Scheinbare und unscheinbare Körperlichkeit in Ulrich von Liechtensteins "Frauendienst"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Der scheinbare Körper des Helden und die unscheinbaren Körper in seiner Umgebung

2. Untersuchungsteil
2.1 Scheinbare Körperlichkeit
2.1.1 Der ungefüege mund
2.1.2 Der verletzte Finger
2.1.3 Manipulationen und Sexfixiertheit eines schweren Körpers beim Stelldichein
2.1.4 Reale Köreperlichkeit im zweiten Teil des “Frauendienstes“
2.2 Unscheinbare Körperlichkeit
2.2.1 Ulrichs Zeit als Knecht
2.2.2 Ulrichs Herz als eigener Körper
2.2.3 Das Büchlein als textualisierter Körper
2.2.4 Der abgehackte Finger
2.2.5 Geschenke der vrowe
2.2.6 Das süeze wort und der hohe muot

3. Ergebnis
3.1 Ulrich als liebenswürdiger Minnetor
3.2 Ulrichs Aufstieg zum höfischen Minneideal

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Der scheinbare Körper des Helden und die unscheinbaren Körper seiner Umgebung

Ulrich von Liechtensteins Frauendienst ist ein mit Körperlichkeit angereicherter Roman. Dieser These wird der Leser nach der ersten Lektüre angesichts von Mundoperationen, einem abgehackten Finger oder leprösen Gesichtsentstellungen in der Regel zustimmen.

Gleichzeitig scheint es allerdings unmöglich, ein zusammenhängendes Körperbild von Ulrich zu zeichnen.

Dies wirft die Vermutung auf, dass es sich hier nur um scheinbare Körperlichkeit handelt, welche zeichenhafte Bedeutung hat. Diese Vermutung gilt es zunächst zu untermauern und die entsprechenden Bedeutungen herauszuarbeiten. In einem weiteren Schritt ist nach der Wirkung dieser vom Autor gewählten Methode der Zeichenhaftigkeit zu fragen.

Als Vorgehensweise hierfür erscheint es sinnvoll die einzelnen Beispiele von Körperdarstellungen separat zu analysieren und auf dieser Grundlage Gemeinsamkeiten und eine Interpretation herauszuarbeiten.

Neben dieser auffälligen, jedoch vermutlich scheinbaren Körperlichkeit ist im Text noch eine weitere anscheinend gegenteilige Form von Körperlichkeit zu erkennen.

Gemeint ist hier das Phänomen, dass Gegenstände wie Körper behandelt werden und anscheinend auch als solche fungieren.

Dieses Phänomen ist zunächst wieder an unterschiedlichen Textbeispielen nachzuweisen um anschließend diese eher unscheinbare Körperlichkeit zu erklären und zu interpretieren.

Die hier gewählte Thematik ist dem Bereich der Körperlichkeitsforschung zuzuordnen, die nach Linden ihren Beginn Ende der 80er Jahre hat und somit zu den jüngsten Forschungsrichtungen zum “Frauendienst“ zählt.[1]

Die Körperlichkeitsforschung steht damit am Ende einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Werk, die bereits 1812 begann und unterschiedliche Themen zum Untersuchungsschwerpunkt machte. Linden liefert einen Abriss dieser Forschungsentwicklung, auf den an dieser Stelle verwiesen sei.[2]

Die jüngsten Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Körperlichkeitsforschung finden sich bei Kiening (1998) und Ackermann (2002), auf welche in dieser Hausarbeit entsprechend Bezug genommen werden soll.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es hierbei scheinbare Körperlichkeit zu entlarven und unscheinbare Körperlichkeit aufzudecken, sowie beide Kategorien auf ihre Bedeutung und Wirkung hin zu untersuchen. Letztlich soll auf dieser Grundlage ein Beitrag zur Interpretation des Gesamtwerkes gefunden werden.

2. Untersuchungsteil

2.1 Scheinbare Körperlichkeit

Unter scheinbarer Körperlichkeit soll hier Körperlichkeit verstanden werden, die sich allein durch ihre Zeichenhaftigkeit und Funktionalität in einer bestimmten Situation auszeichnet. Sie charakterisiert sich weiterhin dadurch, dass sie keinen Beitrag zu einem einheitlichen Körperbild Ulrichs leistet und es deshalb sehr fraglich ist, ob sie überhaupt als reale Körperlichkeit angesehen werden kann.

2.1.1 Der ungefüege Mund

Die Episode um den ungefüegen Mund Ullrichs und dessen Operation mit allen Folgen erstrecken sich über mehr als 50 Strophen (80-136). Sie beginnt mit dem Ausspruch der vrowe:

iedoch so müest wol wesen leit

einem wibe ze aller stunt

sin ungefüege stenter munt.[3]

Dieser Vorwurf der vrowe wird von Ulrich wörtlich genommen und er entschließt sich, seinen Mund für die vrowe operieren zu lassen.

Mehrfach wird in der Forschungsliteratur darauf hingewiesen, dass dieser Ausspruch der Dame auch im übertragenden Sinn zu verstehen sei und auf einen Mangel der höfischen Redekompetenz Ulrichs verweise.[4] Kiening spricht davon, dass der Vorwurf „zumindest implizit auf die rede bezogen“[5] sei.

Mir scheint es tatsächlich so zu sein, dass der Vorwurf auch explizit auf die rede bezogen ist und Ulrich dies ganz einfach missversteht. Ein erstes Argument hierfür ist, dass bis zu dieser Stelle nirgends von einer Hasenscharte die Rede ist. Darüber hinaus war der Begriff des ungefüegen Mundes fester Bestandteil einer Redewendung, die sich auf genau diesen Mangel an höfischer Redekompetenz bezieht.

Eine solche Interpretation wirft auf den ersten Blick die Schwierigkeit auf, dass im weiteren Verlauf des Romans die Hasenscharte aber anscheinend real ist und zum Beispiel auch operiert wird.

Die Erklärung hierfür ist im Spiel zwischen Fiktion und Realität zu sehen. Diese Thematik wurde in der Forschungsliteratur mehrfach behandelt[6], bisher allerdings noch nicht in aller Deutlichkeit auf dieses vielleicht eindrucksvollste Beispiel bezogen.

In diesem Spiel ist es möglich, dass aus einem einfachen Missverständnis Ulrichs Hasenscharte Realität wird und dadurch gleichzeitig der Fiktionscharakter angedeutet wird.

Ulrich wirkt in dieser Szene wie ein liebenswürdiger Trottel, der einerseits absolute Minnebereitschaft demonstriert und sich andererseits als unfähig erweist, dem höfischen Minneideal zu entsprechen. Er unterzieht sich starken körperlichen Qualen, unterstellt seinen Körper dabei uneingeschränkt den Wünschen der vrowe und verdeutlicht damit vollkommenen Minnewillen. Hierbei versteht er das eigentliche Problem allerdings nicht, welches in seinem unhöfischen Redeverhalten begründet ist. Die vrowe kritisiert mit ihrem Ausspruch die Tatsache, dass Ulrich Minnelieder zur persönlichen Kommunikation mit dem Ziel der körperlichen Vereinigung benutzt, was nicht den höfischen Konventionen entsprach.[7]

Dass sich die Kritik der vrowe auf diesen Verstoß gegen die Regeln höfischer Konvention bezieht und nicht auf Ulrichs Liedkunst an sich, belegt folgendes Zitat:

diu liet diu sint ze ware guot.

ich will aber mich ir niht an nemen:

sin dienst mac mir niht gezemen. (Str. 74,4-74,7).

Die vrowe lobt hier sechs Strophen vor ihrer Kritik an dem ungefüegen Mund das Lied selbst. Der Grund dafür, dass sie es dennoch nicht annehmen will, muss folglich der angesprochene Regelverstoß sein.

Vor diesem Hintergrund ist es auch folgerichtig, dass Ulrich nach seiner Mundoperation die Gelegenheit die vrowe von seiner neu gewonnen Redekompetenz zu überzeugen, nicht nutzen kann. Ulrich hat zu diesem Zeitpunkt keinen gefüegen Mund, wie es beispielsweise Ackermann sieht.[8] Er hat einen operierten Mund. Eine Hasenscharte, die aus einem Missverständnis heraus entstanden ist, wurde entfernt. Diese Veränderung gefällt der Dame zwar, hat aber nichts mit dem ursprünglichen Vorwurf zu tun, der sich auf Ulrichs Redeverhalten und nicht auf sein Aussehen bezog.

Da Ulrich die eigentliche Kritik überhaupt nicht verstanden hat, befindet er sich immer noch in diesem ungefüegen Zustand und stellt dies hier auf einer anderen Ebene unter Beweis.

In der Szene nach der Messe (Str. 119-136) hat er die Gelegenheit zur face-to-face- Kommunikation. Die Chance hierzu hat er sich nur mit seiner Demonstration absoluter Minnebereitschaft durch das Aushalten körperlicher Qualen verdient und nicht etwa dadurch, dass er den eigentlichen Mangel erkannt und beseitigt hätte. Ulrich verpasst hier aber die Gelegenheit seine Redekompetenz auf anderer Ebene unter Beweis zu stellen, da sein immer noch ungefüeger Mund die Sprache verweigert.

In der Episode um den ungefüegen Mund ist somit aus einem Missverständnis heraus eine scheinbare Körperlichkeit entstanden, die lediglich eine zeichenhafte Funktion erfüllt. Die Hasenscharte verkörpert Ulrichs Mangel an Redekompetenz und seinen Verstoß gegen höfische Konventionen. Die Mundoperation verkörpert Ulrichs absoluten und uneingeschränkten Willen zum Minnedienst. Diese beiden Aspekte werden gerade durch die Verkörperung plastisch und eindringlich. Mit Linden lässt sich diese These zur Wirkung der Körperlichkeit bestärken: „Ulrichs Mundoperation oder das Abschlagen seines Fingers bleiben sowohl der Dame als auch dem Rezipienten plastischer im Gedächtnis als eines seiner Minnelieder.“[9]

Weiterhin erzeugt diese Szene aufgrund des Missverständnisses mit allen Konsequenzen Komik. Ulrich erweist sich hier als Minnetor. Im Lachen über ihn manifestiert sich aber seine absolute Minnebereitschaft, da das der Aspekt ist, der den Minnetoren liebenswürdig macht.

Bleibt noch die Frage nach der Motivation des Autors an der Stelle diese Methode der Zeichenhaftigkeit zu wählen. Die einfachste Antwort hierauf ist, dass der Autor genau die beschriebene eindrucksvolle Wirkung intendierte. Darüber hinaus ist es denkbar, dass er auf sein Spiel zwischen Fiktion und Realität aufmerksam machen wollte, das den Roman prägt und interessant macht.

Ulrichs Hasenscharte ist damit als scheinbare Körperlichkeit entlarvt, dessen zeichenhafte Funktion aufgedeckt und seine Wirkungsweise erläutert.

[...]


[1] Vgl. Linden, Sandra: Kundschafter der Kommunikation. Modelle höfischer Kommunikation im “Frauendienst“ Ulrichs von Lichtenstein. Tübingen, Basel 2004 (Bibliotheca Germanica 49), S. 20.

[2] Vgl. ebd., S. 13-21.

[3] Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst. Herausgegeben von Reinhold Bechstein. Erster Theil. Leipzig 1888 (Deutsche Dichtung des Mittelalters 6), Strophe 80,4 – 80,6.

[4] Vgl. Linden (wie Anm. 1), S. 68. / Ackermann, Christiane: “min lip reht als ein stumbe sweic“ – Ich ≠ Subjekt ≠ Körper. Zu Ulrichs von Liechtenstein ’Frauendienst’. In: Körperinszenierungen in mittelalterlicher Literatur. Hrsg. von Klaus Ridder und Otto Langer. Berlin 2002 (Körper, Zeichen, Kultur 11), S. 139-156, hier S. 149.

[5] Kiening, Christian: Der Autor als „Leibeigener“ der Dame oder des Textes? Das Erzählsubjekt und sein Körper im ’Frauendienst’ Ulrichs von Liechtenstein. In: Autor und Autorschaft im Mittelalter. Kolloquium Meißen 1995. Hrsg. von Elisabeth Andersen u.a. Tübingen 1998, S. 211-238, hier S. 222.

[6] Vgl. Ackermann, Christiane: “min lip reht als ein stumbe sweic“ – Ich ≠ Subjekt ≠ Körper. Zu Ulrichs von Liechtenstein ’Frauendienst’. In: Körperinszenierungen in mittelalterlicher Literatur. Hrsg. von Klaus Ridder und Otto Langer. Berlin 2002 (Körper, Zeichen, Kultur 11), S. 139-156, hier S. 139.

[7] Vgl. ebd., S. 149

[8] Vgl. ebd., S. 150

[9] Vgl. Linden (wie Anm. 1), S. 67.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Scheinbare und unscheinbare Körperlichkeit in Ulrich von Liechtensteins "Frauendienst"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Ulrich von Liechtenstein
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V134349
ISBN (eBook)
9783640425891
ISBN (Buch)
9783640422906
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheinbare, Körperlichkeit, Ulrich, Liechtensteins, Frauendienst
Arbeit zitieren
Stefan Reuter (Autor), 2006, Scheinbare und unscheinbare Körperlichkeit in Ulrich von Liechtensteins "Frauendienst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134349

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