Warum sollte sich ein Soziologiestudent mit dem Thema Weltgesellschaft beschäftigen? Ergeben nicht schon die jeweiligen Nationalgesellschaften mehr als genügend Material, um ein ganzes Studium und auch mehr damit zu füllen? Und wenn nicht, dann sind ja noch die soziologische Theorie, die speziellen Soziologien und sonstige Aufgabengebiete dieser Wissenschaft vorhanden. Es lassen sich mehrere Antworten auf diese Fragen geben. Ich beschränke mich auf folgende vier:
Mit der Frage nach der Weltgesellschaft stehen wir wenngleich nicht an dem geschichtlichen, so doch am theoretischen Anfang der Soziologie. Diese Frage zieht zwangsläufig die Fragen nach sich: Was ist eigentlich der Untersuchungsgegenstand der Soziologie? Was ist Gesellschaft überhaupt und wo liegen ihre Grenzen? Ohne die Klärung ihres Untersuchungsgegenstandes kann eine Wissenschaft kaum genau funktionieren.
Die Theorie der Weltgesellschaft impliziert, dass es Probleme, Entwicklungen und Ereignisse gibt, die nicht auf der nationalstaatlichen Untersuchungsebene zu erklären sind, da sie umfassendere Ursachen und Auswirkungen haben. um diese Prozesse zu erforschen und Problemlösungsstrategien zu entwickeln, bedarf es einer Beschäftigung mit dem übergeordneten System der Weltgesellschaft.
Die Weltgesellschaft ist die Umwelt aller ihrer Teilsysteme. Dementsprechend hat sie Auswirkungen bis auf die unterste Ebene der Individuen. Durch Prozesse, die von außen nach innen verlaufen stellt sie „ein zusammenhängendes Interaktionsfeld … [dar], in das jedermann direkt oder indirekt involviert ist“ (Heintz 1982, S. 8, Meine Auslassung und Einfügung).
Ein letzter hier anzuführender Grund für die Beschäftigung mit der Weltgesellschaft wäre meiner Meinung nach die Tatsache, dass sie einen neuen Typus der Gesellschaft darstellt und dadurch auch die Entwicklung neuer, angemessener Forschungsmethoden erfordert. Es wäre interessant zu beobachten, inwiefern die Soziologie als Wissenschaft durch dieses Problem sich verändern wird. Im nächsten Kapitel werde ich meine Vorgehensweise bei der Behandlung dieses Themas darstellen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitender Teil
0.1. Warum Weltgesellschaft?
0.2. Die Vorgehensweise
1. Beschreibender Teil
1.1. Der Begriff der Gesellschaft
1.2. Die Evolution und die funktionale Differenzierung
1.3. Die Faktizität und die Merkmale der Weltgesellschaft
1.4. Die Umwelt der Weltgesellschaft
2. Erweiternder Teil
2.1. Weitere Ergänzungen und Überlegungen
2.1.1. Am Anfang war die Welt?
2.1.2. Der Nationalstaat oder das politische System der Weltgesellschaft
2.2. Das Weltentwicklungsschichtungssystem
2.3. Der World Polity Ansatz
2.4. Weltgesellschaftstheorien im Vergleich
3. Vergleichender Teil
3.1. Weltsystemtheorie
3.2. Soziologische Konzepte der Globalisierung
3.2.1. Roland Robertson
3.2.2. Anthony Giddens
3.3. Vor- und Nachteile der Systemtheorie für die Beschreibung globaler Prozesse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Luhmanns Systemtheorie im Kontext der Globalisierung und setzt diese in Bezug zu anderen soziologischen Weltgesellschaftstheorien. Ziel ist es, die theoretischen Grundlagen für die Analyse globaler Prozesse zu prüfen und Möglichkeiten für eine synthetische Verbindung unterschiedlicher Erklärungsansätze aufzuzeigen.
- Die luhmannsche Systemtheorie als Kern der Weltgesellschaftsbeschreibung
- Vergleichende Analyse von Weltgesellschaftsmodellen (u.a. Heintz, Meyer, Wallerstein)
- Untersuchung der Rolle des Nationalstaates in globalen Strukturen
- Diskussion soziologischer Konzepte der Globalisierung bei Robertson und Giddens
- Kritische Reflexion der Leistungsfähigkeit systemtheoretischer Ansätze
Auszug aus dem Buch
1.1. Der Begriff der Gesellschaft
„Niklas Luhmann [verkörpert] den eher ungewöhnlichen Fall eines Theoretikers, der dem Gesellschaftsbegriff von vornherein eine zentrale Stellung eingeräumt hat“ (Stichweh 2005, S. 179, meine Einfügung). Seine Überlegungen beginnen mit dem Problem der Weltkomplexität. Die Welt selbst kann nicht als System begriffen werden, da es dem luhmannschen Systembegriff immanent ist, dass sich Systeme von einer Umwelt abgrenzen. Die Welt würde jedoch einfach auf jede Umwelt erweitert werden, sofern eine vorhanden wäre (vgl. Luhmann 2005, S. 145). „Soziale Systeme haben die Funktion der Erfassung und Reduktion von Komplexität. Sie dienen der Vermittlung zwischen der äußersten Komplexität der Welt und der sehr geringen… Fähigkeit des Menschen zu bewußter Erlebnisverarbeitung“ (Luhmann 2005, S. 147, meine Auslassung). Diese Reduktion erfolgt im systembildenden Prozess der Selektion. Während der Systembildung passiert die Unterscheidung zwischen dem System selbst und seiner Umwelt. Die Umwelt weist grundsätzlich eine höhere Komplexität auf als ihr Subsystem, da dieses bereits innerhalb dieser Umwelt die Selektionsleistung vollzieht. Das heißt: „Die Umwelt kann mehr mögliche Zustände annehmen als das System selbst“ (Luhmann 2005a, S. 181). „Der basale Prozeß sozialer Systeme, die Sinnverarbeitende Systeme sind, besteht aus Kommunikation; ihre Grundunterscheidung, die sie treffen, ist die zwischen System und Umwelt“ (Wobbe 2000, S. 48).
Im Falle der Gesellschaft ist nach der Beziehung dieses Systems gegenüber anderen sozialen Systemen zu fragen. Der Vorschlag von Luhmann und dieser lässt sich als die erste Definition von Gesellschaft festhalten, ist nun, dass die Gesellschaft die Umwelt aller anderen sozialen Systeme darstellt. „Die Gesellschaft hat, so können wir vorläufig formulieren, ihre Auszeichnung darin, daß ihre Selektivität die der anderen Sozialsysteme ermöglicht“ (Luhmann 2005a, S. 182). Damit steht die Gesellschaft als System zwischen ihren Teilsystemen, die ihre innere Umwelt konstituieren, und dem „unbestimmte[n] Woraus sozialer Selektivität“ (Luhmann 2005a, S. 182, meine Einfügung) ihrer äußeren Umwelt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitender Teil: Der Autor motiviert die Beschäftigung mit der Weltgesellschaft als notwendige theoretische Grundlage für die moderne Soziologie.
1. Beschreibender Teil: Hier wird der Luhmannsche Gesellschaftsbegriff, die evolutionäre Differenzierung und die Konzeption der Weltgesellschaft als umfassendes Sozialsystem dargelegt.
2. Erweiternder Teil: Dieses Kapitel ergänzt die Systemtheorie um weitere Modelle, insbesondere den World Polity Ansatz und das Weltentwicklungsschichtungssystem.
3. Vergleichender Teil: Eine Gegenüberstellung verschiedener Globalisierungstheorien und eine kritische Diskussion der Systemtheorie hinsichtlich ihrer Erklärungskraft globaler Prozesse.
Schlüsselwörter
Weltgesellschaft, Systemtheorie, Niklas Luhmann, funktionale Differenzierung, Globalisierung, Nationalstaat, World Polity Ansatz, Weltsystemtheorie, soziale Evolution, Komplexitätsreduktion, Weltentwicklungsschichtung, Kommunikation, Akteur, Welthorizont, System und Umwelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen zur Beschreibung der Weltgesellschaft, wobei der Schwerpunkt auf Niklas Luhmanns Systemtheorie liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die funktionale Differenzierung, die Evolution der Gesellschaft sowie unterschiedliche soziologische Konzepte, die globale Interdependenzen und Strukturen analysieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine fundierte Auseinandersetzung mit der Theorie der Weltgesellschaft, um die verschiedenen Ansätze vergleichend einzuordnen und deren Potenzial für eine synthetische Erklärung globaler Phänomene auszuloten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und dem Vergleich verschiedener systemtheoretischer und soziologischer Paradigmen zur Globalisierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Darstellung des Luhmannschen Ansatzes, ergänzende Modelle wie den World Polity Ansatz und einen vergleichenden Abschnitt, der die Stärken und Schwächen der Systemtheorie reflektiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Weltgesellschaft, Systemtheorie, funktionale Differenzierung, Globalisierung und soziale Evolution definiert.
Inwiefern unterscheidet sich die Weltsystemtheorie von Wallerstein vom Luhmannschen Ansatz?
Während Luhmann primär auf Kommunikation fokussiert, betont Wallerstein die ökonomische Organisation, Arbeitsteilung und die historische Dynamik von Kernstaaten, Peripherie und Semiperipherie.
Warum hält Giddens eine demokratische Weltregierung für notwendig?
Giddens argumentiert, dass bestehende politische Strukturen den globalen Risiken der Moderne nicht mehr gewachsen sind und daher eine verstärkte demokratische Lenkung auf globaler Ebene erfordern.
- Quote paper
- Server Purtov (Author), 2009, Die Weltgesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134689