Eine Kritik des ontologischen Weltbildes. Das Komplementaritätsprinzip in der Quantenmechanik


Magisterarbeit, 2008
181 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Weltbilder
1.1. Sie und die Welt
1.2. Eine objektive Welt?
1.3. Idealisierte Wahrheit

2. Klassische Mechanik
2.1. Kontinuierlichkeit
2.2. Reversibilität
2.2.1. Ontologie
2.2.2. Determinismus

3. Intersubjektivität

4. Gödel und die Unvollständigkeit

5. Präsuppositionen der klassischen Mechanik
5.1. Gleichzeitigkeit
5.2. Materie
5.3. Der Griff nach dem Feuer

6. Klassische Welten
6.1 Die abstrakte Welt
6.2. Die Welt an sich

7. Relativität
7.1. Die Grundlage der Relativitätstheorien
7.2. Die Spezielle Relativitätstheorie
7.3. Relative Gleichzeitigkeit
7.4. E = mc2
7.5. Die vierdimensionale Minkowski Raumzeit
7.6. Das Raumzeit-Intervall
7.7. Kontinuierliche Raumzeit
7.8. Kausalität und Zeitrichtung in der SRT
7.9. Die physikalische Struktur der Raumzeit
7.10. Determinismus und kosmologische Einordnung der SRT
7.11. Ihr relatives Welterleben
7.12. Die Allgemeine Relativitätstheorie
7.13. Der Begriff des Feldes
7.14. Erneute Bestätigung der physikalischen Struktur der Raumzeit
7.15. Kosmologische Aussichten
7.16. Ihr ART-Zimmer

8. Solitonen
8.1. Iteration
8.2. Experimentelles
8.3. Stehende Wellen

9. Der Weltprozess im Mikrokosmos
9.1. Der Disput zwischen Welle und Teilchen
9.2. Das Planksche Wirkungsquantum
9.3. Einsteins photoelektrischer Effekt
9.4. Der Doppelspalt
9.5. Die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation
9.6. Nachtrag zum photoelektrischen Effekt
9.7. Konsequenzen für die Raumzeit

10. Quantenphänomene
10.1. Die Wellenmechanik
10.2. Der Sprung in die klassischen Welt
10.3. Die Kopenhagener Deutung
10.4. Die Dekohärenztheorie
10.5. Die Qual der Wahl
10.6. Kritik an der Quantenmechanik

11. Außerhalb von Raum und Zeit
11.1 Wie viele Engel können auf der Spitze Ihres Kugelschreibers tanzen?
11.2. Instantane Zustandsübertragungen und diskrete Bahnübergänge
11.3. Das Phänomen der Selbstinterferenz

12. Chaos und Kosmos

13. Das neue Bild der Raumzeit
13.1. Die diskrete Raumzeit
13.2. Dimensionalitäten
13.3. Die Richtung der Raumzeit

14. Die Komplementarität von ARZ und diskreter Raumzeit
14.1. Ist die Ausdehnung unserer Welt bloßer Schein?
14.2. Das Pendant der Expansion
14.3. Der Casimir-Effekt
14.4. Dunkle Materie

15. Eine mathematische Welt?

16. Realprozesse
16.1. Pauli in neuem Licht
16.2. Gebrochene Symmetrie
16.3. Iterationshemmung durch Higgs-WiPro
16.4. Prozess und Materiewellen
16.5. Die Grenze zwischen quantenmechanischer und quasiklassischer Welt
16.6. Der Tunneleffekt
16.7. A watched pot never boils

17. Kosmologie
17.1. Menschliche Perspektiven und ihre Grenzen
17.2. Ein diskretes Universum
17.3. Das subjektive Weltbild

18. Ihre Welt liegt in Ihrer Verantwortung

19. non fingo?

20. Praktische Konsequenzen

Literaturverzeichnis

Internetnachweis

Bildnachweis

Einleitung

Welchen Einfluss hat Ihr Weltbild auf Ihr Leben?

Die Beschäftigung mit einem derartigen Thema ist alles andere als ein nebensächlicher Zeitver-treib für müßige Stunden am abendlichen Kaminfeuer. Jedes Lebewesen nimmt seine Welt durch einen eigenen einzigartigen und subjektiven Denkrahmen wahr. Auf den folgenden Seiten soll untersucht werden, inwiefern der Mensch dazu in der Lage ist, sein Weltbild zu hinterfragen und selbst zu bestimmen. Im Zuge dieser Gedanken streifen Sie, verehrter Leser, an Fragen vorbei, die Sie und Ihr Verhältnis zu der Welt betreffen. Inwiefern kann man der Welt Realität zuspre-chen? Kann man sich überhaupt ein objektives Bild von ihr machen?

Inwiefern orientieren Sie Ihr Weltbild an wissenschaftlichen Paradigmen? Erwin Schrödinger ist ein bedeutender Physiker. Gerade deswegen erstaunt es, dass er selbst die Erkenntnisse der Na-turwissenschaften für derartige Gedankengänge als weniger bedeutend erachtet. (vgl. Schrödinger, Erwin: Mein Leben, meine Weltansicht, 2007, 43f.) Es soll hier jedoch aufgezeigt werden, dass derarti-ge Positionen immer nur auf Meinungen beruhen, denen eine enorme metaphysische Gewich-tung zuzusprechen ist. Schließlich stellt sich die Frage inwiefern überhaupt einer menschlichen Aussage Wahrheit zugesprochen werden kann. Gibt es überhaupt so etwas wie Wahrheit in unse-rer Welt, eine absolut richtige Sicht auf die Dinge?

Die Naturwissenschaften haben mit ihren Erkenntnissen maßgeblichen Einfluss auf unser jewei-liges Weltbild – vielleicht sogar mehr, als es Schrödinger ahnt. Unsere grundlegenden Vorstellun-gen von uns und der Welt beruhen auf dem Wissen, welches große Wissenschaftler durch ihren Forscherdrang der Welt zugänglich gemacht haben. Doch welchen Status hat dieses Wissen? Wie sollen wir damit umgehen?

Ein Weltbild befasst sich wesentlich mit unserem Sein in Raum und Zeit. Hier wird die Entwick-lung dieser Gedanken anhand der sich entwickelnden physikalischen Paradigmen noch einmal durchlebt. Dabei wird sich eine bedeutende Umschichtung der Bedeutung von Raum und Zeit of-fenbaren. Das Sein hingegen scheint sich insbesondere in der Auseinandersetzung mit der Quan-tentheorie einem Abgrund zu nähern. Inwiefern ontologische Weltbilder heutzutage überhaupt noch vertretbar sind, soll sich abschließend zeigen. Als das Instrument der Wahl um derartige Fragen behandeln zu können, wird sich das des komplementären Denkens erweisen. Denn nur dort kann Einsicht erlangt werden, wo auch der Zwiespalt herrscht: In unserem Geist!

1. Weltbilder

Wenn Sie, verehrter Leser, Ihr Leben retrospektiv betrachten, dann erinnern Sie sich an Ihre Ver-gangenheit als eine Folge von Erfahrungen, die Sie zu gewissen Zeiten an gewissen Orten erlebt zu haben scheinen. Die Summe dieser Erfahrungen und Erlebnisse sitzt nun leibhaftig in Ihnen verkörpert in einem Raum und liest diese Zeilen. Doch was sind diese Erinnerungen? Können Sie räumlich und zeitlich zu ihnen zurückkehren und sie erneut erleben? Denken Sie, dass diese Erfahrungen objektiv seien?

Jegliche Handlung Ihrerseits, die Sie in Ihrem Leben getätigt haben, hat sie zu diesem heutigen Tag, dieser Stunde, dieser Minute und dieser Sekunde an genau diesen Ort geführt und dazu ver-anlasst, just in diesem Moment diesen Satz zu lesen. War dieser Werdegang Ihres Lebens vorher-bestimmt und determiniert? Folgte er zumindest einer kontinuierlichen Folge von kausalen Ver-knüpfungen?

Jede Handlung, mit der Sie in das Geschehen der Welt eingegriffen haben, jeder Gedanke, der in Ihrem Geist erschienen ist und jedes Wort, welches je über Ihre Lippen gekommen ist, beruht auf Ihrem Verständnis der Welt. Ihr Weltbild ist die Grundlage Ihres Werdeganges. Die Menschen, mit denen Sie sich heute umgeben, die gegenwärtige Gestaltung Ihres Lebens und die Einord-nung Ihres Lebens in das kosmische Ganze ist die Folge Ihres Weltbildes. Dieser Zusammenhang muss nicht unbedingt bewusst sein und doch beruht all unser Geschick auf diesem Bild.

Jedes Lebewesen besitzt ein solches Weltbild und die Beschränkung unseres eigenen Weltbildes lässt sich erkenntlich machen, wenn man den Rahmen des Weltbildes anderer Lebewesen be-trachtet. Der Antrieb der Insekten trotz scheinbarem Widerstand unvermindert gegen eine Glas-scheibe anzufliegen, da sie Helligkeit mit ihrem Verständnis von Freiheit gleichsetzen, lässt erah-nen, dass wir, die wir oft geneigt sind, ob eines solch beschränkt erscheinenden Verhaltens über das Insekt zu lächeln, ebensolchen Beschränkungen in der Gewahrwerdung unseres Verständnis-ses der Welt unterliegen. Bedenken wir den Frosch, der nur Bewegungen wahrnehmen kann. Selbst wenn er auf einem Haufen toter Fliegen sitzen würde, wäre er verdammt dazu, zu verhun-gern, da in seinem Weltbild Fliegen erst als real erscheinen, wenn sie sich als kleine sich bewe-gende Etwasse äußern. Grundlegend für ein Weltbild ist somit immer das Reale. Der Fliege ist die Glasscheibe nicht real, dem Frosch ist die tote Fliege nicht real. Zumindest erfahren sie diese nicht wie wir als reale Elemente. Doch was ist unsere Glasscheibe? Und was bedeutet überhaupt real?

1.1. Sie und die Welt

Nehmen wir einmal an, Sie sitzen gerade in einem Zimmer und beginnen nun dieses Kapitel zu lesen. Eventuell halten Sie einen Stift in der Hand oder in greifbarer Nähe, um sich im Bedarfs-fall Notizen zu machen. Es ist hell genug, um die einzelnen Wörter lesen zu können. Lassen Sie nun Ihren Blick vom Papier abschweifen und über die Dinge in ihrem Zimmer wandern, kurz bei emotiven Bildern und Fotografien verharren, mit denen der Mensch sich gerne umgibt und schlussendlich durch ein Fenster die Enge des Raumes verlassen. DrauBen verweilt Ihr Blick kurz auf einem Baum oder einem benachbarten Gebäude, dann löst er sich von den nah erschei-nenden Dingen der Umgebung und erhebt sich in die Weite des Himmels. Ist es bewölkt oder hat es bereits gedämmert?

Diese kleine Umschau mag trivial erscheinen und doch liegt in dieser Ihr gesamtes Weltbild ver-borgen: Die Wahrnehmung ihrer Umwelt, Gedanken und Empfindungen über Vergangenes, Mit-menschen, Ziele und das eigene Ich.

Dieses Zimmer, in dem Sie sich gerade befinden, soll den Rahmen für die vorliegende Arbeit darstellen. Bitte beachten Sie nicht bloB den Inhalt dieser Schrift, sondern vielmehr Ihre Umge-bung und wie im Laufe dieser Arbeit das Verständnis jener einen Wandel erfährt. Spüren Sie den Druck an den FüBen, der Rückseite der Oberschenkel, dem GesäB und dem Rücken, der durch die Sitzmöglichkeit hervorgerufen wird? Machen Sie sich bitte die Weite des Raumes und die Anordnung der Gegenstände in diesem bewusst! Empfinden Sie das Voranschreiten der Zeit mit jedem Pulsschlag, jedem Atemzug und jeder Sekunde auf der Uhr! Betrachten Sie die Farben und die Oberflächenbeschaffenheit der Dinge um sie herum! Befinden sich Geräusche in Ihrer Umgebung, Gerüche im Zimmer, die durch ein geöffnetes Fenster oder den Türspalt dringen? Ist es kalt oder doch eher angenehm warm? Umso fester Sie den Stift in der Hand halten, desto in-tensiver spüren Sie diesen. Wenn Ihnen der Stift aus der Hand fällt, dann fällt er hinunter. Betrachten Sie bitte erneut die soeben gelesenen Sätze! Bereits in der Form ihrer Darstellung äu-Bert sich eine bestimmte Weltsicht: der Stift, die Dinge, die Enge des Raumes, Druck an den Fü-Ben, das Voranschreiten der Zeit. Hinzu kommt die Verwendung des Substanz-Attribut-Sche-mas: die Farben und die Oberflächenbeschaffenheit der Dinge, Geräusche und Gerüche im Zim­mer, ist es kalt oder warm.

Die Verwendung dieser Begrifflichkeiten soll hier mit einem Weltbild in Konnotation gesetzt werden, welches als naiver Realismus bezeichnet wird. Diesem liegt eine Spaltung zwischen Subjekt und Objekt zugrunde, die in der Überschrift dieses Kapitels „Sie und die Welt“ bereits angekündigt worden ist. Diese Weltsicht beruht auf der Vorstellung einer Trennung des eigenen Selbst, des Subjekts von den Objekten, die die AuBenwelt um einen herum darstellen. Diese Objekte haben bestimmte Eigenschaften wie Farben, Gerüche, Greifbarkeit, Temperatur oder ihr Hinunterfallen. Das Subjekt kann all diese Objekte über seine Sinne wahrnehmen und erlangt so-mit eine objektive Ansicht der Realität. Raum und Zeit nehmen im naiven Realismus keine be-deutende Rolle ein. Sie sind einzig die Bühne der Welt, die überall und jederzeit gleich ist.

1.2. Eine objektive Welt?

Schließen Sie nun bitte die Augen und stellen Sie sich Ihr Zimmer in Ihrer Abwesenheit vor! All die Eigenschaften, die Sie soeben sinnlich wahrgenommen haben, erscheinen nun wieder rein objektiv als Eigenschaften der Realität des Zimmers und somit unabhängig von Ihnen. Diesem Gedankengang liegt eine Abstraktion zugrunde, in der das Subjekt außen vorgelassen wird. So wird eine objektive Welt geschaffen. Beachten Sie diese Schöpfung in den Aussagen Ihrer Mit-menschen oder auch in Ihren eigenen Gedanken: „Zwei plus zwei ist gleich vier.“ „ Es ist kalt.“ „Der Film ist langweilig.“ „Die Pizza ist ungenießbar.“ „Das Gemälde hat schöne Grüntöne.“ „Vier Bier sind ein Schnitzel.“ „ Das ist Diebstahl.“ „Jesus ist Gottes Sohn.“ „ Die Zeit verfließt gleichförmig.“ Die objektive Welt des naiven Realismus ist eine „ Das ist so“-Welt. Dabei wird von einem denkenden, sprechenden, empfindenden, rechnenden und somit bedeutungs- und strukturgebenden Subjekt abstrahiert. Es wird eine reale objektive Welt postuliert, indem man die Eindrücke, die jeder einzelne Mensch subjektiv hat, von seinen Wurzeln abschneidet. Dieser Schnitt führt ein Ideal des Menschen ein, welches Ursache vieler Konflikte geworden ist. Aus „Ich sehe das so!“ und „Ich sehe es aber nicht so, sondern so!“ wurde im naiven Realismus „Das ist so!“ und „Nein, es nicht so, sondern so!“

Indem vom Subjekt abstrahiert wird, entschwindet die Fehlbarkeit des menschlichen Denkens und an dessen Stelle tritt die objektive Wahrheit. Seitdem diese Wahrheit sprachlich formuliert werden kann, wird sie von vielen beansprucht. Religionen berufen sich auf die Wahrheit der Aus-sagen und Schriften, die ihren Glauben begründen und auch alle Rechtssysteme beruhen auf die-ser, denn jede objektive Aussage nimmt Wahrheit für sich in Anspruch. Auch liegt es im Wesen und in der Intention der Naturwissenschaften, objektives Wissen zu erarbeiten. Als Beleg für die Objektivität der Realität wird oft die Mathematik angeführt. Nun gibt es viele Autoren, insbeson-dere aus den Reihen des Konstruktivismus, aber auch Vertreter des Realismus sowie sogar Grö-ßen der modernen Physik, die diesen Aspekt der Objektivität bezweifeln. So stellt Erwin Schrö-dinger in seinem Werk Geist und Materie fest:

„Die Welt gibt es für mich nur einmal, nicht eine existierende und eine wahrgenom- mene Welt. Subjekt und Objekt sind nur eines. Man kann nicht sagen, die Schranke zwischen ihnen sei unter dem Ansturm neuester physikalischer Erfahrungen gefallen; denn diese Schranke gibt es gar nicht.“ (Schrödinger, Erwin: Geist und Materie, 1959, 38)

Es gibt viele Argumente, die auf den Erkenntnissen der QM beruhen sowie ebensolche aus dem Bereich der Erkenntnislehre, welche verständlich darstellen, dass das Postulat einer Objektivität in der Realität und in der Wahrnehmung in Frage gestellt werden muss. Diese Argumente werden im Zuge der Arbeit wieder und wieder Eingang finden. Hier soll jedoch ein gewichtigeres Argu­ment angebracht werden, welches nicht nur der Wahrnehmung und der Realität die Objektivität abspricht, sondern die Objektivität an sich und somit auch das Postulat einer absoluten Wahrheit demaskiert.

Zu diesem Zweck soll die Festung der Objektivität und der Wahrheit – die Mathematik - in ein neues Licht gestellt werden: Ist die Gleichung 2+2=4 objektiv wahr? - Nein, ist sie nicht! Sie erscheint uns nur objektiv wahr, da wir wissen, was diese Zeichen bedeuten. Zeigen wir diese Zeichen einem Menschen, der keinerlei mathematische Grundkenntnisse besitzt, so kann er da-mit nichts anfangen. Nun werden Sie einwenden, dass er halt die Bedeutung dieser Zeichen ler-nen müsse, um die objektive Wahrheit hinter dieser Gleichung erblicken zu können. Aber genau hier scheitert die Objektivität. Sollte eine objektive Wahrheit – wenn es sie gäbe - nicht sofort je-dem Subjekt klar werden? Ist es nicht vielmehr erst die Bedeutungsgebung, -vermittlung und -er-fahrung, die in uns den Anschein von Objektivität erweckt? Zeichen wie „2“, „+“ oder „=“ haben an sich keinerlei Bedeutung. Sie bekommen sie erst durch ein Subjekt wie ein Etikett angeheftet. In dem von Herbert Meschkowski herausgegebenen Sammelband Das Problem des Unendlichen liest man folgende Ansicht von Richard Dedekind:

„Die Zahlen sind freie Schöpfungen des menschlichen Geistes, sie dienen als ein Mittel, um die Verschiedenheit der Dinge leichter und schärfer aufzufassen.“ (Dede- kind, Richard: zitiert in Meschkowski, Herbert: Das Problem des Unendlichen. Mathematische und philosophische Texte von Bolzano, Guthberlet, Cantor, Dedekind , 1977, 132) Jeglicher Gedanke ist der eines Subjektes. Auch wenn ein Gedanke oder eine Gleichung von vie-len nachvollzogen und wiederholt werden kann, so ist dies noch lange kein Anzeichen von Ob-jektivität. Diese Vermittlung von Erkenntnissen beruht auf Intersubjektivität durch die Überein-kunft gleiche Zeichen mit gleichen Etiketten zu versehen. Stellen Sie sich bitte vor, Sie hätten durch ein Unglück Ihre gesamte mathematische Versiertheit verloren und würden nun ein mathe-matisches Fachbuch öffnen. Sie würden dort nur unverständliche Abfolgen von diversen Zeichen wahrnehmen. Ohne ein anderes Subjekt würden sie dort keine Ordnung mehr erkennen. Ähnli-che Ansichten vertritt auch Michael Guillen, indem er in seinem Buch Brücken ins Unendliche schreibt, „dass die Mathematik nur eine Erfindung der menschlichen Vorstellungskraft ist und nicht die zusammengetragenen universellen Wahrheiten, die auf dem gesunden Menschenver-stand beruhen.“ (Guillen, Michael: Brücken ins Unendliche. Die menschliche Seite der Mathematik 1984, 132) Die Forderung vieler Mathematiker ist die, dass die Ordnungen der Mathematik, die sich auf Ordnungen in der Welt übertragen lassen, objektiv wahr seien. Dies ist die Forderung, dass Ge-danken ohne einen Denkenden existieren. Der Gedankenfehler ist hier der der Pythagoreer, die das Sein mit der Zahl gleichsetzen und somit eine Ontologisierung ihrer eigenen Konstrukte durchführen.

Ähnlich wäre es, wenn man dem Wort „Rot“ die gleiche Realität wie der entsprechenden Farbe zusprechen würde. Pythagoreer blicken in einen Farbmalkasten, sehen die Farbe Rot und den Schriftzug „Rot“ und denken beides sei das Gleiche, dabei ist beides subjektiv und der Schrift-zug sogar nur ein intersubjektiv anerkanntes Etikett der Farbe. Es gibt sogar keinerlei Anhalts-punkte dafür, ob zwei Subjekte das Gleiche Rot sehen. Schließlich gibt es keine objektive Ver-gleichsmöglichkeit. Ein Vergleich wäre immer nur mit anderen Farben möglich:

Subjekt A: „Das Rot hier sieht aus, wie das Rot von dem Auto dahinten.“

Subjekt B: „Das sehe ich genau so. Somit sehen wir das gleiche Rot.“

Dabei sind diese Aussagen rein subjektiv. Subjekt B könnte das erste Rot als eine Farbe empfin-den, die Subjekt A als gelb empfindet. Wenn nun beide auf das Auto blicken, sehen beide ihr sub-jektives Verständnis von der Farbe bestätigt, welche im allgemeinen intersubjektiven Sprachkon-sens mit dem Etikett „Rot“ bedacht wird. Somit sieht jedes Subjekt sein eigenes Rot. Die Frage, wie nun Rot an sich aussehe beruht auf einem Widerspruch, der dem Glauben der Objektivität zu verdanken ist. Denn bereits die Frage nach einem Aussehen ohne einen Sehenden ist ein Wider-spruch in sich. Farben sind eine rein spezifische und subjektive Wahrnehmung eines Lebewe-sens.

Wenn Sie, verehrter Leser, sich nun erneut Ihr Zimmer in Ihrer Abwesenheit vorzustellen versu-chen, was Ihnen unter dem Deckmantel des naiven Realismus so einfach erschien, sind Sie nun auf dieser Stufe der Arbeit dazu angehalten, sich Ihr Zimmer ohne Farbe vorzustellen, da diese ein Konstrukt ihres Selbst ist. Nun wird bewusst, dass für den Menschen Farbe und Sehen auf ei-nem gemeinsamen Akt der Wahrnehmungsverarbeitung beruhen und somit ein objektives Sehen überhaupt nicht möglich ist. Ihr Zimmer dürfen Sie sich nun somit nicht farblos und dunkel vor-stellen, sondern eher wie ein von Geburt an Blinder. Dieser hätte einen Eindruck von Ihrem Zim­mer, wie Sie etwas hinter Ihrem Rücken wahrnehmen würden. Aspekte des Sehens haben hier keine Bedeutung. Nun wird klar, dass auch die Geräusche, die Wärme, die Gerüche, die Greif-barkeit der Dinge, der Druck am Boden und an der Sitzmöglichkeit alles subjektive Wahrneh-mungen sind, die in Ihrer Abwesenheit nicht gegeben sind. Das vorerst so plausibel erscheinende Weltbild auf der Grundlage des naiven Realismus, welches Sie als Subjekt von der objektiven Welt abgespalten hat und somit die Aussicht auf absolute Wahrheiten eröffnet, hat sich als ungenügend herausgestellt. Nun gibt es nur noch ihre Farben, ihren Fuß, ihre Temperatur und ihren Stift. Sie sind Ihre Welt. Hier wird die Verwendung des Subjekt-Objekt- sowie des Substanz-At-tribut-Schemas hinfällig. Auf Grundlage dieser Erkenntnis sollte jegliche Trennung von Subjekt und Objekt überwunden werden. Schließlich ist jede Aussage, die Objektivität postuliert, immer die Aussage eines Subjektes und somit unabhängig von diesem nicht möglich. Jeder Mensch der Objektivität postulieren möchte, müsste dies außerhalb seines eigenen subjektivens Denken be-werkstelligen. Doch dies ist nicht möglich.

1.3. Idealisierte Wahrheit

Trotz alledem sind Sie sich sicher, dass die Dinge in Ihrem Zimmer auch dort sind, wenn Sie sich gerade nicht in diesem aufhalten, dass das Universum und die Erde auch bereits existiert haben, bevor sie von einem Lebewesen erfahren worden sind. Sie sind sich sicher, dass diese Außenwelt existiert. Die Realität an sich ist es, die Sie zu erkennen trachten, nicht Ihre subjektive Wahrneh-mung dieser. Bernard d`Espagnat, formuliert dies in seinem Werk Auf der Suche nach dem Wirklichen folgendermaßen:

„Zu Beginn jedes wissenschaftlichen Unterfangens stellt man fundamentale Grund-forderungen, dass die Natur eine objektive Realität besitzt, die unabhängig ist von unseren Sinneswahrnehmungen oder von den Mitteln, mit denen wir sie untersuchen. Die Absicht der physikalischen Theorie ist es, einen verständlichen Rechenschaftsbericht über diese objektive Wirklichkeit zu geben.“ (d`Espagnat, Bernard: Auf der Suche nach dem Wirklichen. Aus der Sicht eines Physikers, 1983, 59) Nun befinden Sie sich in einem Dilemma, mit dem sich bereits Immanuel Kant konfrontiert sieht. Auch dieser große Königsberger Philosoph postuliert eine vom Subjekt unabhängige Reali-tät an sich, hat jedoch bereits den Irrtum des naiven Realismus erkannt und erarbeitet in seinem Werk Kritik der reinen Vernunft, dass der Mensch als Subjekt diese Realität immer nur als Er-scheinung wahrnehmen könne. (vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, 1983) Weiterhin kommt er jedoch zu dem Schluss, dass der forschende Mensch durch diese Erscheinungen auf Strukturen der dahinterliegenden Realität folgern könne. Somit erkennt er, dass es auf subjekti-ver Ebene des naiven Realismus keine absoluten Wahrheiten geben könne. Aber in der realen Welt außerhalb des Zusammenspiels von Subjekt und Objekt gebe es absolute Wahrheiten, denen man sich durch Forschung annähern könne. Diese Weltsicht des kritischen Realismus ist die Grundlage aller Naturwissenschaft, die eine sukzessive Annäherung an eine nicht erreichbare ab­solute Wahrheit in sich trägt. Es ist die Sehnsucht nach dieser Fackel, die die Forscher der Erde antreibt, wissend, dass sie sich bei jedem Versuch, dieses Feuer in ihre geistige Welt der Vorstel-lung zu tragen, verbrennen würden. Somit lässt sich hier ein Grundcharakter des wissenschaftlichen Wissens postulieren:

Synopsis

Jegliches naturwissenschaftlich erarbeitetes Wissen ist nie absolut. Es trägt den Cha-rakter des Übergangs in sich und ist immer nur eine weitere Stufe auf der Treppe Richtung absoluter nicht greifbarer Wahrheit im Sinne des kritischen Realismus. Die-se Wahrheit ist somit stets Ziel, doch nie Hafen.

Der Weg Richtung Wahrheit ist jedoch keiner, der die früheren Erkenntnisse bewahrt und auf diesen aufbaut. Erst die Falsifikation, die Widerlegung der jeweiligen Paradigmen ermöglicht ein Verständnis der Welt auf einer tiefer liegenden Ebene. Ein von Hugo von Hofmannsthal zitiertes Wort verdeutlicht diesen Charakter der fortschreitenden Erkenntnis durchaus passend:

„Da sinkt mein Kahn und sinkt zu neuen Meeren.“ (Hofmannsthal, Hugo von: zitiert in Zimmer, Ernst: Umsturz im Weltbild der Physik, 1961, 144)

Max Born beschreibt diesen Schritt vom naiven Realismus, den er einer Aussage von Werner Heisenberg zuschreibt, hin zum kritischen Realismus in Bezug auf die Naturgesetze in seinen Bemerkungen zur statistischen Deutung der Quantenmechanik:

„Die Auffassung HEISENBERGS ist wohl zutreffend, wenn man voraussetzt, dass die in dem Formalismus ausgedrückten Naturgesetze sich direkt auf die natürlichen Objekte beziehen. Diese Annahme scheint mir aber nicht notwendig. Vielmehr ist folgende Auffassung möglich. Die Naturgesetze beziehen sich auf unser Wissen über die Ob-jekte. Dieses Wissen ist jederzeit unvollständig und ungenau. Die sogenannten Natur-gesetze erlauben, aus dem Wissen über den Zustand zu einer Zeit Aussagen über das zu einer andern Zeit zu Erwartende zu machen.

Dies wird allen praktisch tätigen Naturforschern (und Ingenieuren) selbstverständlich erscheinen, ist aber vom philosophischen Standpunkte ein Wechsel der Einstellung, dessen Radikalität mir nur langsam bewusst geworden ist.“ (Born, Max: Bemerkungen zur statistischen Deutung der Quantenmechanik; Aufsatz in: Ausgewählte Abhandlungen, Band 2, 1963, 457)

Diese Erkenntnis ist ein bedeutender Schritt in Bezug auf den Umgang mit absoluten Wahrhei-ten. In Bezug auf die wissenschaftstheoretische Auffassung die Werner Heisenberg vertritt, muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass dieser selbst einen vergleichlichen kritischen Realismus wie Max Born vertritt:

„Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst.“ (Heisenberg, Werner: Das Naturbild der heutigen Physik, 1955, 18)

Dementsprechend hat ihn Max Born wohl eher bei einer Formulierung ertappt, die den großen Zwiespalt der modernen Physik verdeutlicht. Obwohl viele Forscher grundlegend kritisch gegen-über dem Realismus eingestellt sind, sehen sie sich dennoch mit einer Sprache und einem Sys­tem von Begrifflichkeiten konfrontiert, welche auf naivem Realismus beruhen. Ihnen, verehrter Leser, fallen sicher spontan viele Aussagen Ihrer Mitmenschen und auch von Ihnen selbst ein, in denen Sie für sich beanspruchen einen kleinen Funken der Wahrheit von Ihren Reisen in Gedan-kenexperimenten in unsere subjektive Welt mitzubringen. Hören Sie einmal genauer hin, wenn Naturwissenschaftler von ihren Entdeckungen berichten: „Das Elektron bewegt sich in der Ne-belkammer.“ „Die Gravitation zieht zwei Körper an.“ „Der Meteorit schlägt auf dem Jupiter ein.“ „Die Planeten des Sonnensystems bewegen sich auf bestimmten Bahnen um die Sonne.“ Somit gilt, dass auch wenn Naturwissenschaftler in ihrer Schule zu kritischen Realisten ausgebil-det werden (müssten), so formulieren sie ihre Erkenntnisse zumeist so, wie es ein naiver Realist machen würde, indem man vor jeden ihrer Sätze hinzufügen könnte: „Es ist so, dass...“. Dies kann bei weiterführenden Interpretationen zu großen Irrtümern führen, indem diese naiv realisti-schen Formulierungen unhinterfragt für bare Münze genommen werden. So entstehen die Pytha-goreer der Moderne und der Begriff des Objektes wird unhinterfragt übernommen und somit on-tologisiert. Auf diesem Wege verkommt der absolute Begriff des Ideals einer unumstößlichen Wahrheit zu einer von den jeweiligen Paradigmen abhängenden volatilen Geltung der Wahrheit. Hans Reichenbach formuliert dies folgendermaßen:

„Darum bedeutet Wahrheit für die Naturwissenschaft nicht Übereinstimmung mit dem Ding – das wäre eine unmögliche Forderung – sondern innere Widerspruchslo- sigkeit dieses Begriffssystems.“ (Kamlah, Andreas (Hrsg.); Reichenbach, Maria (Hrsg.): Hans Reichenbach. Gesammelte Werke. Band 3. Die philosophische Bedeutung der Relativitäts-theorie, 1979, 374)

Flüchtige Schatten treten an die Stelle des Lichtes der Wahrheit.

2. Klassische Mechanik

Betrachten Sie bitte erneut die soeben willkürlich angeführten Aussagen und Sie werden erken-nen, dass allen eine Bewegung zwischen Körpern zugrunde liegt. Diese Bewegungen werden durch Kräfte hervorgerufen. Dies ist die Welt der klassischen Mechanik. In der klassischen Me-chanik ist der Zustand eines Körpers durch seinen Ort und seinen Impuls definiert.

Der Impuls ist das Produkt aus der Masse und der Geschwindigkeit eines Körpers. Zusätzlich findet eine Idealisierung des Körpers statt, indem er mit seiner Masse gleichgesetzt und zu ei-nem Massenpunkt abstrahiert wird. Sein Volumen und seine Form werden dabei vernachlässigt. Somit ist die Welt der klassischen Mechanik eine Welt von Massenpunkten, die Kräfte aufeinan-der ausüben. Indem ein Physiker den Zustand eines solchen Massenpunktes zu einem bestimm-ten Zeitpunkt kennt und auch die Kräfte, die auf ihn einwirken, kann er die Bewegung dieses Massenpunktes im Raum vorwärts und rückwärts bis in alle Ewigkeit berechnen. Die Zeit ist hier nur eine Bewegungsgröße, die in den Gleichungen der klassischen Mechanik invariant gegen-über ihrer Umkehr ist: t → - t. Somit ist ein Körper durch seinen Zustand in Raum und Zeit ver-ankert und seine Bewegung auf seiner „Weltbahn“ ist durch Raumkoordinaten vollständig er-fasst und determiniert. Derartige Weltbahnen werden als Trajektorien bezeichnet. Diese Welt-sicht birgt schwerwiegende Implikationen in sich.

2.1. Kontinuierlichkeit

Die Bewegung eines Massenpunktes auf einer Trajektorie impliziert, dass diese Bewegung konti-nuierlich erfolgt. In diesem Sinne können Zeit und Raum kontinuierlich und absolut aufgefasst werden, so wie es bereits bei Newton und im naiven Realismus geschehen ist:

„I. Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand. Sie wird so auch mit dem Namen: Dauer belegt. (...)
II. Der absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich. (...)
III. Der Ort ist ein Teil des Raumes, welchen ein Körper einnimmt, und, nach Ver-hältnis des Raumes, entweder absolut oder relativ. (...)
IV. Die absolute Bewegung ist die Übertragung des Körpers von einem absoluten Orte nach einem anderen absoluten Orte; die relative Bewegung die Übertragung von einem relativen Orte nach einem andern relativen Orte.“ (Newton, Isaac: Mathematische Prinzipien der Naturlehre, 1963, 25)

Die mathematische Grundlage zu dieser Kontinuierlichkeit ist die Infinitesimalrechnung. (vgl. Laugwitz, Detlef: Zahlen und Kontinuum. Eine Einführung in die Infinitesimalmathematik, 1986)

2.2. Reversibilität

Indem die Zeit nur eine Bewegungsgröße ist, die einem Massenpunkt die Koordinaten seiner Trajektorie zuschreibt, tritt das uns bekannte Vergehen der Zeit nicht auf. Die Zeit ist reversibel, indem die Trajektorie des Massenpunktes uns das Sein des Körpers und all seine Bewegung vor-wärts und rückwärts bis ins Infinitesimale auf einen Blick aufzeigen kann. Das Vergehen der Zeit scheint nur eine Illusion aus menschlicher Sicht zu sein. Zumindest wenn man diesen Aspekt der klassischen Dynamik auf die Realität überträgt und als absolute Wahrheit anerkennt. Eine derar-tige Übernahme trägt die Handschrift des naiven Realismus und führt zu den folgenden metaphy-sische Weltsichten.

2.2.1. Ontologie

Indem ein Körper zu einem Massenpunkt, dessen Trajektorie im Koordinatensystem darstellbar wird, idealisiert ist, wird postuliert, dass die einzige Veränderung der Körper in der Welt ihre Be-wegung auf ihrer Trajektorie sei. Jegliche Veränderung des Körpers selbst, eine Umwandlung, ein Enstehen und Vergehen sind hier nicht gegeben. Lediglich das Sein, nicht das Werden des Körpers sei somit real. Die daraus folgende Weltsicht ist die der Ontologie, die einzig das Sein im Sinne einer Substanzmetaphysik als oberstes Prinzip der Welt postuliert.

Ilya Prigogine behandelt in seinem Werk Vom Sein zum Werden diesen Gedankengang und zeigt eine weitere metaphysische Position auf, die sich aus der klassischen Dynamik entwickelt:

„Das Bild einer stabilen Welt, einer Welt, die dem Prozess des Werdens sich entzieht, ist bis heute das Ideal der theoretischen Physik geblieben. Die Dynamik eines New­ton, vervollständigt durch seine großen Nachfolger, wie etwa Laplace, Lagrange und Hamilton schien ein geschlossenes Universalsystem zu bilden, das auf jede Frage eine Antwort hatte.“ (Prigogine, Ilya: Vom Sein zum Werden. Zeit und Komplexität in den Na-turwissenschaften, 1979, 25)

2.2.2. Determinismus

Prigogine weist in diesem Zitat darauf hin, dass in diesem Weltsystem der Trajektorien, in dem die Körper nur durch Druck, Zug und Stoß Kräfte aufeinander ausüben und sich somit in ihrer Bewegung gegenseitig beeinflussen, eine strenge Notwendigkeit herrscht. In dieser Billardwelt ist das Kausalgesetz oberste Maxime. Jede Veränderung der Bewegung eines Körpers sei eine Wirkung, die in der Wechselwirkung mit einem anderen Körper ihre Ursache habe. Da sich die Entwicklung der Zeit als Illusion herausgestellt habe und jeder Körper durch seine Trajektorie bestimmt sei, so sei auch die gesamte Welt als geschlossenes System vollständig durch das Wechselwirkungsspiel aller Trajektorien bestimmt und somit determiniert.

Diese Weltsicht des Determinismus erzielt wohl einen seiner größten Triumphe, indem Leverrier 1845/46 einzig auf der Grundlage der klassischen Dynamik die Existenz eines bisher empirisch nicht beobachteten Planeten aus den Unregelmäßigkeiten in der Bewegung des Uranus berech-nen kann. Der Berliner Astronom Galle entdeckt auf der Grundlage dieser Berechnung bereits in der ersten Nacht der Suche diesen Planeten, der fortan den Namen Neptun trägt. (vgl. Zimmer: Umsturz im Weltbild der Physik, 1961, 27) Der von 1749 bis 1827 lebende Mathematiker und Astro-nom Pierre-Simon (Marquis de) Laplace entwirft 1814 ein diesem Zeitgeist entsprechendes Ge-dankenexperiment, welches er in dem Vorwort seines Essai philosophique sur les probabilités darstellt:

„Ein Geist, der für einen Augenblick alle Kräfte kennte, welche die Natur beleben, und die gegenseitige Lage aller Wesenheiten, aus denen sie besteht, müßte, wenn er umfassend genug wäre, um alle diese Daten der mathematischen Analyse unterwer-fen zu können, in derselben Formel die Bewegung der größten Himmelskörper und des leichtesten Atoms begreifen, nichts wäre ungewiß für ihn, und Zukunft wie Ver-gangenheit läge seinem Auge offen dar.“ (Laplace, Pierre-Simon; zitiert in: Zimmer, Ernst: Umsturz im Weltbild der Physik, 1961, 27)

Der Laplacesche Dämon, wenn es ihn gäbe und er alle gegebenen Zustände kennen würde, müsste auch alle seine eigenen Zustände kennen, da er ja schließlich die Welt nur durch eine Wechselwirkung mit dieser erfahren könnte und somit notwendigerweise ebenfalls ein Teil der Welt sein müsste. In diesem Sinne müsste er, wissender als er selbst sein, da er ja zu einem derar-tigen Akt ein außenstehender Beobachter seiner selbst sein müsste. Schließlich ist es nicht mög-lich, ein System zu verstehen, wenn man selbst Teil des Systems ist, da jeder Akt des Verstehens bereits wieder das System verändern würde. In diesem Sinne widerlegt sich der Laplacesche Dä-mon selbst, da er in jedem Fall seiner Zustandsbestimmung der Welt spätestens an sich selbst scheitern würde. Somit erweist sich nicht nur der Determinismus als unvollständig; auch die All-gemeingültigkeit einer Objektivität lässt sich so ad absurdum führen. Eine Zustandserfassung ist immer eine Erfassung aus Sicht eines denkenden Lebewesens und in diesem Sinne nicht von ei-nem Subjekt zu trennen. Spätestens an dem Zeitpunkt, an dem dieses denkende Lebewesen seine eigenen Zustände bestimmen möchte, wird es die Unmöglichkeit der Objektivität feststellen, denn um sich selbst objektiv erfassen zu können, müsste es klüger, als es selbst sein. Dies ist un-möglich und doch begegnet uns diese „Das ist so“-Welt, in der jedermann allzugerne die Verant-wortung seiner Subjektivität von sich weist, alltäglich.

3. Intersubjektivität

Stellen Sie sich bitte nun aus Sicht einer fiktiven Betrachterperspektive selbst vor, wie Sie gerade in Ihrem Zimmer sitzen und lesen. Sehen Sie, wie Sie angezogen sind, wie Sie atmen, den Stift festhalten und in die Gesamtkomposition des Raumes eingehen. Versuchen Sie sich rein „objek-tiv“ vorzustellen. Was für einen Eindruck würden sie wohl auf einen völlig Unbekannten ma-chen? Wie würden Sie sich aus Sicht Ihrer Sekretärin, Ihres Arbeitskollegen, Ihrer Frau oder Ih-res Freundes vorstellen?

Wenn man all diesen Menschen ein Bild von Ihnen zeigen würden, dann würden alle aussagen, dass Sie das auf diesem Bild seien. In diesem Sinne erscheint Ihre Existenz rein objektiv gege-ben und sogar experimentell bestätigt. Doch was bedeutet hier „objektiv“? Jeder der soeben auf-gezählten Menschen hat Sie an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Perspektiven verschiedenen erlebt und empfindet verschieden für oder gegen Sie. Diese Men-schen können Sie scheinbar nicht so „objektiv“ sehen, wie Sie selbst aus Ihrer fiktiven „objekti-ven“ Perspektive. Doch wessen Perspektive ist dies? Ihr „objektiver“ Eigenbeobachter ist nur eine subjektive Projektion ihrer eigenen Vorstellung von Ihnen selbst. Und was könnte in Bezug auf sich selbst subjektiver sein, als das eigene Subjekt? Was verbleibt nun jedoch als das objektiv Gegebene an Ihrer Person? Ist es Ihr Name?

Jeder Mensch und auch Sie selbst werden Ihren Namen jedoch jedesmal anders aussprechen, be-tonen, niederschreiben und diverses dabei empfinden. Auch Ihr Name ist rein objektiv nicht ge-geben. Es ist immer der Name eines Subjektes, der von anderen Subjekten mit Konnotationen behaftet ist und verschieden gedacht und vertont wird. Wenn Ihr Name weder gedacht und ge-sprochen, noch niedergeschrieben wäre, was wäre er dann? - Er wäre in der Welt nicht gegeben. Dieses Nicht-Gegebensein in der Welt verwechseln viele mit Objektivität. Jeder Mensch der aus-spricht, dass er Sie kenne, kennt nicht Sie, sondern seine eigene Vorstellung von Ihnen. Sie selbst kennen sich ebenfalls nicht, da Sie zu diesem Zwecke auf Ihren fiktiven „objektiven“ Beobachter zurückgreifen müssten, der mehr über Sie wissen müsste, als Sie selbst. Da Sie selbst jedoch der Urheber dieses Beobachters sind, widerspricht sich dies. Somit kennen Sie selbst nur Ihre Vor-stellung von sich selbst. Wenn Sie mit all den Menschen, die Sie mit Namen kennen, in einer rie-sigen Halle versammelt wären und über Lautsprecher derartige Schallwellen erzeugt würden, dass diese in den Ohren all der Anwesenden eine wiederum subjektive Vorstellung Ihres Namens enstehen ließe, dann würden alle mit dem Finger auf Sie zeigen. Diese Handlung beweist jedoch keineswegs Objektivität. Sie beruht einzig und allein auf einem Akt der Intersubjektivität. Schließlich ist es keinem der Anwesenden möglich, seine Vorstellung von Ihnen mit der eines anderen zu vergleichen. Indem die Anwesenden im Diskurs versuchen ein „objektives“ Bild von Ihnen zu entwerfen, vergleichen sie immer nur ihre jeweils eigene Vorstellung mit ihrer jeweils eigenen Vorstellung. Denn mehr, als die jeweils eigene Vorstellung von Ihnen, haben all diese Leute nicht zur Verfügung. Indem die Anwesenden nun ihre jeweils eigene Vorstellungen von Ih-nen disputieren, vollzieht sich keine Objektivierung, sondern nur eine Angleichung von intersub-jektiven Vorstellungen. Desweiteren sind die Schallwellen von den Lautsprechern ebenfalls nicht objektiv beschreibbar. Auch wenn viele Wissenschaftler behaupten würden, dass der Schall auf simplen und objektiv leicht nachvollziehbaren sich wellenartig und adiabatisch ausbreitenden Druckschwankungen innerhalb eines Mediums beruhe, ist diese Aussage jedoch nur eine frag-mentarische und intersubjektivierbare Vorstellung eines Menschen. Schließlich kann nicht erklärt werden, was diese „Energie“ wirklich sei, auf der diese Druckschwankungen beruhen und auch eine mikroskopisch genaue Zustandsklärung des jeweiligen Mediums ist derzeit nicht gegeben und in Bezug auf die später zu behandelnde Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation wird sich zeigen, dass dies im Detail nicht einmal möglich ist. In diesem Sinne von objektiver Wahrheit zu reden, beruht auf einer beständigen Selbsttäuschung, welche sich noch stärker in Bezug auf die scheinbar „objektive“ Erklärung unserer Wahrnehmung von Schall offenbart.

Was bedeutet denn „hören“? All unsere Empfindungen von der Außenwelt beruhen auf einer Ver-mittlung von qualitativ gleichen elektrischen Impulsen in unserem zentralen Nervensystem. Er-staunlich, wie in unserem Geist so eine Welt entsteht, die wir in Bilder, Töne, Gerüche, Ge-schmäcker und Tastgefühle aufteilen. Doch diese Bilder, usw. und diese Aufteilung gibt es in der Welt „objektiv“ nicht. Diese Welt ist unsere subjektive Vorstellung. Objektivität gibt es nicht! Der Glaube an eine objektive Welt beruht auf dem Glauben an einen jeweils eigenen fiktiven „objektiven“ Beobachter, der mehr weiß, als man selbst. Es wäre übrigens auch nur dieser außen-stehende fiktive Beobachter, der dazu fähig wäre, uns eine Wahrheit zuzuflüstern. Eine Wahrheit, die nun als Illusion erkenntlich wird. Es ist für die Naturwissenschaftler und die Philosophen von enormer Bedeutung, diese Geister auszutreiben und die Verantwortung für die eigenen Gedanken zu übernehmen! Erst in einer „Ich sehe das so!“-Welt ist ein fruchtbarer Diskurs möglich, der nicht zu einer Verteidigung scheinbar objektiver Wahrheiten verkommt, sondern vielmehr die Fallibilität jeglichen Wissens als Wert anerkennt, der es ermöglicht, Andersdenkende als Berei-cherung und nicht als Kontrahenten anzusehen. Grundlegende Konflikte auf unserem Planeten beruhen auf dem Glauben an eine objektive Wahrheit – und die Betonung liegt hier bewusst auf dem Begriff „Glaube“. Eine objektive Wahrheit kann man nicht wissen, da es sie nicht gibt – glauben kann man dennoch an sie. Während unzählige Anhänger der tausenden von Religionen auf unserem Planeten glauben, sie selbst würden die absolute objektive Wahrheit über die Welt verkünden und alle Anhänger anderer Religionen befänden sich im Irrtum, beweisen z.B. Wis-senschaftler verschiedener Nationen, dass sie gemeinsam an Projekten wie der Raumfahrt arbei-ten können, ebenso wie Sportler aus aller Welt gemeinsam an den Olympische Spielen teilneh-men können. Zu glauben, dass eine derzeitige wissenschaftliche Aussage eine objektive Wahr-heit verkörpere gleicht dem Glauben, dass eine derzeitige sportliche Leistung eines Menschen eine absolute Leistungsgrenze für die Menschen insgesamt darstelle. Die sportlichen Leistungen verbessern sich im Zuge der Entwicklung der Menschheit ebenso sukzessive, wie die Erkenntnis-se der Wissenschaft. Sportler verfallen jedoch nicht in den Glauben, dass es absolute Leistungs-grenzen gebe, geschweige denn, dass es objektive Leistungsgrenzen ohne einen Leistenden gebe. Jede Leistung ist immer die Leistung eines Menschen; dies gilt auch in der Wissenschaft. An dem Punkt jedoch, an dem der Glaube die Bühne des Schaffens betritt, verkommt die Wissen-schaft zur Religion. Dann weiß der religiös orientierte Mensch, was er glaubt und der wissen-schaftlich orientierte Mensch glaubt, was er weiß. Im Bilde des Sportlers entstehen dann Kon-flikte, die dazu führen, dass die derzeitigen Leistungsgrenzen verbal angegriffen und verteidigt werden, das eigentliche Schaffen, der Sport wird dadurch jedoch gehemmt oder ganz eingestellt. Damit eine Wissenschaft wirklich Wissen schaffen kann, muss sie die volatile Verwendung des Begriffs „Wahrheit“ vollständig aus ihrem Repertoire streichen.

4. Gödel und die Unvollständigkeit

Wissenschaftliche Systeme streben eine innere Widerspruchslosigkeit an, um einen möglichst konsistenten Charakter aufweisen zu können. In der Physik wird diese Widerspruchslosigkeit durch eine mathematische Formalisierung angestrebt.

Der Mathematiker Kurt Gödel hat einen nach ihm benannten Unvollständigkeitssatz aufgestellt, nach dem es in jedem beliebigen System immer eine Annahme gibt, die sich nicht innerhalb des Systems selbst beweisen lässt. (vgl. Nagel, Ernest; Newman, James R.: Der Gödelsche Beweis, 1987) Holger Lyre fasst dies in der Synopsis 1.33 seiner Quantentheorie der Information folgenderma-ßen zusammen:

„Jegliche Semantik setzt bereits Semantik voraus, dies ist die unvermeidliche inhä- rente Zirkularität des Informationsbegriffes.“ (Lyre, Holger: Quantentheorie der Informati- on. Zur Naturphilosophie der Theorie der Ur-Alternativen und einer abstrakten Theorie der Infor­mation, 1998, 65)

Lyre beschränkt seinen Gedankengang zwar auf die Bedeutung von Informationen, doch wir sind bereits bei der Überprüfung der Objektivität der Mathematik zu dem Schluss gekommen, dass es immer nur Bedeutung von Subjekten für Subjekten geben kann. In diesem Sinne kann der Ma-thematik und auch den Informationen keine objektive Realität unabhängig von Subjekten zuge-sprochen werden. Falls Außerirdische je die 1972 hergestellten Plaketten, die an den interstella-ren Pioneer Sonden 10 und 11 angebracht sind, die 1977 mit Voyager 1 und 2 gestarteten golde-nen „Sounds of Earth“ Datenplatten oder die am 16. November 1974 gesendete Arecibo-Bot-schaft, die im Rahmen diverser SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) – Projekte irdische Informationen an fremde Lebensformen übermitteln sollen, wahrnehmen, dann beruht die einzi-ge Möglichkeit einer interstellaren Informationsübertragung auf Intersubjektivität. Die Informa-tionen sind auf ihrem langen Weg nicht objektiv auf ihren Datenträgern vorhanden. Vorhanden sind nur subjektiv angeordnete Strukturen von Materie. Erst eine ähnliche Intelligenz einer Le-bensform, der ähnliche Denkstrukturen zugrunde liegen, kann diese materiellen Anordnungen als Informationen subjektiv wahrnehmen. So müssen sie z.B. der optischen Wahrnehmung mächtig sein, um überhaupt die Bilder auf den Plaketten visuell wahrnehmen zu können. Falls sie kein entsprechendes Intelligenzniveau erreicht haben, werden sie in den Daten jedoch nicht mehr er-kennen, als ein Deutscher Schäferhund im Neuen Testament. Eine Informationsübertragung setzt somit immer eine Permanenz der materiell angeordneten Strukturen und eine Intersubjektivität von Wahrnehmungsfähigkeiten voraus und nicht eine Objektivität der Informationen an sich. Deswegen mag es uns erlaubt sein, die von Lyre beschriebene semantische Zirkularität ebenfalls auf formale Systeme zu übertragen. John D. Barrow schreibt in seinem Buch Die Entdeckung des Unmöglichen:

„Gödel beweist folgendes: Wenn ein formales System

1. endlich spezifiziert ist,
2. umfassend genug ist, um die Arithmetik einzuschließen, und
3. widerspruchsfrei ist, dann ist es unvollständig.“ (Barrow, John D.: Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens, 1999, 326)

Gödel hat genau diese jedem System notwendig inhärente Unvollständigkeit mathematisch nach-gewiesen. Marcus du Sautoy fasst Gödels Erkenntnis in seinem Werk Die Musik der Primzahlen folgendermaßen zusammen:

„Es kann widerspruchsfreie Theorien geben, aber man kann innerhalb dieser Theorie nicht beweisen, dass es keine Widersprüche gibt.

Man kann lediglich die Konsistenz von einem anderen System aus beweisen, dessen Konsistenz dann in Frage steht. Es mutet geradezu ironisch an, dass man mit Hilfe der Mathematik beweisen kann, dass die Kraft des Beweises selbst begrenzt ist.“

(Sautoy, Marcus du: Die Musik der Primzahlen. Auf den Spuren des größten Rätsels der Mathe-matik, 2004, 224)

Dies bedeutet, dass jedes wissenschaftliche System immer nur auf begrifflichen Paraphernalien beruht, welche nicht aus sich selbst heraus begründet werden können. Es wäre notwendig, auf eine höhere begriffliche Ebene zu wechseln, um die jeweiligen Begriffe fassen zu können. Doch dies hätte einen infiniten Regress zur Folge, da diese Ebene zur ihrer begrifflichen Klärung wie-derum einer höheren Ebene bedürfe. Daraus folgt jedoch nicht unbedingt das Postulat des kriti-schen Realismus einer unerreichbaren Wahrheit, sondern erst einmal folgende Erkenntnis, die Roger Penrose in seinem Werk Schatten des Geistes darstellt:

„Gödels Satz spricht nicht zugunsten unzugänglicher mathematischer Wahrheiten.
Was er tatsächlich aussagt, ist, dass menschliche Einsicht jenseits von formalen Be- weisen und berechenbaren Verfahren liegt.“ (Penrose, Roger: Schatten des Geistes. Wege zu einer neuen Physik des Bewusstseins,1996, 526)

Penrose mag seine Formulierung in Bezug auf eine Kritik der KI (Künstlichen Intelligenz) tref-fen. Dennoch kann sie auch dahingehend verstanden werden, dass das Zutreffen des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes belegt, dass kein formales wissenschaftliches System, welches (inter)subjektiv durch menschliche Einsicht geschaffen worden ist, einer absoluten Wahrheit ent-sprechen kann. Eine solche absolute Wahrheit müsste alles, die gesamte Welt umfassen und für immer von Bestand sein. Da jeder menschliche Gedanke bereits abstrahierend und somit tren-nenden Charakters ist, kann es keine absolut allumfassende Wahrheit für den Menschen geben. Jegliches Festhalten an volatilen Wahrheiten führt das Wissen schaffende Subjekt in den Glauben hinein und aus seiner Produktivität des Nichtwissens heraus.

Die Vergänglichkeit jeglichen Wissens ist die Grundlage aller Wissenschaft. Wenn es keine Ver-gänglichkeit des bestehenden Wissens gäbe, dann könnte es auch keine fortschreitende Entwick-lung desselben geben. Bernulf Kanitscheider erweitert diesen Grundsatz in seinem Artikel Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen:

„In der Wissenschaft gilt die Überzeugung, (...), dass nichts, absolut nichts sicher ist und wir niemals bei der Erklärung der Welt auf etwas Außerweltliches Bezug nehmen dürfen.“ (Kanitscheider, Bernulf: Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen; Artikel in: Spektrum der Wissenschaft, November 1999, 81)

Die notwendige Beschränkung auf das Innerweltliche und die Erkenntnis des Gödelschen Un-vollständigkeitssatzes, dass man das Innerweltliche nicht aus sich selbst heraus vollständig erklä-ren könne, vernichtet den absoluten Wahrheitsanspruch jedes weltlichen Lebewesens. Goethe hat dies in seinem Werk Faust in trefflicher Weise umschrieben:

„MEPHISTOPHELES:

Es ist gewiß das Erst in Eurem Leben,

Daß Ihr falsch Zeugnis abgelegt.

Habt Ihr von Gott, der Welt, und was sich drinne regt,

Vom Menschen, und was ihm in Kopf und Herzen schlägt,

Definitionen nicht mit großer Kraft gegeben?

Und habt davon in Geist und Brust

So viel als von Herrn Schwerdleins Tod gewußt.“

(Goethe: Faust (in ursprünglicher Gestalt). Faust. Anthologie einer deutschen Legende, 2006,

4015; [vgl. Goethe-HA Bd. 3, 398f.] http://www.digitale-bibliothek.de/band120.htm)

Da die absolute für ein Subjekt nicht zu erreichende und somit objektive Wahrheit ebensowenig in der Welt gegeben sein kann, wie andere scheinbar objektive Begriffe mit Bedeutung, kann die fortschreitende Wissensentwicklung nicht zu einer objektiven und absoluten Wahrheit über die Realität tendieren, sondern nur eine immer bessere, intersubjektiv nachvollziehbare Beschrei-bung der Welt erarbeiten.

Synopsis

Wahrheit ist ein menschliches Ideal des naiven und kritischen Realismus. Der Mensch kann das Universum nicht mit seinen Begriffen belegen und dabei postulie-ren, dass es den Inhalt dieser Begriffe objektiv und ohne ein zugrundeliegendes Sub-jekt geben könne! Wahrheit ist im Universum ebenso wenig gegeben wie Liebe oder Gerechtigkeit. In diesem Sinne ist Wahrheit ein menschliches Ideal, welches aus int-rinsischen Bestrebungen generiert wurde und somit extrinsisch nicht gegeben sein kann. Auf dieser Grundlage findet der gesamte Begriff „Wahrheit“ insbesondere in seiner volatilen Verwendung in der Welt keine Entsprechung und sollte in der Wis-senschaft nicht mehr verwendet werden, da er den Glauben in diese einführt.

5. Präsuppositionen der klassischen Mechanik

Aus der Formulierung des Laplace und der Position des Determinismus lassen sich verschiedene Implikationen herauskristallisieren, die bereits präsupponiert – stillschweigend vorausgesetzt – werden. Oft lassen sich aus den Präsuppositionen in naturwissenschaftlichen und philosophi-schen Aussagen mehr über die Weltsicht des Autors erfahren, als aus dessen Aussage selbst.

5.1. Gleichzeitigkeit

Im absoluten Koordinatensystem der klassischen Dynamik durch welches jede Trajektorie ver-läuft kann allen Körper zu jedem Zeitpunkt gleichzeitig ein bestimmter Ort zugesprochen wer-den. Dies ist der „Augenblick“, den Laplace als selbstverständlich in seinen Gedankengängen präsupponiert und der noch auf dem Raum und Zeit-Verständnis des naiven Realismus beruht.

5.2. Materie

Laplace präsupponiert desweiteren die Gleichartigkeit und Teilbarkeit aller Körper, indem er „in derselben Formel die Bewegung der größten Himmelskörper und des leichtesten Atoms begrei-fen“ möchte. (Laplace, Pierre-Simon; zitiert in: Zimmer, Ernst: Umsturz im Weltbild der Physik, 1961, 27) Er setzt voraus, dass die Billardkugeln selbst aus kleineren Billardkugeln zusammengesetzt sind, die gleichen Gesetzen auf ihren Trajektorien folgen und durch ihren Zustand ebenso greifbar sind. Die Vorstellung durch Billardkugeln beruht auf einer Ontologisierung der Massenpunkte, die bis in die heutige Teilchenphysik übernommen wird:

„Statt Massenpunkt werden wir oft Teilchen sagen.“ (Landau, L.D.; Lifschitz, E.M.:

Lehrbuch der theoretischen Physik I. Mechanik, 1987, 1)

5.3. Der Griff nach dem Feuer

Durch die Erfolge des klassischen Mechanik benebelt verfallen große Naturwissenschaftler in den naiven Realismus zurück, ontologisieren ihre Erkenntnisse und sehen bereits das Feuer der absoluten Wahrheit in greifbarer Nähe. Hermann von Helmholtz formuliert:

„Das Ziel aller Naturwissenschaft ist, sich in Mechanik aufzulösen.“ (Helmholtz, Her­mann von; zitiert in Zimmer, Ernst: Umsturz im Weltbild der Physik, 1961, 23)

Droht uns der Rückfall in die „Das ist so“-Welt des naiven Realismus?

6. Klassische Welten

Stellen Sie, verehrter Leser, sich nun bitte Ihr Zimmer aus Sicht der klassischen Mechanik auf der Grundlage des kritischen Realismus vor. Sie wissen, dass ihre Vorstellung von dem Zimmer auf Ihrer subjektiven Wahrnehmung beruht, dass aber hinter diesen Erscheinungen ein nicht greifbares Sein an sich ruht. Ihr Körper verläuft Ihr gesamtes Leben lang auf seiner gleichförmi-gen und kontinuierlichen Trajektorie im Koordinatensystem von Raum und Zeit. Ihr gesamtes Denken, Handeln und Sein basiert auf Wechselwirkungen in Ihrer scheinbaren Vergangenheit mit anderen Körpern in dem abgeschlossenen System des Universums. Sie sehen das Bild an der Wand, weil die kleinen Licht teilchen auf ihrer Trajektorie von der Sonne oder der Lampe von den Teilchen, aus denen das Bild besteht, reflektiert werden und so zu den Teilchen gelangen, aus denen ihre Augen bestehen. Ihr Stift fällt zu Boden, weil er von der Schwer kraft, die zwischen zwei Massenpunkten wirkt, beeinflusst wird. Wenn der Tennisball des Nachbarjungen in der scheinbaren Zukunft durch Ihre Scheibe fliegen wird, werden Sie nicht mehr böse sein. Schließ-lich hat er es ja nicht mutwillig getan. Es war so vorherbestimmt.

Unser gesamtes Rechtssystem muss nun auf eine andere Grundlage gestellt werden. Warum soll-te man Menschen bestrafen für Handlungen, zu denen sie die äußeren Umstände gezwungen ha-ben?

Es wird hier deutlich, dass trotz des Ideals des kritischen Realismus die Subjekt-Objekt-Spaltung in der klassischen Physik überlebt, zu neuer Blüte gefunden hat und munter weiter absolute Wahrheiten formuliert werden, die in entsprechende metaphysische Weltsichten münden. Das Argument der Verteidigung von Seiten der klassischen Mechanik lautet, dass sie in ihrer Disziplin von allen Erscheinungen absehe und somit den Fallstrick des naiven Realismus außen vor lasse. Dies trifft auch zu. Aber welchen Weg wählen ihre Protagonisten, wenn sie die Realität der Außenwelt zu erforschen glauben?

6.1 Die abstrakte Welt

Indem die Vertreter der klassischen Mechanik materielle Körper zu Massenpunkten auf Trajekto-rien idealisieren, sagen sie nicht aus, was sie sind, sondern nur, dass sie sind, wo sie sind. Das gesamte Wesen eines Körpers, seine Identität wird als Erscheinung abgetan und von seinem Sein, seiner Entität getrennt. Dies ist eine Reaktion auf den kritischen Realismus, deren Wurzeln bis in die Antike Philosophie zurückreichen. Dort hat bereits Aristoteles die materiellen Körper in ihre Substanz und ihre Form unterteilt. Doch welche Legitimation hat solch ein Schnitt? Was ist Ihr Stift ohne sein Wesen des Stiftes? Descartes trennt den Körper (res extensa) von dem Geist (res cogitans) in seinem strikten Dualismus. Es mag uns leicht fallen, uns einen Körper ohne Geist vorzustellen. Aber können wir uns den Geist ohne seinen Körper vorstellen? Wo wird die-ser Schnitt angesetzt?

Der Schnitt findet im Denken des Subjekts statt! Der Mensch kreiert die Begriffe der Substanz und der Form und fällt zugleich dem Pythagoreismus zum Opfer, indem er diese Begriffe ontolo-gisiert. Er haucht ihnen Sein ein und setzt sie gleich der Realität. A. N. Whitehead schreibt dazu in Wissenschaft und moderne Welt:

„Hier liegt ein Irrtum vor; aber es handelt sich bloß um den unwesentlichen Fehler, das Abstrakte mit dem Konkreten zu verwechseln. Es ist ein Beispiel für das, was ich den >Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit< nennen werde. Dieser Trug-schluss hat in der Philosophie große Verwirrung angerichtet.“ (Whitehead, Alfred North: Wissenschaft und moderne Welt, 1984, 66)

Noch viel größere Verwirrung richtet dieser Trugschluss an, wenn man die Aussagen der Natur-wissenschaftler für ontologische, objektive und absolute Wahrheiten hält, denn so sind sie zu-meist formuliert.

Wenn wir diesen Gedankengang auf die Begriffe der klassischen Mechanik übertragen, dann wird bewusst, dass Begriffe wie Massenpunkt, Trajektorie und Kausalität Abstraktionen sind, die auf bewussten Vorstellungen beruhen und nicht mit den Körpern der Realität gleichgesetzt wer-den dürfen. In ihrem Drang die Subjektivität aus der Forschung herauszudrängen, schlugen die Vertreter der klassischen Mechanik fehl. Schließlich sind Abstraktionen in gewissem Sinne sub-jektiver als Wahrnehmungen. Wahrnehmungen beruhen auf einer Einheit aus dem Wahrnehmen-den und dem Wahrgenommenen. Abstraktionen sind Begriffe die auf Vorstellungen beruhen und sind somit rein subjektiv.

Die Paradigmen der Naturwissenschaften sind abstrakte Theoriengebilde, die auf subjektiven Vorstellungen von der Welt beruhen. George Berkeley handelt diesen Gedankengang der subjek-tiven Abstraktion im 10. Abschnitt des vierten Dialogs Alciphron ab:

„Euphranor: Sagen Sie mir, Alciphron, können Sie die Türen, Fenster und Zinnen je-nes Schlosses dort unterscheiden?

Alciphron: Nein. In dieser Entfernung sieht es nur wie ein kleiner, runder Turm aus. Euphranor: Aber ich, der ich dort war, weiß, daß es kein kleiner, runder Turm ist, sondern ein großes, viereckiges Gebäude mit Zinnen und Türmchen, die Sie, wie es scheint, nicht sehen.

Alciphron: Was wollen Sie daraus schließen?

Euphranor: Ich möchte daraus schließen, daß der Gegenstand, den Sie im strengen und im eigentlichen Sinne durch das Gesicht wahrnehmen, nicht das Ding ist, wel-ches da einige Meilen entfernt ist.

Alciphron: Wieso?

Euphranor: Weil ein kleiner, runder Gegenstand etwas anderes ist als ein großer, viereckiger, nicht wahr?

Alciphron: Ich kann es nicht leugnen.

Euphranor: Sagen Sie mir, ist nicht die sichtbare Erscheinung allein der eigentliche

Gegenstand des Gesichtssinns?

Alciphron: Ja

(...)

Euphranor: Ist es also nicht klar, daß weder das Schloß noch der Planet noch die Wolke, die Sie hier sehen, die wirklichen dort sind, von denen Sie annehmen, daß sie in einer Entfernung existieren?“ (Berkeley, George: Alciphron oder der Kleine Philosoph, 1996, 165f.)

Der Stift, den Sie in Ihrer Hand halten, ist nicht ein realer Stift an sich. Erst ihre subjektive Ein-ordnung ihrer subjektiven Wahrnehmung in die abstrakte Gruppe der Stifte in Ihrer Vorstellung kreiert den Stift. Somit ist es wahrlich Ihr Stift, denn kein anderer Mensch wird diesen Stift so wahrnehmen und einordnen, wie Sie es in Ihrer Vorstellung machen. In gewissem Sinne ließe der Stift, wie Sie ihn wahrnehmen, Rückschlüsse auf Ihre Weltsicht erlauben. Das Bild, welches sie von diesem Stift haben, ist ein Teil von Ihnen. Dies gilt für alles, was Sie in Ihrer Umwelt wahr-nehmen. Es ist Ihre Welt. Sie sind Ihre Welt.

Wenn uns bewusst wird, dass jeder Mensch seine eigene subjektive Welt ist, wie sollen wir dies mit der Tatsache in Einklang bringen, dass andere Menschen auch existieren? Wie bringen wir unsere Welt mit ihren Welten in Einklang. Wie können wir die Realität und ihre Strukturen, die allen Welten gemein ist erforschen?

6.2. Die Welt an sich

Um die Realität hinter den Erscheinungen verstehen zu können, muss der Zugang zu dieser er-forscht werden. Jegliche Realität wird subjektiv wahrgenommen, gedacht und konstruiert. Jedes Subjekt nimmt die Realität aus seiner Perspektive wahr. Gelten für jede Perspektive die gleichen Naturgesetze? Können die Perspektiven ineinander überführt werden? Wie verhalten sich die Perspektiven relativ zueinander? Was bedeutet überhaupt „Relativität“? - Relativität ist die Erset-zung der Absolutheit durch komplementäre Perspektiven. Komplementär sind zwei (oder mehre-re) Aspekte dann, wenn sie sich widersprechen, jedoch auf einer höheren Ebene auf Eines zu-rückgeführt werden können. Der komplementäre Zwiespalt kann durch Einsicht überwunden werden. Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie besäßen keinerlei astronomisches Wissen. Dann er-schiene ihnen der regelmäßige Wandel von Tag und Nacht auf der Erde als zwiespältiger Wider-spruch. Wenn der Tag erscheint, entschwindet die Nacht und umgekehrt. Dennoch würden Sie vermuten, dass dieses Kommen und Gehen von Licht und Schatten auf einen einzigen Zusam-menhang zurückgeführt werden könne. Sie wären in diesem Fall mit einer Komplementarität konfrontiert. Erst die Einsicht, des Wechselspiels von Sonne und Erde kann diese Komplementa-rität überwinden. Die Einsicht käme Ihnen in dem Moment zu, indem sie erkennen würden, dass der vormals offensichtliche Widerspruch zwischen Tag und Nacht nur zwei Aspekte darstellt, die in Ihnen aufgrund ihrer Perspektive erwachsen sind. Die Akzeptanz Ihrer Perspektivenhaftigkeit, Ihrer Subjektivität der Wahrnehmung würde es Ihnen so ermöglichen, Tag und Nacht nur als zwei Betrachtungsweisen eines höheren Zusammenhangs zu erkennen. So hätten Sie diese Kom-plementarität überwunden. Sie dürfen diese Überwindung jedoch nicht als Hinführung zu einer objektiven Wahrheit ansehen. Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, dass eine Komplementarität durch eine Überwindung der Subjektivität aufgelöst werden könne. Es trifft zu, dass eine Kom-plementarität immer im Denken eines Subjektes und nicht in der Welt manifestiert ist – so wie es für die Begriffe „Tag“ und „Nacht“ gilt. Dennoch beruht die Akzeptanz einer objektiven Welt-sicht auf einem Denkfehler. Auch wenn man von der Perspektive des Erdlings abstrahiert und imaginiert, man würde Erde und Sonne aus der Sicht eines Astronauten erblicken, dann hat man nicht zugleich von seiner Perspektive abstrahiert. Dennoch ist es genau dieser Schritt der Ab-straktion, der viele Menschen dazu veranlasst, Objektivität zu postulieren. Indem man dann auch noch von dem Subjekt des Astronauten abstrahiert, gelangt man zu einer scheinbar äußerst ob-jektiven Vorstellung von Sonne, Mond und Erde. Können Sie sich dieses Bild vorstellen? - Ja, so ziemlich jeder kann das. Doch stellt diese Imagination den Zusammenhang an sich dar? - Nein, dieses Bild ist nur eine subjektive Vorstellung, die unsere Perspektive nicht aufhebt, sondern in das Weltall verschiebt. Die menschliche Phantasie hat ein schier unerschöpfliches Potential. Sie kann alle Wahrnehmungen, die ein Mensch je erfahren hat, wahllos miteinander verknüpfen und so neue Vorstellungen erschaffen. So fällt es vielen modernen Menschen leicht, sich das Sonnen-system oder sogar ferne Galaxien vorzustellen, da sie bereits Bilder von diesen zu Gesicht be-kommen haben. Ob die Menschen des Jahres 1054 von der sogar tagsüber sichtbaren Supernova an ihrem Himmel so eine detaillierte Vorstellung gehabt haben mögen, wie sie heutige Menschen von dem daraus entstandenen Krebsnebel haben, ist fraglich. Es ist jedoch ziemlich sicher, dass es auch zu der damaligen Zeit mannigfaltige Vorstellungen, wie diese Explosion wohl an sich und objektiv ausgesehen habe, gegeben haben wird. Die Akzeptanz der Objektivität durch Ab-straktion von der eigenen subjektiven Perspektive hat somit tiefe Wurzeln, die bis zu den Anfän-gen des menschlichen Denkens führen mögen. Schlussendlich ist es heute Zeit, diese Wurzeln zu kappen.

Synopsis

Heute muss erkannt werden, dass die Akzeptanz der Objektivität auf einem Irrtum beruht! Die Abstraktion von der eigenen subjektiven Perspektive beruht auf einem Trugschluss. Scheinbar objektive Abstraktionen beruhen auf subjektiven Vorstellun-gen, in denen die eigene subjektive Perspektivenhaftigkeit ausgeblendet wird. In diesem Sinne sind diese Abstraktionen, welche als objektiv bezeichnet werden, in der Form ihrer Vorstellungen noch subjektiver als direkte Wahrnehmungen. Je mehr die Menschen somit glauben, sich durch Abstraktion der Objektivität zu nähern, desto mehr entfernen sie sich von dieser (Illusion). In diesem Sinne ist der Gebrauch des Begriffes „objektiv“ in der Wissenschaft ebenso zu vermeiden, wie der der Wahrheit. Beide Begriffe bedingen sich einander und basieren auf einem Glauben, der weder belegbar noch widerlegbar ist. Dementsprechend mündet das Festhalten an der Vor-stellung der Objektivität nicht in eine Zuwendung, sondern in eine Abkehr von der Wissenschaft.

Die moderne Astronomie ermöglicht es uns, diese Mannigfaltigkeit der Perspektiven zu verdeut-lichen, indem sie andere Perspektiven in unsere zu überführen vermag:

1. Hier sehen Sie die wohl bekannteste Aufnahme des Krebsnebels vom Hubble-Weltraumtele-skop. Viele Menschen stellen sich den Krebsnebel so vor. Es fällt leicht, daran zu glauben, dass der Krebsnebel objektiv wirklich so aussehen würde:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Krebsnebel im optischen
Bereich aufgenommen vom Hubble-

Weltraumteleskop

( http://www.spacetelescope.org/images/html/heic 0515a.html)

2. Während Abb. 1 einen Aspekt des für einen Menschen optisch wahrnehmbaren Spek-trums der elektromagnetischen Strahlung darstellt, sehen wir in Abb. 2 eine Aufnahme der Infrarotstrahlung, die vom Krebsnebel ausgeht. Damit sie für den Menschen sichtbar ist, wird das Bild in gewissem Sinne in Farben übersetzt, die der Mensch wahrnehmen kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Krebsnebel im infraroten
Bereich aufgenommen vom Spitzer- Weltraumteleskop.

( http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Crab_3.6_5.8_8.0
microns_spitzer.png);

( http://creativecommons.org/licenses/by/2.5/deed.de)

3. Das folgende Bild zeigt eine Collage der Abb. 1 (in grün) + 2 (in rot) sowie der Übersetzung einer Röntgenaufnahme des Krebsnebels durch den Chandra X-Ray Observatory-Satelliten (in blau):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Eine Collage des Krebsnebels ( http://gallery.spitzer.caltech.edu/Imagegallery/im age.php?image_name=sig06-028)

Durch Abb. 1-3 lässt sich aufzeigen, dass unsere visuelle Wahrnehmung nur einen kleinen Aus-schnitt des elektromagnetischen Spektrums beinhaltet. Jede Perspektive offenbart somit einen anderen subjektiven komplementären Aspekt von...von was eigentlich? Was ist der Krebsnebel an sich unabhängig von seiner perspektivischen Wahrnehmung? Dies wäre die absolute Realität hinter den Erscheinungen, die der kritische Realismus anstrebt. Wir sind jedoch bereits zu der Einsicht gelangt, dass jegliches Engagement des Menschen einer solchen objektiven Erkenntnis der Realität widerspricht. Übrig bleibt die subjektive Glaubensentscheidung, ob solch eine objek-tive Realität an sich in der Welt gegeben sein mag oder nicht. Eine Glaubensentscheidung des-wegen, da jede menschliche Einmischung, jeder menschliche Gedanke über Objektives bereits wieder subjektiv ist. Die Annahme einer Realität hinter den Erscheinungen beruht somit einzig und allein auf dem Glauben des Einzelnen. Im Sinne Wittgensteins trifft seine Aussage: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Wittgenstein , Ludwig: Tractatus logico-phi-losophicus, 1984, 85) für eine Realität an sich genau ins Schwarze. (Aus diesem Grund ist das „ an sich “ hier immer kursiv gesetzt.) Deswegen vollführen Naturwissenschaften weniger eine Erfor-schung einer Realität an sich. Vielmehr betreiben sie die Erforschung der Welt, wie sie uns sub-jektiv erscheint. Genau hier liegt die enorm große Bedeutung einer Akzeptanz der Relativität.

[...]

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Titel
Eine Kritik des ontologischen Weltbildes. Das Komplementaritätsprinzip in der Quantenmechanik
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Note
1,6
Autor
Jahr
2008
Seiten
181
Katalognummer
V134428
ISBN (eBook)
9783640417421
ISBN (Buch)
9783640408252
Dateigröße
1534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die vorliegende Magisterarbeit ist hervorragend. (...) Herr Zippel hat eine, wunderbar zu lesende, sehr fesselnd geschriebene Arbeit im Fach Philosophie eingereicht. Er hat durchaus immer an die Leser gedacht, wenn er einerseits den Leser direkt angesprochen hat und andererseits wichtige Zusammenhänge in seinen Synopsen prägnant zusammengefasst hat. Die ganze Arbeit verweist auf eine tiefe Einsicht in die äußerst komplexen Zusammenhänge der modernen Physik." (Gutachter der Magisterarbeit)
Schlagworte
Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Quantenmechanik, Relativitätstheorien, Kosmologie, Objektivität, Metaphysik, Skeptizismus
Arbeit zitieren
M.A. Christian Zippel (Autor), 2008, Eine Kritik des ontologischen Weltbildes. Das Komplementaritätsprinzip in der Quantenmechanik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134428

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