Ausgewählten Schriften von John Stuart und Harriet Taylor Mill über die damalige gesellschaftspolitische Situation der Frauen in Europa

Eine kritische Auseinandersetzung


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: befriedigend

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Einige Worte zu den Autoren und dem Werk

2. Diskussion
Auseinandersetzung mit den Schriften „Über Frauenemanzipation“ und dem zweiten Kapitel aus „Die Hörigkeit der Frau“

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einige Worte zu den Autoren und dem Werk

In meiner Hausarbeit stütze ich mich ausschließlich auf das Werk von John Stuart, Harriet Taylor Mill und - Harriets Tochter aus erster Ehe- Helen Taylor, mit dem Titel „Die Hörigkeit der Frau und andere Schriften zur Frauenemanzipation“. Hierbei konzentriere ich mich vornehmlich auf die eigens von Sigmund Freud ins Deutsche übersetzte Schrift Harriet Taylors „Über Frauenemanzipation“ und das zweite Kapitel des in dem Werk enthaltenen Buches „Die Hörigkeit der Frau“ (aus dem Englischen: „Subjection of Women“), welches im englischsprachigen Original im Jahre 1869 erschienen ist. Das umfassende Werk „Die Hörigkeit der Frau und andere Schriften zur Emanzipation“ selbst, ist 1976 bei dem im April selbigen Jahres neu gegründeten Verlag „Syndikat“ erschienen.[1]

Als Autoren werden sowohl John Stuart Mill, Harriet Taylor Mill, als auch Helen Taylor aufgeführt. Da es sich - außer bei der Schrift „Über Frauenemanzipation“ – mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine inoffizielle Co- Autorenschaft zwischen John Stuart und Harriet Taylor Mill handelt, wenngleich die meisten solcher Texte unter dem Namen John Stuarts erschienen sind, werde ich des weiteren allgemein im Plural von den Mills sprechen.

John Stuart Mill, der als Philosoph und Ökonom bekannt wurde, ist am 20. Mai 1806 in London geboren und 1873, am 8. Mai in Avignon verstorben.[2]

Er beschäftigte sich mit politischen, wirtschaftlichen, ethischen, philosophischen, aber auch mit feministischen, kurz: gesellschaftsrelevanten Themen.

Ein zentrales Thema seines Schaffens war dabei der Freiheitsbegriff; darunter die Meinungsfreiheit und Entwicklungsfreiheit.

Unter diesem Aspekt ist auch seine Beschäftigung mit dem Feminismus zu verstehen.

Hierbei allerdings handelt es sich jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Zusammenarbeit mit seiner späteren Frau Harriet Taylor Mill, die sich vornehmlich diesem Thema widmete und für die Freiheit der Frauen, insbesondere das politische Mitbestimmungsrecht in Form des Stimmrechts, sowie die allgemeinen Rechte der Frau in der Ehe, einsetzte. Das weitläufige Ziel war dabei stets die Gleichstellung der Frau mit dem Mann in Form einer Gleichberechtigung.

Obwohl es keine offizielle Bestätigung für die Zusammenarbeit der Mills bzw. für die Veröffentlichung Harriet Taylor Mills Schriften unter dem Namen John Stuart Mills gibt, gilt sie dennoch als höchst wahrscheinlich und wurde bereits zur damaligen Zeit von John Stuart Mill selbst indirekt bejahend folgendermaßen formuliert:

„When two persons have their thoughts and speculations completely in common; when all subjects of intellectual or moral interest are discussed between them in daily life, and probed to much greater depths than are usually or conveniently sounded in writings intended for general readers; when they set out from the same principles, and arrive at their conclusions by processes pursued jointly, it is of little consequence in respect to the question of originality, which of them holds the pen; the one who contributes least to the composition may contribute most to the thought; the writings which result are the joint product of both, and it must often be impossible to disentangle their respective parts, and affirm that this belongs to one and that to the other.”[3]

In der Tat mindert ein ständiger Dialog und ein überwiegend äquivalentes Gedankengut, also eine ähnliche Meinung zu dem Thema Frauenemanzipation, zwischen Harriet und John Stuart, die Bedeutung der Frage nach dem eigentlichen Urheber ab. Wenn beide die gleiche Einstellung vertreten, so ist es eher zweitrangig, wer sie postuliert.

Dass dem jedoch insbesondere zur damaligen Zeit nicht so war, liegt an der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Eine Veröffentlichung ihrer Texte unter ihrem eigenen Namen hätte weniger Gehör gefunden und womöglich auch weniger Akzeptanz. Auch bei der Überlegung, wer von beiden intensiver mit dem Thema der Emanzipation beschäftigt war, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Harriet Taylor den Großteil des Gedankenguts beisteuerte, da sie als Frau persönlich in ihrem Thema involviert war und somit auch für ihre eigenen Rechte und Freiheiten eintrat.

Harriet Taylor Mill – geborene Harriet Hardy- ist ein Jahr nach John Stuart im Oktober 1807 ebenfalls in London zur Welt gekommen, verstarb am 3. November des Jahres 1858 an Tuberkulose und wurde in Avignon beigesetzt.[4]

Über die Art der Beziehung zwischen Harriet und John Stuart gibt es lediglich Vermutungen.

Während ihre intellektuelle Zusammenarbeit sehr intensiv war, bestehen Zweifel über die Intimität ihrer körperlichen Beziehung bis hin zu der Annahme, dass es abgesehen von der offiziellen Ehe bei einem rein platonischen Verhältnis blieb.

Da jedoch keine dieser Überlegungen stichhaltig genug ist und meiner Ansicht nach keine Bedeutung für die folgende Auseinandersetzung mit den Schriften hat, gehe ich nicht weiter darauf ein.

Der Verlauf ihres ehelichen Lebens, verbunden mit all ihren daraus resultierenden Erfahrungen, könnte allerdings einige Gründe für ihre spätere radikale feministische Denkweise liefern. Allen voran die persönliche Erfahrung mit der Ehe und der Trennung vom Ehepartner. So war Harriet Taylor Mill zunächst mit John Taylor, einem wohlhabenden Kaufmann achtzehn Jahre lang verheiratet, bis sie schließlich 1934 getrennte Wege gingen, wobei John Taylor weiterhin ihren Lebensunterhalt finanzierte. Sie hatten drei gemeinsame Kinder, wobei zwei beim Vater blieben und eines – Helen Taylor- zu Harriet Taylor zog, welche sich nach dem Tod ihres ersten Ehemanns mit John Stuart liierte.[5]

Abgesehen davon, dass eine Scheidung zur damaligen Zeit als nahezu undenkbar galt, hat –so könnte man meinen- Harriet Taylor erstaunliches Glück mit ihrem ersten Ehemann gehabt, der anders als es seinen Möglichkeiten entsprach, keine Anstalten unternahm, um sie zum Bleiben zu zwingen. Stattdessen finanzierte er sie sogar weiterhin. Es gibt verschiedene Thesen über die Ursachen dieser, zur damaligen Zeit, eher außergewöhnlichen Großmütigkeit.

Bekannt ist jedoch, dass Harriet trotz ihrer damals bereits bestehenden Beziehung mit John Stuart zu John Taylor zog, um diesen zu pflegen, als er 1948 an Krebs erkrankte.[6] Hierbei unterstützte sie John Stuart, der bereits in den letzten Ehejahren von John Taylor als neuer Partner Harriets im Hause geduldet wurde.

Harriet Taylor Mill gehörte somit zu einer Gruppe von Frauen in Europa, die weder finanzielle Sorgen kannten, noch zur damaligen Zeit besondere Opfer des fehlenden Scheidungsrechts wurden, da es ihr möglich war von ihrem Ehemann in Trennung zu leben, was im viktorianischen Zeitalter einem Skandal gleichkam.

2. Diskussion

Auseinandersetzung mit den Schriften „Über Frauenemanzipation“ und dem zweiten Kapitel aus „Die Hörigkeit der Frau“

Wenn die Mills sich mit dem Thema Feminismus beschäftigten und über die Frauenemanzipation schrieben, so ging es stets um eine gesellschaftspolitische Bewegung.

Obwohl sie sich bei der Schilderung der damaligen Situation stellenweise auf die emanzipatorische Vorreiterrolle der Vereinigten Staaten berufen, so möchte ich jedoch ausdrücklich betonen, dass in ihren Texten die Situation der Frauen in Europa und nicht irgendwo anders beschrieben und kritisiert wird.

Selbstverständlich wäre es jedoch im Sinne der Mills gewesen, dass die Emanzipation der Frauen weltweit und nicht nur in Europa und in den Vereinigten Staaten voranschreitet.

Bereits zu Beginn des Textes „Über Frauenemanzipation“ betont Harriet Taylor Mill, dass die emanzipatorische Bewegung der Frauen nicht bloß „eine Bewegung für, sondern auch von Frauen“ sei, wofür sie selbst das beste Beispiel darstellt.[7] Diese Aussage könnte auch als ein Appell an die Frauen verstanden werden, die über die nötige Bildung verfügten, um für diese Texte als Adressaten in Frage zu kommen und Eigeninitiative zu entwickeln, um der politischen Bewegung mehr Schubkraft zu verleihen. Allerdings handelte es sich bei dieser Bewegung nicht nur um eine Bewegung für und von Frauen, sondern um eine Bewegung von Männern und Frauen gleichermaßen. In Harriets Fall wird es schon an dem Umstand deutlich, dass sie unter dem Namen eines anerkannten Mannes publizierte, um sich Gehör zu verschaffen. Es ist fraglich, wie viel Erfolg sie ohne seine Hilfe gehabt hätte und denkbar, dass viele andere Schritte der Frauenemanzipation ohne die Mithilfe vieler anderer Männer unmöglich gewesen wären.

In ihren Ausführungen stützt sich Harriet zunächst auf ein schriftliches Ergebnis einer Versammlung von Frauenrechtlerinnen in den Vereinten Nationen, worin gefordert wird:

„Daß jedes menschliche Wesen im reifen Alter und seit einer entsprechenden Zahl von Jahren im Lande ansässig, welches den Gesetzen zu gehorchen verpflichtet ist, auch auf eine Stimme bei deren Erlaß ein Recht hat; dass jede solche Person, deren Eigentum oder deren Arbeit besteuert wird zum Zwecke der Erhaltung der Regierung, auch auf einen direkten Anteil an derselben Anspruch hat; dass mithin die Frauen Anspruch haben auf das Stimmrecht und auf die Wählbarkeit zu Ämtern... und dass jede Partei, welche sich rühmt, die Humanität, die Zivilisation und den Fortschritt des Zeitalters zu vertreten, verpflichtet ist, Gleichheit vor dem Gesetz ohne Unterschied des Geschlechtes oder der Farbe auf ihre Fahnen zu schreiben; ferner dass bürgerliche und politische Rechte keinen Geschlechtsunterschied kennen und dass daher das Wort ‚männlich’ aus allen Verfassungsurkunden zu tilgen ist. Desgleichen: da die Aussicht auf ehrenvolle und nützliche Verwendung im späteren Leben der beste Sporn ist, sich die Vorteile der Erziehung anzueignen, und da die beste Erziehung diejenige ist, welche wir uns in den Kämpfen, Beschäftigungen und in der Schule des Lebens selbst geben, ist es unmöglich, dass Frauen aus dem ihnen schon jetzt gewährten Unterricht den vollen Nutzen ziehen oder dass ihre Laufbahn ihren Fähigkeiten vollauf entspreche, solange ihnen nicht die Wege zu den mannigfaltigen bürgerlichen und berufsmäßigen Stellungen geöffnet sind. Daraus ergibt sich: dass jeder Versuch, die Frauen heranzubilden, ohne ihnen ihre Rechte zuzugestehen und ohne durch das Gewicht ihrer Verantwortlichkeit ihr Pflichtbewusstsein zu wecken, vergeblich ist und eine Vergeudung von Arbeit bedeutet. Weiter: dass die Gesetze des ehelichen Güterrechtes einer gründlichen Umstaltung bedürfen, damit volle Rechtsgleichheit zwischen den Ehegatten bestehe; dass das Weib während des Lebens gleiches Verfügungsrecht über das durch gemeinsame Anstrengung und Opfer erworbene Eigentum besitzen und ihren Mann in genau demselben Maße wie er sie beerben soll, bei ihrem Tode über einen ebenso großen Teil des Vermögens letztwillig zu verfügen wie er.“[8]

Zusammenfassend geht es um einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung, zum Arbeitsmarkt und zur politischen Mitbestimmung. Harriet Taylor Mill sieht ihre eigenen Forderungen darin enthalten und begründet die Berechtigung der Forderungen selbst damit, dass es eine „Frage der Gerechtigkeit“ sei und daher keiner weiteren Begründung bedürfe.[9]

An dieser Stelle scheint Harriet Taylor von ihren Emotionen –durchaus zurecht- zum Nachteil einer ausführlicheren Argumentation überwältigt gewesen zu sein und es zeigt sich die Leidenschaft, mit der sie sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzte, als sie ausdrückt, dass die Gleichberechtigung der Frau etwas so Selbstverständliches sein sollte, dass sie keiner begründenden Argumente bedürfe. Immerhin war es genau dieser Punkt, um den es damals ging: Wieso sollten die Frauen plötzlich Rechte erhalten, die sie vorher nicht hatten?

Man könnte sogar soweit gehen, zu fragen ob die Gleichberechtigung der Frauen, wie sie in den Forderungen der damaligen Zeit laut wurden, überhaupt zu einer wirklichen Gleichberechtigung führen würden, oder ob eine derartige Gleichberechtigung der Frauen der „Frage der Gerechtigkeit“ wirklich Genüge tut, zumal einige Verfechter der alten Ordnung gerne die Argumente der natürlichen Ordnung anführten, um die Frau auf ihre Mutterrolle zu reduzieren. Zur Zeit Harriet Taylor Mills stellte sich diese Frage jedoch weniger, da eine Gleichberechtigung noch in weiter Ferne lag und die Befreiung der Frau in bestimmten Bereichen im Vordergrund stand. Es galt zunächst die dringlichsten Rechte zu erwirken, zu denen das Scheidungsrecht und das Stimmrecht zählten.

[...]


[1] Vgl. http://www.zeit.de/1976/12/Zt19760312_034_0064_f?page=1

[2] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill

[3] Vgl. http://plato.stanford.edu/entries/harriet-mill/ [Zitat aus: Robson and Stillinger, J., 1981, “Introduction,” Autobiography and Literary Essays, Collected Works of John Stuart Mill vol. I, ed. J. Robson and J. Stillinger, Toronto, Toronto University Press, vii-liv.]

[4] Vgl. http://plato.stanford.edu/entries/harriet-mill/

[5] Vgl. http://plato.stanford.edu/entries/harriet-mill/

[6] Vgl. http://plato.stanford.edu/entries/harriet-mill/

[7] Vgl. Mill, 1976, S.73

[8] Vgl. Mill, 1976, S.74f

[9] Vgl. Mill, 1976, S.76

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ausgewählten Schriften von John Stuart und Harriet Taylor Mill über die damalige gesellschaftspolitische Situation der Frauen in Europa
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
befriedigend
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V134902
ISBN (eBook)
9783640466306
ISBN (Buch)
9783640466528
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In meiner Hausarbeit stütze ich mich ausschließlich auf das Werk von John Stuart, Harriet Taylor Mill und - Harriets Tochter aus erster Ehe- Helen Taylor, mit dem Titel „Die Hörigkeit der Frau und andere Schriften zur Frauenemanzipation“. Hierbei konzentriere ich mich vornehmlich auf die eigens von Sigmund Freud ins Deutsche übersetzte Schrift Harriet Taylors „Über Frauenemanzipation“ und das zweite Kapitel des in dem Werk enthaltenen Buches „Die Hörigkeit der Frau“ (aus dem Englischen: „Subjection of Women“), welches im englischsprachigen Original im Jahre 1869 erschienen ist.
Schlagworte
Kritische, Auseinandersetzung, Schriften, John, Stuart, Harriet, Taylor, Mill, Zeit, Situation, Frauen, Europa
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Ausgewählten Schriften von John Stuart und Harriet Taylor Mill über die damalige gesellschaftspolitische Situation der Frauen in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134902

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