Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 eine Epochenzäsur nach Sabrow in Bezug auf die NATO-Osterweiterung darstellt.
Die NATO-Osterweiterung gilt als eine der umstrittensten Kontroversen nach der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit verbundenen Auflösung des Warschauer-Pakts. Sie wird auch im Jahre 2022 vor allem vom Kreml dazu benutzt, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine, der im Februar 2022 begann, zu rechtfertigen. Dabei wird häufig aufgeführt, dass der Westen gegenüber der russischen Föderation ein Versprechen gebrochen habe, das Einflussgebiet Russlands nicht anzutasten.
Damit sich diese Arbeit dem Thema nähert, soll sie folgende Arbeitsthesen behandeln: Erstens, die Gespräche, in denen es eine Zusage seitens James Baker gegenüber Eduard Schewardnadse gegeben haben soll, beziehen sich nicht auf eine Erweiterung des NATO-Bündnis-gebiets, sondern nur auf die Frage, ob die NATO auf dem Gebiet der ehemaligen DDR-Truppen platzieren darf oder nicht.
Zweitens, die Gespräche fanden in einer Zeit der Zäsur statt, sodass die Gesprächsteilnehmer nicht in der Lage waren, sich auf etwas festzulegen und mussten abwarten, wie sie auf das Ereignis der Wiedervereinigung reagieren. Durch die stattfindende Zäsur und die Geschwindigkeit, in der sich die Ereignisse hin zu einer Wiedervereinigung entwickelten, mussten Baker, Schewardnadse und Gorbatschow schritthalten, um die Kontrolle über die Ereignisse zu behalten.
Um sich diesen Thesen zu nähern, soll vorerst ein historischer Überblick von der Annäherung der Sowjetunion zum Westen bis hin zu den beiden Gesprächen gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Weg zur Wiedervereinigung und zur Frage einer NATO-Mitgliedschaft Deutschlands.
3. Die Gespräche über die Erweiterung der Nato zwischen der Sowjetunion und den NATO Staaten
4. Die weitere Entwicklung.
5. Die Bedeutung der Gespräche vom 09. Februar im Kontext der Zäsur von 1989
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die historische Bedeutung der Gespräche zwischen James Baker, Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse im Februar 1990 im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Zentrum, inwiefern diese Ereignisse als Epochenzäsur nach Martin Sabrow zu bewerten sind und wie sie die Kontroverse um die spätere NATO-Osterweiterung sowie die Zusage einer „Nicht-Erweiterung“ beeinflussten.
- Die historische Rolle der Gespräche von Februar 1990 im Wiedervereinigungsprozess.
- Die Analyse der vermeintlichen Zusage eines Verzichts auf NATO-Osterweiterung als Missverständnis.
- Die Untersuchung der Ereignisse von 1989/1990 als Epochenzäsur aus Sicht der beteiligten Akteure.
- Die Dynamik zwischen der Auflösung des Warschauer Paktes und der sicherheitspolitischen Neuausrichtung in Europa.
- Die Untersuchung von Verhandlungsprotokollen im Kontext zeitgeschichtlicher Einordnung.
Auszug aus dem Buch
3. Die Gespräche über die Erweiterung der Nato zwischen der Sowjetunion und den NATO Staaten
In den Gesprächen zwischen dem Außenminister der UDSSR Eduard Schewatnatze, dem Generalsekretär der KPdSU Mikhail Gorbatschow und den US-Außenminister James Baker 09. Februar 1990 wurde der Prozess einer möglichen deutschen Wiedervereinigung erörtert. Hierbei schlug Baker vor, Verhandlungen nach den Volkskammerwahlen in der DDR, am 18. März 1990, bei denen eine mögliche Wiedervereinigung Deutschlands ebenfalls Wahlkampfthema war, im Zwei-plus-Vier-Format aufzunehmen. Das bedeutet, dass sich die aus dem zweiten Weltkrieg hervorgegangenen vier Siegermächte UdSSR, Vereinigte Staaten von Amerika, Frankreich und Großbritannien (4) mit der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (2) über die Gestaltung der Deutschen Einheit verhandeln würden. Dabei betonte er noch einmal, dass eine Wiedervereinigung Deutschlands unvermeidbar wäre. Denn auch er sah, dass zum einen die Satellitenstaaten der UdSSR sich von ihr abwandten und zum anderen, dass die Bürger der DDR durch ihre Straßenproteste eine deutsche Einheit einforderten. Baker hielt die Formel Zwei-plus-Vier für sinnvoll, denn die Siegermächte sollten so verhindern, dass es nicht zu einem Machtanwuchs Deutschlands kommen würde und sich somit die Geschichte wiederhole.
Er spricht in diesem Zuge auch über die Zukunft der NATO und wie sie bei einer Wiedervereinigung Deutschlands agieren soll. Er führt aus, dass im Anbetracht der Geschichte einem neutralen Deutschland nicht zuzustimmen wäre, da es zu einer Wiederholung des Versailler Vertrages kommen könnte. Außerdem könnte sich Deutschland gezwungen sehen, sich zur Verteidigung nuklear zu bewaffnen. Aus diesem Grund befürwortet er eine Mitgliedschaft in der NATO: „However, a Germany, that is is firmly anchored in a changed NATO, by that I mean a NATO that is war less of a military Organization, much more of a political one would have no need for a independent capability. There would, of course, have to be iron-clad guarantees that NATO’s jurisdiction or forces would not move eastward.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Kontroverse um die NATO-Osterweiterung und das vermeintliche Versprechen gegenüber der Sowjetunion ein und erläutert die methodische Herangehensweise.
2. Der Weg zur Wiedervereinigung und zur Frage einer NATO-Mitgliedschaft Deutschlands.: Dieses Kapitel skizziert die Annäherung der USA und UdSSR seit den 1970er Jahren und die rapiden politischen Umbrüche in der DDR 1989, die zu den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen führten.
3. Die Gespräche über die Erweiterung der Nato zwischen der Sowjetunion und den NATO Staaten: Hier werden die zentralen Gespräche vom 9. Februar 1990 analysiert, in denen über die NATO-Zugehörigkeit eines vereinten Deutschlands und Sicherheitsgarantien verhandelt wurde.
4. Die weitere Entwicklung.: Dieses Kapitel beschreibt die Dynamik nach den ersten Gesprächen, insbesondere die Rolle des NATO-Gipfels in London und die schließlich erreichte Einigung zur Wiedervereinigung 1990.
5. Die Bedeutung der Gespräche vom 09. Februar im Kontext der Zäsur von 1989: Die Arbeit untersucht hierbei, inwiefern die Akteure die Jahre 1989/1990 selbst als Zäsur wahrnahmen und wie diese Wahrnehmung ihre Entscheidungsfindung beeinflusste.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Zäsur von 1989 entscheidend für die neue Friedensordnung war und das vermeintliche Versprechen zur Nicht-Osterweiterung als historisches Missverständnis innerhalb der schnell verlaufenden Prozesse zu bewerten ist.
Schlüsselwörter
Wiedervereinigung, NATO-Osterweiterung, Sowjetunion, Epochenzäsur, James Baker, Michail Gorbatschow, Zwei-plus-Vier-Vertrag, Kalter Krieg, Martin Sabrow, Warschauer Pakt, Außenpolitik, Eduard Schewardnadse, Sicherheitspolitik, deutsch-deutsche Annäherung, Ende der DDR.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historischen Gespräche zwischen US-Außenminister James Baker und dem sowjetischen Führungspersonal im Februar 1990 hinsichtlich einer möglichen deutschen Wiedervereinigung und der damit verbundenen Rolle der NATO.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Frage der NATO-Zugehörigkeit eines vereinten Deutschlands, das Konzept der Epochenzäsur sowie die Kontroverse um eine vermeintliche Zusage zur Nicht-Osterweiterung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gespräche von 1990 in den Kontext einer nach Martin Sabrow definierten Epochenzäsur einzuordnen und zu klären, ob es sich bei der „Nicht-Erweiterung“ um ein bewusstes Versprechen oder ein Missverständnis handelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellenanalyse, wobei Protokolle des U.S. Departement of State und des National Security Archive sowie Memoiren der beteiligten Akteure als Grundlage dienen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Weg zur Wiedervereinigung, die spezifischen Verhandlungen über die NATO-Integration und die anschließende historische Einordnung der Ereignisse als Zäsur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Wiedervereinigung, NATO-Osterweiterung, Epochenzäsur, Zwei-plus-Vier-Vertrag, James Baker und Michail Gorbatschow.
Spielte der Warschauer Pakt eine Rolle bei der Zusage Bakers?
Ja, Baker bezog sich bei seinen Aussagen vor allem auf die Stationierung von NATO-Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, da der Warschauer Pakt zum Zeitpunkt der Gespräche noch existierte.
Warum war der Zwei-plus-Vier-Prozess für die Akteure so schwierig?
Die Akteure standen unter enormem Zeitdruck durch die rapiden Ereignisse in der DDR. Zudem mussten sie die Interessen der vier Siegermächte mit den Wünschen der deutschen Bevölkerung und den Ängsten vor einer destabilisierten Sicherheitslage in Europa in Einklang bringen.
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- Jonas Franke (Author), 2022, Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990. Eine Epochenzäsur nach Sabrow in Bezug auf die NATO-Osterweiterung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1348040