Biografiearbeit in der Schule

Eine Methode zur Förderung der Identitätsentwicklung bei Kindern


Diplomarbeit, 2007

85 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Was ist Biografiearbeit
2.1. An wen richtet sich Biografiearbeit?
2.2. Das Konzept der Biografiearbeit und die Identitätsentwicklung
2.3. Biografiearbeit in der Praxis der Sozialen Arbeit
2.4. Methodik der Biografiearbeit mit Gruppen
2.5. Evaluation der Biografiearbeit

3. Jugendsozialarbeit an Schulen und Biografiearbeit
3.1. Zielsetzung der Jugendsozialarbeit an Schulen
3.2. Der Einsatz von Biografiearbeit an Schulen

4. Projekt: Die Entwicklung eines Curriculums „Biografiearbeit“
4.1. Rahmenbedingungen für die Durchführung des Projekts
4.2. Zusammensetzung der Schülerinnengruppe
4.3. Zielsetzung für das Curriculum
4.4. Methodik, Inhalt und Durchführung
4.5. Ergebnisse

5. Ausblick

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Autobiografisches Erzählen hat in der psychosozialen Praxis in den letzten Jahren eine steigende Aufmerksamkeit erfahren und Methoden der Biografiearbeit werden in verschiedenen Arbeitsfeldern genutzt. In dieser Arbeit sollen die Möglichkeiten von Methoden der Biografiearbeit im Bereich der Schulsozialarbeit aufgezeigt werden. Konkret wird ein Curriculum vorgestellt, dass für Schülerinnen entwickelt wurde und mit einer Schulklasse erfolgreich durchgeführt wurde.

Im ersten Teil werden die Ziele, Aufgaben und konkreten Umsetzungsformen von Biografiearbeit, sowie Möglichkeiten der Evaluation dargestellt. Biografiearbeit kann sowohl im Kontext als Einzelfallhilfe, als auch präventiv in einer Gruppenarbeit durchgeführt werden.

Das Bedürfnis des Erinnerns und Erzählens wurde in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt aufgrund der neuen Unübersichtlichkeit in unserer Gesellschaft, wieder wichtiger, vor allem auch für Jugendliche, die zur gesunden Identitätsentwicklung ein Gefühl der Kohärenz brauchen. Grundlegend für hoffnungsvolle Zukunfts- und Berufschancen und ein positives Identitätsgefühl Jugendlicher ist, neben dem familiären Umfeld, auch die Schule. Aufgrund der wachsenden Anforderungen der Gesellschaft an die Heranwachsenden und ihre Familien, haben sowohl das Schulsystem, als auch die Soziale Arbeit auf die Veränderungen reagiert und verschiedene Wege gewählt, den dadurch entstandenen Problemen entgegenzuwirken.

Im zweiten Teil wird die Jugendsozialarbeit mit ihren Zielsetzungen als eine Leistung der Jugendhilfe beschrieben. Dabei wird das Einsetzen der Methode Biografiearbeit im Rahmen der Jugendsozialarbeit an Schulen erläutert. Als ein Beispiel hierfür wird im nächsten Kapitel ein Curriculum vorgestellt, welches in der Praxis bereits erfolgreich umgesetzt wurde.

Im dritten Teil wird zunächst ein Überblick über die Rahmenbedingungen zur Durchführung, die Teilnehmergruppe und die Zielsetzungen des Projektes gegeben. Die praktische Umsetzung mit allen angewandten Methoden und Inhalten wird dargestellt und in einem Fazit bewertet.

Unter welchen Bedingungen Biografiearbeit im Rahmen einer Regelschule erfolgreich und im Sinne ihrer Zielsetzungen gewinnbringend umgesetzt werden kann, wird abschließend diskutiert.

„Wir müssen dem Kind helfen, dass es seine Situation selbst auch ganz begreift,
das Vergangene, das Gegenwärtige und das Mögliche in der Zukunft. [...]
Da muss jemand sein, der aufarbeiten hilft.“
Andreas Mehringer (1911-2004).

2. Was ist Biografiearbeit?

Das Aufarbeiten der eigenen Lebensgeschichte ist in der sozialpädagogischen Arbeit mit Menschen zu einem wichtigen Thema mit zahlreichen Anwendungsgebieten geworden. Es wird mit Menschen aller Altersgruppen ganz bewusst an ihrer Biografie gearbeitet mit dem Ziel vergessene Erlebnisse zurückzuerinnern.

Seit über 10 Jahren wird Biografiearbeit als Methode verstärkt in der Arbeit mit Kindern durchgeführt. Hervorzuheben ist, dass Biografiearbeit keine Therapieform und auch keine eigene Disziplin, sie ist vielmehr „eine strukturierte methodische Anleitung, Kindern bei ihrer Vergangenheitsbewältigung zu helfen“(Lattschar, 1996 in Ryan, Walker, 2003, S.8).

2.1 An wen richtet sich Biografiearbeit?

Vor allem im Pflegekinderwesen ist diese Methode bisher erfolgreich zum Einsatz gekommen. Diejenigen Kinder, welche aus den verschiedensten Gründen, wie zum Beispiel einer Kindeswohlgefährdung, nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, haben häufig das Bedürfnis danach zu erfahren, warum dies so ist und warum es bei ihnen anders ist als bei „normalen“ Kindern. Ihnen bleiben Informationen verwehrt, wie zum Beispiel, warum sie geboren wurden oder wie die ersten Tage für das Kind und seine Eltern waren. Oft haben diese Kinder auch keine Babyfotos von sich selbst und ihnen fehlt dieser Teil der eigenen Vergangenheit. Pflege-, Heim- oder Adoptivkinder also kommen als Adressaten der Biografiearbeit in Betracht. Diese Methode ermöglicht es ihnen ihre Biografie zu ordnen, dafür ein Verständnis zu entwickeln, einen Platz in der neuen Familie zu finden und diese als die eigene Familie anzunehmen.

Aber nicht nur die Vollzeitpflege kann Anlass für eine Biografiearbeit geben. Jedes Kind durchläuft in seinem Leben zahlreiche, so genannte kritische Lebensereignisse, welche manche Kinder einfacher meistern und die anderen schwerer belasten. Zu diesen zählen Ereignisse, welche die meisten Kinder betreffen, wie beispielsweise die Geburt eines neuen Geschwisters, der Eintritt in Kindergarten und Grundschule, sowie später der Übertritt in weiterführende Schulen und danach ins Berufsleben. Selbst ein Schuleintritt bedeutet für die meisten Kinder ein normatives kritisches Lebensereignis; diese Überbrückungsphase ist von Kind zu Kind ganz unterschiedlich und kann im Einzelfall jahrelang Schwierigkeiten mit sich bringen.

Neben den regulären Veränderungen im Leben eines Kindes gibt es dann noch die unvorhersehbaren, kritischen Lebensereignisse, wie zum Beispiel die Trennung oder Scheidung der Eltern, welche in unserer Gesellschaft über die vergangenen Jahre immer mehr ins Blickfeld der Kinder- und Jugendhilfe gerückt sind. Auch als Trauerarbeit kann Biografiearbeit nützlich werden, um das Kind dabei zu begleiten, den Tod eines engen Familienangehörigen, eines Geschwisters oder gar eines Elternteils zu akzeptieren und zu verarbeiten.

Ein Umzug kann Anlass für den Beginn einer Biografiearbeit mit Kindern oder Jugendlichen sein, wenn ein Kind seine Freunde und vielleicht auch noch einige wichtige Bezugspersonen, wie die Nachbarn oder Verwandte, verliert. Es kommt vor, dass Kinder mit Bindungs- und Trennungsängsten zu kämpfen haben und sie einen Rahmen brauchen können, in dem sie mit diesen Konflikten besser umgehen können, auch hier bietet sich diese Methode an (vgl. Ryan; Walker, 2003).

Biografiearbeit kann zudem in der Migrationsarbeit eingesetzt werden. Ein jeder kennt „fremdartige Situationen“, welche man oft erlebt, wenn man im Urlaub auf kulturspezifische Eigenheiten trifft, die man bisher nicht kannte. Kinder aus anderen Kulturkreisen haben einige Zeit mit der Umstellung zu kämpfen, sich in einem fremden Land unter fremden Menschen mit oft ganz unbekannten und unverständlichen Sitten zu befinden. Es kann auch vorkommen, dass sie in der Schule oder Berufsausbildung mit Fremdenfeindlichkeiten zu kämpfen haben oder wegen ihrer „Andersartigkeit“ von Gleichaltrigen ausgeschlossen werden. Für diese Kinder ist es wichtig über ihre Biografie Bescheid zu wissen, Antworten zu finden auf Fragen wie „wer bin ich?“ und „woher komme ich?“. Sie müssen einerseits für sich selbst mit ihrer Lebensgeschichte und ihrer Herkunft im Reinen sein und andererseits ist es für sie von Vorteil, sich gegenüber anderen „selbst erklären“ zu können. Eine Aufzeichnung der Lebensgeschichte kann diesen Kindern, die oft auch sprachliche Schwierigkeiten haben, eine nützliche Grundlage sein, um den Fragenden ihren Weg erklären, sich selbst in die Gesellschaft einordnen und sich in einem neuen Land wieder zu Hause fühlen zu können.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Biografiearbeit einen Teil zur Identitätsklärung eines jeden Kindes und Jugendlichen beisteuern kann, was für seine lebenslange Entwicklung immer von Bedeutung sein wird (vgl. Wiemann, 2006).

2.2 Das Konzept der Biografiearbeit und die Identitätsentwicklung

Damit eine Identität entwickelt werden kann, muss der Einzelne wie manch anderer sein und zugleich in seiner Persönlichkeit wie niemand anderes sein, wobei er einen Platz unter ihnen erhält, den nur er als einzigartiges Individuum einnehmen kann (vgl. Kast, 2003).

Jugendliche sind meist noch weit entfernt von einer gefestigten Identität und gerade das ist es, was sie für ihre Lebensgeschichte so sensibel macht. Die Bewusstheit über das eigene „ICH“ ist gerade dann am Größten, wenn Menschen dabei sind, sich selbst zu entdecken. Jugendliche erkennen oft voller Bewunderung, was alles in ihnen steckt und welche Möglichkeiten ihnen offen stehen. Sie machen Bekanntschaft mit dem eigenen Spiegelbild, indem sie zunehmend erfahren, wie sie in der Gesellschaft anderer Menschen auf diese wirken. Die Schule bietet fast täglich Raum für Rückmeldung, sei es leistungs- oder persönlichkeitsbezogen. Es ist eine Zeit zwischen Kindheit und Reife und sowohl mit Erfolgserlebnissen, als auch mit Enttäuschungen und Rückschlägen versehen. Kinder setzen sich Ziele und machen Grenzerfahrungen. Wenn das Kind in dieser psychosozialen Phase Erfolg sieht und dafür Anerkennung bekommt, dann wird dies sein Selbstwertgefühl aufwerten und die Identitätsentwicklung positiv beeinflussen.

Aber es gibt unterschiedliche Grundlagen, die eine Identität sichtbar werden lassen, und diese werden im Folgenden erläutert (vgl. Kast, 2003).

Bei der Frage nach dem eigenen „ICH“ ist es wahrscheinlich am naheliegendsten, sich erst einmal auf das Körperliche zu berufen. Vor allem bei Jugendlichen spielt dieser Aspekt eine große Rolle, da sie sich in der Pubertät mit Veränderungen des Körpers auseinandersetzen müssen, die ohne Zweifel Auswirkungen auf das Selbstverständnis haben. Äußerliche Merkmale beeinflussen die Reaktionen der Umwelt als Erstes und erschweren die Bildung eines guten Selbstwertgefühles enorm, wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen (vgl. Kast, 2003). Doch ist der Körper trotzdem und vor allem bei Unzufriedenheit mit dem Aussehen, nicht das einzige Spektrum, in dem sich Identität zeigt. Kinder und Jugendliche definieren sich ab dem Schulalter zunehmend über ihre Arbeits- und Leistungsfähigkeit.

Eine weitere Säule der Identitätsentwicklung bilden die Interaktionen des sozialen Umfeldes. Jugendliche beginnen nach Autonomie zu streben, sind aber gleichzeitig sehr stark auf sichere Bindungen und Beziehungen angewiesen (vgl. Affeldt, 1991). Zudem haben alle Menschen im Laufe ihres Lebens, bewusst oder unbewusst, auch immer „Identitäts-Modelle“, an denen sie sich orientieren und von denen sie Eigenschaften, Verhaltensweisen, Beziehungsmuster usw. kopieren, um diese mit der Zeit in die eigene Identität zu integrieren (vgl. Kast, 2003).

Ähnlich verhält es sich mit Werthaltungen. „Werte zu verwirklichen, die wir als verpflichtend für unser Leben verstehen, gibt uns das Gefühl, ein wertvolles Leben zu führen, es gibt uns ein gutes Selbstwertgefühl“ (Kast, 2003).

Wichtig für eine gesunde Identitätsentwicklung ist eine sichere Bindungsrepräsentation der Kinder. Dies zeigt eine Studie, nach welcher diejenigen Jugendlichen ein positiveres Selbstwertgefühl an den Tag legten, die als „sicher gebunden“ galten, als die Jugendlichen mit einer unsicheren Bindungsrepräsentation (vgl. Kast, 2003). Zugleich stellte man auch fest, dass eine sichere Bindungsrepräsentation mit einer geklärten Identität zusammenhängt.

Eine klare Identität und somit eine sichere Bindungsrepräsentation ist im Schulalter wichtig für Kinder, da große Schwierigkeiten den schulischen Erfolg erheblich behindern können. Sicher gebundene Kinder erkunden ihre Umwelt ausgiebiger und werden von Interesse und Neugier angetrieben, während unsicher gebundene Kinder eher vorsichtig sind. Die Bindungsbeziehungen etablieren sich im frühen Kindesalter, weisen allerdings eine große Stabilität im Lebenslauf auf (vgl. Maywald, 2004). Für das Schulalter ist dies von großer Bedeutung, da - wie bereits erwähnt - das Arbeitsverhalten im Mittelpunkt steht und durch eine sichere Bindung positiv beeinflusst wird. Zur Identitätsentwicklung gehören auch funktionierende soziale Netze. Jugendliche kapseln sich in dieser Zeit zunehmend von den Eltern ab und bauen in ihrem Freundeskreis neue Beziehungen und Bindungen auf. Diese werden allerdings auch auf der Grundlage der erlernten Beziehungs- und Bindungsfähigkeit aus dem Kindesalter entstehen. Bildet sich ein Identitätsgefühl, dann führt dies zu einem inneren Wohlbefinden für die Person. Ein positiver Nebeneffekt ist die Sicherheit darüber, auf dem richtigen Lebensweg zu sein und eine innere Gewissheit zu haben, dass man richtig handelt.

Weiterführende Informationen zur Entstehung sicherer und unsicherer Bindungsrepräsentationen finden sich u.a. bei Manfred Endres und Susanne Hauser (2002) und Klaus und Karin Grossmann (2004).

Gerade in Zeiten von Enttraditionalisierung und Individualisierung (vgl. Keupp 2004) scheint es in unserer Gesellschaft besonders für junge Menschen immer wichtiger zu werden, eine gewisse Orientierung zu finden. Es entsteht sowohl das Bedürfnis danach, sich selbst in die Gesellschaft einzuordnen, als auch danach eigene Erfahrungen in die Lebensgeschichte zu integrieren. Junge Menschen begeben sich auf die Suche nach der Anerkennung und der Erläuterung des eigenen „ICH“, da dies im Jahre 2007 in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist (vgl. Ruhe, 2007).

Dies begründet Biografiearbeit für alle Jugendlichen in unserer Gesellschaft, um ihnen dabei zu helfen, ihre Lebenszusammenhänge zu klären und eine gesunde und zufriedenstellende Persönlichkeit zu entwickeln. Kindern ist es durch die Biografiearbeit möglich, eine für sie oft verwirrende Situation auf strukturierte und somit leicht nachvollziehbare Art und Weise zu klären und sich einen Überblick über ihr eigenes Leben zu verschaffen. Nach Beendigung der Biografiearbeit haben sie die Möglichkeit, das Resultat als eine Art Nachschlagewerk für den eigenen Platz in einer sich immer mehr differenzierenden Welt zu benutzen. Somit ist Biografiearbeit auch immer einem lebenslangen Prozess unterworfen und für jeden Menschen, unabhängig von Alter, Bildungsstatus oder Herkunft, eine Möglichkeit zur Identitätsarbeit.

„Mein Tag wird gestern beginnen

und endete morgen.“

Max Immerkehr

2.3 Biografiearbeit in der Praxis der Sozialen Arbeit

Biografiearbeit ist eine Methode aus dem psychosozialen Bereich der Sozialen Arbeit. Indem sie die Lebensgeschichte auf eine möglichst strukturierte Art und Weise konstruiert, hilft sie dem Kind bei der Verarbeitung von vergangenen Erlebnissen. Kinder und Jugendliche können Sinnzusammenhänge ihrer früheren und gegenwärtigen Situation erfahren und werden somit darin gefördert, sich selbst als ganzen und wertvollen Menschen zu erleben (vgl. Wiemann, 2007). Wie ein Kind seine Vergangenheit mit all ihren Ereignissen subjektiv sieht, wirkt sich entscheidend auf sein bestehendes Selbstbild und sein Selbstwertgefühl aus. Manchmal kommt es vor, dass die Vergangenheit für Kinder etwas verschwommen ist.

Es kann Familiengeheimnisse geben oder vielmehr Themen, welche nicht gerne ausgesprochen werden, weil sie zu schmerzhaft waren, wie beispielsweise Trennungen und Scheidungen oder der Tod eines Familienmitgliedes. Kinder leben allerdings täglich in der Familie und bekommen mit der Zeit eine Ahnung davon, dass etwas nicht in Ordnung ist, auch wenn ihnen die Schwierigkeiten verschwiegen wurden. Sie nehmen an, dass es sich um eine Dramatik handelt, wenn die eigenen Eltern nicht dazu in der Lage sind, es mit ihnen zu besprechen (vgl. Ryan; Walker, 2003).

Die vollständige emotionale und soziale Entfaltung der Kinder kann durch Familiengeheimnisse, durch die Unklarheit der eigenen Geschichte, beeinträchtigt werden. Es ist daher immer sehr hilfreich, die Eltern oder wichtige Bezugspersonen bei der Arbeit mit im Boot zu haben, welche über Teile der Vergangenheit des Kindes Bescheid wissen und weiterhelfen können, wenn man mit dem Kind auf Lücken in der Biografie stößt. Um eine klare Struktur in der Erinnerung zu schaffen, kann autobiographisches Erzählen benutzt werden:

Die meisten von uns erzählen gerne und die Menschheit ist schon immer an Geschichten verschiedenster Art interessiert, nahezu überall begegnet man ihnen. Eine Geschichte über sich selbst zu erzählen, gibt uns ein bewusstes und lebendiges Gefühl. Nur wir selbst sind in der Lage zu erzählen wie es wirklich war, weil wir schildern, wie wir es subjektiv erlebt haben. Der Klient muss jederzeit als Experte für sein eigenes Leben angesehen werden, er weiß am besten, wie er sich fühlte, welche Bedeutung bestimmte Erlebnisse für ihn hatten usw.. Gleichzeitig machen es autobiografische Erzählungen möglich, uns selbst von außen zu beobachten, indem wir hören, was wir über das Geschehnis sagen (vgl. Kast, 2003). Alte Geschichten können auf eine neue Art und Weise wiedergegeben werden und somit eine neue Bedeutung erhalten. Wenn Ereignisse im Nachhinein erzählt werden, dann verlieren sie oft die emotionale Intensität, mit der wir sie zuerst betrachtet haben. Eine Trennung oder ein Arbeitsverlust kann mit einer gewissen gefühlsmäßigen Distanz betrachtet werden, welche unmittelbar nach dem Ereignis aufgrund seiner unangenehmen Folgen nicht möglich war. Dadurch können wir negativ behaftete Erinnerungen neu und zu unserem Vorteil reproduzieren. Wir können alte Wut über uns selbst ablegen und sie mit Einsicht und Weisheit und darauffolgend mit all den glücklichen Momenten und den Errungenschaften im Leben ersetzen. Wenn man mit seiner Vergangenheit im Reinen ist, dann hat man auch wieder einen positiven und hoffnungsvollen Blick in Richtung Zukunft (vgl. Vopel, 2005).

Die gesamte Lebensgeschichte eines Menschen mit allen Einzelheiten wäre allerdings im Rahmen der Sozialen Arbeit zu ausschweifend. Biografiearbeit ist vor allem als eine emotionale Arbeit zu verstehen, die sich im Schwerpunkt nicht auf Daten und Fakten stützt, obwohl sie diese auch berücksichtigt, sondern auf emotionale und somit identitätsrelevante Erfahrungen. Für die Entwicklung einer Identität sind sie ausschlaggebend, wenn sie von der Person als emotional bedeutsam bewertet wurden und das Selbstwertgefühl berührt haben (vgl. Kast, 2003). Biografiearbeit umfasst sämtliche Lebensstadien eines Menschen und schafft Grundlagen dafür, deren Kontinuität und deren Sinn zu sehen.

Identität wird in ihren Grundzügen erfahren, indem wir das Wissen haben, dass wir uns ein Leben lang verändern und verschiedene Phasen durchleben, die vor allem im Jugendalter häufig ganz unterschiedlich sind, dass wir aber dennoch immer ein und der selbe Mensch bleiben (vgl. Kast, 2003). Manchmal wird diese Tatsache aus den Augen verloren, wenn sich um einen herum viel Stress aufbaut und man sich des eigenen ICHs nicht mehr so bewusst ist. Genau hier setzt die Biografiearbeit bei den Kindern und Jugendlichen an: Sie hilft die Lebensgeschichte zu ordnen und deckt dabei in den Hintergrund geratene positive Eigenschaften, Stärken, Erfolgserlebnisse und schöne Erinnerungen auf. In Zeiten des Selbstzweifels kann auf eine eigene, dokumentierte Lebensgeschichte, auf Eigenschaften, Ziele, Bedürfnisse und Errungenschaften, auf ein Selbstbild zurückgegriffen werden, welches von einem selbst geprägt wurde. Auch wenn sich Wesenszüge mit dem Älterwerden gewandelt haben, werden hier zweifellos die Konstanten herausgestellt. Was nicht heißen soll, dass sich Menschen nicht selbst verwirklichen und weiterentwickeln können. Neue Erfahrungen werden in die bisherige Lebensgeschichte integriert und erweitern diese (vgl. Kast, 2003). Nicht nur neue Erfahrungen, sondern auch neu erlernte Eigenschaften und Verhaltensweisen müssen in das bestehende Selbstkonzept passend eingebaut werden. Nicht immer sind neue Eigenschaften, mit denen wir uns identifizieren, mit den bestehenden stimmig. Sollen wir wichtige Entscheidungen treffen, dann geraten wir manchmal an den Punkt, nicht zu wissen, was richtig und was falsch ist. Das bedeutet nicht, dass eine Eigenschaft von der Identität ausgeschlossen werden muss; es sollte ein Kompromiss gefunden werden.

Im Laufe der Biografiearbeit können derartige Differenzen aufgedeckt werden. Kennt man diese, fällt es leichter, mit jemandem, der die Gegebenheiten objektiv betrachten kann, Lösungswege dafür zu finden.

Die Biografiearbeit als Lebensbuch oder auch nur als Erzählung gibt eine Zusammenfassung und lässt einen für eine kurze Zeit das Leben und seine Zusammenhänge als Ganzes sehen. Es geht um eine Art „generalisierte Selbstbewertung“ (Kast, S.132, 2003) was einem die Frage stellen lässt: „Taugt diese Identität als Ganzes? Muss etwas verändert werden?“ (Kast, S.132, 2003).

Haben Kinder ein schwaches Identitätsgefühl, können sie bei der Bewältigung neuer Herausforderungen eingeschränkt sein (vgl. Ryan, 2003). Gerade auch die schulische Leistungsfähigkeit ist beeinträchtigt, wenn Kinder damit beschäftigt sind der Vergangenheit nachzutrauern. Sie können eine depressive Haltung entwickeln, die der Leistungsbereitschaft entgegenwirkt und sie nicht mit Erwartung und Vertrauen in die Zukunft schauen lässt.

Ab welchem Alter mit dem autobiographischen Gedächtnis eines

Kindes gearbeitet werden kann

In der Vergangenheit herrschte in Expertenkreisen der kognitiven Psychologie die Meinung vor, dass Kinder keine Kompetenzen des Erzählens und Reflektierens besäßen (vgl. Behnken, Zinnecker, 2001). Mittlerweile wird die Fähigkeit des biographischen Erzählens eher unter den Bereich der Neurophysiologie gefasst, da es vor allem auf mündliche und schriftliche Kompetenzen ankommt. Kindern wird nun durchaus zugemutet ihre Lebensgeschichte zu erzählen und auch widerzuspiegeln (vgl. Behnken, Zinnecker, 2001).

Bei einer gesunden Entwicklung bildet sich wahrscheinlich bei Kindern im Alter von sechs Monaten die Differenzierung zwischen dem „inneren“ und dem „äußeren“ Selbst (vgl. Ryan; Walker, 2003), was eine Grundlage für die eigene Identität des Kindes bildet. Mit drei bis vier Jahren beginnen Kinder damit, ihr Selbst durch Erzählungen in Worte zu fassen und anderen mitzuteilen. Dabei geht es meist um unmittelbare Erlebnisse, die für sie emotionale Bedeutung hatten (vgl. Kast, 2003). Ein autobiographisches Gedächtnis bildet sich bei Kindern erst im 5. bis 6. Lebensjahr heraus. Köhler (2001) stellte eine Reihe von Voraussetzungen dar, welche sie hierfür benötigen und wodurch es ihnen nicht möglich ist, schon im Grundschulalter ihre Lebensgeschichte zu reflektieren (vgl. Behnken, Zinnecker, 2001).

Menschen entwickeln ein „narratives Selbst“ (Stern, 1985 zitiert nach Kast, 2003), um emotional erregende Geschehnisse verarbeiten zu können. Dies passiert vermehrt nach untypischen Ereignissen im Alltag, wie zum Beispiel bei Schicksalsschlägen.

Dies machen sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche, aber auch, wenn sie fremde Personen kennen lernen. Hier ist man interessiert aneinander und man versucht sich selbst zu beschreiben mit Eigenschaften und Verhaltensweisen, die für einen wesentlich sind. Dafür ist es nötig, sich erst einmal ein Stück weit mit sich selbst zu befassen.

Der wohl wichtigste Faktor dabei ist die Person, die sich die Geschichte anhört und auf eine bestimmte Art und Weise darauf reagiert. Wenn Kinder merken, dass unsere Erzählungen auf Desinteresse stoßen, werden sie nichts weiter ausführen. Haben sie allerdings ein Gegenüber, das sehr neugierig auf ihre Lebensgeschichten reagiert, werden sie immer mehr erzählen und dadurch auch vermehrt über Erinnerungen nachdenken. Die Person wird dem Erzählten zustimmend oder ablehnend begegnen und ihrerseits Vorschläge und Einwände bringen. Dadurch wird man angeregt, die Geschichten zu variieren und es werden neue Sichtweisen auf die Dinge produziert. Biografiearbeit kann hier ansetzen, indem sie dem Klienten aufmerksam gegenübertritt und dessen Stärken herausstellt; sie fungiert als eine Art innerer Spiegel. Der Klient wird somit in die Lage versetzt, seine Lebensgeschichte und sich selbst aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Er wird beginnen schlechte Erinnerungen, die sich negativ auf sein Selbstwertgefühl auswirkten, umzudeuten und sie als zu sich gehörende und positive Erfahrungen zu sehen. Menschen sind also auch mit ihren Erzählungen und der Vergangenheit in ihren sozialen Kontext eingebunden und von ihm beeinflussbar. Ein weiterer positiver Begleiteffekt ist die Distanz, die wir beim Erzählen gewinnen können. Sie gibt uns die Möglichkeit Vergangenes objektiver zu betrachten und besser zu verstehen. Es kann sein, dass wir somit Lösungen erkennen, welche uns damals sehr geholfen hätten. Diese Erkenntnis lässt uns vertrauensvoll in die nächsten Jahre blicken, denn sie hat uns eine Möglichkeit mehr in die Hand gegeben, zukünftige Schwierigkeiten zu bewältigen. Treten eben beschriebene Muster ein, dann hatte Biografiearbeit ohne jeden Zweifel Erfolg. Und um diesen festzuhalten, gibt es verschiedenste Methoden die Biografiearbeit aufzuzeichnen, damit sie später jederzeit wieder einsehbar ist und weiterhin hilfreich auf das Selbstwertgefühl des Klienten wirken kann.

Rahmenbedingungen und Vorbereitung der Biografiearbeit in Gruppen

Biografiearbeit wird im Kontext der Heimerziehung und des Pflegekinderwesens meistens in Einzelarbeit mit dem Kind durchgeführt und kann dadurch sehr individuell und flexibel jederzeit den Bedürfnissen des Kindes angepasst werden.

Wird Biografiearbeit in Schulen eingesetzt, ist meist eine Gruppenarbeit Voraussetzung. Diese muss, da es sich um eine Methode professioneller Sozialer Arbeit handelt, im Vorfeld gut geplant, strukturiert und vorbereitet werden, um allen Teilnehmern gerecht werden zu können.

Die Kinder sollen im Laufe der Zeit viele Geschichten, teilweise auch sehr intime, aus ihrem Leben preis geben. Dies ist nur in einer ungestörten und vertrauensvollen Atmosphäre möglich, die nicht zuletzt auch von den äußeren Rahmenbedingungen abhängt. Im Vorfeld muss somit unbedingt geklärt sein, dass geeignete Räumlichkeiten jede Woche zur selben Zeit ohne Probleme zur Verfügung stehen. Dabei ist im Wesentlichen darauf zu achten, dass es sich um einen gemütlichen, hellen und ruhigen Raum handelt, der Platz zum Arbeiten bietet. Es sollte kein Telefon dazwischen klingeln, und es sollte auch niemand vorbeikommen, der die Gruppe überraschend stört. Zudem sollten viele Tische und Stühle vorhanden sein, die sich in ihrer Form leicht verändern lassen, damit man diverse Möglichkeiten für unterschiedliche Methoden offen hat, wie zum Beispiel Sitzkreise für Gespräche oder Rollenspiele oder Gruppentische zum Malen, Basteln oder zur Kleingruppenarbeit. Zur Präsentation der Ergebnisse von Brainstormings, Collagen, Zeichnungen, etc. sollten auch Tafeln, Overhead-Projektoren oder Ähnliches zur Verfügung stehen (vgl. Lindmeier, 2006).

Auch der zeitliche Ablauf muss geklärt werden. Die Treffen sollten im Optimalfall einmal pro Woche stattfinden und die Dauer eine Stunde nicht überschreiten, da es ansonsten sowohl für den Moderatoren als auch für die Kinder schwierig wird sich zu konzentrieren (vgl. Ryan; Walker, 2003). Dabei sollten die gemeinsamen Treffen für die Kinder vor allem eines sein: verlässlich. Der Erwachsene sollte eine regelmäßige und für das Kind berechenbare Person darstellen, nur dann werden sich Kinder und Jugendliche in der Arbeit rund um ihre Lebensgeschichte öffnen und nur wenn sie das tun, kann sie auch erfolgreich sein. Ebenso wie die Anwesenheit des Moderatoren festgelegt sein muss, sollte man auch wissen, ob die Biografiearbeit in Einzelarbeit oder mit mehreren Kindern in einer Gruppe durchgeführt wird. Die Teilnehmer müssen regelmäßig zu den Sitzungen anwesend sein und dürfen während der Arbeit nicht wechseln.

Die Anfangsphase der Biografiearbeit in Gruppen

In einem ersten Treffen sollte den Kindern dann ein vollständiger Ablauf mitgeteilt werden, damit sie wissen, auf was sie sich einlassen und was sie erwartet. „Transparenz“ sollte in diesem Zusammenhang eine unerlässliche Regel für jeden Moderator sein; dies ist eine weitere Voraussetzung für das Vertrauen der Kinder. Der Ablauf sollte strukturiert und einfach verständlich sein. Grundsätzlich sollten die Treffen in verschiedene Themenbereiche gegliedert werden, welche sich chronologisch über den gesamten Lebenslauf des Kindes erstrecken können (vgl. Lindmeier, 2006).

Themenblöcke bei Kindern können beispielsweise der Kindergarten, Familienfeste, Eltern, Schule, etc. sein, je nachdem, welche Erfahrungen sie beschäftigen. Um Themen auszuwählen, sollte sich der Moderator vor Beginn der Arbeit mit den einzelnen Biografien der Kinder so gut es geht vertraut machen (vgl. Ryan; Walker, 2003). Dafür, wie für die gesamte Biografiearbeit, ist es wichtig, dass der Moderator den Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen des Kindes aufrechterhält oder gar herstellt und sie in die Arbeit mit einbezieht. An den wöchentlichen Sitzungen nehmen aber ausschließlich der Moderator und die Kinder teil und keine weiteren Personen, auch nicht dann, wenn sie etwas mit der Arbeit zu tun haben.

Gleich zu Beginn sollten auch verbindliche Regeln für die Gruppenarbeit aufgestellt werden. Für die Kinder gilt, dass sie sich an gängige Gesprächsregeln halten, wie alle ausreden lassen, niemanden auslachen, jeder kommt zu Wort usw. Dies muss ihnen altersgemäß vermittelt und in Erinnerung gehalten werden, z.B. indem man es auf Flipcharts schreibt und im Raum hängen lässt. Der Moderator ist dafür verantwortlich, den Kindern absolute Vertraulichkeit zuzusichern und die Beteiligten dazu anzuhalten auch ihrerseits nicht das im Gruppenverband Besprochene herumzuerzählen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Freiwilligkeit. Jedes Kind offenbart nur die Dinge, die es auch von sich aus offenbaren will und niemand wird dazu gedrängt, ein Arbeitsergebnis, das er für sich behalten möchte, den anderen zu zeigen. Ist es einem Kind unangenehm, an einer bestimmten Methode, wie zum Beispiel einem Rollenspiel oder einer Meditation, teilzunehmen, dann kann es ohne weiteres aussetzen oder zu einem bestimmten Thema oder einer Frage nichts sagen. Ihm alleine ist es auch überlassen, in welche Hände das Ergebnis seiner Biografiearbeit kommt. Egal, ob es sich um ein Buch, eine Videoaufnahme oder ein künstlerisches Gebilde handelt, es gehört dem Kind alleine und nur das Kind bestimmt, wem es gezeigt wird und wer etwas dazu sagen darf (vgl. Ryan; Walker, 2003).

Zur Kommunikation mit Kindern in der Biografiearbeit

Für den Umgang mit Kindern ist im allgemeinen viel Fingerspitzengefühl erforderlich, bei dem Versuch, zu einem Kind Vertrauen aufzubauen und einen Zugang zu ihm herzustellen, der es ermöglicht, seine Lebensgeschichte zu klären und zu ordnen, natürlich umso mehr. Kay Donley, die frühere Leiterin einer Beratungsstelle für Kinder in New York, stellt in „Opening New Doors“ zehn Regeln für die Kommunikation mit Kindern vor, welche für die Biografiearbeit sehr hilfreich sein können (vgl. Ryan; Walker, 2003):

- Vermeidung von Phrasen im Gespräch: Statt einer typisch erwachsenen Phrase wie „Gehst du gerne zur Schule“ sollten Moderatoren Informationen über einen selbst einbringen und den Kindern zeigen, dass sie gerne mit ihnen arbeiten.
- Jedes Kind hat Anliegen, welche zuvor noch nie adäquat verstanden wurden: Der Moderator sollte von dieser Tatsache ausgehen und sich darauf einstellen.
- Vor allem Kinder, welche beide oder einen Elternteil verloren haben, wurden verletzt: Auch wenn sich Kinder unauffällig entwickeln, kann es sein, dass sie die Trennung von einem Elternteil oder einer anderen wichtigen Bezugsperson immens beschäftigt, weil diese Erlebnisse unbearbeitet blieben.
- Es gilt dahinter zu schauen, wie sich ein Kind mit der eigenen Situation auseinandersetzt und wie es diese versteht, um das Kind auch gegenüber anderen zu vertreten .
- Kinder kommunizieren in der Regel zu einem großen Teil nicht nur über Worte. Es sollte herausgefunden werden, wie sich ein Kind gerne mitteilt, und auf diese Art und Weise sollte vermehrt mit ihm in Kontakt getreten werden.
- Man muss die Bereitschaft aufbringen, für das Kind über einen gewissen Zeitraum eine zuverlässige, vorhersehbare und regelmäßige Person zu sein: Im Voraus sollte abgeklärt werden, dass man immer zur gleichen Zeit ein Treffen realisieren kann. Kommt etwas dazwischen, sollte es den Kindern so bald es geht ehrlich erklärt werden.
- Jedes Kind ist mit seinen Erfahrungen einzigartig: Biografiearbeit ist nicht vorhersehbar, man arbeitet mit individuellen Erfahrungen und kann von dem einen Kind nie auf das andere schließen, dies sollte jedem Moderator andauernd bewusst sein.
- Biografiearbeit entwickelt mit dem Kind auch eine „offizielle“ Lebensgeschichte, die ihm hilft, sich selbst vor anderen Menschen zu erklären. Diese sollte gesellschaftlich akzeptable Lösungen enthalten, die der Wahrheit entsprechen, damit das Kind vor neuen Bekannten nicht lügen muss, weil es sich der Geschehnisse schämt.
- Es gilt das Kind aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um es in keine Schubladen zu stecken und Stärken zu entdecken, die bislang durch andere, vorrangige Eigenschaften oder Geschehnisse niemandem aufgefallen sind.
- Den Personensorgeberechtigten gegenüber ist man verpflichtet wichtige Sachverhalte mitzuteilen. Auch wenn es im ersten Moment so aussieht, als würde man das Kind entlasten, wenn man negative Geheimnisse für sich behält, ist es trotzdem immer so, dass diese Geheimnisse das Kind belasten und irgendwann doch ans Licht kommen. Man sollte statt dessen dem Kind dabei helfen, auch negative Dinge in den Lebenslauf zu integrieren und damit umgehen zu lernen

(vgl. Ryan; Walker, 2003 zitiert nach Kay Donley).

Die Rolle des Moderatoren/ des Zuhörers in der Biografiearbeit

Diese „zehn Gebote“ können schon einen Grundstock für die Biografiearbeit mit Kindern bilden. Wir betrachten sie als Grundregeln für jeden Erwachsenen, der diese Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen beginnt. Des weiteren zählen zu den Grundvoraussetzungen der Kommunikation die drei Begriffe „Empathie“, „Wertschätzung“ und „Echtheit“.

Empathie bedeutet sich in sein Gegenüber einzufühlen, die Dinge aus seiner Sicht zu betrachten, ohne aber die professionelle Distanz zu verlieren. Man versucht, die Situation auf die gleiche Art und Weise wie das Kind wahrzunehmen, darf aber nicht vergessen, dass man nicht das Kind ist und einen objektiven Blick besitzen muss. Einfühlendes Verstehen meint, „den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen [...]“ (Weinberger, 2004, S.38, zitiert nach Rogers, 1959, S. 37).

Die Kinder sollen in einem Gespräch auch merken, dass sie so angenommen und akzeptiert werden wie sie sind. Der Zuhörer muss das Kind in seinen Einstellungen und Verhaltensweisen achten, auch wenn er anderer Meinung ist (vgl. Weinberger, 2004).

Dies bedeutet allerdings nicht, dass keine anderen Meinungen geäußert werden sollen, der Berater sollte sich sogar überlegen, was er dazu meint und wie er dem Ganzen auch gefühlsmäßig gegenübersteht. Dies kann auch vor dem Kind oder Jugendlichen zur Rede kommen, allerdings in angemessener und nicht in missbilligender Art und Weise. Sich als echt und kongruent zu beweisen bedeutet, sich in „Übereinstimmung mit sich selbst“ zu verhalten (Weinberger, 2004).

Neben diesen Grundlagen sollte bei einer Biografiearbeit noch auf weitere Aspekte geachtet werden. Sie nehmen in der Biografiearbeit gewisse Aufgaben und Funktionen ein, welche nicht vernachlässigt werden dürfen. Nicht nur Psychologen, Sozialpädagogen oder Erzieher machen Biografiearbeit mit Kindern, grundsätzlich kann dies jeder verständnisvolle Erwachsene tun, der eine Beziehung zu dem Kind hat, wie seine Eltern, die Pflegeeltern usw.(vgl. Ryan; Walker, 2003). Wie bereits gesagt sind Empathie, Wertschätzung und Echtheit wichtige Komponenten der Gesprächsführung. Auf den Kontext der Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen bezogen, bedeutet dies, dem Kind achtsam gegenüber zu treten. Man muss einfühlsam sein, um die Signale, welche das Kind sendet, auch wahrzunehmen und richtig zu interpretieren. Denn für die Arbeit mit Menschen gibt es kein festes Schema, nach dem man vorgehen kann, die Biografiearbeit läuft so ab wie es das Kind haben will, das Erzählen wird in seinem Umfang und der Geschwindigkeit vom Kind bestimmt und der Zuhörende muss darauf eingehen, damit es sich verstanden fühlt und dann bereit ist weitere Erfahrungen preis zu geben (vgl. Ryan; Walker, 2003). Dies ist auch nur möglich, wenn der Berater nicht versucht seine eigene Ansicht auf das Kind zu übertragen, denn erstens wird somit die Biografie verfälscht und zweitens beeinflussen „Ratschlag- Haltungen“ (Ruhe, 2007, S.18) die Qualität der Beziehung negativ, da das Kind vom Zuhörer erwartet, dass es in seinen Erzählungen ernsthaft angenommen wird (vgl. Ruhe, 2007). Obwohl das Kind mit seinen Erinnerungen zu jeder Zeit wertgeschätzt wird und ihm einfühlendes Verstehen entgegengebracht werden soll, sooft es nur geht, muss der Berater das Kind darin hindern, offensichtlich falsche Inhalte aufzuzeichnen. Es muss ihm klar gemacht werden, dass es später immer das Resultat der Biografiearbeit ändern kann und noch etwas einfügen darf.

„Biografiearbeit ist weniger Interpretationsarbeit des Vergangenen, sondern mehr Spiegel des Erinnerten und Erinnernden“ (Ruhe, 2007, S.18). Der Zuhörende muss dazu aktiv werden, er muss Gesagtes wiedergeben und dabei Interesse zeigen. Der Erzählende wird nur bemüht sein weiter zu reden, wenn er merkt, da ist jemand, der neugierig auf meine Geschichte ist und nicht nur mit mir spricht, weil er gewisse Informationen herausbekommen will (vgl. Ruhe, 2007). Das Gespräch sollte auf einer partnerschaftlichen Ebene und auf einer Grundlage des Vertrauens verlaufen. Wenn dies der Fall ist, dann wird das Kind oder der Jugendliche auch nach der Person des Zuhörers fragen. Der wiederum sollte dazu bereit sein, ebenfalls etwas aus seinem Leben zu erzählen und damit dem Kind seinerseits das gleiche Vertrauen entgegenzubringen.

Es dürfen in der Biografiearbeit auch keine Themen tabuisiert oder übergangen werden, weil sie für jemanden unangenehm sind. Wenn das Kind über Dinge erzählt, die es nicht erreichen kann oder niemals hatte oder haben wird, dann ist der Zuhörer angehalten langsam und vorsichtig damit umzugehen, aber es auf jeden Fall zu bearbeiten. Dabei ist es allerdings ganz wichtig, dass er nicht übersieht die Grenzen des Kindes zu erkennen und auch einzuhalten, denn die Biografiearbeit ist freiwillig und das Kind darf zu nichts gedrängt werden (vgl. Ruhe, 2007).

Ryan und Walker fassen sieben Grundsätze für die Biografiearbeit zusammen, die der Zuhörer seinerseits immer beachten muss:

- Das Vertrauen des Kindes darf nicht verraten werden
- Auch unangenehme Sachen müssen angesprochen werden
- Dem Kind keine Worte oder Meinungen aufdrängen
- Die Sitzungen zu Ende bringen, bis auf Seiten des Kindes kein Bedarf mehr erkennbar ist
- In der Geschwindigkeit des Kindes arbeiten
- Verlässlich und beständig sein
- Das Resultat gehört selbstverständlich dem Kind, es wird weder als Belohnung noch als Druckmittel verwendet

(vgl. Ryan; Walker, 2003).

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Biografiearbeit in der Schule
Untertitel
Eine Methode zur Förderung der Identitätsentwicklung bei Kindern
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
85
Katalognummer
V134504
ISBN (eBook)
9783640417476
ISBN (Buch)
9783640412297
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografiearbeit, Schule, Eine, Methode, Förderung, Identitätsentwicklung, Kindern
Arbeit zitieren
Michaela Baierl (Autor), 2007, Biografiearbeit in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134504

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