Das Theodizeeproblem in "Die Pest" von Albert Camus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Theodizeeproblem in „Die Pest“
1.1 Das in der Handlung dargestellte Leid
1.2 Der Theodizeeversuch des Jesuitenpaters Paneloux
1.2.1 Die erste Predigt
1.2.2 Die zweite Predigt des Paters
1.3 Der Protest des Pestarztes Rieux

2. Die Haltung des Dr. Rieux und die des Jesuitenpaters Paneloux bezüglich des Leides- ein Vergleich

3. Die Pest als Gelegenheit zum Ausüben des sittlich Guten?

4. Das aus „die Pest“ resultierende Gottesbild von Camus
4.1 Zu Camus´ Vorstellung eines schweigenden Gottes

5. Schlussteil

Quellen- und Literaturverzeichnis

Sprachlos

Was willst du dem Menschen sagen,

der neben dir verstummte in seinem Schmerz,

dessen Antlitz zur Maske erstarrte,

dessen Augen nur noch durch dich hindurchschauen,

dessen Ohren von deinen Worten nicht mehr erreicht werden?

Was willst du ihm noch sagen?

(Annegret Kronenberg)’

Einleitung

Das Leid scheint seit ewig ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz zu sein: Krankheit, Naturkatastrophen, Hunger, Krieg, physische und psychische Folter sind typische Formen von Leid, die zahlreiche Menschen heimsuchen. Es scheint, als habe das Problem der Theodizee in der Neuzeit Verschärfung erfahren, weil die technischen Fortschritte dem Menschen neue Formen von Gewalt und Massenvernichtung gegeben haben.[1]

Das Problem des Leidens lässt gläubige Menschen die Frage stellen wie ein gütiger und gleichzeitig allmächtiger Gott Leid zulassen kann. In dieser Frage handelt es sich um nichts Anderes als um die Theodizeefrage (gr. Theos= Gott, dike= Gerechtigkeit). Dieser Begriff wurde 1967 von Leibnitz gebildet.[2] Mit der Frage an sich wie Gott Leid zulassen kann haben sich die Menschen bedeutend früher beschäftigt: Schon die Alten Griechen beschäftigten sich mit diesem Problem, auch in der Bibel (z.B. bei Hiob) wird dieses Problem angesprochen.

Wenn man in der Existenz des Leides gleichzeitig auch von der Existenz Gottes ausgeht, ergeben sich zwei mögliche Folgerungen: 1. Gott ist zwar gütig, aber nicht allmächtig. Somit könnte er einfach nicht gegen das Leid ankämpfen, weil er selbst machtlos ist.

2. Gott ist zwar allmächtig, aber nicht gütig. Deshalb lässt er in seiner mangelnden Güte Menschen leiden. Daraus würde sich aber wiederum die Frage stellen, inwiefern sich der Glaube an einen Gott, der entweder nicht allmächtig oder nicht gütig ist, lohne.

In der Scholastik wird unter drei Typen von Übeln unterschieden: Man spricht vom malum physicum, vom malum morale, und vom malum metaphysicum.

In der Erzählung „Die Pest“ von Albert Camus handelt es sich um das malum physicum, das sich als Krankheit der Pest äußert; dieses Leid ist aber auch automatisch mit dem malum metaphysicum verbunden, weil der Pestarzt Dr.Rieux, der gleichzeitig Protagonist der Handlung ist, an die Grenzen seiner Heilkunst stößt und unter seiner Machtlosigkeit und der Verantwortung, die ihm als Arzt auferlegt wird, leidet.

Im Folgenden wird zuerst genauer erklärt, worin das Leid in diesem Roman überhaupt besteht. Das Leid, das sich in der Krankheit äußert, bringt logischerweise negative Folgen mit sich, die wiederum ebenfalls als Leid bezeichnet werden können. Durch die genauere Erläuterung des im Drama vorkommenden Leides soll der Leser gleichzeitig automatisch einen Eindruck über den Inhalt dieses Werkes und über die Stimmung, die in der Handlung herrscht, gewinnen. Auf Basis der Kenntnis über das dort herrschende Leid kann der unterschiedliche Umgang der beiden Protagonisten (Dr. Rieux und Pater Paneloux) mit diesem analysiert werden, wobei besonders auf deren Argumentation eingegangen wird. In der Handlung hält Pater Paneloux zwei Predigten, die sich aufgrund besonderer Ereignisse und Gegebenheiten (die im Laufe der Arbeit erläutert werden) stark voneinander unterscheiden.

Dass sich diese beiden Predigten stark voneinander unterscheiden, sieht man daran, dass sich die Argumentationsweise des Jesuitenpaters innerhalb der beiden Predigten ändert.

Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt der Arbeit wird die Analyse des Protestes von Rieux sein, der gegen die durch das Leid geprägte Welt rebelliert. In der Person des Dr. Rieux spiegelt sich wiederum der Prototyp des Absurden[3] wider, es wird kurz angeschnitten, inwiefern es der Fall ist. Außerdem wird auch die Frage behandelt, inwiefern die Pest dem Menschen andererseits auch die Gelegenheit zum sittlich guten Handeln bringt.

Ausgehend von der Untersuchung der Argumentationen der handelnden Personen wird versucht, eine bestimmte Gottesvorstellung von Camus herauszuarbeiten[4] und diese zu erläutern.

Ferner werden in dieser Arbeit an geeigneten Stellen Parallelen zu anderen Denkansätzen und literarischen Werken bezüglich der Theodizee aufgezeigt, die im Seminar behandelt wurden.

1. Das Theodizeeproblem in „Die Pest“

In diesem Kapitel geht es hauptsächlich darum, die Argumentationsweise des Jesuitenpaters Paneloux hinsichtlich der Rolle Gottes im herrschenden Leid zu analysieren, ebenfalls den Protest des Dr. Rieux ausgehend von den im folgenden Gliederungspunkt geschilderten Rahmenbedingungen.

1.1 Das in der Handlung dargestellte Leid

Das Leid scheint am Anfang schleichend zu kommen: Alles fängt damit an, dass Dr. Rieux, ein Arzt in der unscheinbaren Stadt Oran an der Küste Algeriens, vor seiner Praxis über eine tote Ratte stolpert. Später werden auch von den anderen Einwohnern immer mehr tote Ratten gefunden, die zuvor qualvoll gestorben waren. Als das qualvolle Sterben der Ratten endlich vorüber zu sein scheint, leiden plötzlich die Menschen unter einer mysteriösen Krankheit, dessen Symptome Fieber und Schwellungen an der Haut sind. Dieses malum physicum[5], das zuerst im Tier, dann im Menschen gegenwärtig ist, bricht ohne Vorwarnung aus, ohne, dass hätte behauptet werden können, dass es infolge eines bestimmten Ereignisses oder eines bestimmten menschlichen Verhaltens geschehen wäre. Der plötzliche Ausbruch dieser Krankheit steht im Kontrast zum eintönigen Leben der Einwohner von Oran, die zuvor in ihrem eintönigen Alltag lebten und vergeblich auf irgendein Geschehen warteten.

Das Leid ist selbstverständlich auch durch die beklemmende Atmosphäre der Angst und der Trauer gekennzeichnet, da die Pest natürlicherweise auch den Verlust nahestehender Personen bedeutet und gleichzeitig auch Ungewissheit und Angst bei den Menschen auslöst, da sich diese täglich die Frage stellen müssen, ob sie oder ihre Familienmitglieder und Freunde der schrecklichen Krankheit entkommen werden. In dieser Atmosphäre werden Worte wie Vergangenheit und Zukunft zu „sinnentleerten, sprachlichen Hülsen“[6], denn die leidvolle Gegenwart scheint ewig. Das Dasein der Menschen gleicht einem Inferno qualvoller, physische Schmerzen, die als Vorboten des Todes erscheinen, wodurch die Stadt Oran zu einer „Nekropolis“[7] wird. Der Höhepunkt des Leides im Roman wird durch den qualvollen Tod eines achtjährigen Kindes geschildert.

Für Dr. Rieux ist diese Seuche eine große Herausforderung, zumal die Anzahl der Pestkranken, die er heilen muss, steigt, außerdem sterben die meisten Kranken. Sein daraus resultierendes Gefühl von Ohnmacht und seine Frustration, seine allmähliche Erschöpfung durch die physische und psychische Belastung, der er ausgesetzt ist, können durchaus auch als eine Form von Leid betrachtet werden. Rieux muss die Tatsache ertragen, dass viele ihn trotz seiner Anstrengung für herzlos halten. Diese Unterstellung ist auf die Verzweiflung der Angehörigen der Sterbenden zurückzuführen, somit kann man die Pest als Auslöser zum diabolischen Handeln des Menschen (das in diesem Fall darin besteht, Rieux in seinen Umständen als herzlos zu bezeichnen) sehen. Damit zeigt Camus, dass das Böse im menschlichen Handeln nicht immer konsequent auf die freie Willensentscheidung der Menschen zurückzuführen ist, sondern oft als eine zwanghafte, notwendige psychische Reaktion betrachtet werden muss.[8]

Rambert, ein Journalist, der sich unglücklicherweise zufällig zum Zeitpunkt der Pest in Oran befindet, darf wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr zu seiner neuen Frau ausreisen. In seinem Fall raubt ihm die Seuche die Möglichkeit der Ausübung der menschlichen Liebe, was für ihn ebenfalls eine Form von Leid darstellt.

Die Pest hat auch indirekt Einfluss auf den Menschen: Die Stadt Oran hat durch diese Seuche wirtschaftliche Probleme. Es gibt keinen Tourismus mehr, aber schlimmer ist die Tatsache, dass in keinerlei Weise mehr Nahrung in die Stadt importiert wird, da niemand, aus Angst vor der Seuche, mit der Stadt in Kontakt treten möchte, sei es auch nur durch den Import am Hafen. Das ist eine zusätzliche große Sorge für die Bewohner, da nicht einmal mehr ihre existentiellen Grundbedürfnisse, zu welchen auch das Essen gehört, gewährleistet werden können.

[...]


[1] Neuhaus, Gerd: Der „Fels des Atheismus“? Die neuzeitliche Radikalisierung der Theodizeefrage im Spiegel der Literatur, in: Michael Böhnke (u.a.), Leid erfahren- Sinn suchen. Das Problem der Theodizee. Freiburg i. Br. 2007, 106.

[2] In seinem Werk „ Essais de Théodicée“, das 1697 zum ersten Mal erschien.

[3] Aus dem Existentialismus, der sich auf die Existenz des Menschen und deren Sinn in der Welt bezieht, leitet Camus das Absurde ab: Der Mensch befindet sich in einer Welt, deren Sinn er in mehrfacher Hinsicht nicht finden kann, weil er unter anderem mit ungünstigen Gegebenheiten leben muss, von denen er nicht weiß, wozu diese existieren. In dieser Absurdität hat der Mensch die Möglichkeit zur Revolte, um gegen das vermeintlich Sinnlose in der Welt zu kämpfen. Dieses Verhalten nimmt Dr. Rieux an. Mit dem Absurden wird ebenfalls der Mythos des Sysiphus assoziiert, der, von den Göttern bestraft, einen Stein bis zum Gipfel eines Berges hinaufrollen muss; immer wenn er kurz vor dem Gipfel angekommen ist, fällt der Stein und er muss mit dieser Arbeit von vorne anfangen, diese Prozedur geht endlos weiter.

[4] Auch wenn aus dem rein geschilderten Gottesbild der Protagonisten nicht zwangsläufig das Gottesbild von Camus erkannt werden kann, so gibt es in der Sekundärliteratur hinreichend Informationen über das aus der Denkweise der Protagonisten resultierende Gottesbild von Camus.

[5] Im Roman wird für die Seuche der Begriff „fléau“ verwendet, der nicht nur unbedingt bei Krankheiten an Gültigkeit gewinnt , dieser Ausdruck ist umfassender und wird für nahezu alle Sorten von menschlichem Leid benutzt. In „la peste“ S. 49f (Gallimard, Paris VIIe 451 1959; im Laufe der Arbeit wird kontinuierlich aus dieser Ausgabe zitiert) wird es vom Erzähler folgendermaßen beschrieben: Le fléau n´est pas à la mesure de l´homme, on se dit donc que le fléau est irréel, c´est un mauvais rêve qui va passer. Mais il ne passe pas toujours et, de mauvais rêve en mauvais rêve, ce sont les hommes qui y passent (…)..

[6] Greipel, Josef R.: Die existentielle Problematik des Leidens im Werk von Albert Camus aus theologischer Sicht. Freiburg i. Br. 2006, 40.

[7] Ebd.

[8] Greipel, Problematik des Leidens, 49f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Theodizeeproblem in "Die Pest" von Albert Camus
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Fundamentaltheologie /Dogmatik)
Note
1.3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V134251
ISBN (eBook)
9783640425693
ISBN (Buch)
9783640422586
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie, Camus, Albert, Albert Camus, Rieux, Paneloux, Protest, Leid, Atheismus, la peste
Arbeit zitieren
Sarah Marcus (Autor), 2009, Das Theodizeeproblem in "Die Pest" von Albert Camus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134251

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