Bourdieu und das Kapital der Zukunft


Seminararbeit, 2001

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I Bourdieu’s Kapital
1.1 Einleitung
1.2 Der Kapitalbegriff
1.3 Das Kulturelle Kapital
1.3.1 : Inkorporiertes Kulturkapital
1.3.2: Objektiviertes Kulturkapital
1.3.3: Institutionalisiertes Kulturkapital
1.4 Das Soziale Kapital
1.5 Der Kapitaltransfer

Teil II Die Hierarchien
2.1 Die dominante Kapitalform
2.2 Die Kapitalarten in der Vorindustriellen Zeit
2.3 Die Umkehrung durch die Industrielle Revolution
2.4 Die Kaderkräfte
2.5 Die IT Branche als Markt für inkorporiertes Kulturkapital
2.6 Die Wissens- und Informationsgesellschaft
2.7 Die Entmachtung des ökonomischen Kapitals durch die Digitalisierung
2.8 Die Informationsgesellschaft als Wiederkehr der Moderne?

Hausarbeit

Bourdieu und das Kapital der Zukunft

Teil I Bourdieu’s Kapital

1.1 Einleitung

Als ich mich für den Text „Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital“ als Grundlage meiner Hausarbeit entschied, war der Grund meiner Entscheidung vor allem das Interesse an neuen Blickwinkeln für die Intentionen hinter den menschlichen Handlungen. Schließlich sind es das alltägliche Leben und die alltäglichen Erfahrungen, die unser Weltbild nachhaltig beeinflussen. Zum anderen begeisterte mich der metaphysische Aspekt des Modells. Manche Theorien und Modelle aus Physik, Chemie oder gar der Wirtschaftswissenschaften finden unverhofft auch bei fachfremden Phänomenen eine sinnvolle Anwendung. Es sind immer die allgegenwärtigen, universal einsetzbaren Erkenntnisse, welche die abstrakte und teilweise bizarre Welt der Wissenschaft auf ein übersichtliches Maß an systematischen Zusammenhängen strukturieren.

So auch die Theorie der drei Kapitalarten von Bourdieu. Sie scheint die sozialen Machtstrukturen in der Gesellschaft zu entlarven. Die Grundlage meiner Hausarbeit soll deshalb der Aufsatz:

„Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital“ sein. Ich werde zunächst die Aussage der Theorie zusammengefasst wiedergeben. Darüber hinaus werde ich Bourdieu’s weitergehende Überlegung aufnehmen, die Machtverhältnisse der Kapitalarten in unserer Zeit zu analysieren. Aufgrund dessen werde ich dann dazu übergehen die Frage nach einer gesellschaftlichen Entwicklung bezüglich der Kapitalarten aufzuwerfen. Dieses soll im besonderen auf unsere heutige Zeit, die charakterisiert werden kann, als den Umbruch zur Informationsgesellschaft, bezogen werden. Hier werde ich ausschließlich meine eigenen Gedanken ausführen.

Zuletzt gehe ich auch noch in Bezug auf meine Überlegungen auf den Wiederstreit Modern - Postmodern ein und werde die Schwierigkeiten erörtern, diese Begriffe auf unsere heutige Zeit anzuwenden.

1.2.1 Der Kapitalbegriff

Zunächst stellt Bourdieu fest, dass die gesellschaftliche Welt akkumulierte Geschichte ist.[1] Alle Handlungen des Menschen haben also Konsequenzen nach sich gezogen, die unwiderrufbar dessen weitere Handlungen von vornherein determinieren. Das entzaubert die Welt von der „Welt der unbegrenzten Möglichkeiten „ in die „Welt der eng begrenzten Möglichkeiten“, denn nichts entsteht einfach aus dem Nichts, alles braucht seine Vorarbeit. Diese Vorarbeit ist als wertmäßiger Bestand vorauszusetzen. Bourdieu hält es deshalb für unbedingt notwendig den Kapitalbegriff in die Sozialwissenschaft einzuführen.[2] Gäbe es das Kapital nicht, so würde das Leben sich dem Roulett gleich verhalten und alles wäre zu jederzeit möglich. In der Ökonomie scheinen wir dieses Naturgesetz bereits verinnerlicht zu haben. Dort arbeitet man seit jeher mit diesem Begriff. Bourdieu erkennt als Soziologe somit die Eigennützigkeit des handelnden Homoökonomikus an, der aus reiner Profitmaximierung geleitet mit dem akkumulierten Kapital weitere Profite erwirtschaften will. Doch Bourdieu verändert nicht nur die Soziologie in dem er den Kapitalbegriff in ihr einführt, er verändert auch die bisher eingeschränkte Definition von Kapital. Er führt sie zurück in ihren Ursprung als Akkumulierte Arbeit und verweist darauf, das auch in nicht wirtschaftliche, also nicht eindeutig wertmäßig erfassbare Lebensbereiche, der Begriff des Kapitals sinnvoll ist. Denn die alleinige Nutzung des Kapitalbegriffs in der Wirtschaftstheorie würde bedeuten, dass sie die einzige Eigennützigkeit verkörpere und die restlichen sozialen Austauschverhältnisse in der Gesellschaft auf reine Uneigennützigkeit basieren.[3]

Aus diesem Grund wirft er der Wirtschaftswissenschaft vor, ihren Rahmen zu eng gesteckt zu haben und somit das Entstehen einer allgemeinen Praxis der Ökonomie verhindert zu haben.[4]

Alles hat also seinen Preis. Und alles hat seinen Profit. Auch wenn diese sich nicht immer in Geldbeträgen eindeutig aufschlüsseln lassen. Neben dem bisher bekannten ökonomischen Kapital gibt es nach Bourdieu noch das kulturelle- und das soziale Kapital.[5]

Sie scheinen den ähnlichen Gesetzten zu gehorchen wie die Ökonomen es für den wirtschaftlichen Warenaustausch und dem ökonomischen Kapital schon festgelegt haben. Sie sind Akkumulationen von Arbeit und erwirtschaften so Profite in verschiedenster Ausprägung. Diese Profite sind dann je nach Gegebenheit sozialer, kultureller oder auch ökonomischer Art.

Wichtig ist, daß die verschiedenen Kapitalarten sich untereinander transferieren und ineinander umwandeln lassen. In Analogie zum physikalischen Energieerhaltungssatzes kann man durchaus von einem Kapitalerhaltungssatz sprechen.

1.2.2 Das Kulturelle Kapital

Bourdieu unterscheidet 3 Formen von Kulturellem Kapital:

1. Inkorporiertes Kulturkapital; das Wissen und die Fähigkeiten, die im Laufe des Lebens erlernt wurden und eins geworden sind mit der Person an sich. Das verinnerlichte Wissen.
2. Das Kulturkapital im Objektivierten Zustand; also alle Arten von Medienbesitz kulturellen Inhalts. Das können Bücher, Zeitschriften, Bilder oder auch Videofilme sein.
3. Institutionalisiertes Kulturkapital; dies ist eine andere Form von Objektivierung Kulturellen Kapitals. Es ist sozusagen eine allgemeingültige Bescheinigung für den Besitz von inkorporiertem kulturellem Kapital. Also ein Abschluss jeglicher Art wie z.B. eine abgeschlossene Maurerlehre, das Abitur bis hin zur Habilitation.

1.2.2.1 : Inkorporiertes Kulturkapital

Das Inkorporierte kulturelle Kapital ist immer an den Eigner gebunden. Es ist die Zeit und der Aufwand, den eine bestimmte Person in seine Bildung investiert hat. Nur er selbst kann diesen Aufwand aufbringen, niemand kann es ihm schenken oder gar vererben. Er ist aber auch alleiniger Besitzer dieses Kapitals.[6]

Die Fähigkeiten, die man erlangt hat, haben ihrerseits einen Markt, auf dem unter anderem wie in der Ökonomie Angebot und Nachfrage herrschen. Wenn also jemand in einer Gesellschaft spezielle Fähigkeiten hat, die einerseits gebraucht werden und andererseits selten sind, kann der betreffende durch den Einsatz dieser Fähigkeiten Extraprofite jeglicher Art erwirtschaften.[7] Zumeist sind es Ökonomische Profite. Es gibt also einen Transfer zwischen den Kapitalarten.

Anders funktioniert der Transfer zwischen den Generationen in der Familie. Da, wie bereits besprochen, der direkte Austausch von Inkorporiertem Kulturkapital unmöglich ist, misst sich der Transfer vor allem an der Zeit, die Vater und Mutter in die Erziehung investieren können. Andererseits spielt die Zeit, die es dem Kind ermöglicht über seine Erziehung hinaus sich ohne ökonomische Zwänge weiterzubilden, eine entscheidende Rolle beim Akkumulieren inkorporierten Kulturkapitals. Und Zeit ist bekanntlich Geld; mit anderen Worten; die Familie muss bereits über ein bestimmtes ökonomisches Kapital verfügen um die Zeit aufzubringen, das Kind zu erziehen und es auf seiner weiteren Laufbahn finanziell zu unterstützen, wenn es z.B. studieren will.[8]

1.2.2.2: Objektiviertes Kulturkapital

Das objektivierte Kulturkapital ist gegenständlicher Natur. Bücher, Gemälde, Tonträger all das lässt sich ohne Probleme aneignen. Vorausgesetzt man hat genügend ökonomisches Kapital. Kulturelle Güter sind auch auf Grund ihrer Gegenständlichkeit leicht weiterzugeben oder zu veräußern. Der Transfer von ökonomischen in kulturelles Kapital und umgekehrt scheint hier allzu offensichtlich.

Weit aus schwieriger scheint es den Kulturellen Wert von objektiviertem Kulturkapital dann auch für sich zu nutzen. Es braucht nämlich Vorbildung oder spezielle Fähigkeiten, also inkorporiertes Kulturkapital, um sich zum Beispiel an einem Gemälde oder einem Buch zu erfreuen, es zu verstehen und dadurch weiteres inkorporiertes Kulturkapital zu akkumulieren.[9]

So gibt es scheinbar 2 Wege objektiviertes Kulturkapital zu besitzen. Einerseits der ökonomische, das pure erworben haben, anderseits das inkorporierte, das symbolischen: Mit seinen Fähigkeiten Macht über etwas haben, es beherrschen.

So kann zum Beispiel ein Produktionsmittelbesitzer das Ökonomische Kapital aufbringen eine Maschine zu kaufen, doch mit ihr umgehen kann er dann noch nicht. Entweder er bezahlt jemandem Geld, der es kann oder er muss es selber lernen. Genau aus diesen Elementen besteht dann auch der Arbeitskampf. Besitzer Ökonomischen Kapitals und Besitzer kulturellen Kapitals tragen ihre Machtkämpfe aus.[10]

1.2.2.3: Institutionalisiertes Kulturkapital

Leider sieht man es einem Menschen nicht auf den ersten Blick an, was er kann und was er weiß. In vielen Fällen besteht aber eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses schnell in Erfahrung zu bringen, zum Beispiel wenn es darum geht die Qualifikation und Kompetenz eines neuen Mitarbeiters in einer Firma zu beurteilen. Dafür wurden Fähigkeiten und Wissen in einer Art Norm institutionalisiert. An dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.B. Schule, Berufsschule, Hochschule u.s.w.) kann man Titel erwerben, die einem dann in der Allgemeinheit das inkorporierte Kulturkapital bescheinigen. Man kann sich so dem ständigen Beweiszwang entledigen, dem man als Autodidakt ausgeliefert ist.[11] Der Titel hilft auch bei der Transformation in ökonomisches Kapital. Es kann aufgrund der Institutionalisierung eine Art Wechselkurs ermittelt werden, der die Besitzer des inkorporierten kulturellen Kapitals aufgrund ihrer Titel nun vergleichbar macht.[12]

1.2.3 Das Soziale Kapital

Das Soziale Kapital ist die Summe des sozialen Netzes, in dem sich eine Person bewegt.[13] Familiäre Bindungen, Freundschaften und Bekanntschaften. Fast jede Art von Beziehung muss erarbeitet werden. Das soziale Netz wächst oder schrumpft mit den Handlungen eines Menschen. Diese geben ihm dann aber auch den Background für sein soziales Leben. Das soziale Kapital rekrutiert sich zum Beispiel auch aus sich selbst. Über Bekanntschaften werden meist neue Bekanntschaften geknüpft. Wichtig ist aber auch, das die Bekanntschaften sich meist aus dem eigenen sozialem Umfeld der betreffenden Person, das sich vor allem auch durch ökonomisches und kulturelles Kapital definiert, reproduziert. So wird, oft gewollt aber meist unbewusst, ein relativ homogenes Feld an Beziehungen geknüpft. Man bleibt unter sich.[14]

Jedes Gruppenmitglied wird automatisch zum Wächter der Gruppe, da jeder Neuzugang die Besonderheit und Exklusivität der Gruppe gefährden kann. Daher ist es auch relativ nachvollziehbar, dass in den meisten elitären Gruppen die Vorbereitung und Durchführung von Heiraten eine Angelegenheit der betroffenen Gruppe als Gesamtheit ist, und nicht nur der unmittelbar beteiligten Individuen. Denn mit der Einführung neuer Mitglieder in eine Familie, in einen Clan oder einen Club wird die Definition der ganzen Gruppe mit ihren Grenzen und ihrer Identität aufs Spiel gesetzt und von Neudefinitionen und Verfälschungen bedroht. Soziales Kapital übt einen Multiplikatoreffekt auf das tatsächlich vorhandene Kapital aus.[15] Jedoch gilt ebenso die Umkehrung: Je mehr Geld vorhanden ist, desto mehr Ertrag an sozialem Kapital bringt auch die soziale Beziehungsarbeit. Soziales und ökonomisches Kapital sind miteinander in hohem Maße verwoben. Das Prinzip der Delegation ist beim Sozialkapital - im Gegensatz zum kulturellen Kapital - prinzipiell möglich und konkret auch stark verbreitet. Oftmals konzentriert sich der Gesamtbesitz an Sozialkapital einer Gruppe stellvertretend in einer einzigen Person, z.B. dem Familienoberhaupt eines Clans. Dieses Oberhaupt muß bei einer Bedrohung der Gruppenehre mit seiner ganzen Person für den Erhalt der Gruppenehre eintreten, und muß sich auch für jedes noch so ,,unbedeutende" Gruppenmitglied persönlich engagieren.[16]

[...]


[1] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 49

[2] ebd.

[3] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 50 f

[4] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 51

[5] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 52

[6] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 55f

[7] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 57

[8] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 58

[9] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 59

[10] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 60

[11] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 61f

[12] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 62f

[13] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 63

[14] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 66f

[15] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 65

[16] Vgl.: Die verborgenen Mechanismen der Macht; S. 69

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bourdieu und das Kapital der Zukunft
Hochschule
Universität Lüneburg  (Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Einführung in die Kulturphilophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V13451
ISBN (eBook)
9783638191142
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine gute Arbeit zur Einführung in Bourdieus Kulturphilosophie + optimistischer Essay zum Klassenkampf der Kapitalarten.
Schlagworte
Bourdieu, Kapital, Zukunft, Einführung, Kulturphilophie
Arbeit zitieren
Michael Seemann (Autor), 2001, Bourdieu und das Kapital der Zukunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13451

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