Feldforschung ohne Feld - Ansätze ethnologischer Internetforschung


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die „klassische“ Typologie der ethnologischen Methoden

3 Besonderheiten der Feldforschung
3.1 Dauer
3.2 Sprachkenntnis
3.3 Teilnahme
3.4 Key Informant

4 Probleme und Chancen der ethnologischen Internetforschung
4.1 Meinungs- und Marktforschung
4.2 Identitäts- und Netzwerkforschung

5 Begriffsexiplikation ethnologischer Internetforschung
5.1 Internet
5.2 Feld und Feldforschung im Internet
5.3 Teilnehmende Beobachtung im Internet

6 Neue Forschungsquellen
6.1 Webseiten
6.2 Mailinglisten und Newsgroups
6.3 Online-Surveys
6.4 Ergänzende Offlineforschung

7 Fazit

Anhang

Literatur

1 Einleitung

Das Medium Internet hat in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung genommen. Durch die rasche Verbreitung und die Entdeckung neuer Möglichkeiten ist es immer wieder in den Schlagzeilen. Sei es durch die Entwicklung von immer realer werdenden virtuellen Welten oder durch die immer dichter werdenden Verbindungen zwischen den Menschen die das Internet ermöglicht.1 Selbst die Gebühreneinzugszentrale in Deutschland hält die Verbreitung und Entwicklung des Internets nun für soweit vorangeschritten, dass für die Möglichkeit Internet zu empfangen künftig Gebühren fällig werden. Es scheint also, als sei das Internet immer noch für Überraschungen gut. Einen Normal- oder Istzustand dokumentiert dagegen die Tatsache, dass die Beschäftigung mit Internet in nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen Eingang gefunden hat. In diesem Zusammenhang nimmt die Ethnologie eine Nachrückerrolle ein. Lehrveranstaltungen zum Thema Internet, wie jene in der auch diese Hausarbeit entstand, sind insgesamt noch recht selten und spärlich in den Lehrplänen der akademischen Ethnologie zu finden. Das soll nicht heißen, dass Ethnologen, mit „Naturverbundenheit“ (Rossbach de Olmos 2004: 551) in Verbindung gebracht, aktive Verweigerer sind. Vielmehr scheint der Teufel im Detail zu stecken und die geringe Publizierungsrate von Ethnologen zum Thema Internet methodisch begründet zu sein. Wo soll angesetzt werden, wie können Daten erhoben werden, wenn Feldforschung quasi ohne Feld durchgeführt werden muss? Ist das geringe Forschungsinteresse der Ethnologie am Internet mit ihrem strengen Methodenkatalog zu erklären?

Durch das Zusammenführen der Eigenschaften der klassischen Methoden der Ethnologie und den Eigenschaften des Internets soll einerseits diese Hypothese gestützt werden, während auf der anderen Seite Mittel und Wege gefunden werden sollen, sich aus ethnologischer Sicht dem Thema Internet und Internetforschung zu nähern.

So gebe ich in Punkt 2 zunächst einen Überblick über die klassischen Methoden der Ethnologie in Form einer Typologie. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der ethnographischen Feldforschung, die als wichtigste Methode der Ethnologie gilt. Danach folgt ein bewusster Bruch durch die Benennung von Entwicklungsschritten in der Internetforschung, der die scheinbaren Differenzen zwischen Internet und Ethnologie verdeutlichen soll. Mögliche Auswege, oder um es positiv auszudrücken, mögliche Zugänge zum Forschungsgebiet Internet werden in Punkt 3 vorgestellt. Punkt 4 erörtert die Probleme und Chancen der Internetforschung. Anschließend sollen in Punkt 5 die für eine kanonisierte ethnologische Internetforschung wichtigen Begriffe Internet, Feld beziehungsweise Feldforschung und teilnehmende Beobachtung erläutert werden. In Punkt 6 möchte ich konkrete neue Forschungsfelder vorstellen, um in Punkt 7 mit einem Fazit abzuschließen.

2 Die „klassische“ Typologie der ethnologischen Methoden

Die Ethnologie kennt ein Set von Techniken und Methoden, die sie als eigene akademische Disziplin charakterisiert und von anderen Disziplinen unterscheidet. Diese Methoden sind nach und nach entstanden und gehen auf Vertreter bestimmter Denkschulen zurück oder sind schlicht das Ergebnis persönlicher Erfahrungen im Problemfeld der Erkenntnisgewinnung. So lassen sich die evolutionistischen Ansätze der „ armchair -Ethnologen“, denen als Informationsquellen im Wesentlichen Berichte, Reisegeschichten und Sammlungen, also Informationen aus „Zweiter Hand“, dienten, als vergleichende Ansätze kennzeichnen. Da diese Ansätze das große Ganze im Blick haben, ist dieses Vorgehen als deduktive Methode zu bezeichnen. Im Gegensatz dazu waren die ersten Feldforscher, die ihre Informationen direkt „im Feld“ sammelten, eher an der Einzelkultur interessiert. Diese Herangehensweise entspricht induktivem Vorgehen.

Peoples und Bailey unterscheiden in ihrem Standardlehrbuch „ Humanity “ den induktiv-deduktiv-Gegensatz begrifflich als Gegensatz zwischen „ comparative“ und „ ethnografic methods“2 (Peoples und Bailey 2003: 103). Dieser scheinbare Gegensatz in der Methodik trägt den Anspruch der Ethnologie Rechnung, sowohl Universalien menschlicher Kultur aufdecken zu wollen, sowie außerdem auch Einzeldaten zu erkennen, zu analysieren und sie als solche interpretieren zu können. Dieser Unterscheidung folgend lässt sich eine Typologie der ethnologischen Methoden erstellen (vgl. Abbildung 1).

Zu den vergleichenden Methoden zählen Methoden des interkulturellen Vergleichs (Vergleich von verschiedenen Kulturen bezüglich bestimmter Untersuchungsfelder) und des kontrolliert historischen Vergleichs (Vergleich von der gleichen Kultur zu unterschiedlichen Zeitpunkten). Auf die speziellen Instrumente der Erkenntnisgewinnung von interkulturellem und kontrolliertem historischen Vergleichs soll hier nicht weiter eingegangen werden. Wie bereits erwähnt, zeichnen sich vergleichende Methoden dadurch aus, dass sie Anwendung finden, wenn es darum geht, allgemeingültige, universale Zusammenhänge zu erklären oder Hypothesen zum allgemeinen Menschsein aufzustellen.

Um dies jedoch gegenüber wissenschaftlicher Kritik zu stützen, müssen überhaupt erst einmal Daten zusammengetragen werden. Allein die Vorgehensweise, fremde Berichte auszuwerten und sie deduktiv zu verwenden, reicht heute nicht mehr aus. Vielmehr wird von Ethnologen heute auch verlangt, eigene Daten aus der Beschreibung von Einzelkulturen sammeln zu können. Hierfür stellen die ethnographischen Methoden das Handwerkszeug. Neben der Feldforschung, auf die gleich näher eingegangen werden soll, fällt auch noch die ethnohistorische Forschung in den typologischen Bereich der ethnographischen Methoden. Es sei hier nur darauf hingewiesen, dass sich die Ethnohistorie damit beschäftigt, vergangene kulturelle Verhältnisse anhand auch nicht-schriftlicher Quellen zu rekonstruieren.

Es soll damit deutlich geworden sein, dass die Feldforschung der zentrale Ausgangspunkt für ethnologische Aussagen ist, ob nun für vergleichende Hypothese oder ethnographische Beschreibung. So betonen heute alle Ethnologen, trotz der vielen verschiedenen Denkschulen, die Wichtigkeit der ethnologischen Feldforschung als Datenquelle. Aufgrund der großen Bedeutung der Feldforschung möchte ich weitere Besonderheiten dieser Methode beleuchten.

3 Besonderheiten der Feldforschung

Wie jede Methode zur Datengewinnung, ist auch die Feldforschung nur dann eine sinnvolle Methode, wenn sie effektiver ist als alternative Methoden. Für die Ethnologie, die ihre Datenerhebung, wie erläutert, häufig mit dem Erforschen des Zusammenleben von Kulturen in ihrem gewohnten Kontext beginnt, ist es deshalb nahezu ausschließlich von Vorteil, die Feldforschung als Methode zu wählen. Aus analytischer Sicht handelt es sich bei Feldforschung um eine Methode zur Erhebung empirischer Daten durch Beobachtung und Befragung. Was sie aber von Feldforschung in der Soziologie unterscheidet, sind die wichtigen Voraussetzungen, die sich über die Jahre von Franz Boas über Bronis|aw Malinowski und Margret Mead entwickelt haben und deshalb eine eigene ethnologische Forschungsmethode charakterisieren.

Als wichtige Voraussetzungen möchte ich im Einzelnen die Dauer der Feldforschung, die Kenntnis und Beherrschung der lokal verbreiteten Sprache, die Teilnahme am (alltäglichen) Leben sowie die herausgehobene Kontaktaufnahme zu einem key informant erläutern. Hinzu kommen perspektivische Voraussetzungen, die mit den Schlagwörtern Kulturrelativismus, Holismus und emische Perspektive genannt werden können.

3.1 Dauer

Nachdem die ersten Ethnologen noch völlig ohne eigene Feldforschung auskamen, war Franz Boas der erste wissenschaftliche Ethnologe, der eigene Daten erhob. Diese sammelte er in einer Art Expeditionsstil, denn sein Forschungsaufenthalt beschränkte sich auf wenige Monate. (vgl. Fiebertshäuser und Prengel 1997: 5) Hierbei entwickelte er den Kulturrelativismus. Eine Betrachtungsweise, die davon ausgeht, dass Kulturen nur aus sich selbst heraus und deshalb relativ verstanden werden können. Malinowski, der als Begründer der modernen Feldforschung gilt, führte seine bekannte Feldforschung über das Zusammenleben der Trobriander über ein Jahr durch. Dies stellt sicher, dass Rituale, die unter anderem mit agrarisch bedeutsamen Ereignissen und damit auch dem Jahreszeitenzyklus verbunden sind, erfasst werden. Seither wird die reine ethnologische Feldforschung mindestens über den Zeitraum eines Jahres betrieben. Vor- und Nachbereitungszeit hinzugerechnet, ist eine umfassende Feldforschung selten kürzer als zwei Jahre. Die mindestens einjährige Forschung fördert außerdem die Aussagekraft der Datenerhebung. Denn bei zu kurzem Forschungsaufenthalt, kann der Forscher seinem kulturellen Hintergrund erliegen und zu ethnozentristischen Aussagen kommen. Der lange Aufenthalt räumt also dem Forscher Zeit ein, die "zweite Sozialisation" zu erfahren und die emische Perspektive einzunehmen. Diese versucht die Sichtweise des Beobachteten und nicht des Beobachtenden einzunehmen.

3.2 Sprachkenntnis

Die Beherrschung der Sprache der untersuchten Kultur ist deshalb so wichtig, da begrifflich bedeutsame Unterschiede, zum Beispiel bei der Untersuchung von Verwandtschaftsbeziehungen, durch Übersetzungen verloren gehen können. So sind Feldforschungen mit Übersetzern, wie in der empirischen Sozialforschung, in der Ethnologie nicht erwünscht.

[...]


1 Siehe dazu folgende Zeitschriftenartikel: Von Randow, Gero 2007: Das Leben im Netz. In: Die Zeit 04/2007: 1. und Casati, Rebecca; Matthias Matussek; Philipp Oehmke; Moritz von Uslar 2007: Alles im Wunderland. In: Der Spiegel 8/2007: 150­163.

2 im Folgenden: 'vergleichende' sowie 'ethnographische Methoden'

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Feldforschung ohne Feld - Ansätze ethnologischer Internetforschung
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich IV)
Veranstaltung
Kulturen im Netz
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V134516
ISBN (eBook)
9783640422272
ISBN (Buch)
9783640422104
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feldforschung, Feld, Ansätze, Internetforschung
Arbeit zitieren
Hendrik Claas Meyer (Autor), 2007, Feldforschung ohne Feld - Ansätze ethnologischer Internetforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134516

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