Die klerikale Propaganda zeichnet den Stauferkaiser Friedrich II. als animalischen Tyrannen, der anstatt seinen herrschaftlichen Pflichten nachzugehen, seine Zeit lieber mit der Beizjagd verbringt. Wie wehrt er sich in seinem Falkenbuch gegen diese Invektive? Diese Frage soll im Zuge der vorliegenden Arbeit beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis der Arbeit
1. bestia blasphemie plena: Der Stauferkaiser Friedrich II. in der klerikalen Propaganda
1.1 Kaiser Friedrich II. und Papst Gregor IX.: Ein wechselhaftes Verhältnis
1.2 majestatis titulum in officium venaturae commutans: Die geistliche Kritik an Friedrichs Jagdleidenschaft
1.3 Das Falkenbuch: Der Forschungsstand und die Diskursanalyse
2. Das Falkenbuch als Apologie der Beizjagd? Eine diskursanalytische Untersuchung
2.1 peccatum oder ars? Die diametrale Bewertung der Jagd
2.1.1 venator erat, quoniam peccator erat / Hostes naturae fierent: Die klerikale Diffamierung der Jagd zur Sünde
2.1.2 Vom peccatum zur ars: Die Glorifizierung der Beizjagd bei Friedrich II.
2.1.3 Zwischenfazit
2.2. Vom venator zum artifex: Die Charakterisierung des Falkners
2.2.1 Raro modestus aut gravis et sobrius: Der Stereotyp des Jägers bei Johannes von Salisbury
2.2.2 Debet esse perfecti ingenii: Der Idealtypus des Falkners bei Friedrich II.
2.2.3 Die Korrelation zwischen einem guten Falkner und einem guten Herrscher
2.2.4 Aucupio falconum maxime oblectabatur: Die Beizjagd als Mittel zur Herrschaftssicherung
2.3 Das Falkenbuch als Apologie der Beizjagd: Ein Fazit
3. Schlussüberlegung
Zielsetzung & Themen der Untersuchung
Die vorliegende Arbeit untersucht das Falkenbuch (De arte venandi cum avibus) von Kaiser Friedrich II. unter dem Aspekt einer diskursanalytischen Apologie. Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Stauferkaiser nicht nur auf die zeitgenössische klerikale Jagdkritik reagiert, sondern durch die wissenschaftliche Aufwertung der Beizjagd zur ars und die Konstruktion eines herrscherlichen Idealtypus des Falkners die gegen ihn gerichteten moralischen Vorwürfe – insbesondere den Vorwurf der Pflichtvergessenheit – entkräftet.
- Diskursive Analyse der kirchlichen Jagdkritik im Hochmittelalter.
- Transformation des Begriffs venator hin zum artifex.
- Vergleich der Attribuierung des Falkners mit dem Herrscherideal.
- Untersuchung der Beizjagd als legitimierendes Instrument der Herrschaftssicherung.
Auszug aus dem Buch
Die Glorifizierung der Beizjagd bei Friedrich II.
Seine Argumentation zur Würdigung der Jagd kanalisiert sich bereits im lateinischen Titel des Falkenbuchs: De arte venandi cum avibus. Während die kirchliche Kritik die Jagd zum Laster und damit zur Sünde erklärt, erhebt Friedrich gemäß dem Zeitgeist der sich im frühen 13. Jahrhunderts konstituierenden Universitäten zur ars:
Est igitur materia huius libri ars venandi cum avibus, cuius partium quedam consistit in contemplando seu in sciendo, que theorica dicitur, reliqua in operando, que pratica dicitur. (Die Grundlage dieses Buches ist also die Wissenschaft mit Vögeln zu jagen, die aus einem gewissen Teil im Nachdenken oder im Wissen besteht, der Theorie, im übrigen Teil in der Anwendung, der Praxis genannt wird.)
Implizit weist Friedrich die kirchliche Kritik an der Jagd zurück und liefert ein gegensätzliches Verständnis: Er versteht die Jagd nicht als Laster, das zur Befriedigung einer voluptas, nämlich der Jagdlust dient, sondern vielmehr als eine ars. Im Gegensatz zu Hugo von St. Viktor, der die Jagd zu den artes mechanicae zählt, dürfte Friedrich damit aber nicht nur eine „Geschicklichkeit“ meinen, sondern vielmehr bereits eine eigene Wissenschaft: Denn durch den Hinweis auf den theoretischen Teil rückt er die Beizjagd in die Nähe zu den artes liberales, die zur Zeit, zu der Friedrich sein Buch diktiert, besonders in Paris und Bologna institutionalisiert wurden und damals wie heute der Bildung dienten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. bestia blasphemie plena: Der Stauferkaiser Friedrich II. in der klerikalen Propaganda: Das Kapitel verortet Kaiser Friedrich II. im Kontext der hochmittelalterlichen kirchlichen Polemik und analysiert das wechselhafte, spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem Kaiser und Papst Gregor IX.
2. Das Falkenbuch als Apologie der Beizjagd? Eine diskursanalytische Untersuchung: Das Hauptkapitel dekonstruiert die theologische Jagdverurteilung und stellt dieser Friedrichs Verständnis der Beizjagd als eigenständige Wissenschaft (ars) sowie die Charakterisierung des Falkners als Idealtypus gegenüber.
3. Schlussüberlegung: Das Fazit fasst zusammen, dass Friedrich durch seine subtile Argumentation die Beizjagd als integralen Bestandteil seiner Herrschaft legitimiert, den Vorwurf der Pflichtvergessenheit jedoch trotz der theoretischen Begründung historisch nicht vollständig entkräften konnte.
Schlüsselwörter
Friedrich II., Falkenbuch, Beizjagd, Diskurse, Klerikale Kritik, Ars, Venator, Artifex, Herrschaftssicherung, Invektivität, Sacerdotium, Imperium, Scholastik, Mittelalter, Interdiskursivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Friedrichs II. Falkenbuch als eine Antwort auf die zeitgenössische kirchliche Kritik an seiner als lasterhaft betrachteten Jagdleidenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die diskursiven Auseinandersetzungen zwischen der klerikalen Moraltheologie und dem kaiserlichen Selbstverständnis, fokussiert auf die Beizjagd.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie Friedrich II. durch eine gezielte wissenschaftliche und praktische Umdeutung der Jagd die Vorwürfe der Kirche gegen seine Person entkräftet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine poststrukturalistisch akzentuierte Interdiskursanalyse, um implizite Bezüge und Begrifflichkeiten im Falkenbuch aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Umdeutung der Jagd von der Sünde (peccatum) zur Wissenschaft (ars) und vergleicht das Jägerstereotyp der Kirche mit dem von Friedrich konstruierten Idealtypus des Falkners.
Mit welchen Schlüsselwörtern lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den zentralen Begriffen zählen: Friedrich II., Beizjagd, Falkenbuch, Klerikale Kritik, Ars, Herrschaftssicherung und Interdiskursivität.
Inwiefern korreliert der „gute Falkner“ mit dem „guten Herrscher“?
Die Arbeit zeigt, dass die von Friedrich geforderten Eigenschaften eines Falkners (Scharfsinn, Ausdauer, Disziplin) inhaltlich deckungsgleich mit den Tugenden sind, die von einem idealen mittelalterlichen Herrscher erwartet wurden.
Warum konnte Friedrich II. den Vorwurf der Pflichtvergessenheit trotz dieser Argumentation nicht entkräften?
Obwohl Friedrich die Jagd als Pflicht definierte, blieb das Image des pflichtvergessenen Imperators bestehen, da historische Ereignisse (wie die Niederlage bei Parma) ihn ausgerechnet während der Ausübung seines Hobbys in eine prekäre politische Lage brachten.
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- Cornelius Bresser (Autor:in), 2022, Das Falkenbuch Friedrichs II. als Apologie der Beizjagd, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1344119