Soziologie aus der Erfahrung der Reportage

Wäre eine Entwicklung der Soziologie aus journalistischen Erfahrungen heraus auch in Deutschland möglich gewesen?


Hausarbeit, 2008

40 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der amerikanische Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
Die Entstehung der Reportage in den USA
Neue Reportertypen und neue Reportergenres

3 Robert Ezra Park und seiner Verständnis der Soziologie
Wichtige Episoden und Einflusse für Robert E. Parks
Robert E. Park als City Editor
Resümee

4 Der deutsche Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

5 Die Anfänge der Stadtsoziologie in Deutschland

6 Synthese

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Biografie Egon Erwin Kisch

Abbildung 2 Bevölkerungswachstum in US-Großstädten

Abbildung 3 Bevölkerungsentwicklung in Chicago 1880 - 1920

Abbildung 4 Room in a tenement, 1910, Jacob A. Riis

Abbildung 5 Didn't live nowhere, Jacob A. Riis

Abbildung 6 Elizabeth Cochrane alias Nellie Bly

Abbildung 7 Anteil der im Ausland geboren Bewohner von US-Städten über 200.000, 1910

Abbildung 8 Biografie Robert E. Park

Abbildung 9 Bevölkerung in Stadt und Land 1900

Abbildung 10 Bevölkerung in Stadt und Land 1925

Abbildung 11 Vorbildung von Journalisten

Abbildung 12 Biografie Georg Simmel

Abbildung 13 Biografie Max Weber

1 Einleitung

(…) Er ist ein Draufgänger. Ein wagemütiger Beobachter. Ein Unverzärtelter und ein Romantiker der Presse. Das ist vielleicht das beste Wort für ihn. Er hat Freude an der Romantik des journalistischen Berufes, an der Maske, dem Eindringen in Verborgenes, in die Schlupfwinkel der Verbrecher, an der Gaunersprache, an den Geheimnissen der Polizei, der Zwangsarbeiteranstalten, der Irrenhäuser. (…)“ (zitiert nach Hofmann, 1988, S. 77).

Dieses Zitat beschreibt einen deutschen Reporter namens Egon Erwin Kisch[1]. Beim Lesen fühlte ich mich sofort an das erinnert, was Rolf Lindner in seinem Buch „Die Entdeckung der Stadtkultur Soziologie aus der Erfahrung der Reportage“ über die Entstehung der Reportage in den USA im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert geschrieben hat. Da ich dieses Buch in dem Seminar „Urban Anthropology“ in einem Referat vorgestellt hatte, war mir auch bekannt, dass Lindner argumentiert, dass die Chicagoer Schule der Soziologie, mit Robert Ezra Park als eine der Leitfiguren, von dessen Erfahrungen als Reporter in den US-Großstädten geprägt worden sei. Ich begann zunächst mich genauer mit Egon Erwin Kisch und seinen Ideen von der Reportage zu beschäftigen. Dabei stellte ich fest, dass der junge Kisch ein ähnliches Verständnis der Reportage, wie Park hatte. So beschreibt ein Biograf, dass „s eine [Kischs, a.d.V.] Methode ist und beleibt das Miterleben, das Mit-eigenen-Augen-Sehen;“ (Prokosch, 1985, S.57) und zu Kischs Tätigkeit heißt es: „Neben den Reportagen, die er über Prager Wärmestuben, Obdachlosenasyle und Strafgefängnisse schreibt, treibt es ihn immer wieder zur Detektivarbeit.“ (Prokosch, 1985, S. 75). Daher begann ich mich zu fragen, wie in Deutschland die Soziologie entstanden ist und ob es nicht vielleicht möglich gewesen wäre, dass auf Grundlage der Arbeit von Reportern, wie Egon Erwin Kisch, eine deutsche Soziologie ähnlich der Chicagoer Schule entstehen konnte?

Ich stellte schnell fest, dass eine umfassende Beantwortung der Fragestellung mit Einbeziehung der Biografie Egon Erwin Kischs auf Grund der Kompelxität des Themas und der demgegenüber stehenden Kürze dieser Arbeit nicht möglich wäre. Aus diesem Grund wird in der folgenden Arbeit der Frage, ob eine Entwicklung der Soziologie aus der Erfahrung er Reportage auch in Deutschland möglich gewesen wäre unter Einbeziehung folgender Aspekte nachgegangen: Zunächst wird der amerikanische Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beschrieben, um im darauf folgenden Kapitel Robert Ezra Park und sein Verständnis der Soziologie zu erläutern. Dem werden in den nachfolgenden Abschnitten der deutsche Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und die Anfänge der deutschen Stadtsoziologie gegenübergestellt. Am Ende der Arbeit soll eine Synthese die Entwicklungen in den USA und in Deutschland zusammenführen.

2 Der amerikanische Journalismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Die Reportage in den verschiedensten Variationen wurde die Form des amerikanischen Journalismus schlechthin.“, so schreibt es Jörg Requate (Requate, 1995, S. 39.). Im Folgenden soll die Entstehung der Reportage und ihre verschiedenen Formen in den USA mit den ihr eigenen Merkmalen beschrieben werden.

Die Entstehung der Reportage in den USA

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts entsteht in den USA neben der politischen Presse, die so genannte Penny-Presse. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass mit ihr erstmals die Verkäuflichkeit bei der Auswahl der Inhalte Vorrang vor den politischen Inhalten gegeben wird. Daraus ergeben sich zwei Elemente dieser „modernen“ Presse. Zum einen verlagert sich das Schwergewicht auf die Verbreitung von Nachrichten, die selbst recherchiert werden und nicht mehr nur die Multiplikation von ungeprüften Nachrichten. Zum anderen wird die parteipolitische Unabhängigkeit der Presse betont (vgl. Requate, 1995, S. 37f). Die in dieser Form verbreiteten Nachrichten zielen auf das Atypische, das Unerwartete und das Regelwidrige (Lindner, 1990, S. 17) und so kommt es durch die Abwendung von der politisch geprägten „Gesinnungspresse“ zu einer Art „Säkularisierung“ der Presse (Lindner, 1990, S.18). Die rasch wachsenden Städte[2] bieten zum einen Markt für die neue Form des Journalismus, aber zum anderen bieten, sie sich auch selbst als Thema an (Lindner, 1990, S.18). So wächst z.B. Chicago von knapp 500.000 Einwohnern im Jahr 1880 auf ca. 2.700.000 Menschen im Jahr 1920 an[3] Viele der Einwohner dieses zweitgrößten us-Industriegebiets sind nicht in Amerika, sondern im Ausland geboren. Lizabeth Cohen betont in ihrem Buch „Making a New Deal – Industrial Workers in Chicago, 1919-1939“, dass im Chicago der frühen 1920er Jahre mehr als die Hälfte der weißen Männer im Ausland geboren worden sind und nennt als deren Heimatländer v.a. Deutschland, Schweden und Irland (vgl. Cohen, 1990, S. 17).

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, das „soziale Entdeckungsreisende“ in den 1870er und 1880er Jahren beginnen, anlog zur Reiseliteratur, weiße Flecken im „Großstadtdschungel“, durch ihre Nachforschungen zu beseitigen. Das so entstehende neue Genre nutzt die beim Leser bereits vorhandene Vertrautheit mit der Reiseliteratur, um diesen durch die „Reiseliteratur at home“ (Lindner, 2004, S. 34) mit in die Tiefen des städtischen Lebens zu nehmen. Typische Orte der Erkundung sind z.B. Obdachlosenasyle, die für anonyme Begegnungen leicht zugänglich sind und maximale Fremdheit bei geringem persönlichen und zeitlichen Aufwand für den „Entdeckungsreisenden“ bieten (vgl. Lindner, 2004, S. 33 – 35). Damit der Reporter stellvertretend für seinen Leser die Stadt erkunden kann muss er neue Recherchetechniken entwickeln. Die Beobachtung, das Interview, die Untersuchung vor Ort und die Undercover-Recherche werden zu Mittel des Reporters, um dem Leser das Unbekannte vor Augen führen zu können. Die dabei aufgeführten detaillierten Ortsangaben helfen dem Leser bei der Erschließung des großstädtischen Raums (vgl. Lindner, 1990, S. 46f), der ihnen in seiner Weite häufig durch fehlende Mobilität und die Segregation der einzelnen Ethnien (vgl. dazu am Beispiels Chicagos Cohen, 1990, S. 11-52) unbekannt bleibt.

Neben diesen Erkundungen der Großstadt, stellvertretend für den Leser, leistet die neue Form der Presse auch einen Beitrag zur Herausbildung einer Mentalität, die den großstädtischen Bedingungen eher entspricht als die Gesinnungspresse. Ihre Erscheinungsweise in Morgen-, Abend-, Sonntag- und Extranachrichten, der Straßenverkauf als innovative Art der Distribution und die Präsentation in Zeitung in Form von Schlagzeilen spiegeln den neuen Rhythmus der Stadt wieder (vgl. Lindner, 1990, S. 44). Durch diese neue Form wird die Großstadtpresse zum Ausdruck und Symbol der Moderne (vgl. Lindner, 1990, S. 22).

Neue Reportertypen und neue Reportergenres

Mit den Veränderungen in der Presse ändern sich auch die Ideologie und die Arbeitsweise der Journalisten. So wird zunächst häufig die Verwandtschaft von dem neu entstandenen Typus des Reporters und von Privatdetektiven betont. Dies ist, laut Rolf Lindner, darauf zurückzuführen, dass der Ursprung des, auch vom Reporter angewendeten, Interviews in der Frage und Antwort-Methode der gerichtlichen Vernehmungen liegt. Da dieser Versuch jemanden Antworten zu Entlocken als Eingriff in die Privatsphäre gesehen und als solcher verurteilt wird besitzen Reporter ein niedriges soziales Ansehen. Sie werden als „‹Nichtstuer›, ‹Schwadroneure› und ‹Schnapsdrosseln›“ (Lindner, 1990, S. 25) bezeichnet. Erst mit der schrittweise Professionalisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts (u.a., durch die Einrichtung eines „College of Journalism“ an der Columbia University durch den Verleger Joseph Pulitzer im Jahr 1908) ändert sich dieses Image allmählich (vgl. Lindner, S. 26-28). Aus dieser Ähnlichkeit zwischen Detektiv und Reporter bildet sich der Typus des Polizeireporters heraus. Dieser wird dann einem bestimmten Gebiet, wie z.B. einem Gericht, einem Hospital oder einer Leichenhalle, zugeteilt, die als „runs“ oder „beats“ bezeichnet werden. Die Aufgabe des Journalisten besteht nun darin in seinem Bezirk als eine Art „newshunter“ nach Neuigkeiten zu suchen. Einer der bekanntesten Polizeireporter seiner Zeit ist Jacob A. Riis, der in seinen Reportagen die Arbeits-, Lebens- und Wohnverhältnisse in den Slums der Lower East Side New Yorks schriftlich und bildlich [4] dokumentiert. Seine Artikel „How the other half lives: studies among the tenements“ ist so erfolgreich das er 1890 als Buch publiziert wird (vgl. Lindner, 1990, S. 28-31). Aus heutiger Sicht, so betont Rolf Lindner „läß sich Riis’ ‹How the other half lives› als eine umfassende Studie der Lebensverhältnisse in den Slum-Distrikten von New York lesen, auch wenn der additive Charakter der Studie, der aus der Nutzung des Reportagematerials resultiert, nicht zu übersehen ist. Riis bemüht sich durchaus, ein umfassendes Bild in systematisierender Weise zu zeichnen.“ (Lindner, 1990. S. 31).

Neben dem Polizeireporter entwickelt sich der Stunt-Reporter heraus. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass sich nicht mehr darauf beschränkt Nachrichten zu suchen, sondern er beginnt Nachrichten selbst zu generieren. Als Form bekommt dadurch die Enthüllungsreportage oder auch Rollenreportage eine herausragende Bedeutung, die sich u.a. durch die verdeckte teilnehmende Beobachtung des Journalisten auszeichnet. Die Arbeit eines Rollenreporters wird folgendermaßen charakterisiert: „…ein geschickter, abenteuerlustiger Autor legt sich eine Tarnung zu oder fälscht Dokumente, um sich zutritt zu einem Hospital (…) und macht aus der Schilderung seiner Erfahrungen eine Enthüllung der Verwaltungspraxis in dieser Institution“ (zitiert nach Lindner, 1990, S. 33). Die berühmteste Vertreterin dieser Reportageform ihrer Zeit ist Elizabeth Cochrane, die unter dem Pseudonym Nellie Bly[5] in einer Vielzahl von Untersuchungsfeldern, wie Irrenanstalten, Gefängnissen, die teilnehmende Beobachtung zur Meisterschaft weiter entwickelt (vgl. Lindner, 1990, S. 33- 35).

Eine weitere Form Impressionen aus dem städtischen Leben journalistisch zu verarbeiten stellt die Milieu – oder Urban Color- Reportage dar. In dieser dokumentieren Reporter v.a. Kultur und Rituale der verschiedenen ethnischen Gruppen und machen so die „Binnenexotisierung“ der Stadt durch die zahlreichen Migranten[6] zum Thema. Im Unterschied zu anderen Reportern fehlt den Urban-Color-Reportern jegliche Reformorientierung. Es geht ihnen allein um die Darstellung der Gegebenheiten (vgl. Lindner, 1990, S. 35-40).

Das Großstadtleben wird auch von als „muckrakern“ bezeichneten Reportern porträtiert. Diese verfassen sozialkritische Artikel, die auf Fakten beruhen. Dabei ist es für ihr Verständnis wichtig, dass diese Fakten nicht auf der Straße zu finden sind, sondern nur durch einen Blick hinter die Kulissen. Wichtige Themen, die dann v.a. in den neu entstehenden Magazinen, publiziert werden sind Schiebung und Korruption bei Polizei, Politkern etc. Die große Bedeutung des Themas Korruption lässt sich dadurch erklären, dass sich, wie Carl Landauer es in der „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der USA“ beschreibt, die sozialen Verhältnisse ohne die kommunale Korruption nicht in ihrer besondern Form hätten ausbilden können. Das System das sich herausgebildet habe beruhe, nach Landauer, darauf, dass in den wachsenden Städten viele Menschen glaubten, dass sie der Protektion von oben bedürfen und dies besonders dort, wo die Einwanderer nicht mit den Verhältnissen in den USA vertraut waren (vgl. Landauer, 1981, S. 144). Bei ihren Betrachtungen der Korruption gehen die Journalisten dabei zwischen verschiedenen Großstädten vergleichend vor, da die Magazine in denen die Artikel erscheinen landesweit verbreitet sind (vgl. Lindner, 1990, S. 40- 44).

3 Robert Ezra Park und seiner Verständnis der Soziologie

Vor dem Entstehungshindergrund der Reportage und der neuen Typen von Reportern im ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Biografie von Robert E. Park[7] zu betrachten. Park der gemeinsam mit Ernst W. Burgess als Begründer einer ersten systematischen Stadtsoziologie, gilt (vgl. Schäfers, 2006, S. 309) ist nach dem Abschluss seines Studiums der Philologie, Geschichte und Philosophie im Frühjahr 1887 bis zum Jahr 1898 als Journalist in Minneapolis, Detroit, Denver, New York und Chicago tätig (Lindner, 1990, S. 51). Rolf Lindner sieht in Parks Tätigkeit als Reporter eine besonders prägende Episode in dessen Leben. Dies kommt durch die These Linderns zum Ausdruck, dass die Reportage Pate für die soziologische Großstadtforschung nach Park gestanden habe (vgl. Lindner, 1990, S. 50).

Der folgende Teil dieser Arbeit zeichnet die Argumentation Rolf Lindners nach, in der dieser begründet, warum die Soziologie der Chicagoer Schule, wie sie von Park vertreten wurde, nur aus der Erfahrung der Reportage heraus zu verstehen ist.

Wichtige Episoden und Einflusse für Robert E. Parks

Für Lindner ist es wichtig das Park sein Erfahrungsfeld, welches er in seiner Arbeit als Soziologie anwendet, in der journalistischen Praxis gefunden habe. Während seiner Arbeit als Journalist habe Park eine Denkweise entwickelt, die durch das Fortschreiten von Erfahrungen zu Begreifen, „learning by experiences“, kennzeichnet ist. Auch seine Schlagworte „become acquainted with people“, „go into the district“ und „get the feeling“ sind durch seine Erfahrungen als Reporter geprägt (vgl. Lindner, 1990, S. 60-61).

Als wichtige Etappen mit ihren Schwerpunkten während seiner journalistischen Tätigkeit nennt Park in einem „Newspaper-Seminar“:

„‹ I Detroit. Going after the Rich. Writing Feature Stories.
II Denver. Writing handings and murders for six months.
III New York and the New York Journal. Essex Market Police Court…Jacob Riis’ How the Other Half Lives…East Side News; Strunky’s. Greewich Village.
IV Chicago. The Levee.›” (Lindner, 1990., S. 62)

Nach Lindner ist seine Zeit in New York eine besonders wichtige Phase für Park, da New York als Mekka für ehrgeizige Journalisten galt und die Stadt für Park zur Schule wird. Dort findet Park den Boden vor, auf dem sich seine Vorstellung von empirischer Großstadtforschung und seine Konzeption der Großstadt als ein sozialer Organismus mit „segregated areas“ und „moral regions“ entwickeln konnte (vgl. Lindner, 1990, S. 64f). Seinen programmatischen Niederschlag findet dieses Konzept von der Großstadt als sozialer Organismus in seinem 1915 im American Journal of Sociology erschienen Aufsatz „The City: Suggestions for the Investigation of Human Behavior in the City Environement“ (vgl. Lindner, 1990, S. 76). In der Hervorhebung der Herausbildung abgesonderter Gebiete nach Berufen und Ethnien deutet sich in diesem Aufsatz Parks das ökologische Verteilungsmodell ebenso wie das ökologische Modell der Verdrängung schon an. Dies ist, nach Lindner, jedoch der Erfahrung Parks als Journalist geschuldet, da z.B. der territorialen Gliederung der Stadt bereits mit der Zuweisung von bestimmten Gebieten Rechnung getragen wurde. So ist es also die auf der Erfahrung beruhende Kenntnis der räumlichen Ausdifferenzierung, die Parks Interesse an Humangeografie und – ökologie weckten (vgl. Lindner, S. 77). Daher stellt Lindner fest, dass in „The City“ von 1915 sich die Humanökologie „primär als ein Produkt der Anschauung, nicht der theoretischen Verarbeitung nieder[schlägt] (…)“ (Lindner, 1990, S. 83).

Sein Untersuchungsgebiet, die Großstadt, teilt Park in seinem Aufsatz „The City“ in die vier folgenden Kapitel ein, die sich durch einen Dualismus von Struktur als physischer Ordnung und Kultur als sittlicher Ordnung auszeichnen:

I The City Plan and Local Organisation
II Industrial Organization and Moral Order
III Secondary Relationship and Social Control
IV Temperament and Urban Environment” (Lindner, 1990, S. 99)

Das Hauptthema des ersten Abschnitts „The City Plan and Local Organisation” ist die Analyse der städtischen Strukturen und die Kultur der segregierten Gebiete. Im zweiten Kapitel „Industrial Organization and Moral Order“ befasst sich Park mit der Individualisierung und der Spezialisierung der Großstadtbewohner, die seiner Meinung nach dazu führt, dass die Individuen die Chance erhalten ihre Fähigkeiten frei zu entwickeln. Im dritte Teilabschnitt „Secondary Relationship and Social Control” beschäftigt sich Park mit dem Dualismus von Raum und Verhalten, da für ihn die Veränderungen in der industriellen Organisation mit der Veränderung der Beziehungen und Gewohnheiten der Bevölkerung einhergehen. Das letzte Kapitel „Temperament and Urban Environment” beschäftigt sich mit der Verteilung der Bevölkerung in der Stadt gemäß ihres Naturells, ihres Geschmacks etc. (vgl. Lindner, S.99ff). Rolf Lindner stellt fest, dass sich in „The City“ drei große Untersuchungsbereiche einer empirisch verfahrenden Stadtsoziologie angeregt werden. Dies sind: „die Großstadt als eine Konstellation räumlich verorteter sozialer Welten; die Herausbildung neuer, großstadtspezifischer Berufs- und Persönlichkeitstypen, Mentalitäten und Verhaltensweisen und der Wandel der Institutionen mit den damit einhergehenden Problemen sozialer Kontrolle.“ (Lindner, 1990, S. 108). Der Aufsatz wird damit die Quelle für viele der prägenden Ideen, die die us-Stadtsoziologie beeinflusst haben (vgl. Lindner, 1990, S. 108f). Für Lindner gewinnen Parks Vorschläge jedoch noch einen anderen Stellenwert, wenn man sie durch eine journalistische Brille betrachtet (vgl. Lindner, 1990, S. 109). So haben die journalistische Reportagen und soziologische Betrachtungen gemein, dass sie die Großstadt als ein Labor benutzen, in dem die menschliche Natur und soziale Prozesse auf besonders konzentrierte Weise beobachtet werden können. Daher scheint es nicht verwunderlich, dass in Reportagen auch soziologische Bücher als Leseempfehlungen aufgeführt werden (vgl. Lindner, 1990, S. 114).

[...]


[1] Vgl. Abbildung 1 im Anhang

[2] Vgl. dazu Abb. 1 im Anhang

[3] Vgl. dazu Abb. 2. im Anhang

[4] Vgl. Abbildung 3 und 4 im Anhang

[5] Vgl. Abb. 5 im Anhang

[6] Vgl. dazu Abbildung 7 im Anhang.

[7] Vgl. Abbildung 8 im Anhang

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Soziologie aus der Erfahrung der Reportage
Untertitel
Wäre eine Entwicklung der Soziologie aus journalistischen Erfahrungen heraus auch in Deutschland möglich gewesen?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
40
Katalognummer
V134294
ISBN (eBook)
9783640417360
ISBN (Buch)
9783640737000
Dateigröße
1367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Erfahrung, Reportage, Wäre, Entwicklung, Soziologie, Erfahrungen, Deutschland
Arbeit zitieren
B.A. Katja Wüllner (Autor), 2008, Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134294

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