25) nahm damit seinen Anfang, denn nach Luthers Vorbild folgten Philipp Melanchton, Heinrich Kettenbach, Ulrich von Hutten und Thomas Müntzer. Der Buch-druck, besonders in Form von Flugschrift und Flugblatt, verhalf demnach der Reformation zum Durchbruch.

Als Schlüsselmerkmal für die Geschichte der Medien zwischen 1400 bis 1700, gilt aber der Umschwung von der Dominanz der sakralen Mensch-medien (Priester, Redner, Prediger), hin zu den neuen Druckmedien (Buch, Flugschrift, Brief). Wenn man es noch schärfer fassen will, könnte man sagen, dass ein gesellschaftlicher Wandel durch die Medien nicht nur unterstützt, sondern erst dadurch erzeugt wurde. Demgemäß hat sich die Reformation durchgesetzt, weil sie sich der neuen Druckmedien bediente, während die Kirche weiterhin auf ihre traditionellen Menschmedien ver-traute.

Eines der bekanntesten Druckmedien der Reformationszeit war die Flug-schrift. Sie gilt seit Hans Joachim Köhler (1976) als ein eigenständiges Kommunikationsmedium. Zuvor wurde sie oft mit dem Flugblatt unter der Bezeichnung „Pamphlet“ zusammengefasst oder galt als Form des Medi­ums Buch. Heute versteht man die Flugschrift als eine nicht regelmäßig erscheinende Druckschrift, die aus mehreren Blättern besteht, meist un-gebunden ist, nur Text enthält, sich als Mittel der Massenkommunikation an die gesamte Öffentlichkeit richtet und offen agitiert oder beeinflussen will. Bei der Flugschrift handelt es sich bezogen auf den Umfang, um eine Zwischenform der seit Jahrhunderten ausgebildeten Medien Blatt und Buch. Die Gestalt der Publikationsform Heft war entstanden, das uns bis heute in Form von Gebrauchsanweisungen, Romanheftchen oder Bro-schüren erhalten geblieben ist. In der deutschen Sprache erschien im 18. Jahrhundert zunächst der Begriff "fliegende Schrift", der sich wohl auf den losen, nicht gehefteten Zustand bezieht. Gleichzeitig illustrierte diese Metapher aber auch die Reichweite und Beweglichkeit dieser Publikati-onsform. Ab Ende des 18. Jahrhunderts ist der Begriff "Flugschrift" nach-weisbar.[2]

Die Flugschrift hatte gleichzeitig die Funktion eines Printspeichermediums und eines offenen Briefes inne d. h. sie stellte inhaltlich eine Mischung aus einer objektiven Zustandsbeschreibung und einer appellativen Belehrung dar. Bis zu 98 % der Flugschriften beschäftigten sich primär mit den The-men Theologie und Kirche (Köhler, 1986). Eine Flugschrift ohne Bibelzita-te war kaum denkbar.

Da man mit den theologischen Flugschriften das Volk erreichen wollte, begann man auch damit, die Flugschriften in der Volkssprache Deutsch zu verfassen. Die meist gebrauchten stilistischen Mittel einer Flugschrift wa-ren die Wiederholung, die Aufzählung, die logische Aufreihung der Argu-mente, die Angabe leicht verständlicher Beispiele und das bewusst volks-tümliche Schreiben. Der Stil war lebendig, er glich einer Predigt oder eine Rede.

Eines der bekanntesten Flugschriften der Epoche der Reformation, ist Lu-thers Traktat „von der Freyheyt eyniß Christen menschen“. In diesem ge-lungenen Bespiel der Traktat-Literatur, die ein einzelnes Thema zu einem bestimmten Zweck behandelt und sich durch Überschaubarkeit, Klarheit, Verständlichkeit und eine strikte Durchführung des Themas auszeichnet, entwirft Luther sein Konzept „des gläubigen Christen, der nicht Erlösung in der `Werkgerechtigkeit` suchen soll, sondern im direkten Kontakt mit Gott sein Heil finde.“[3] Indem er sich hierbei an die punktmäßige Aufteilung ei-nes traditionellen Preditschemas hält, erläutert und wiederholt, gelingt es ihm, revolutionäre theologische Gedankengänge, in einer allgemein ver-ständlichen Form darzustellen.

Luther erreicht mit dieser theologischen Flugschrift das Volk, er teilt ihm neue Erkenntnisse mit und stellt sie erstmals öffentlich vor. Eben dieser Neuschöpfungscharakter der Flugschrift, unterscheidet sie in ihrem Aus-gangspunkt von einem Flugblatt.

Das Flugblatt geht von dem reformatorischen Vorverständnis des Adres-saten aus und gründet auf Vertrautheit der Symbolgestalten Luther, ge-meiner Mann und Papst.

Allgemein gehört es den Einblattdrucken an, die insbesondere in größeren Städten öffentlich feilgeboten und verkauft wurde. Es wurde in der häusli-chen Sphäre sichtbar an Wänden und Schränken angebracht. Diese stän-dige Gegenwärtigkeit ist als wesentlicher Faktor für die Wirksamkeit der Blätter zu berücksichtigen. Vor allem jedoch ermöglichte die kurze Herstel-lungszeit Aktualität, so dass Flugblätter als Vorläufer der heutigen Zeitun-gen gelten können.

Das wesentliche Charakteristikum dieser Kategorie ist das Bild-Text-Gefüge, das in gleicher Weise informieren und aufklären will. Die großen Illustrationen auf den Flugblättern der Reformationszeit nahmen häufig ein Drittel der Blattgröße ein. Sie waren zur Übermittlung der Botschaft des Flugblattes unabkömmlich, da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung alphabetisiert war.

Vornehmlich wurden durch das Flugblatt Neuigkeiten, aktuelle Zeitereig-nisse, Entdeckungen und Bilder von Persönlichkeiten verbreitet. Ferner sind Bemühungen zu erkennen, Missstände der Zeit zu benennen, vor Augen zu führen und zu ihrer Beseitigung aufzurufen. „Durch ein solches Flugblatt sollte der Betrachter in die Lage versetzt werden, das Gesche-hen der Zeit zu begreifen; es nicht als undurchschaubares Schicksal ein-fach hinzunehmen.“[4]

Das Flugblatt stellt für sich keine eigenständige Gattung dar, sondern ein Medium, das verschiedene Textsorten und Gestaltungsformen in sich ver-eint. Hohen Unterhaltungswert hatten insbesondere die Komik, der Spott, die Ironie, Übertreibungen, Schmähungen und Abfälligkeiten. Das hierbei meist gebrauchte Gattung ist aber die Polemik, eine literarische Streit-kunst, bei der es nicht darum geht, einen Konsens zu finden, sondern eine andere Ansicht fundamentalistisch niederzukämpfen und siegreich aus dem rhetorischen Wettstreit hervorzugehen.

[...]


[1] Faulstich, Werner (1998): Medien zwischen Herrschaft und Revolte, Die Geschichte der Medien (Bd. 3), Göttingen.

[2] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/washeisst/flugblatt.htm

[3] Die deutsche Literatur. Ein Abriß in Text und Darstellung, Band 3: Renaissance, Humanismus, Reformation. Hrsg.: Schmidt, Josef., Stuttgart, Reclam, 1978.

[4] Beyer, Franz-Heinrich (1994): Eigenart und Wirkung des reformatorisch-polemischen Flugblatts im Zusammenhang der Publizistik der Reformationszeit, Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung (Bd. 39), Frankfurt/M.

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Details

Titel
Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropaganda in der Reformationszeit
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Literatur der frühen Neuzeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V134214
ISBN (eBook)
9783640421329
ISBN (Buch)
9783640421602
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Publikationsformen, Gattungen, Glaubenspropaganda, Reformationszeit, Martin Luther, Luther
Arbeit zitieren
Sarah Böhme (Autor), 2008, Publikationsformen und Gattungen der Glaubenspropaganda in der Reformationszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134214

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