Hugo von Hofmannsthal hat den Kampf um den Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur gewonnen. Die Lektüre seiner Gedichte hat ihren Platz im Deutschunterricht erhalten, die Verlage bieten Auswahlsammlungen der Gedichte an, in zahlreichen Anthologien sind sie ebenfalls enthalten und einschlägige ‚Leselisten’ geben Hinweise auf seine Lyrik. Er ist zum ‚Klassiker der Moderne’ geworden.
Andererseits ist Hofmannsthal in den siebziger Jahren mehr und mehr in den Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Fragestellungen gerückt und schließlich als konservativer Autor ‚geoutet’ worden . Nicht nur wegen seiner späten Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ in der er die ‚konservative Revolution’ ausruft, sondern auch wegen des eingangs zitierten frühen Wunsches, sich eine ‚Welt in die Welt’ bauen zu wollen.
Was soll nun gelten? Ist Hofmannsthal modern oder konservativ oder gar beides?
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Gedicht Hofmannsthals, welches genau in diesem Spannungsverhältnis angesiedelt ist: „Der Kaiser von China spricht:“. 1897 geschrieben, nimmt es die Stichworte des oben zitierten Briefauszuges wieder auf: Zentrumsgefühl, Herrschaft, Abhängigkeit, Gesichtskreise und den Wunsch, sich eine ‚Welt in die Welt’ zu bauen.
Inspiriert wurde die vorliegende Analyse durch die Beschäftigung mit der stofflich verwandten Lyrik Stefan Georges und der Lektüre von Stefan Breuers: „Ästhetischer Fundamentalismus“ . Breuer versucht, außerhalb der bestehenden literaturwissenschaftlichen Kategorisierungsbemühungen ein eher soziologisch geleitetes Verständnis für die „antimodernistische“ Literatur des Georgekreises zu entwickeln. Aus diesem Ansatz ergeben sich auch die Fragestellungen, die der Analyse des vorliegenden Gedichtes und damit dieser Untersuchung zu Grunde liegen: Welches Menschenbild wird in diesem Gedicht transportiert? Welche Bedeutung spielen dabei die Kunst und die Ästhetisierung der Natur? Wie wird die Lebbarkeit eines derartigen Konzeptes im Gedicht selbst thematisiert?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Analyse: „Der Kaiser von China spricht:“
1. Konstituierung des Raumes
2. Konstituierung der Zeit
3. Eine vormoderne Gedichtwelt
4. Das Reich des ‚Ich’
5. Die Suche nach dem ‚Ich’ – Thesen der Forschung
5.1 Das historische ‚Ich’
5.2 Das biographische ‚Ich’
5.3 Das ‚Ich’ als poetische Existenz
6. Das kleine Welttheater
7. ‚Ich-Krise’
8. Fazit
III. Ausblick – Ästhetischer Fundamentalismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Hugo von Hofmannsthals Gedicht „Der Kaiser von China spricht:“ unter besonderer Berücksichtigung der Raum- und Zeitstrukturierung sowie der Figuration des „Ich“. Ziel der Untersuchung ist es, das im Gedicht transportierte Menschenbild zu hinterfragen, die Funktion von Kunst und Ästhetisierung zu klären und zu prüfen, inwieweit das Konzept der „poetischen Existenz“ im Werk selbst thematisiert und als defizitär dargestellt wird.
- Strukturelle Raumanalyse und Konstituierung einer „Scheibenwelt“
- Untersuchung der zeitlosen Gegenwart im Vergleich zur historischen Vergänglichkeit
- Dekonstruktion des „Ich“ als Schöpfer und Gärtner der eigenen Welt
- Einordnung in das Konzept des „Ästhetischen Fundamentalismus“ nach Stefan Breuer
- Vergleichende Analyse im Kontext des Dramenfragments „Das kleine Welttheater“
Auszug aus dem Buch
1. Konstituierung des Raumes
Ein verbaler ‚Urknall’ konstituiert das Gedicht und seine Raumbeziehungen: durch eine Inversion gerät „die Mitte aller Dinge“ (1) an den Anfang des ersten Verses und wird so zur bestimmenden Kategorie des Raumes, der Zeit, der Motive, aber auch der Syntax des Gedichtes. Denn das Muster der Inversion, die das Prädikat vor dem Subjekt stehen lässt, finden wir in neun von elf Hauptsätzen des Gedichtes wieder. Und in den meisten Fällen rückt dadurch eine Adverbiale des Ortes an die erste Stelle, so dass die Kategorie des Raumes sinnbildlich die Rolle des Subjektes, also des Handlungsträgers übernimmt.
Von der „Mitte“ aus schauend wird nun der Aufbau der Welt beschrieben. Denn dass das „Reich“ (41) ein universales ist und kein begrenztes ‚nationales’, wird schnell deutlich: vom „Herz der Welt“ (11), von der „weiten Erde“ (18) und „allen Edlen dieser Erde“ (31) ist da die Rede. Durch Mauern wird die ganze Welt dem Zentrum zugeordnet: es gibt „die erste Mauer“ (5), „äußere Mauern“ (34) und „neue Mauern“ (37), bis das Meer, als „letzte Mauer“ (40) die Welt und damit das Gedicht abschließt. Die Mauern haben integrierende Funktion, denn sie ‚umgeben’ (41) die Dinge und konstituieren durch Inklusion erst ein ‚Reich der Mitte’.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung verortet das Gedicht im Spannungsfeld zwischen Moderne und Konservatismus und führt in den theoretischen Ansatz des ästhetischen Fundamentalismus ein.
II. Analyse: „Der Kaiser von China spricht:“: Dieses Hauptkapitel untersucht detailliert die Raum- und Zeitstrukturen des Gedichtes sowie die Identität des „Ich“ als Schöpferfigur.
1. Konstituierung des Raumes: Hier wird analysiert, wie die „Mitte“ als Bezugspunkt für ein streng geordnetes, konzentrisches Weltmodell dient.
2. Konstituierung der Zeit: Der Abschnitt arbeitet die Dominanz der zeitlosen Gegenwart gegenüber der Vergänglichkeit und die Bedeutung der „Ahnen“ heraus.
3. Eine vormoderne Gedichtwelt: Es wird die These entwickelt, dass das Gedicht ein egozentrisches, präkopernikanisches Weltbild entwirft.
4. Das Reich des ‚Ich’: Das Kapitel beleuchtet das „artikulierte Ich“ als universales Zentrum, dem die Welt in einer Antiklimax der Wichtigkeit zugeordnet ist.
5. Die Suche nach dem ‚Ich’ – Thesen der Forschung: Dieser Teil setzt sich kritisch mit historischen, biographischen und poetologischen Deutungsansätzen des „Ich“ auseinander.
6. Das kleine Welttheater: Durch den Kontext des Dramenfragments wird die Rolle des Kaisers im Vergleich zur Dichterfigur und zum Wahnsinnigen neu bewertet.
7. ‚Ich-Krise’: Hier wird aufgezeigt, wie das Gedicht seine eigene Ordnung durch das „Aber“ und die Regieanweisung im Titel selbst destabilisiert.
8. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das „Rollen-Ich“ als eine künstliche, aber defizitäre Identität entlarvt wird.
III. Ausblick – Ästhetischer Fundamentalismus: Dieser Abschnitt ordnet die Ergebnisse in die kulturtheoretische Debatte der Jahrhundertwende ein und begründet den Begriff der „Kunstreligion“.
Schlüsselwörter
Hugo von Hofmannsthal, Der Kaiser von China spricht, Ästhetischer Fundamentalismus, Lyrik der Jahrhundertwende, Ich-Identität, Raumkonstituierung, Antimodernismus, Kunstreligion, Schöpfungsmythos, Stefan George, Literaturanalyse, Poetische Existenz, Weltbild, Raum-Zeit-Struktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Hofmannsthals Gedicht „Der Kaiser von China spricht:“ und hinterfragt das darin dargestellte, streng geordnete Weltbild aus der Perspektive eines „Ich“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Konzepte von Raum und Zeit, die Rolle des Künstlers als Schöpfergott und die Problematik der Identität in der Lyrik der Jahrhundertwende.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, welches Menschenbild das Gedicht transportiert und ob das darin entworfene Konzept der „poetischen Existenz“ als Antwort auf die Moderne trägt oder als gescheitert anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe Gedichtanalyse mit soziologischen und kulturgeschichtlichen Ansätzen kombiniert, insbesondere unter Rückgriff auf Stefan Breuers Konzept des „ästhetischen Fundamentalismus“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturale Analyse der Raum- und Zeitverhältnisse, eine kritische Diskussion der Forschungsgeschichte und eine kontextuelle Einordnung durch den Vergleich mit dem „kleinen Welttheater“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen ästhetischer Fundamentalismus, Ich-Identität, Antimodernismus, künstliche Weltordnung und die Transformation von Realität in Sprache.
Welche Rolle spielt die „Regieanweisung“ im Titel des Gedichts?
Die Überschrift entlarvt das „Ich“ als ein „Rollen-Ich“, welches nicht autonom agiert, sondern von einer übergeordneten Instanz gesteuert wird, was die behauptete Vollkommenheit der Welt in Frage stellt.
Warum wird das Stück „Das kleine Welttheater“ für die Analyse herangezogen?
Da das Gedicht ursprünglich als Prolog zu diesem Stück geplant war, ermöglicht der Vergleich mit anderen Rollenfiguren wie dem Dichter und dem Wahnsinnigen eine präzisere Einordnung der kaiserlichen Identität.
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- Stephan Bliemel (Author), 2002, „Der Kaiser von China spricht:“ Hugo von Hofmannsthal und der ästhetische Fundamentalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134908