„(…) Er ist ein Draufgänger. Ein wagemütiger Beobachter. Ein Unverzärtelter und ein Romantiker der Presse. Das ist vielleicht das beste Wort für ihn. Er hat Freude an der Romantik des journalistischen Berufes, an der Maske, dem Eindringen in Verborgenes, in die Schlupfwinkel der Verbrecher, an der Gaunersprache, an den Geheimnissen der Polizei, der Zwangsarbeiteranstalten, der Irrenhäuser. (…)“ (zitiert nach Hofmann, 1988, S. 77).
Dieses Zitat beschreibt einen deutschen Reporter namens Egon Erwin Kisch . Beim Lesen fühlte ich mich sofort an das erinnert, was Rolf Lindner in seinem Buch „Die Entdeckung der Stadtkultur Soziologie aus der Erfahrung der Reportage“ über die Entstehung der Reportage in den USA im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert geschrieben hat. Da ich dieses Buch in dem Seminar „Urban Anthropology“ in einem Referat vorgestellt hatte, war mir auch bekannt, dass Lindner argumentiert, dass die Chicagoer Schule der Soziologie, mit Robert Ezra Park als eine der Leitfiguren, von dessen Erfahrungen als Reporter in den US-Großstädten geprägt worden sei. Ich begann zunächst mich genauer mit Egon Erwin Kisch und seinen Ideen von der Reportage zu beschäftigen. Dabei stellte ich fest, dass der junge Kisch ein ähnliches Verständnis der Reportage, wie Park hatte. So beschreibt ein Biograf, dass „seine [Kischs, a.d.V.] Methode ist und beleibt das Miterleben, das Mit-eigenen-Augen-Sehen;“ (Prokosch, 1985, S.57) und zu Kischs Tätigkeit heißt es: „Neben den Reportagen, die er über Prager Wärmestuben, Obdachlosenasyle und Strafgefängnisse schreibt, treibt es ihn immer wieder zur Detektivarbeit.“ (Prokosch, 1985, S. 75). Daher begann ich mich zu fragen, wie in Deutschland die Soziologie entstanden ist und ob es nicht vielleicht möglich gewesen wäre, dass auf Grundlage der Arbeit von Reportern, wie Egon Erwin Kisch, eine deutsche Soziologie ähnlich der Chicagoer Schule entstehen konnte? [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der amerikanische Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
Die Entstehung der Reportage in den USA
Neue Reportertypen und neue Reportergenres
3 Robert Ezra Park und seiner Verständnis der Soziologie
Wichtige Episoden und Einflusse für Robert E. Parks
Robert E. Park als City Editor
Resümee
4 Der deutsche Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
5 Die Anfänge der Stadtsoziologie in Deutschland
6 Synthese
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob eine Entwicklung der Soziologie aus journalistischen Erfahrungen heraus – in Analogie zur amerikanischen Chicagoer Schule – auch im deutschen Kontext des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts möglich gewesen wäre.
- Historische Analyse des amerikanischen Journalismus und der Entstehung der Reportage.
- Untersuchung der Biografie und des soziologischen Ansatzes von Robert Ezra Park.
- Kontrastierung mit der zeitgenössischen Entwicklung des deutschen Journalismus und der deutschen Soziologie.
- Diskussion struktureller und sozio-kultureller Unterschiede zwischen den USA und Deutschland.
- Synthese der Erkenntnisse zur Beantwortung der zentralen Forschungsfrage.
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung der Reportage in den USA
In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts entsteht in den USA neben der politischen Presse, die so genannte Penny-Presse. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass mit ihr erstmals die Verkäuflichkeit bei der Auswahl der Inhalte Vorrang vor den politischen Inhalten gegeben wird. Daraus ergeben sich zwei Elemente dieser „modernen“ Presse. Zum einen verlagert sich das Schwergewicht auf die Verbreitung von Nachrichten, die selbst recherchiert werden und nicht mehr nur die Multiplikation von ungeprüften Nachrichten. Zum anderen wird die parteipolitische Unabhängigkeit der Presse betont (vgl. Requate, 1995, S. 37f). Die in dieser Form verbreiteten Nachrichten zielen auf das Atypische, das Unerwartete und das Regelwidrige (Lindner, 1990, S. 17) und so kommt es durch die Abwendung von der politisch geprägten „Gesinnungspresse“ zu einer Art „Säkularisierung“ der Presse (Lindner, 1990, S.18). Die rasch wachsenden Städte bieten zum einen Markt für die neue Form des Journalismus, aber zum anderen bieten, sie sich auch selbst als Thema an (Lindner, 1990, S.18). So wächst z.B. Chicago von knapp 500.000 Einwohnern im Jahr 1880 auf ca. 2.700.000 Menschen im Jahr 1920 an. Viele der Einwohner dieses zweitgrößten us-Industriegebiets sind nicht in Amerika, sondern im Ausland geboren. Lizabeth Cohen betont in ihrem Buch „Making a New Deal – Industrial Workers in Chicago, 1919-1939“, dass im Chicago der frühen 1920er Jahre mehr als die Hälfte der weißen Männer im Ausland geboren worden sind und nennt als deren Heimatländer v.a. Deutschland, Schweden und Irland (vgl. Cohen, 1990, S. 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob eine deutsche Soziologie basierend auf journalistischer Erfahrung, ähnlich der Chicagoer Schule, möglich gewesen wäre.
2 Der amerikanische Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert: Das Kapitel beschreibt den Aufstieg der Reportage und neuer Reportertypen in den USA als Antwort auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse.
3 Robert Ezra Park und seiner Verständnis der Soziologie: Hier wird dargelegt, wie die journalistische Erfahrung von Robert E. Park maßgeblich seine soziologische Forschung und seine Lehre an der University of Chicago prägte.
4 Der deutsche Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert: Es wird analysiert, wie sich der deutsche Journalismus unter restriktiveren politischen Rahmenbedingungen entwickelte und warum sich hier kein vergleichbares Reportage-Selbstverständnis bildete.
5 Die Anfänge der Stadtsoziologie in Deutschland: Dieses Kapitel skizziert die frühe deutsche Soziologie anhand ihrer Vertreter Ferdinand Tönnies, Georg Simmel und Max Weber und deren philosophisch geprägten Ansatz.
6 Synthese: Das Fazit führt die Unterschiede in der Journalismus- und Wissenschaftsgeschichte zusammen und kommt zu dem Schluss, dass ein Transfer des amerikanischen Modells auf Deutschland aufgrund der divergenten Bedingungen schwierig gewesen wäre.
Schlüsselwörter
Soziologie, Reportage, Journalismus, Chicagoer Schule, Robert Ezra Park, Stadtsoziologie, Deutschland, USA, Industrialisierung, Urbanisierung, Generalanzeiger, teilnehmende Beobachtung, Sozialgeschichte, Medienwissenschaft, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob die enge Verknüpfung von Soziologie und journalistischer Reportage, die für die Chicagoer Schule charakteristisch war, auch in Deutschland hätte entstehen können.
Welches ist das zentrale Thema?
Das zentrale Thema ist der Vergleich zwischen der US-amerikanischen journalistisch geprägten Soziologie und der eher philosophisch ausgerichteten frühen deutschen Soziologie.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Wäre eine Entwicklung der Soziologie aus journalistischen Erfahrungen heraus auch in Deutschland möglich gewesen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine historisch-vergleichende Methode, indem sie journalistische Entwicklungen und wissenschaftsgeschichtliche Konzepte in den USA und Deutschland gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der amerikanische Journalismus der Jahrhundertwende, das Wirken von Robert E. Park, die deutsche Presselandschaft und die theoretischen Ansätze von Tönnies, Simmel und Weber detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind: Soziologie, Reportage, Journalismus, Chicagoer Schule, Robert E. Park, Stadtsoziologie, Urbanisierung und Wissenschaftsgeschichte.
Warum ist die Zeit in New York für Robert E. Park so wichtig?
Laut der Arbeit galt New York als Mekka für ehrgeizige Journalisten; Park lernte hier die Stadt als soziales Laboratorium kennen, was die Basis für seine spätere empirische Großstadtforschung bildete.
Wie unterscheidet sich der deutsche vom amerikanischen Journalismus in diesem Zeitraum?
Während in den USA die Reportage zur zentralen journalistischen Form wurde, dominierten in Deutschland eher der "Bericht" im Generalanzeiger und der Leitartikel als Qualitätsmaßstab, zudem waren Journalisten in Deutschland häufiger akademisch vorgebildet.
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- B.A. Katja Wüllner (Author), 2008, Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134294