Das Verdrängte in Robert Musils Erzählung 'Die Vollendung der Liebe'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Verdrängung bei Freud

II. Die Fehlleistungen der Erzählung

III. Das Verdrängte in der Erzählung
III.1 Die verdrängte Außenwelt
III.2 Das Unheimliche

IV. Das Verdrängte in Musils Erzählung - Die Vollendung der Liebe – Eine Schlussbemerkung

Literatur

Einleitung

Robert Musil weist in seinen Aufzeichnungen zum 1911 erschienen Erzählband Vereinigungen auf die Schwächen der Erzählung Die Vollendung der Liebe hin. Er bemängelt, dass „in diesem Nichtgeschehen, das eine immer länger werdende Motivkette umspannen musste, das Äußere überdehnt wurde, etwas allzu Leises entstand, scheinbar eine Absonderlichkeit, scheinbar eine ästhetische Abgeschlossenheit udgl. So dass niemand den festen Grund bemerken wollte.“[1]

Im Gegensatz zu Walter Schönaus Aussage, der Dichter verhalte sich zu seinem Werk „wie der Träumer zu seinem Traum“[2], sieht Musil in seiner Selbstkritik das Problematische des Textes klar. Die Psychologisierung der Erzähl-Handlung führte zu einem „Nichtgeschehen“, und zu einer „Überdehnung des Äußeren.“ Dadurch entstand „etwas allzu Leises“, eine „ästhetische Abgeschlossenheit“. Der Dichter versucht auf diese Weise zu erklären, warum „niemand den festen Grund bemerken wollte“, weshalb die Erzählung bei zeitgenössischen Rezensenten und beim Publikum so ein Misserfolg war.

In die Zeit der Abfassung der Vereinigungen fällt Freuds Text Der Dichter und das Phantasieren. Freud sieht in der Dichtung eine Entstellung der egoistischen Tagträume und Fantasien des Dichters mit formalen und ästhetischen Mitteln. Die Tagträume und Fantasien seien dabei das Verdrängte seiner ursprünglichen, infantilen Wunschregungen. Dichtung ist dabei eine doppelte Verdrängung. Indem der Dichter das Verdrängte - seine Fantasien - formal entstellt, das heißt literarisiert, findet eine Verdrängung des Verdrängten statt. In dieser Tätigkeit schafft es der Dichter aber doch, eine (eigene) Erzähl-Wirklichkeit zu schaffen.

Der Prozess der Erschaffung einer eigenen Erzähl-Welt ist im Nichtgeschehen von Musils Erzählung Die Vollendung der Liebe noch einmal gebrochen. Zwei starke Verdrängungsleistungen erschweren dabei den Zugang zum Text: eine Verdrängung der Erzähl-Wirklichkeit und eine Verdrängung der Erzähl-Vergangenheit.

Musils Widerstand gegen die Darstellung einer äußeren Erzähl-Wirklichkeit ist sowohl sein poetisches Konzept, als auch eine Fehlleistung. Ihm scheint die Erzählung aus den Händen geglitten zu sein.

Welche Konsequenzen diese Vermengung von poetischem Konzept und Fehlleistung auf den Text hat, werde ich in der folgenden Arbeit zeigen.

Ich sehe diese eigentümliche Konstellation als eine Herausforderung für die Arbeit des Interpreten an. Beim Nachspüren des Verdrängten im Text Die Vollendung der Liebe wird aus dem Dichter und seinem Fantasieren der Leser und sein Fantasieren.

Bevor ich Musils Erzählung im Detail analysiere, werde ich im folgenden Kapitel Freuds Begriff der Verdrängung allgemein und in Bezug auf die Dichtung schärfer fassen.

I. Verdrängung bei Freud

Verdrängung ist für Freud der Konflikt, in den „eine Wunschregung tritt, welche in scharfem Gegensatze zu den sonstigen Wünschen des Individuums“ steht.“[3] Die Wunschregung erweise sich als „unverträglich mit den sonstigen Wünschen des Individuums, den ethischen und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit.“[4] Der Wunsch werde aus dem Bewusstsein verdrängt und vergessen. Motiv der Verdrängung sei die Unverträglichkeit der betreffenden Vorstellung mit dem Ich des Kranken. Die ethischen und ästhetischen Anforderungen des Individuums sind die verdrängenden Kräfte. Das Beibehalten des unverträglichen Wunsches und des Konfliktes würde der Person Unlust bereiten, das will die Person vermeiden. Die Unlust würde durch Verdrängung erspart. Verdrängung sei also „eine Schutzvorrichtung der seelischen Persönlichkeit“.[5]

Im Unbewussten besteht die verdrängte Wunschregung aber weiter, lauert auf eine

Gelegenheit aktiviert zu werden und schickt eine entstellte oder unkenntlich gemachte Ersatzbildung für das Verdrängte – das Symptom - ins Bewusstsein; das Symptom produziert aber wiederum Unlust. Aufgabe der psychoanalytischen Therapie sei es, die Symptome wieder auf die ursprüngliche Wunschregung zurückzuführen, das Verdrängte wieder der bewussten Seeelentätigkeit zuzuführen[6], was einen beträchtlichen Widerstand beim Behandelten voraussetze. Entweder wird die Person veranlasst, den Wunsch ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder er wird auf ein höheres, einwandfreies Ziel umgeleitet, sublimiert. Sublimierung ist eine bewusste Beherrschung „mit Hilfe der höchsten geistigen Leistungen des Menschen.“[7] Dabei fügt Freud in Anlehnung an Jung an, dass die Nervösen an den selben Komplexen erkranken, mit denen auch die Gesunde kämpfen.[8]

Auch der Gesunde würde die Wirklichkeit als unbefriedigend empfinden aufgrund der hohen Ansprüche der Kultur und unter dem Druck der inneren Verdrängungen.. Darum unterhält er ein Fantasieleben, „in welchem wir durch Produktionen von Wunscherfüllungen die Mängel der Realität auszugleichen lieben.“[9] Der erfolgreiche Mensch könne dabei durch Arbeit seine Wunschfantasien in die Realität umsetzen. Wo dies nicht gelingt, zieht sich der Mensch in die befriedigendere Fantasiewelt zurück, deren Inhalt in Symptome umgesetzt werden. Im ungünstigen Fall gibt es von hier keinen Weg mehr zurück in die Realität – der Mensch entfremdet sich dauerhaft von der Realität ins Infantile. Auf dem Wege der Rückbildung (Regression) kehrt er zur frühen Phase des Sexuallebens zurück.

Ist eine Person im Besitz der psychologisch noch rätselhaften künstlerischen Begabung, kann sie die Fantasien anstatt in Symptome in künstlerische Schöpfungen umsetzen, so dem Schicksal der Neurose entgehen und auf diesem Umweg die Beziehung zur Realität wiedergewinnen.

Der Psychoanalytiker sucht also nicht nur Auskunft über die verdrängten Wünsche im Studium der hervorgerufenen Einfälle der Patienten bei freier Assoziation, ihrer Träume, der Fehl- und Symptomhandlungen und in der Übertragung des Patienten auf den Analytiker.[10]

Auch künstlerische Produkte, speziell literarische Werke, sind für ihn ein wichtiges Feld der Analyse. Das sehen wir in Freuds Analysen von Wilhelm Jensens „Phantasiestück“„Gradiva“ und E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“.

Denn jeder Dichter verhalte sich wie ein spielendes Kind, „er erschafft eine Phantasiewelt, die er ernst nimmt, (...) während er sie von der Wirklichkeit scharf sondert.“[11] Wenn der Erwachsene aufhört zu spielen, beginnt er als Ersatz zu phantasieren. So wird das Fantasieren zum Symptom für das verdrängte Spielen. Der Erwachsene schämt sich aber für seine Fantasien, er hält sie vor der Öffentlichkeit verborgen, aus Angst „kindisch“ zu sein. Unbefriedigte Wünsche sind wie gesagt die Triebkräfte von Fantasien, jede Fantasie sei eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.

Freud bezieht Fantasien auf Träume und nennt die „luftigen Schöpfungen Fantasierender“ „Tagträume“.[12] Er versucht dabei den Begriff des Tagträumers mit dem Begriff des Dichters gleich zu setzen. In der Dichtung würden die Tagträume sublimiert.

Der Dichter mildere den Charakter des egoistischen Tagtraums durch Abänderungen und Verhüllungen, das heißt er entstellt seine Tagträume bewusst zum Symptom und besteche durch rein formalen, also ästhetischen Lustgewinn in der Darstellung seiner Fantasien. In dieser Darstellung führt der Dichter nach Freud also den Leser zurück auf seine verdrängte Wunschregung, das Spielen. Diesen Lustgewinn nennt Freud „Verlockungsprämie“ oder „Vorlust“.[13] Der Dichter helfe dem Leser, Spannungen von seiner Seele zu lösen und ohne Scham Fantasien zu genießen.

Dichtung übernimmt für Freud also eine quasi therapeutische oder vor-therapeutische Funktion, die dem Leser Vor-Lust bringt. Sie schafft das, indem sie das Symptom, die Fantasie als verdrängte Spiel-Lust, vom Tagtraum in die Dichtung sublimiert. Durch diese Entstellung des Symptoms Tagtraum aus der psychischen Realität des Alltags in die Realität der Dichtung macht Dichtung das Symptom zum Symptom – es findet eine doppelte Entstellung oder Ersatzbildung für die ursprüngliche Wunschregung „Spielen“ statt. Dichtung weist dabei nicht denotativ auf das Verdrängte hin, wie es die Psychoanalyse tun würde, sondern thematisiert die Verdrängung in sich, sie verkörpert sie spielerisch. Das, was in der Wirklichkeit ein Mangel darstellt, die Verdrängung, zeichnet die Dichtung aus.

Freuds Einsichten, die den Fantasien auf den seelischen Grund gehen wollen, sind interessant. Die Verbindung von Alltags-Fantasien zu den Fantasien der Dichtung liefert anregende Ansätze, um der Wirkung von Fantasien auf den Leser nachzuspüren. Fantasie erscheint nicht als etwas, was plötzlich da ist, sondern als Produkt einer Tätigkeit.

Andererseits bleibt Freud in seinen Aussagen über den Dichter, die Dichtung und den Leser aus literaturwissenschaftlicher Perspektive im Allgemeinen haften. Dichter und Dichtung sind genauso ein heterogenes Phänomen wie die unterschiedlichen Leser und ihre Weisen der Rezeption.

Deshalb möchte ich das Verdrängte in der Dichtung anhand eines konkreten Beispiels untersuchen, nämlich Robert Musils Erzählung Die Vollendung der Liebe. Dieser Text scheint viel versprechend in Bezug auf das Thema „Verdrängung“, ist hier doch die äußere Handlung in die Fantasietätigkeit der Figur umgelenkt, verdrängt.

Um dem Thema Verdrängung nachgehen zu können, muss der Autor nicht unbedingt mit psychoanalytischen Studien vertraut sein wie das Beispiel von Wilhelm Jensens Gradiva zeigt. In diesem „Fantasiestück“ nimmt der Autor, ein Laie was die Psychoanalyse angeht, all jene Neuentdeckungen, die die Psychoanalyse in der therapeutischen Arbeit mühsam gemacht hatte, scheinbar mühelos und nach Freuds Einschätzung „korrekt“ vorweg, ohne mit den Schriften Freuds vertraut gewesen zu sein.[14] Ferner fand Freud ja seine Theorien in literarischen Werken, die lange Zeit vorher geschrieben wurden, bestätigt.[15] Musil hatte wohl spätestens seit 1913 die wichtigsten Publikationen zur Psychoanalyse - darunter auch Freuds Studien zur Hysterie - zur Kenntnis genommen . Doch kann man davon ausgehen, dass Musil schon vorher, also auch in der Zeit der Abfassung der Vereinigungen (1907-1910), mit psychologischen Studien vertraut war, studierte er doch von 1903 bis 1908 experimentelle Psychologie an der Universität Berlin. Daneben nimmt er sich in einer Tagebucheintragung von 1907 als notwendig vor: „Literarhistorische Studien, Urteils- und Gefühlspsychologie.“[16]

Egal, ob Musil bei der Abfassung seiner Erzählung direkt mit Freud vertraut war oder nicht, in seinem Text finden wir eine ausgeprägte Fantasietätigkeit der Figur und deutliche Hinweise auf das Phänomen, das Freud „Verdrängung“ nennt.

Zuvor aber noch einige Sätze zu Musils poetischem Konzept. Er beschäftigte sich in seinen theoretischen und literarischen Schriften eindringlich mit dem Problem der „richtigen“ Darstellung von Fantasien und sieht die Aufgabe des Dichters, also seine Aufgabe, darin,

„immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen, Variable zu entdecken, Prototypen von Geschehensabläufen hinzustellen, lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann, den inneren Menschen erfinden.“[17]

Das unermüdliche Auffinden und Herstellen neuer Möglichkeiten soll Wirklichkeit schaffen und am Ende gar einen neuen Menschen. Diese Haltung drückt Musils Skepsis aus gegenüber „Fakten“, die für ihn „immer vertauschbar“[18] waren; ihn interessierte in seinen literarischen Forschungen „das geistig Typische, (...) das Gespenstische des Geschehens.“[19] Für Musil ist Wirklichkeit also nicht schon da, sie muss durch die Kunst erst geschaffen werden. Deshalb geht es ihm primär nicht um die Beschreibung äußerer Handlungsabläufe, sondern um den „inneren Menschen“, „um die Erfahrung des im erzählten Einzelfall aufscheinenden Möglichen.“[20] Kunst ist für Musil nicht imitatio, nicht Nachahmung von Wirklichkeit. Künstlerische Fantasien sind vielmehr Vor-Bild für eine noch zu schaffende Realität.

In dem Anspruch einer autonomen Fantasie unterscheidet sich Musil von Freud. Für Freud sind dichterische Fantasien ja immer umgestaltete Wunschregungen aus dem Alltag. Andererseits sehen Dichter und Therapeut die Fantasien als starke Tätigkeiten des psychischen Geschehens an, die den Schlüssel zu Erkenntnis, Wissen und zum Verständnis des Menschen bilden.

[...]


[1] Robert Musil, Gesammelte Werke, Bd.7: Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches. Hamburg 1978, S.973.

[2] Walter Schönau, Die Bedeutung psychoanalytischen Wissens für den kreativen Prozess literarischen Schreibens. In: Thomas Anz (Hg), Psychoanalyse in der modernen Literatur. Kooperation und Konkurrenz. Würzburg 1999, S. 219-231, S.225.

[3] Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd.8: Werke aus den Jahren 1909-1913. Frankfurt/ Main 1943, S.21.

[4] Ebd., S.21.

[5] Ebd., S.21.

[6] Ebd., S.25.

[7] Ebd., S.26.

[8] Ebd., S.54.

[9] Ebd., S.53.

[10] Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd.8, S.38.

[11] Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd.7: Werke aus den Jahren 1906-1909. Frankfurt/ Main 1941, S.214.

[12] Ebd., S.219.

[13] Ebd., S.223.

[14] Walter Schönau, Die Bedeutung psychoanalytischen Wissens..., S.220.

[15] Zum Beispiel Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ im „ Motiv der Kästchenwahl“ und E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ in „Das Unheimliche“ (M.K.).

[16] Robert Musil, Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden. Hamburg 1955, S.107.

[17] Ebd., S.784.

[18] zitiert nach: Wilfried Berghahn, Robert Musil. Hamburg 1963, S. 13

[19] Ebd., S.13.

[20] zitiert nach: Hartmut Böhme, „Erinnerungszeichen an unverständliche Gefühle.“ In: Robert Musil, Vereinigungen. Frankfurt/ Main 1990, S.192.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Verdrängte in Robert Musils Erzählung 'Die Vollendung der Liebe'
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar: Freud und die Dichter
Note
1.0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V13423
ISBN (eBook)
9783638190909
ISBN (Buch)
9783656084648
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verdrängte, Robert, Musils, Erzählung, Vollendung, Liebe, Hauptseminar, Freud, Dichter
Arbeit zitieren
Michael Kunth (Autor), 2003, Das Verdrängte in Robert Musils Erzählung 'Die Vollendung der Liebe', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13423

Kommentare

  • ClickandBuy 69630023 am 17.2.2011

    Es ist mir unbegreiflich, wie diese wirklich oberflächliche und in ihren Vermutungen häufig falsche Hausarbeit, eine 1,0 bekommen konnte.
    Wer einen Forschungsüberblick zur Vollendung der Liebe sucht, oder sich eine tiefergehende Interpretation erhofft, sollte weitersuchen. Das hier ist leider Geldverschwendung!

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