Max Webers Analysen zum indischen Kastensystem


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Erster Teil
Die geographischen und religiösen Rahmenbedingungen des Kastensystems
1. Geographische Eingrenzung
1.1. Verbreitung des Hinduismus
1.2. Der Staat Indien
2. Lehre und Ritus des Hinduismus

Zweiter Teil
Die Sozialstruktur des Kastensystems
1. Die Sozialstrukturkategorie „Kaste“
1.1. Sekte und Kirche
1.2. Stämme
1.3. Gilden und Zünfte
1.4. Sippen
2. Die Untergliederung der Kasten
2.1. Die Brahmanen
2.2. Die Kschatriya
2.3. Die Vaiçya
2.4. Die Çudra
2.5. Die Kastenlosen

Dritter Teil

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Maximilian Carl Emil Weber (* 21. April 1864; + 14. Juni 1920) verfasste mit seiner Aufsatzsammlung „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ von 1916 bis 1918 das Nachfolgewerk seiner Protestantismusstudien „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ und „Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus“. In „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ beschäftigte er sich neben Konfuzianismus und Taoismus, dem antiken Judentum und den Pharisäern auch mit Hinduismus und Buddhismus. Zu den beiden Letzteren verfasste er die Aufsätze „Das hinduistische soziale System“, „Die orthodoxen und heterodoxen Heilslehren der indischen Intellektuellen“ und „Die asiatische Sekten- und Heilandsreligiosität“.

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich maßgeblich mit „Das hinduistische soziale System“, um mich mit Webers Analysen zum indischen Kastensystem zu befassen. Eine Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsethik des Hinduismus in Gänze beanspruche ich mit dieser Arbeit allerdings nicht, da dies einerseits den Rahmen einer einfachen Hausarbeit sprengen würde. Andererseits liefe es wohl auf eine schlichte Zusammenfassung von Webers Werk „Hinduismus und Buddhismus“ hinaus. Darüber hinaus liegt mir aber an, den Gehalt von Webers Analysen (zumindest im Ansatz) auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. Eine gewisse Aktualität sei ihr immerhin von vornherein unterstellt, denn schließlich zählen die Aufsätze immer noch zu den Standardwerken für alle Indieninteressierten, nicht nur aus dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Daher hoffe ich sehr, dass obwohl Weber seine Hinduismusstudie in den Jahren von 1917 bis 1918 verfasste, mir dieser „historische Spreizschritt“ von mehr als neunzig Jahren gelingt.

Erster Teil

Die geographischen und religiösen Rahmenbedingungen des Kastensystems

Im Ersten Teil dieser Arbeit soll erörtert werden, welches die grundlegenden Rahmenbedingungen des Kastensystems sind. Da das Kastensystem nicht nur in Webers Verständnis sondern auch recht offensichtlich mit dem Hinduismus einhergeht, sollen hier unter dem Punkt „Geographische Eingrenzung“ einerseits die aktuellen Verbreitungsgrade des Hinduismus dargestellt werden. Und weil sich Weber verständlicherweise nur auf Indien (im damaligen Sinne) bezog, soll andererseits auch grob umrissen werden, wie Indien aktuell und historisch zu verorten ist. Eine Auseinandersetzung mit dem Hinduismus als Religion findet unter dem Punkt „Lehre und Ritus des Hinduismus“ statt, in dem ich versuche ein knappes Verständnis von Hinduismus darzustellen, welches teilweise über Webers Analysen hinausgeht.

1. Geographische Eingrenzung

1.1. Verbreitung des Hinduismus

Das mit dem Hinduismus einhergehende Kastensystem ist geographisch nicht sehr weit verbreitet. Mit einer Population von rund 1,2 Milliarden Menschen, von denen mehr als 924 Millionen (80,5 Prozent) als Hindus gelten, gilt Indien als das hinduistische Ballungsgebiet, worauf Max Weber mit seinem Aufsatz „Das hinduistische soziale System“ (1917/1918) auch sein Hauptaugenmerk legte. Die weiteren 19,5 Prozent der Population verteilen sich auf Muslime (13,4 Prozent), Christen (2,3 Prozent), Sikh (1,9 Prozent) und andere (1,8 Prozent) beziehungsweise undefinierte Religionen (0,1 Prozent).

Darüber hinaus findet der Hinduismus weitere Verbreitung: in den kontinentalen Nachbarländern Bangladesh (dort gelten 16 Prozent der mehr als 156 Millionen dort lebenden Menschen als Hindus) und Bhutan (mit einem 25-prozentigen Hindu-Anteil an der fast 700.000 Menschen umfassenden Population); als ein ebenfalls kontinentales Nachbarland mit einem Hindu-Anteil von 80,6 Prozent an der mehr als 28 Millionen Menschen umfassenden Bevölkerung ist Nepal der einzige offizielle Hindustaat der Welt; das vor der Südküste Indiens im Indischen Ozean gelegene Sri Lanka zählt mit einer Population von mehr als 21 Millionen Menschen einen Hindu-Anteil von 7,1 Prozent; im südostasiatischen Raum bilden Malaysia (6,3 Prozent der mehr als 25 Millionen Menschen umfassenden Population) und Indonesien (1,8 Prozent der mehr als 237 Millionen Menschen umfassenden Population) die stärkste hinduistische Vertretung; auf der Arabischen Halbinsel findet sich der Hinduismus nach dem Islam in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in denen neben der offiziellen Amtssprache Arabisch auch die indischen Sprachen Hindi und Urdu gesprochen werden, Kuwait und Oman wieder (genaue Zahlen liegen mir derzeit nicht vor); im südamerikanischen Guyana mit einer Population von mehr als 770.000 Menschen gelten 28,4 Prozent als Hindus; in Guyanas östlichem Nachbarstaat Suriname, dessen Population sich auf rund 476.000 Menschen bemisst, sind 27,4 Prozent Hindus (in beiden Staaten ist der Hinduismus somit die Religion mit der größten Zahl von Anhängerinnen und Anhängern). Mit einem Anteil von 13,26 Prozent an der Weltbevölkerung gilt der Hinduismus nach dem Christentum und dem Islam als die drittgrößte Religion der Welt. (Vgl. Central Intelligence Agency 2009).

Doch auch wenn der Hinduismus eine weitläufigere Verbreitung annimmt als im Vorfeld erwartet, findet die Praxis des Kastensystems lediglich in Indien, Sri Lanka und auf der indonesischen Insel Bali statt, wobei die letzten beiden in dieser Hausarbeit ignoriert werden sollen.

1.2. Der Staat Indien

Die Geographie des heutigen Staates Indien erstreckt sich fast über den gesamten Subkontinent. Eine natürliche Grenze bildet die lange Küste, die von der indischen Landzunge keilförmig im Indischen Ozean, zwischen dem Arabischen Meer und dem Golf von Bengalen, gebildet ist. Am östlichen Arm umfasst Indien zangenförmig den Staat Bangladesh und grenzt mit sieben kleineren Bundesstaaten an Myanmar (deutsch: Burma beziehungsweise Birma), das Autonome Gebiet Tibet der Volksrepublik China (wobei hier die Grenze entlang des Bundesstaates Arunachal Pradesh verläuft, der als umstrittenes Territorium gilt, da das Gebiet von China beansprucht wird) und Bhutan. Der Norden grenzt entlang des Himalajas an Nepal und wiederum an den tibetischen Teil Chinas. Im Nordwesten grenzt Indien an Pakistan. Auch in der nördlichen Gegend um den indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir werden verschiedene Territorialansprüche gestellt: von Seiten Indiens östlich und nördlich des Bundesstaates auf die Gebiete Aksai Chin und Shaksam-Tal, die unter chinesischer Verwaltung stehen, sowie westlich und nördlich des Bundesstaates auf die Gebiete Azad Kashmir und die Nordgebiete, die unter pakistanischer Verwaltung stehen; Pakistan wiederum beansprucht gegenüber der indischen Verwaltung die Gegend um die Siachen-Gletscher nördlich von Jammu und Kashmir für sich. Außerdem gehören noch drei Inselgruppen (Lakshadweep, Andamanen und Nikobaren) zu Indien, die dem Subkontinent vorgelagert im Indischen Ozean liegen. (Vgl. Central Intelligence Agency 2009).

Weber bezieht sich in „Das hinduistische soziale System“ allerdings auf die Grenzen von Britisch-Indien, die zwischen den Jahren 1886 und 1937 galten und neben dem Territorium der heutigen Republik Indien auch die Gebiete der Islamischen Republik Pakistan, der Volksrepublik Bangladesh (ehemals Ostpakistan) und der Union Myanmar umfassten.

2. Lehre und Ritus des Hinduismus

„„Hindu“ ist ein Ausdruck, der erst seit der Fremdherrschaft der Mohammedaner für die nicht konvertierten Eingebornen Indiens aufkam. Als „Hinduismus“ haben diese selbst ihre religiöse Zugehörigkeit erst in der modernen Literatur zu bezeichnen angefangen.“ (Weber 1917/1918, S. 4). Durch diese Fremdherrschaft also stattgefundene Vergesellschaftung der Hindus vereint der Hinduismus als eine polytheistische Religion mehrere Göttinnen und Götter in sich, deren eigene Vielgestalt darüber hinaus noch durch die hohe Diversität von verschiedenen göttlichen Inkarnationen weiter ausgeführt wird (so ist beispielsweise Rama die siebte Inkarnation des Gottes Vishnu, Krishna verkörpert die achte). All ihre Geschichten werden sowohl in den heiligen Schriften des Hinduismus, den Veden, als auch in zahlreichen indischen Volksmärchen übermittelt.

Die Rezeption dieser Gottheiten, die alle als eine Verbildlichung einer einzigen alldurchdringenden Göttlichkeit verstanden werden können, variiert zwischen den verschiedenen Regionen Indiens und den verschiedenen Sekten des Hinduismus. So erfährt in Mumbai (ehemals Bombay), der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, der elefantenköpfige Gott Ganesha („Herr der Heerscharen“) eine hohe Anbetung; in Kolkata (ehemals Kalkutta), der Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen, wird die Todesgöttin Kali („die Schwarze“) verehrt, die auch als Namenspatronin der Stadt fungiert. Weiter gibt es zwischen den einzelnen hinduistischen Strömungen auch konfessionelle Spaltungen: „es gibt einige Vischnu- und Çiva-Sekten unter den Brahmanen, welche gegenseitig den Namen des Gottes der andern niemals auch nur aussprechen.“ (Ebenda, S. 22). Allerdings sind die im Hinduismus vertretenen Göttinnen und Götter „keine ethischen Götter, sondern Funktions- und Heldengötter, und sie stehen zueinander und zur ,Welt’ wie die Funktions- und Heldengötter bei Homer“. (Schluchter 1991, S. 116). So können sie, ähnlich der homerischen Interpretation, auch in eine gewisse Rangfolge gebracht werden, deren Grundlage allerdings nicht ein Göttervater (wie Zeus), sondern die Dreiheit der Götter Brahma („der Schöpfer“), Vishnu („der Erhalter“) und Shiva („der Zerstörer“) (Vgl. Weber 1917/1918, S. 25), sowie deren weibliche Pendants beziehungsweise weiblich gedachte Seiten des Göttlichen in Reihenfolge Sarasvati, Lakshmi und Parvati, bildet. In dieser Dreiheit der Gottheiten (Trias oder Trimurti) zeigt sich der Hinduismus dergestalt ähnlich dem Christentum, als dass dessen Lehre sich ebenfalls auf die Heilige Dreifaltigkeit (Trinität) von „Vater“, „Sohn“ und „Heiligem Geist“ beruft, auch wenn diese Auslegung nicht eins zu eins übertragen werden kann. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Religionen zeigt sich in der Ähnlichkeit von Kalki, der zehnten (noch ausstehenden) Inkarnation Vishnus, der die Welt an deren Ende reinigen wird, zu der zweiten Wiederkunft von Jesus Christus als Richter über die Toten (Offb 20, 13: „Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken“).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Max Webers Analysen zum indischen Kastensystem
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät Wirtschfats- und Sozialwissenschaften, Fachbereich Sozialökonomie)
Veranstaltung
Sozial- und Gesellschaftstheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V134804
ISBN (eBook)
9783640427239
ISBN (Buch)
9783640423569
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Webers Position wird auf inhaltliche wie formale Weise überzeugend wiedergegeben. Allerdings vermisst man eine Diskussion der z. T. scharfen Kritik, die diese Position in der Forschung gefunden hat (J. Rösel, M. Fuchs u. a.). Es wäre besser gewesen, die 2 Seiten Faktenkompilation am Anfang zu streichen, um Raum für diese Diskussion zu schaffen. Die Arbeit bleibt dadurch stark referierend.
Schlagworte
Max Weber, Soziologie, Gesellschaftstheorie, Hinduismus, Kastensystem, Indien, Hindu, Kaste
Arbeit zitieren
Michael Becker (Autor), 2009, Max Webers Analysen zum indischen Kastensystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134804

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