Im Jahr 1839 erschien in Karl Gutzkows „Telegraphen für Deutschland“ erstmalig Georg Büchners Erzählung „Lenz“. Dieses Novellenfragment verdankt seine bis heute andauernde Bedeutung dem Nebeneinander von dichterischem Werk und klinisch genauem Krankheitsbericht. „Lenz“ hat nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler und Psychiater, „die Konstituierung des Krankheitsbildes der Schizophrenie vorweggenommen“ .
Die historische Figur, die als Vorbild für diese Novelle dient, ist der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, ein ehemaliger Freund Goethes und neben diesem die auffälligste literarische Begabung der jungen Generation der 1770er Jahre. Nachdem er immer häufiger durch sein abnormales Verhalten auf sich aufmerksam machte, wurde Lenz als „krank“ etikettiert und als nicht anpassungs- und leistungsfähig aus der für ihn so bedeutsamen Gesellschaft ausgeschlossen. Er kam nach Waldersbach, wo er bei dem bekannten Pfarrer Johann Friedrich Oberlin Hilfe suchte. Dieser nahm ihn zunächst bei sich auf, musste aber bald feststellen, dass auch er gegen Lenz’ Leiden nichts ausrichten konnte. Daher schickte er den Unglücklichen wieder fort. Um sich vor seinen Freunden und Bekannten für seine Entscheidung zu rechtfertigen, verfasste Oberlin einen detaillierten Bericht über dessen Aufenthalt. Eben jene Aufzeichnungen dienten Büchner als Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen. Er verarbeitete sie zu einem „Dokument einer geschlossenen Schizophreniedarstellung“ , mit dem er den Diskussions- und Wissensstand der zeitgenössischen Psychiatrie und Psychologie bei Weitem übertraf.
Dennoch ist diese Novelle nicht nur eine realitätsnahe Fallstudie, sondern weit mehr als das. Im Mittelpunkt des Interesses des Autors steht nicht die Schizophrenie, sondern der Mensch und dessen individuelles Leiden. Büchners Novelle zeigt auf den ersten Blick einen Kranken, der „halb verrückt wurde“ , zugleich jedoch, in etwas subtilerer Form, den verzweifelten Menschen, der sich dahinter verbirgt, den „unglücklichen Poeten“ . Der Krankheit ist eine metaphorische Bedeutung immanent, die nicht nur die Entfremdung eines Individuums von sich selbst widerspiegelt, sondern darüber hinaus Kritik an dem patriarchalischen Gefüge von Familie, Religion und Gesellschaft übt.
Ziel der Abhandlung ist es, Büchners detaillierte Beschreibung einer Schizophrenieerkrankung anhand der einzelnen Symptome zu analysieren und darüber hinaus die der Krankheit inhärente metaphorische Bedeutung zu untersuchen.
Gliederung
1. Einleitung
1.1 Untersuchungsgegenstand
1.2 Vorgehensweise
2. Wahnsinn zu Georg Büchners Lebzeiten
2.1 Zeitgenössische Wissenschaft
2.1.1 Die Psychologie – Entstehung einer akademischen Disziplin
2.1.2 Psychiatriereformen in Frankreich und Deutschland
2.2 Bürger und Irre
2.2.1 Das Verhältnis von Gesellschaft und Geisteskranken
2.2.2 Michel Foucaults „Archäologie des Schweigens“
3. Das Schizophreniesyndrom
3.1 Historie der Krankheit und Ursachenforschung
3.1.1 Schizophreniegeschichte
3.1.2 Mögliche Ursachen
3.2 Die Symptome
3.2.1 Die Grundsymptome
3.2.2 Die akzessorischen Symptome
3.3 Der Verlauf der Krankheit
3.3.1 Frühe Phase
3.3.2 Akute Psychose und aktive Phase
3.3.3 Konsolidierung und Chronizität
4. Die Autoren Büchner und Lenz – Zwei kranke Seelen?
4.1 Der historische Lenz
4.1.1 Biografischer Überblick
4.1.2 Lenz’ Erkrankung
4.2 Der Autor Georg Büchner
4.2.1 Lebensdaten und psychopathologischer Kenntnisstand
4.2.2 Versuch einer Pathografie
5. Schizophrenie in Georg Büchners „Lenz“
5.1 Darstellung der Krankheit
5.1.1 Nachweis der charakteristischen Symptome
5.1.2 Phasen der psychischen Destruktion
5.2 Zentrale Motive und deren Bezug zu Lenz’ Erkrankung
5.2.1 Vaterproblematik und zwischenmenschliche Beziehungen
5.2.2 Religion und Schuld
5.2.3 Angst und Leiden an der Welt
5.2.4 Die Problematik des Künstlers – Das Kunstgespräch
5.2.5 Identitätssuche und Scheitern an der Gesellschaft
5.3 Schizophrenie als Metapher
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Georg Büchners Erzählung „Lenz“ unter psychiatrischen und literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, um die Darstellung der Schizophrenie sowie die metaphorische Bedeutung des Wahnsinns im Werk zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit das Erzählfragment eine realitätsnahe Fallstudie darstellt und wie Büchner das Leiden des Protagonisten mit zeitgenössischen gesellschaftlichen und familiären Einflüssen verknüpft.
- Psychopathologische Analyse des Krankheitsbildes der Schizophrenie in „Lenz“
- Historische Einordnung des Wahnsinnsbegriffs zu Büchners Lebzeiten
- Untersuchung der biographischen Parallelen zwischen Lenz und Büchner
- Sozialkritische Dimension der Ausgrenzung geistig Kranker
- Metaphorische Funktionen des Wahnsinns im literarischen Diskurs
Auszug aus dem Buch
3.1 Historie der Krankheit und Ursachenforschung
Der Ursprung des Schizophreniebegriffs liegt in der so genannten „Dementia praecox“, der frühzeitigen Demenz. Diese Geisteskrankheit wurde 1896 das erste Mal von dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) in seinem Psychiatrielehrbuch beschrieben. Die Komponenten, die er zu einer Krankheitseinheit zusammenfasste, waren die hebephrene Demenz, die sich durch ein inadäquates Verhalten, zunehmende Gefühlsabstumpfung und Antriebsmangel auszeichnet, und die katatonische Demenz, die mit motorischer Erregung oder Erstarrung einhergeht. Hinzu kam noch die paranoide Demenz, die sich durch paranoiden Wahn und Halluzinationen auszeichnet. Alle drei Formen der psychischen Störung waren zu diesem Zeitpunkt bereits als eigenständige Krankheiten bekannt.
Hinsichtlich der gemeinsamen Verlaufstendenzen und Endzustände zog Kraepelin jedoch den Schluss, dass sich die einzelnen Komponenten gegenseitig bedingen und zusammengehören und dementsprechend Teile ein und derselben Krankheit sein müssten. Kraepelin teilte die endogenen Psychosen, das heißt Psychosen mit vererbter oder unbekannter Ursache, in zwei Gruppen ein: Die manisch-depressiven Erkrankungen, die als heilbar betrachtet werden könnten und „Dementia praecox“, die nicht selten zur völligen Demenz führen würden. Er sagte den Betroffen der zweiten Gruppe einen negativen Verlauf der Krankheit voraus und schloss jede Aussicht auf Besserung oder gar Heilung aus. Es stellte sich aber relativ schnell heraus, dass diese Einschätzung nicht richtig war und die Krankheit weder nur in sehr jungen Jahren auftritt, wie die Bezeichnung vermuten lässt, noch typischerweise in einem dementen Zustand enden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Untersuchungsgegenstands und der methodischen Herangehensweise an Büchners Erzählung „Lenz“.
2. Wahnsinn zu Georg Büchners Lebzeiten: Wissenschaftshistorische Betrachtung der Psychologie und Psychiatrie sowie der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Wahnsinn um 1800.
3. Das Schizophreniesyndrom: Detaillierte medizinische Erläuterung des Krankheitsbildes, der Symptome und des typischen Verlaufs einer schizophrenen Psychose.
4. Die Autoren Büchner und Lenz – Zwei kranke Seelen?: Biographische Untersuchung von Jakob Lenz und Georg Büchner im Hinblick auf deren psychische Gesundheit und literarisches Schaffen.
5. Schizophrenie in Georg Büchners „Lenz“: Kernkapitel mit der literarischen Analyse der Krankheitsdarstellung, zentraler Motive und der metaphorischen Bedeutung des Wahnsinns.
6. Zusammenfassung: Abschließendes Fazit zur wissenschaftlichen Qualität der Schizophreniedarstellung bei Büchner und deren literarischer Relevanz.
Schlüsselwörter
Georg Büchner, Lenz, Schizophrenie, Psychiatriegeschichte, Wahnsinn, Aufklärung, Psychopathologie, Literaturwissenschaft, Geisteskrankheit, Philippe Pinel, Michel Foucault, Identitätsverlust, Entfremdung, Soziologie, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von psychischem Verfall und Schizophrenie in Georg Büchners Novellenfragment „Lenz“ und setzt dies in den Kontext der zeitgenössischen Psychiatrie und Literaturgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Geschichte der Psychiatrie um 1800, die medizinischen Grundlagen des Schizophreniesyndroms sowie die literarische Auseinandersetzung mit Identität, Entfremdung und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Büchner mit seiner detaillierten Schilderung einer Schizophrenieerkrankung den Wissensstand seiner Zeit übertraf und welche metaphorische Bedeutung der Wahnsinn für die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, der wissenschaftshistorische Abrisse mit einer tiefgehenden literaturwissenschaftlichen Textanalyse verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Schizophreniebegriffs, die biographische Aufarbeitung der Autoren Lenz und Büchner sowie die spezifische Analyse der Krankheitssymptome und Motive in der Novelle „Lenz“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wesentliche Begriffe sind Schizophrenie, Wahnsinn, gesellschaftliche Ausgrenzung, Entfremdung und die literarische Darstellung psychischer Destruktion.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Pfarrer Oberlin?
Die Autorin sieht in der Vaterfigur Oberlin sowohl eine Stütze als auch eine repressiv wirkende Instanz, deren moralische Erziehung und Unverständnis für das Leiden des Poeten dessen Zustand letztlich verschlimmern.
Warum wird die „Katzenszene“ als besonders relevant eingestuft?
Diese Szene markiert den absoluten Tiefpunkt der psychischen Entwicklung von Lenz, in der er den Kontakt zur menschlichen Identität verliert und sich animalisch verhält, was seine völlige Desintegration verdeutlicht.
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- M.A. Uta Leonhardt (Author), 2008, Progression eines geistigen Verfalls - Schizophrenie in Georg Büchners „Lenz“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134314