Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Die freie, teilnehmende Beobachtung als Methode der qualitativen Sozialforschung“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Möglichkeiten und Vorzüge dieses Verfahrens bezüglich des Erfassens der sozialen Wirklichkeiten in den zu erforschenden, spezifischen Lebenswelten zu beleuchten. Allerdings wird auch an verschiedenen Stellen des Textes wiederholt darauf aufmerksam gemacht, mit welchen Gefahren diese Methode verbunden ist, wenn sie nicht ernsthaft betrieben wird oder wenn die Unerfahrenheit des Forschers eine angemessene Durchführung des Verfahrens nicht zulässt.
Um die Basis für die weitere Diskussion zu liefern, werden in einem ersten Schritt die wesentlichen Unterschiede zwischen qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden herausgearbeitet, um anschließend in einer zusätzlichen Ausdifferenzierung die verschiedenen Formen und Ausprägungen von Beobachtungsverfahren vorzustellen.
Der Fokus des Hauptteils der Arbeit ist dann lediglich noch auf eine bestimmte dieser Varianten gerichtet, nämlich auf die freie oder unstrukturierte, teilnehmende Beobachtung. Da diese Methode nicht selten von einigen Soziologen als „unwissenschaftlich“ kritisiert wird, sollen vorerst deren erhebliche Vorzüge gegenüber anderen Methoden aufgezeigt und deutlich gemacht werden, dass es sich hierbei sehr wohl um ein wissenschaftliches Vorgehen handelt.
Im Anschluss daran wird dann in einer ausführlichen Darstellung die schwierige Phase des Zugangs in das zu erforschende Feld diskutiert. In diesem Zusammenhang werden die dabei an den Beobachter gestellten vielseitigen Anforderungen genauso expliziert, wie auch das sogenannte „going native“ als Chance, einen für die konkrete Forschungsabsicht zufrieden stellenderen Zugang in die Gruppe zu erhalten. Zudem soll auch auf die enorme Bedeutung von guten Beziehungen zu wichtigen Kontaktpersonen aufmerksam gemacht werden, da solche „Gatekeeper“ oftmals einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Forschungsarbeit ausüben können.
Nachdem dann noch einige Gedanken und wichtige Verhaltenshinweise für den Forscher in der Integrations- und Identifikationsphase des Feldforschungsprozesses angebracht scheinen, folgt eine kurze Darstellung über mögliche Rückzugsstrategien aus dem Feld nach Beendigung der Arbeit, sowie einige Ideen und Möglichkeiten zur Anfertigung des abschließenden Forschungsprotokolls.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Qualitative Forschung und Varianten der Beobachtungsmethoden
2.1 Qualitative versus quantitative Forschung
2.2 Formen der Beobachtung
3. Die freie, teilnehmende Beobachtung
3.1 Ihre Rechtfertigung als wissenschaftliches Verfahren
3.2 Der Zugang ins Feld
3.2.1 Anforderungen an den Forscher
3.2.2 „Going native“ als Chance
3.2.3 Teilnehmende Beobachtung ohne vorbereiteten Zugang
3.3 Integration und Identifikation
3.4 Rückzug und Protokoll
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Potenziale und Herausforderungen der freien, teilnehmenden Beobachtung als Methode der qualitativen Sozialforschung. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie der Forscher einen wirkungsvollen Zugang zu fremden oder devianten Lebenswelten finden und sich dort integrieren kann, ohne die wissenschaftliche Integrität zu verlieren.
- Grundlegende Differenzierung zwischen qualitativer und quantitativer Forschung.
- Die wissenschaftliche Rechtfertigung unstrukturierter Beobachtungsverfahren.
- Strategien zur Felderschließung und die Rolle von sogenannten Gatekeepern.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem "Going native"-Phänomen im Forschungsprozess.
- Methodische Aspekte der Protokollierung und des ethisch korrekten Feldrückzugs.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 „Going native“ als Chance
Dringt der Forscher in die Lebenswelt der ihn interessierenden Gruppe ein, ist es nicht auszuschließen, dass es während dieses Prozesses zu sozialen Spannungen zwischen ihm und seiner Familie, Freunden oder auch Kollegen kommen kann. Der teilnehmende Beobachter in einer für ihn bislang fremden Kultur sollte nicht nur einseitig darauf pochen, etwas über deren soziale Wirklichkeit erfahren zu wollen, sondern auch bereit sein, seine Lebenswelt, vor allem im beruflichen, aber bis zu einem gewissen Grade auch im privaten Bereich, den zu erforschenden Gruppenmitgliedern zu öffnen. Wird dieser Kontakt zu eng, kann es natürlich zu den oben genannten Problemen führen (welche Ehefrau würde es schon gerne sehen, dass ihr im Rotlichtmilieu forschender Mann Prostituierte zu einer Tasse Kaffee zu sich nach Hause einlädt). Andererseits lässt sich aber eben gerade auf diese Weise der Respekt und das notwendige Vertrauen der zu untersuchenden Gruppe gewinnen (vgl. Girtler, 2001, S. 73 ff.).
Der Forscher, der mit der Methode der freien, teilnehmenden Beobachtung arbeiten will, muss sich demnach schon zu Beginn im Klaren sein, dass sich die Forschungsebene nicht wirklich von seiner privaten Alltagswelt trennen lässt, da er es nicht, wie so oft in der traditionellen Soziologie, mit Computerdateien zu tun hat, sondern mit Menschen, „[...] die sich nicht, nachdem man sie beobachtet hat, wieder in Käfige sperren lassen.“ (ebd., S. 76). All die möglichen Unannehmlichkeiten, die sich aus diesem engen, persönlichen Kontakt zu der jeweiligen Gruppe ergeben können, sollte der Forscher demnach bereits zu Beginn seiner Planungen mit in Betracht ziehen, um darauf vorbereitet zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Vorzüge und Gefahren der freien, teilnehmenden Beobachtung zu analysieren und die methodische Abgrenzung zu quantitativen Ansätzen vorzubereiten.
2. Qualitative Forschung und Varianten der Beobachtungsmethoden: Dieses Kapitel arbeitet die wesentlichen Unterschiede zwischen qualitativer und quantitativer Forschung heraus und differenziert zwischen verschiedenen Formen der Beobachtung.
3. Die freie, teilnehmende Beobachtung: Der Hauptteil rechtfertigt die freie Beobachtung als wissenschaftliches Verfahren, thematisiert die Herausforderungen des Feldzugangs, die Integrationsphase sowie Strategien zum Rückzug und zur Protokollführung.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, bekräftigt die Notwendigkeit ethischen Handelns und betont die Rolle des Forschers als Zeuge innerhalb der erforschten Lebenswelt.
Schlüsselwörter
Qualitative Sozialforschung, Teilnehmende Beobachtung, Freie Feldforschung, Going native, Gatekeeper, Feldzugang, Sozialwissenschaftliche Beobachtung, Lebenswelt, Forschungsethik, Beobachtungsprotokoll, Identifikation, Integration, Soziologie, Ethnologie, Feldnotizen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die freie, teilnehmende Beobachtung als eine spezifische Methode der qualitativen Sozialforschung, die darauf abzielt, soziale Wirklichkeiten "von innen heraus" zu erfassen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der wissenschaftliche Status unstrukturierter Beobachtungen, Strategien zur Felderschließung, die Beziehung zum Forschungsobjekt sowie die ethischen Dimensionen der Feldforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten und Vorzüge der freien, teilnehmenden Beobachtung aufzuzeigen, dabei aber auch kritisch die Risiken und notwendigen Anforderungen an den Forschenden zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die qualitative Literaturanalyse und reflektiert auf Basis führender Theorien (insbesondere Roland Girtler) die methodische Vorgehensweise der freien, teilnehmenden Beobachtung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Rechtfertigung der Methode, der schwierigen Phase des Feldzugangs, den Anforderungen an den Forscher, der Integration in die Gruppe und den Strategien für das Protokollieren und den Feldrückzug.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die freie teilnehmende Beobachtung, der Feldzugang, Gatekeeper, die ethische Verantwortung des Forschenden und das Phänomen "Going native".
Warum wird die freie Beobachtung von manchen Soziologen als unwissenschaftlich kritisiert?
Kritiker bemängeln das Fehlen eines strukturierten Erhebungsplans, was zu anekdotischen, subjektiven und weniger vergleichbaren Daten führen soll.
Was bedeutet der Begriff "Going native" im Kontext dieser Arbeit?
Er beschreibt das Phänomen, bei dem der Forscher die Urteilsmaßstäbe und die Perspektive der untersuchten Gruppe so stark übernimmt, dass er seine wissenschaftliche Distanz verliert.
Welche Rolle spielt der sogenannte "Gatekeeper"?
Ein Gatekeeper ist ein wichtiges Gruppenmitglied, das dem Forscher den Zugang zum Feld ermöglicht oder erschwert und somit maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg der Untersuchung ausübt.
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- Tobias Meixner (Author), 2009, Die freie, teilnehmende Beobachtung als Methode der qualitativen Sozialforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134407