Zum Ende meines Studiums drängten sich mir zunehmend Fragen nach meiner beruflichen Zukunft als Sonderpädagoge auf. So zum Beispiel „Wie wird sich das bisher in der Theorie gelernte in der Praxis umsetzen lassen?“, „Wie werde ich den ‚Sprung ins kalte Wasser’ verkraften, plötzlich nicht mehr mit Büchern, sondern mit Kindern zu ‚agieren’?“, „In welcher Schule (Schulform) werde ich tätig sein?“, „Mit welchen Schülern und Kollegen werde ich zu tun haben, und wie werden sie mich als Neuling aufnehmen?“. Ich möchte mich daher in dieser Arbeit, die ich als Abschlussarbeit meines Studiums, also als Manifestation meiner hier erworbenen Fähigkeiten begreife, dazu nutzen, mich diesen Fragen (zumindest theoretisch) zu nähern.
Der Titel der Arbeit, ‚Kooperation von Lehrerinnen und Lehrern im Gemeinsamen Unterricht - Erfahrungen und Überlegungen zur Gestaltung kooperativer Prozesse bei der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern mit geistiger Behinderung in allgemeinen Schulen’ eröffnet einen Zugang zu vielen dieser Fragen, indem er wesentliche Größen nennt und zugleich in einen für meine berufliche Perspektive sinngebenden Zusammenhang stellt. Er beschreibt das Beschäftigungsfeld als Lehrer im Gemeinsamen Unterricht und verweist auf den Auftrag, Schüler mit ‚geistiger Behinderung’ in den Unterricht an allgemeinen Schulen einzubinden. Gleichzeitig gibt er den Hinweis, dass die besondere Aufgabe hierbei in der Gestaltung der kooperativen Prozesse liegt.
Als Lehrer im Gemeinsamen Unterricht in einer allgemeinen Schule zu unterrichten, zeigt mir eine Alternative zur Tätigkeit in der Schule für Geistigbehinderte auf. Die zunehmende Individualisierung und die sich damit ergebende Heterogenität der Schülerschaft, aber auch die aus der Beschäftigung mit integrativer Pädagogik gewonnene Erkenntnis, dass Sonderschule oft ‚Sonderbeschulung’ und damit Diskriminierung bedeutet, weisen ‚eine Schule für alle Kinder’ als Perspektive aus. Der Auftrag, den Schülern mit ‚geistiger Behinderung’ die Teilnahme am Gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen, verlangt nicht nur ein spezialisiertes sonderpädagogisches Wissen, sondern eröffnet auch neue Aufgaben und Anforderungen durch die gemeinsame Gestaltung kooperativer Prozesse. Letztendlich werden sich mir viele der oben genannten Fragen und die damit verbundenen Erwartungen erst allmählich und im Verlaufe meiner Arbeit als Lehrer erschließen, sie stellen aber in jedem Fall eine interessante Herausforderung dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen, Voraussetzungen und Überlegungen zum gemeinsamen Unterricht
2.1 Gemeinsamer Unterricht als logische Konsequenz des Wandels im Behinderungsbegriff
2.2 Die bildungspolitischen Rahmenbedingungen aus dem Blickfeld des gemeinsamen Unterrichts
2.3 Überlegungen zur schulischen Integration von ‚geistig behinderten’ Kindern
2.4 Eine Schule für alle: Schüler mit ‚schwerer Behinderung’ im Gemeinsamen Unterricht
3. Kooperation von Lehrern im Gemeinsamen Unterricht
3.1 Methode
3.2 Schule konkret: Gespräch mit einer Sonderpädagogin
3.3 Situation und Aufgaben der Sonderpädagogen
3.4 Situation und Aufgaben der Grundschullehrer aus sonderpädagogischer Sicht
3.5 Rollenerwartungen im Team
3.6 Konflikte in der Kooperation
3.7 Bedingungen für eine erfolgreiche Kooperation
4. Reflexion
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kooperation von Regelschullehrern und Sonderpädagogen im Gemeinsamen Unterricht. Das primäre Ziel ist es, die vielschichtigen Anforderungen an die Zusammenarbeit sowie die Rolle und den Aufgabenbereich von Lehrern bei der Integration von Kindern mit geistiger oder schwerer Behinderung in allgemeinen Schulen praxisnah zu beleuchten und kritisch zu reflektieren.
- Strukturelle Rahmenbedingungen und bildungspolitische Entwicklungen der integrativen Beschulung.
- Analyse kooperativer Prozesse durch qualitative Interviews mit einer erfahrenen Sonderpädagogin.
- Herausforderungen in der Rollenverteilung, Kommunikation und Konfliktbewältigung zwischen den beteiligten Pädagogen.
- Methoden und Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Team.
Auszug aus dem Buch
3.6 Konflikte in der Kooperation
Konflikte in der Kooperation sind bisher schon an verschiedenen Stellen zu Tage getreten, sie können auf vier Ebenen verursacht werden.
Persönlichkeitsebene
„Der intensive offene Umgang mit Kollegen ist bedrohlich, weil man etwas von sich selbst zeigen muss“ (Kreie 1985, S.54). Die Lehrer müssen offen sein, was aber aufgrund der oben besprochenen Problematik zu Konflikten führt. Die Offenheit muss ausgehalten werden, hierzu bedarf es außer der Bereitschaft aber auch einer stabilen und selbstbewussten Persönlichkeit, um alle Fehler und Schwächen, die man bei anderen wahrnimmt, auch bei sich selber wahrzunehmen und eingestehen zu können.
Sachebene
Die Auseinandersetzung auf der Sachebene erfolgt vor dem Hintergrund der fachlichen Kompetenzen und den Aufgabenbereichen der Grundschullehrer und der Sonderpädagogen durch die Bewältigung der Rollenveränderung, so wie es schon in den Kapiteln 3.3-3.5 beschrieben wurde. Dort wurde ebenfalls auf das Konfliktpotential eingegangen, das sich durch die unterschiedlichen Qualifikationen und Kompetenzen von Regel- und Sonderpädagogen ergibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Notwendigkeit der Kooperation zwischen Regelschullehrern und Sonderpädagogen für eine gelingende Integration behinderter Kinder und stellt das zentrale Thema der Arbeit dar.
2. Grundlagen, Voraussetzungen und Überlegungen zum gemeinsamen Unterricht: Dieses Kapitel liefert ein theoretisches Fundament zur integrativen Pädagogik, beleuchtet den Wandel des Behinderungsbegriffs und diskutiert die bildungspolitischen sowie schulischen Rahmenbedingungen.
3. Kooperation von Lehrern im Gemeinsamen Unterricht: Der Hauptteil analysiert auf Basis eines Experteninterviews die tatsächliche Praxis der Kooperation, beschreibt die Rollen von Sonderpädagogen und Grundschullehrern und evaluiert Bedingungen für eine gelingende Teamarbeit.
4. Reflexion: Der Autor reflektiert den Entstehungsprozess der Arbeit, die Herausforderungen bei der methodischen Gestaltung des Interviews und zieht persönliche Schlüsse aus den gewonnenen Erkenntnissen.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung der Kooperation als dynamischen Einigungsprozess, der fortwährende Reflexion und eine hohe Bereitschaft zur Veränderung erfordert.
Schlüsselwörter
Gemeinsamer Unterricht, Kooperation, Sonderpädagogik, Integration, Grundschule, Rollenerwartungen, Team-Teaching, Inklusion, Schulentwicklung, Behinderung, Förderschwerpunkt, Interdisziplinäre Zusammenarbeit, Schulkultur, Unterrichtsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der praktischen Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen Lehrerinnen und Lehrern, die gemeinsam Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen unterrichten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Integration, die verschiedenen Rollenbilder und Aufgabenbereiche der beteiligten Pädagogen sowie die organisatorischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen der Kooperation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen kooperative Prozesse bei der Arbeit mit Kindern mit geistiger Behinderung in allgemeinen Schulen erfolgreich gestaltet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein teilstandardisiertes qualitatives Interview mit einer im Gemeinsamen Unterricht tätigen Sonderpädagogin, um praxisnahe Einblicke in das Beziehungsgeflecht und die täglichen Anforderungen der Kooperation zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konkrete Arbeitssituation, die Rollenkonflikte zwischen Regelschul- und Sonderschullehrern, auftretende Konflikte auf verschiedenen Ebenen und leitet daraus notwendige Bedingungen für eine erfolgreiche Teamarbeit ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gemeinsamer Unterricht, Kooperation, Integration, Rollenerwartungen und Team-Teaching charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des "Schulversuchs" in der Integration?
Der Autor sieht den Status der Erprobung als kritisch an, da er hofft, dass keine Jahrzehnte vergehen, bis ein uneingeschränkter Zugang für alle Kinder in weiterführende Schulen etabliert ist.
Welche Bedeutung misst der Autor der "Vorlaufphase" bei?
Eine Vorlaufphase wird als essenziell erachtet, damit sich Kooperationspartner kennenlernen, Rollen klären und eine Vertrauensbasis aufbauen können, bevor der eigentliche Unterricht beginnt.
- Quote paper
- Marco Schröder (Author), 2003, Sonderpädagogische Ansprüche im Gemeinsamen Unterricht. Die Integration von Kindern mit geistiger Behinderung an allgemeinen Schulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13425