Ziel dieser Hausarbeit ist es, herauszuarbeiten, wie sich die Herrschaftsrepräsentation von Theoderich auf dem Senigallia-Medaillon im Spannungsfeld zwischen römischen und gotischen bzw. nicht-römischen Identitäten positionierte. Außerdem wird erforscht, welche Bedeutung seine Darstellungskonventionen im Rahmen des bi- bzw. multiethnischen Ostgotenreiches hatte.
Dafür werden die Abbildungen und die Legende des multiplen Solidus’ im Einzelnen inhaltlich betrachtet. Hierzu wird in der Hausarbeit nach einer allgemeinen Beschreibung des Medaillons, die Kleidung und die Haartracht, mit der Theoderich abgebildet ist, kulturell eingeordnet. Anschließend hinterfragt die Autorin, welche Signifikanz seine Herrschaftsdarstellung für seiner Rolle als gotischer König und als Herrscher über Römer hatte. Der Fokus liegt dabei jeweils auf der gotischen und römischen Oberschicht, da diese das direkte Herrschaftsumfeld Theoderichs bildeten und durch die Quellen besser erfassbar sind.
Als weitere Quellen werden hierzu die "Variae" des Cassiodor, der "Panegyrikus" von Ennodius, "Bellum Gothicum" von Prokop und die Chronik des "Anonymus Valesianus" herangezogen, da diese die wichtigsten Zeugnisse des Ostgotenreichs darstellen. Neben der einschlägigen Literatur zum Gotenkönig, wie der Monografie von Dorothee Kohlhas-Müller, bezieht sich diese Hausarbeit auf Abhandlungen, die soziale, ethnische und gesellschaftliche Aspekte des Ostgotenreiches in den Blick nehmen. Hier sind unter anderem Patrick Amory oder Hans-Ulrich Wiemer zu nennen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Beschreibung des Goldmultiplums
3. Theoderichs Aussehen: Haare und Kleidung
4. Theoderich als König einer Kriegergemeinschaft
5. Theoderichs imitatio imperii
6. Fazit
7. Verzeichnisse
7.1. Quellenverzeichnis
7.1.1. Numismatische Quellen
7.1.2. Epigrafische Quellen
7.1.3. Schriftliche Quellen
7.2. Literaturverzeichnis
7.3. Abbildungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kulturpolitische Bedeutung des Senigallia-Medaillons von Theoderich und analysiert, wie dessen Herrschaftsrepräsentation als Brücke zwischen römischen kaiserlichen Traditionen und der gotischen Identität fungierte.
- Analyse der bildlichen Darstellung und Legenden auf dem Goldmultiplum
- Untersuchung der kulturellen und ethnischen Identitätskonstruktionen im Ostgotenreich
- Erforschung der Herrschaftslegitimierung gegenüber gotischen Kriegern und römischer Oberschicht
- Diskussion der imitatio imperii als politisches Instrument
Auszug aus dem Buch
3. Theoderichs Aussehen: Haare und Kleidung
Theoderich steht im Zentrum dieser Münze. Sein Abbild ist von besonderem Interesse, da es ich um die einzige überlieferte Darstellung Theoderichs handelt. An seinem Gesicht sind zwei Aspekte bis heute Teil einer historischen Kontroverse: sein Haupthaar und sein Oberlippenbart. Bryan Ward-Perkins identifiziert diese als Ausdruck eines „habitus barbarus“, wodurch sich Theoderichs gotische bzw. germanische Identität manifestiere. Eine Vielzahl von Althistoriker*innen reiht sich in diese Ansicht ein. In jüngerer Zeit differenzieren vor allem Philipp von Rummel und Jonathan Arnold diese Annahme.
Erschwert wird die Untersuchung allerdings dadurch, dass es an Quellen fehlt, die die Haar- und Bartfrisuren der Goten genauer beschreiben. Aus einem Epigramm von Ennodius ist zwar ein „Barba[ ] Gothica[ ]“ überliefert, jedoch herrscht keine Einigkeit darüber, wie diese Stelle zu deuten ist. Ian Wood wies nach, welche rituelle Bedeutung Haare und Bärte in den gentilen Königreichen besaßen, wie dies vor allem bei den Merowingern belegt ist. Eine ähnliche rituelle Bedeutung lässt sich jedoch nicht für die Amaler feststellen. Die Verbreitung des Schnurrbartes in der römischen und nicht-römischen Welt ist jedoch durchaus nachweisbar, wie Arnold dies an mehreren Beispielen ausführt. Somit verliert Theoderichs Bart seine Bedeutung als ein dezidiert gotisches Stilelement. Das gleiche Urteil kann man über Theoderichs Haupthaar fällen.
Rummel betont, dass durch die Barbarisierung der römischen Armee in der Spätantike zunehmend barbarisches Aussehen mit der römischen Militärkultur verschmolzen sei. Somit sind Theoderichs Haare insgesamt eher Ausdruck seines „habitus militaris“. Das militärische Leitmotiv wird auch durch seine Kleidung aufgegriffen. Bei ihr handelt es sich vermutlich um ein römisches Triumphalkostüm aus einem (eventuell kaiserlich-purpurnem) paludamentum und einem Schuppenpanzer. Insgesamt wird Theoderich als römischer bzw. romanisierter, ranghoher und siegreicher Soldat dargestellt, wobei die Titel rex und princeps auf seine Machtstellung hinweisen. Sein gesamtes Aussehen ist somit nicht eindeutig ein Spiegel seiner ethnischen Identität, sondern vor allem seiner „professional culture“ als Angehöriger des Militärs und politischer Machthaber.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt das Senigallia-Medaillon als numismatische Quelle vor und definiert das Forschungsziel, dessen Rolle bei der Herrschaftsrepräsentation und Identitätsbildung im Spannungsfeld zwischen gotischen Traditionen und römischem Kaisertum zu analysieren.
2. Allgemeine Beschreibung des Goldmultiplums: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte ikonographische Analyse der Münze, ihrer Datierungsansätze und ihres Charakters als Donativ zwischen dem gotischen König und seiner Oberschicht.
3. Theoderichs Aussehen: Haare und Kleidung: Das Kapitel untersucht die kulturelle Signifikanz von Theoderichs Darstellung, wobei zu belegen versucht wird, dass sein Aussehen weniger eine rein ethnische gotische Identität abbildet, sondern vielmehr militärische Professionalität im Kontext der spätrömischen Elite repräsentiert.
4. Theoderich als König einer Kriegergemeinschaft: Hier wird die Rolle Theoderichs als Anführer einer heterogenen Gewaltgemeinschaft analysiert, deren Zusammenhalt durch militärisches Prestige und die Sicherung materieller Vorteile legitimiert wurde.
5. Theoderichs imitatio imperii: Das Kapitel betrachtet Theoderichs bewusstes Anknüpfen an kaiserliche Vorbilder, um seine Herrschaft über die römische Bevölkerung zu legitimieren und als Garant für Stabilität und Zivilisation aufzutreten.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Medaillon eine hybride Identität wiedergibt, die gotische und römische Elemente erfolgreich verknüpft, wobei das kurzfristige Bestehen des Reiches eine dauerhafte Entwicklung dieser Integration verhinderte.
Schlüsselwörter
Senigallia-Medaillon, Theoderich, Ostgotenreich, Herrschaftsrepräsentation, Goldmultiplum, imitatio imperii, Goten, römische Identität, habitus militaris, Victoria Romana, Spätantike, numismatische Quellen, ethnische Identität, Königskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kulturpolitischen Bedeutung des sogenannten Senigallia-Medaillons im Kontext der Herrschaftsrepräsentation von Theoderich dem Großen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Ikonografie des Medaillons, die Konstruktion von Identitäten im Ostgotenreich sowie das komplexe Verhältnis zwischen dem gotischen „Heerkönigtum“ und der römischen kaiserlichen Tradition.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Theoderich sein Image durch das Medaillon im Spannungsfeld zwischen gotischen und römischen Erwartungen positionierte und wie dieses zur Legitimation seiner Herrschaft diente.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Die Arbeit kombiniert eine detaillierte numismatische Analyse der Abbildung auf dem Medaillon mit der Auswertung zeitgenössischer schriftlicher Zeugnisse wie den Variae des Cassiodor und anderen historischen Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Aussehen Theoderichs (Habitus), seine Rolle als Anführer einer Kriegergemeinschaft sowie die bewusste Nachahmung kaiserlicher Machtsymbole (imitatio imperii), um Akzeptanz bei gotischen und römischen Gruppen gleichermaßen zu erreichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Herrschaftsrepräsentation, imitatio imperii, kulturelle Integration, gotische Identität und spätrömische Elitebildung stehen im Zentrum der Analyse.
Warum ist die Datierung des Senigallia-Medaillons wissenschaftlich so umstritten?
Die Datierung ist umstritten, da verschiedene historische Ereignisse, wie Theoderichs Rombesuch im Jahr 500 oder sein 30-jähriges Jubiläum, als potenzielle Anlässe für die Prägung in Betracht kommen, wobei archäologische oder numismatische Eindeutigkeit fehlt.
Wie interpretierte Theoderich seine Rolle gegenüber der römischen Bevölkerung?
Theoderich inszenierte sich nicht nur als gotischer König, sondern – durch Symbole wie die Victoria Romana und den Titel princeps – als kaisergleicher Beschützer des Römischen Reiches und Garant für dessen Stabilität.
- Arbeit zitieren
- Lilli Sigle (Autor:in), 2022, Das Senigallia-Medaillon von Theoderich. Kulturpolitische Bedeutung der Herrschaftsrepräsentation auf dem ostgotischen Goldmultiplum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1342663