2007/2008 hielt Katharina Lacina eine Ethikseminar an der Uni Wien mit dem Titel „New ways of making babies: Ethik in der Reproduktionsmedizin“ ab. Ich als Teilnehmer habe zu drei der angerissenen Themenkreise im Rahmen des Seminars Essays verfasst, die nun überarbeitet hier zusammengefasst erscheinen und natürlich alle mit den neuen Mutterschaftsmöglichkeiten in Verbindung stehen.
Zu Barbara Duden muss kaum etwas gesagt werden, der erste Essay setzt sich mit ihrem Text Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben aus dem Jahre 1994 auseinander, wobei natürlich – Simulakrum! – auch Boudrillard ins Spiel gebracht werden soll.
Auch beim zweiten Essay muss ein Berühmter herhalten: es geht um einen Text von Dieter Birnbacher - Schwangerschaft hirntoter Frauen. Logik medizinischer Konsequenzen? Das verspricht ja schon im Titel einige Brisanz und der Text nähert sich diesem Thema natürlich aus einer utilitaristischen Sichtweise an.
Schließlich folgt noch ein Essay der doch mit einem Augenzwinkern gelesen werden will und sich an zwei Texten abarbeitet: an Laura M. Purdys Text Surrogate Mothering: Exploitation or Empowerment? aus dem Jahre 1989 (!), und an einem von Susan Dodds und Karen Jones, A Response to Purdy, aus dem gleichen Jahr. Also ebenfalls an Klassikern der modernen Moralphilosophie.
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. UNGEBORENES SIMULAKRUM
2. GEDANKEN ZUM TAG: 21.11.2007, 11:15H – 12:45H
3. …NICHT BLOß ALS MITTEL SONDERN ZUGLEICH ALS ZWECK…
Zielsetzung und Themenfelder
Das Ziel der Arbeit besteht in der kritischen Auseinandersetzung mit ethischen und gesellschaftlichen Fragestellungen moderner Reproduktionsmedizin, wobei existierende philosophische Positionen reflektiert und in den Kontext aktueller Entwicklungen gesetzt werden.
- Die mediale und wissenschaftliche Konstruktion von ungeborenem Leben als Simulakrum.
- Ethische Implikationen der Schwangerschaft bei hirntoten Frauen und utilitaristische Logik.
- Die Problematik von Leihschwangerschaft als Fortpflanzungsarbeit und Lohnarbeit.
- Die kritische Reflexion utopischer Gesellschaftsentwürfe in der Reproduktionsmedizin.
Auszug aus dem Buch
1. Ungeborenes Simulakrum
Was Boudrillard vor 30 Jahren definiert hat ist zugleich allgemeiner wie auch spezifischer als Barbara Dudens Ansatz der Abbildung von Unsichtbaren, welchen sie zehn Jahre später zu entwickeln beginnen wird. Spezifischer, weil Boudrillard sich anfangs vor allem an einer Gotteskritik abarbeitet, also an einem Machtbegriff, allgemeiner, weil in der Rückschau sein Entwurf gespenstisch prophetisch auf all unsere Lebensbereiche zu wirken scheint, somit nicht nur Bilder, sondern einfach alles mit Boudrillard ursprungslos gedacht werden kann. Simulakrum, französisch simulacre, erkärt Boudrillard seinem Essay vorgelagert, bedeutet „das Trugbild, das Blendwerk, die Fassade, der Schein“, und weiter, vom lateinischen simulacrum kommend, eben „das Bild, das Abbild, das Bildnis, die Nachbildung, das Gebilde, die Statue, das Götterbild, die Bildsäule, das Traumbild, der Schatten, das Gespenst.“
Somit sollte der Bezug zum Frauenleib als öffentlicher Ort erklärt sein. Barbara Duden möchte den gegenwärtigen Blick auf nicht geborenes Leben in einen historischen Bezug stellen, ihn gleichsam als ein hyperreales Simulakrum entlarven. Wobei auch ihr Buch – welches sie selbst als „Essay … der eindeutig keine ‚Studie’ ist“ bezeichnet – bei aller Aktualität auch schon als historisch bezeichnet werden muss. Denn während einerseits die technischen Möglichkeiten für Bild gebende Verfahren große Fortschritte verzeichneten, hat sich andererseits auch die Aufnahmefähigkeit der Menschen in den letzten 13 Jahren seit Erscheinen des Buches offensichtlich gewandelt. Secondlife.com, Digitalkameras und Egoshooters seien nur erwähnt um den sensual oder aesthetical turn dieser Problematik aufzuwerfen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Der Autor erläutert den Ursprung der Essays aus einem Ethikseminar und führt in die drei zentralen Themenbereiche Reproduktionsmedizin, Hirntod und Leihmutterschaft ein.
1. UNGEBORENES SIMULAKRUM: Dieses Kapitel analysiert anhand von Barbara Duden und Jean Baudrillard, wie mediale Darstellungen ungeborenen Lebens als hyperreale Simulakra fungieren und die Wahrnehmung von Schwangerschaft prägen.
2. GEDANKEN ZUM TAG: 21.11.2007, 11:15H – 12:45H: Der Autor setzt sich mit der ethischen Problematik des Hirntods in der Schwangerschaft auseinander und hinterfragt die utilitaristische Logik hinter der medizinischen Nutzung hirntoter Körper.
3. …NICHT BLOß ALS MITTEL SONDERN ZUGLEICH ALS ZWECK…: Der abschließende Teil untersucht die Problematik der Leihmutterschaft, insbesondere die Einordnung als Lohnarbeit und die ethischen sowie sozialen Konsequenzen dieser Praxis.
Schlüsselwörter
Reproduktionsmedizin, Simulakrum, Ethik, Hirntod, Leihschwangerschaft, Moral, Utilitarismus, Fortpflanzungsarbeit, Medizintechnik, Schwangerschaft, Gesellschaftskritik, Biopolitik, Identität, Wahrnehmung, Technologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit ethischen Fragestellungen, die sich aus neuen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin ergeben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der medialen Konstruktion ungeborenen Lebens, der ethischen Bewertung der Schwangerschaft bei hirntoten Frauen und der moralischen Einordnung von Leihmutterschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aktuelle medizinische und soziale Entwicklungen in der Reproduktion durch eine philosophische Brille kritisch zu reflektieren.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Es wird eine philosophisch-kulturwissenschaftliche Perspektive eingenommen, die unter anderem auf Ansätze von Jean Baudrillard, Barbara Duden und Dieter Birnbacher zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Phänomen des "Simulakrums" bei Schwangerschaftsbildern, die Problematik der Hirntod-Definition im Kontext von Schwangerschaft und die ökonomisch-ethische Dimension der Leihschwangerschaft.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Reproduktionsmedizin, Simulakrum, Leihschwangerschaft, Hirntod und die Reflexion von Machtstrukturen in der modernen Medizin.
Welche Bedeutung hat das Konzept des Simulakrums für das ungeborene Leben?
Das Konzept verdeutlicht, wie durch bildgebende Verfahren eine Realität erzeugt wird, die losgelöst von ihrem Ursprung als "hyperreal" vermarktet wird.
Wie bewertet der Autor die ökonomische Dimension der Reproduktionsmedizin?
Er sieht eine Tendenz zur Kommerzialisierung, in der ökonomische Aspekte und die "Machbarkeit" der Technik ethische Bedenken zunehmend in den Hintergrund drängen.
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- mag. Markus Luef (Author), 2008, Neue Zeugungsarten beim Menschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134517