Am 26. Januar 2022 fand im Bundestag eine Orientierungsdebatte zur Umsetzung einer allgemeinen Impfpflicht statt. In einer streckenweise kontroversen und von gegenseitigen Vorwürfen geprägten Debatte sprachen sich verschiedene Redner:innen dafür aus, die Impfpflicht auf Erwachsene zu begrenzen. Ein anderer Vorschlag sieht mehr Aufklärung und eine Impfpflicht für über 50-Jährige vor. Diese Debatte wird auch bis in die Bevölkerung getragen, im privaten Rahmen energisch diskutiert und spiegelt sich in diversen Kommentarbereichen sozialer Netzwerke wider.
Aus diesem Anlass soll explorativ eine Analyse des Online-Diskurses zur Covid-19 Impfpflicht erfolgen. Hierzu soll exemplarisch, anhand von Leserkommentarforen des MDR, der Diskurs analysiert und die Diskursstruktur und Deutungsmuster dargelegt werden. Denn während einige Online-Kommunikationsformen wie E-Mails oder Chats aus deskriptiv-linguistischer Perspektive ausgiebig erforscht wurden, bleiben andere Datenquellen und analytische Zugänge bisher weitgehend unberücksichtigt.
Ziel dieser Arbeit soll keine inhaltliche Bewertung oder wissenschaftliche Betrachtung der hervorgebrachten Argumente sein, sondern vielmehr eine Kategorisierung und Analyse der Deutungsmuster. Gerade aufgrund der theoretischen Fundierung der Diskursanalyse handelt es sich um einen interpretativen Zugang zur Öffentlichkeit, der die Wahl qualitativer Methodik nahelegt. Daher muss zuvor erst der Gegenstand einer Diskursanalyse nach Foucault erklärt, die Eigenschaften öffentlicher Diskurse erörtert, auf Besonderheiten von Online-Diskurse hingewiesen und ein passendes methodologischen Vorgehen gefunden werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Vielfalt der Diskursbegriffe
1.1. Foucault’scher Diskursbegriff
2. Diskursanalyse
3. Besonderheiten: Öffentliche-, Massenmediale-, Online-Diskurse
3.1. Öffentlichkeit der Massenmedien
3.2. Online-Diskurse
3.3. Problematiken des Online-Diskurses
3.4. Leserkommentar-/Diskussionsforen am Beispiel des MDR
4. Diskussionsgegenstand: Allgemeine Impfpflicht gegen Covid-19
5. Leserkommentarforum des MDR
5.1. Analyse allgemeiner und designspezifischer Parameter
5.2. Korpus Erstellung
5.3. Ergebnisse und Auswertung
5.3.1. Argumente gegen eine allgemeine Impfpflicht
5.3.2. Argumente für eine allgemeine Impfpflicht
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Online-Diskurs zur geplanten allgemeinen Covid-19-Impfpflicht explorativ zu analysieren, wobei insbesondere die Diskursstruktur und zentrale Deutungsmuster im Leserkommentarforum des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) herausgearbeitet werden sollen.
- Grundlagen der Diskursanalyse nach Foucault und methodische Ansätze
- Charakteristika öffentlicher, massenmedialer und online-basierter Diskurse
- Empirische Untersuchung der Leserkommentarstruktur beim MDR
- Kategorisierung und Analyse der Deutungsmuster bezüglich der Covid-19-Impfpflicht
- Gegenüberstellung von Argumenten für und gegen eine allgemeine Impfpflicht
Auszug aus dem Buch
1.1. Foucault’scher Diskursbegriff
„[...] [E]s war der Diskurs, der die Zukunft prophezeiend nicht nur ankündigte, was geschehen würde, sondern auch zu seiner Verwirklichung beitrug, der die Zustimmung der Menschen herbeiführte und sich so mit dem Geschick verflocht.“ (Foucault 2003:14)
Der heutige Diskursbegriff begründet sich zum großen Teil auf dem Werk von Foucault, welcher neue Fragestellungen und Herangehensweisen an geschichtswissenschaftliche Gegenstandsbereiche entwickelte (vgl. Keller 2011: 43).
Foucault war ein französischer Philosoph, Historiker, Soziologe und Psychologe. Er beschäftigte sich im Laufe seines Lebens mit verschiedenen Phänomenen wie bspw. Geisteskrankheit, der Entstehung und Etablierung der Wissenschaftsdisziplinen Psychologie, der Entwicklung sexualbezogener Ethik- und Moralvorstellungen (vgl. Keller 2011: 44). Grundüberlegungen zu seiner Theorie der Empirie der Diskurse finden sich in zahlreichen Werken wie: „Die Ordnung des Diskurses“ (Foucault 2003) und „Archäologie des Wissens“ (Foucault 1981) wieder.
Nach Foucault ist ein Diskurs eine gewisse Menge von unterschiedlich auftretenden, verstreuten Aussagen, die nach demselben Muster oder Formationsregeln (Foucault 1981: 58) gebildet werden. Dadurch können sie ein und demselben Diskurs zugeordnet werden (vgl. Keller 2011: 46). Sein Diskursbegriff steht dabei konträr zum einzeltextbezogenen Verständnis, denn der Diskurs sei immer eine strukturelle Einheit, die über Einzelaussagen hinausgeht (vgl. Warnke 2007: 5). Foucault schließt von beobachtbaren Regelmäßigkeiten in Texten auf eine Art Regelstruktur oder einen Code. Er beschreibt diese Vorgehensweise als „Archäologie“, indem er Wissensordnungen ausgräbt, ohne Stellung zu Wahrheits- oder Sinngehalten zu beziehen. Es gehe immer nur darum, was tatsächlich gesagt wurde, also um die Beschreibung und Analyse der Existenz von Diskursen allerdings in Gestalt von Sprechakten. (Vgl. Keller 2011: 45f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Vielfalt der Diskursbegriffe: Erläutert die etymologische Herkunft und wissenschaftliche Entwicklung des Diskursbegriffs bis hin zur Definition durch Reiner Keller.
2. Diskursanalyse: Beschreibt die methodische Vorgehensweise zur Erschließung von Diskursen und führt Kategorisierungsansätze für sprachstrukturelle und transphrastische Ebenen ein.
3. Besonderheiten: Öffentliche-, Massenmediale-, Online-Diskurse: Analysiert die Logik öffentlicher Meinung und die spezifischen Bedingungen, unter denen Online-Kommunikation und Foren als Diskursräume fungieren.
4. Diskussionsgegenstand: Allgemeine Impfpflicht gegen Covid-19: Führt in die politische Kontroverse des Jahres 2022 ein, welche den inhaltlichen Anlass für die Analyse bietet.
5. Leserkommentarforum des MDR: Behandelt die methodische Umsetzung der Analyse, vom Korpus-Design bis zur Extraktion zentraler Argumentationsmuster zu Pro- und Contra-Positionen.
Schlüsselwörter
Diskursanalyse, Michel Foucault, Online-Diskurs, Impfpflicht, Covid-19, MDR, Leserkommentar, Deutungsmuster, Argumentationsanalyse, Öffentlichkeit, digitale Kommunikation, soziale Medien, qualitative Methode, Gesundheitswesen, Impfstatus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den öffentlichen Online-Diskurs zur geplanten allgemeinen Covid-19-Impfpflicht in Deutschland, insbesondere die dort geäußerten Deutungsmuster in Kommentarforen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Struktur von Online-Diskursen, die Rolle massenmedialer Kommentarfunktionen und die Art und Weise, wie Nutzer politische Themen wie die Impfpflicht debattieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die explorative Analyse von Kommentarsträngen des MDR, um die dort vorherrschenden Argumentationslinien und Deutungskonstrukte der Nutzer zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die qualitative Diskursanalyse, orientiert an theoretischen Ansätzen von Diskursforschern wie Reiner Keller und der Grounded Theory von Strauss.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, die methodische Vorgehensweise zur Korpuserstellung und die eigentliche Analyse ausgewählter Leserkommentare des MDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Diskursanalyse, Foucault, Online-Diskurs, Impfpflicht, MDR, Leserkommentare und Deutungsmuster sind die zentralen Begriffe der Publikation.
Welche spezifischen Parameter des MDR-Forums werden analysiert?
Die Untersuchung bezieht sich auf Parameter wie Layout-Einbettung, Zeichenbegrenzung, Anonymität durch Usernamen und die redaktionelle Moderation von Beiträgen.
Welche Haupt-Deutungsmuster identifiziert der Autor bei Impfpflicht-Gegnern?
Zu den zentralen Mustern gehören die Argumente der körperlichen Unversehrtheit, der rechtliche Vergleich mit anderen Staaten, emotionale Enttäuschung und die Befürchtung gesellschaftlicher Spaltung.
- Quote paper
- Johannes Richter (Author), 2022, Diskursanalyse über die geplante Einführung einer allgemeinen Covid-19-Impfpflicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1348241