„IFRS-Jahresabschlüsse sind prinzipiell auch für Ausschüttungszwecke geeignet“, bescheinigt eine KPMG-Studie im Auftrag der EU-Kommission zur Kapitalerhaltung. Jedoch zeigt die Studie ebenfalls auf, dass es insbesondere aufgrund der Fair Value-Bewertung ohne Sicherungsmaßnahmen zu hohen, bestandsgefährdenden Ausschüttungen kommen kann. Die in jüngster Zeit entbrannte Reformdebatte um die Änderung des europäischen Kapitalschutzsystems beschäftigt sich vor allem mit der Frage, inwiefern die IAS/IFRS dem Gläubigerschutz dienen und somit Grundlage für die Ausschüttungsbemessung sein können. Gleichzeitig ist eine zunehmende Zurückdrängung des HGB – als rechnungsmäßige Grundlage der Kapitalerhaltung – durch die IFRS zu beobachten. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auf die anhaltende Kritik an der mangelnden Informationsfunktion des handelsrechtlichen Jahresabschlusses zurückzuführen. Hinzu kommt, dass die europäische IAS-Verordnung den Mitgliedstaaten die Verwendung von IFRS im Einzelabschluss für die Bestim-mung der Ausschüttungen ermöglicht. Während eine Vielzahl der EU-Staaten dies bereits praktiziert, erlaubt Deutschland den IFRS-Einzelabschluss lediglich für Informationszwecke. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die IFRS einen wirksamen Schutzbeitrag für Gläubiger leisten können. Dieser setzt neben einer Ge-winnermittlungskonzeption, die als Begrenzung unangemessener Vermögensausschüttungen herangezogen werden kann, auch einen effektiven informationellen Gläubigerschutz voraus.
Mit der vorliegenden Arbeit soll die Eignung der IFRS zur Erfüllung eines effektiven Gläubigerschutzes untersucht werden. Dazu werden eingangs die sich gegenüberstehenden Gläubigerschutzkonzepte dargestellt. Im Anschluss stellt sich die Frage, ob die Vorschriften des IASB im Besonderen und Rechnungslegungsinformationen im Allgemeinen dazu geeignet sind, Gläubigern entscheidungsnützliche Angaben zu vermitteln und so einen Beitrag zu einem wirksamen informationellen Gläubigerschutz leisten können. Sodann wird aus ökonomischer Sicht die Bedeutung und Wirkung von Ausschüttungsbegrenzungen erläutert. Hierbei wird geprüft, ob bilanzielle Ausschüttungsrestriktionen und eine vorsichtige Bilanzierungsweise dem Gläubigerschutz nützlich sind. Darauf aufbauend wird beurteilt, ob die IFRS eine gläubiger-schützende Ausschüttungsbemessungsfunktion erfüllen und damit Grundlage für bereits bestehende gesellschaftsrechtliche Höchstausschüttungsregeln sein können.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Gläubigerschutz- und Informationsfunktion
2.1 Institutioneller Gläubigerschutz durch bilanzielle Kapitalerhaltung
2.2 Informationeller Gläubigerschutz
3 IFRS: Gläubigerschutz durch Information?
3.1 Anforderungen der Gläubiger an informative Rechnungslegung
3.1.1 Entscheidungsnützlichkeit der Informationen
3.1.2 Abbau der Informationsasymmetrie
3.1.3 Prognose des Schuldendeckungspotentials
3.2 Ergänzung durch vertraglichen Gläubigerschutz
3.3 Beurteilung der Schutzwirkung
4 Gläubiger-Eigner-Konflikt in haftungsbeschränkten Unternehmen: Zur Notwendigkeit bilanzieller Ausschüttungsrestriktionen
4.1 Gläubigerrisiken durch Agency-Probleme
4.1.1 Gläubigerschädigende Investitionsanreize
4.1.2 Liquidations- und fremdfinanzierte Ausschüttungen
4.2 Ökonomische Wirkungen bilanzieller Ausschüttungsrestriktionen
5 Eignung der IFRS-Rechnungslegung für die bilanzielle Kapitalerhaltung
5.1 Analyse ausgesuchter IAS/IFRS
5.1.1 Aktivierung von Entwicklungskosten
5.1.2 Aktive latente Steuern auf Verlustvorträge
5.1.3 Gewinnrealisierung bei langfristiger Auftragsfertigung
5.1.4 Passivierungskonzeption nach IFRS
5.1.5 Fair Value-Bewertung und Ausschüttungsbemessung
5.2 Gläubigerschützende Anpassung der IFRS-Bilanz
5.2.1 Ausschüttungssperren und erhöhte Rücklagenbildung
5.2.2 Situative Ausschüttungsbegrenzung – Idee eines Solvenztests
6 Fazit
7 Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob die IFRS-Rechnungslegung als Instrument des Gläubigerschutzes geeignet ist, und analysiert dabei das Spannungsfeld zwischen der Informationsfunktion für Investoren und der Kapitalerhaltungsfunktion für Gläubiger.
- Vergleich von IFRS und handelsrechtlicher Kapitalerhaltung
- Analyse des Gläubiger-Eigner-Konflikts in Unternehmen mit beschränkter Haftung
- Untersuchung der Eignung von Fair-Value-Bewertungen für Ausschüttungszwecke
- Bewertung der Informationsfunktion der IFRS bezüglich der Solvenz von Schuldnern
- Diskussion über ergänzende Gläubigerschutzinstrumente wie Solvenztests oder Ausschüttungssperren
Auszug aus dem Buch
3.1.3 Prognose des Schuldendeckungspotentials
Das Schuldendeckungspotential kann entweder dynamisch oder statisch interpretiert werden. Erstere beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, Auszahlungsverpflichtungen im Zeitablauf zu decken, während eine statische Betrachtung das Ausmaß beurteilt, inwieweit der Schuldner durch Zerschlagung seines Vermögens seinen Verpflichtungen nachkommen kann.51 Gläubigern steht zur Prognose des Schuldendeckungspotentials und deren Entscheidungskalkül meist nur der Jahresabschluss des potentiellen Schuldnerunternehmens zur Verfügung. Eine Bilanz auf Basis der traditionellen handelsrechtlichen Rechnungslegung liefert grundsätzlich stark vergangenheitsbezogene und durch die Betonung des Vorsichtsprinzips verzerrte Informationen.52 Dies wirkt sich negativ auf die Prognoseeignung von Rechnungslegungsinformationen aus. Im Vergleich zum handelsrechtlichen Abschluss kann der IFRS-Abschluss einen zusätzlichen Informationsnutzen für Gläubiger erzielen, wenn aus ihm vermehrt zukünftige Ein- und Auszahlungspotentiale abgeleitet werden können.
Das Rahmenkonzept zu den IAS benennt Adressaten und deren Informationsbedürfnisse. Danach sind „Kreditgeber interessiert an Informationen, anhand derer sie beurteilen können, ob ihre Darlehen und die damit verbundenen Zinsen bei Fälligkeit gezahlt werden“53. Die Interessen der Gläubiger und der Investoren sind im Grunde gleichgerichtet.54 Gläubiger unterscheiden sich aber von Investoren typischerweise dadurch, dass ihr Erfolgspotential von vornherein eingeschränkt ist. Sie erhalten eine fixe Verzinsung, während der Kapitaleinsatz der Eigner in Abhängigkeit vom Unternehmenserfolg vergütet wird.55 Daher interessieren sie sich weniger für zukünftige Wachstumspotentiale und Chancen des Schuldnerunternehmens, als für Werte wie Sicherheit und Stabilität.56 Vorrangiges Informationsinteresse der Gläubiger ist somit die Beurteilung der Fähigkeit der aktuellen und potentiellen Schuldnerunternehmen, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Die Einleitung beleuchtet die Reformdebatte um das europäische Kapitalschutzsystem und die Eignung der IFRS als Grundlage für Ausschüttungsbemessungen.
2 Gläubigerschutz- und Informationsfunktion: Dieses Kapitel stellt die Konzepte des institutionellen und informationellen Gläubigerschutzes gegenüber und untersucht deren konzeptionelle Ansätze.
3 IFRS: Gläubigerschutz durch Information?: Es wird analysiert, ob IFRS-Informationen die Anforderungen von Gläubigern hinsichtlich Entscheidungsnützlichkeit und Prognosefähigkeit erfüllen können.
4 Gläubiger-Eigner-Konflikt in haftungsbeschränkten Unternehmen: Zur Notwendigkeit bilanzieller Ausschüttungsrestriktionen: Das Kapitel erläutert Agency-Probleme und die Notwendigkeit, Ausschüttungen durch Restriktionen zu begrenzen, um Vermögensverlagerungen zu verhindern.
5 Eignung der IFRS-Rechnungslegung für die bilanzielle Kapitalerhaltung: Hier erfolgt eine kritische Analyse spezifischer IFRS-Vorschriften und der Möglichkeiten einer gläubigerschützenden Anpassung des Abschlusses.
6 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass IFRS aufgrund ihrer Zielsetzung derzeit nur bedingt als Instrument des Gläubigerschutzes geeignet sind.
7 Thesenförmige Zusammenfassung: Dieses Kapitel fasst die zentralen Argumente und Ergebnisse der Arbeit in zehn kompakten Thesen zusammen.
Schlüsselwörter
Gläubigerschutz, IFRS, Bilanzielle Kapitalerhaltung, Ausschüttungsbemessung, Fair Value-Bewertung, Agency-Probleme, Solvenztest, Informationsfunktion, Rechnungslegung, Informationsasymmetrie, Kapitalrichtlinie, Handelsgesetzbuch, Ausschüttungssperre, Unternehmenskrise, Verbindlichkeiten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwieweit IFRS-Abschlüsse geeignet sind, Gläubigerinteressen in Unternehmen zu schützen, insbesondere vor dem Hintergrund der Ausschüttungsbemessung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind das europäische Kapitalschutzsystem, die Anreizstrukturen für Eigner in haftungsbeschränkten Unternehmen sowie die Vor- und Nachteile einer informationsorientierten Rechnungslegung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die kritische Würdigung der Eignung der IFRS als verlässliche Grundlage für Ausschüttungsbeschränkungen und der Schutz von Gläubigeransprüchen vor opportunistischem Verhalten der Eigner.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse auf Basis von Agency-Theorien, ökonomischen Analysen der Bilanzierung sowie einer rechtlichen und konzeptionellen Auswertung internationaler Rechnungslegungsstandards.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert agency-theoretische Konflikte, die Eignung verschiedener IAS/IFRS-Regelungen (wie Fair Value oder Aktivierung von Entwicklungskosten) und mögliche Lösungsmodelle wie Solvenztests.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Gläubigerschutz, IFRS, Kapitalerhaltung, Fair Value, Agency-Probleme, Solvenztest und Ausschüttungsbemessung bilden die Kernbegriffe.
Warum wird die Fair-Value-Bewertung für Gläubiger kritisch gesehen?
Die Fair-Value-Bewertung führt häufig zu Volatilität und unrealisierten Gewinnen, was bei einer Ausschüttung die Substanz des Unternehmens gefährden und die Gläubiger benachteiligen kann.
Wie unterscheidet sich der IFRS-Abschluss vom HGB im Hinblick auf den Gläubigerschutz?
Während das HGB stark vom Vorsichtsprinzip dominiert wird, um Gläubiger zu schützen, priorisieren die IFRS die Informationsfunktion für Investoren, was aus Gläubigersicht zu potenziell verlässlichkeitsschwächeren Daten führt.
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- Thorsten Weidner (Author), 2008, Die Eignung des IFRS-Abschlusses als Instrument des Gläubigerschutzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134297