Das schwedische Modell des Wohlfahrtsstaates - Auslaufmodell oder innovativ?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
26 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff des Modells als theoretischer Hintergrund
2.1 Allgemeines
2.2 Historisches und Entwicklung im Vordergrund
2.2.1 Elemente Politischer Kultur
2.2.2 Einteilung in Entstehungsphasen
2.2.3 Herausbildung der Kompromissbereitschaft
2.2.4 Gleichheit und Sozialismus
2.3 Vollbeschäftigung und Preisstabilität als Hauptmerkmale

3. Die Ausgestaltung des „Volksheims“
3.1 Leistungen der schwedischen Wohlfahrt
3.1.1 Allgemeines
3.1.2 Einzelversicherungen
3.2 Ausgestaltung und Organisation der Arbeitspolitik
3.2.1 Die Rolle der Arbeitsmarktpolitik
3.2.2 Organisation und Maßnahmen
3.2.3 Der Prozess der Zielsteuerung

4. Die Krise des Wohlfahrtsstaates und ihre Überwindung
4.1 Probleme des Modells in den 1980er Jahren
4.1.1 Interne Faktoren
4.1.2 Lösungsansätze
4.2 Die Überwindung der Krise
4.3 Die Bedeutung der Bildungspolitik
4.3.1 Allgemeines und Organisation
4.3.2 Finanzierung
4.3.3 Erwachsenenbildung
4.4 Neue Herausforderung: Europäische Union

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Der schwedische Wohlfahrtsstaat, mit dem sich diese Arbeit befasst, galt lange Zeit als Prototyp des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates. Zu den wichtigsten Eigenschaften und Kenneichen gehören Universalität, Sicherung des Lebensstandards, einheitliche Staatsbürgerversorgung, Vollbeschäftigung und Steuerfinanzierung. Es sind diese Grundlagen und Ziele und vor allem deren Umsetzung, die das schwedische System zum Referenzmodell werden ließen.

Bevor hier aber die Leistungen der Wohlfahrt im Einzelnen dargestellt werden, soll zunächst ein Bild von der Vielfältigkeit des Modellbegriffs gezeichnet werden. Es gibt viele Sichtweisen und Beurteilungen, die von Bedeutung sind, wenn man versucht, die Frage zu beantworten, ob der schwedische Wohlfahrtsstaat ein Auslaufmodell ist oder ob er innovativ einen mittleren Weg zeigt. Auch das Ziel der Vollbeschäftigung ist ein grundlegendes Merkmal des schwedischen Modells und darf deshalb bei der Annäherung an diese Ausgangsfrage nicht unterschätzt werden. Das Instrument einer aktiven Arbeitspolitik spielt beim Erreichen dieses Ziels eine wichtige Rolle und wird deshalb näher betrachtet.

Nach der Darstellung des Modells, seiner Grundlagen und ihrer Umsetzung geht es um verschiedene Wandlungsprozesse des Modells, die zumeist durch Krisenerscheinungen forciert worden sind. Die Gründe für den teilweise tiefgreifenden Wandel haben zwei Aspekte: zum einen waren systemimmanente Faktoren ausschlaggebend, zum anderen zwangen externe Faktoren zum Umbau, denn auch Schweden blieb von allgemeinen Entwicklungen in Europa nicht abgekoppelt. Im Zusammenhang mit der Überwindung der Krise kommt der Beschäftigungspolitik eine große Bedeutung zu. Mit Hinblick auf die veränderten Bedingungen und Anforderungen der Arbeitswelt erscheint deshalb auch ein Blick auf die Bildungspolitik unerlässlich. Abschließend geht es um die Probleme, die der Beitritt Schwedens zu Europäischen Union für den Sozialstaat mit sich bringt und welche Lösungen es dafür gibt.

Die Art und Weise auf die man versucht hat, den jeweiligen Schwierigkeiten zu begegnen, lassen die folgende These zu: Im Ergebnis dieser verschiedenen Wandlungsprozesse steht gegenwärtig ein sozialdemokratisch geprägter schwedischer Sozialstaat, der sich auch in die europäische Union integriert, angepasst und modifiziert hat, ohne seine zentralen Grundüberzeugungen aufzugeben.

2. Der Begriff des Modells als theoretischer Hintergrund

2.1 Allgemeines

Der zweifelsohne kontroversen inhaltlichen Bewertung des Schwedischen Modells geht die Beurteilung des Begriffs bzw. dessen Definition voraus. Diese fällt äußerst facettenreich aus.

Da sind zunächst jene Einschätzungen zu nennen, die den Begriff an sich nicht in den Vordergrund stellen, sich aber dennoch mit den Inhalten des Schwedischen Systems also auch Modells beschäftigen. Ihr Forschungsgegenstand bleibt also praktisch namenlos oder nicht benannt. Die Auffassung, eine Definition sei nicht notwendig, spiegelt vor allem die Überzeugung wider, dass von einem Modell nur die Rede sein könne, wenn eine vorausgegangene Konzeption vorliege. Das sei beim Schwedischen Modell allerdings nicht der Fall, es handele sich vielmehr um eine retrospektive Benennung. Vorausgegangen seien mehrere Entwicklungen, deren zusammengefasste Resultate als Modell bezeichnet wurden. Eine andere Auffassung, die dem Modellbegriff ebenfalls skeptisch gegenübersteht, geht davon aus, dass der Begriff wiederum im nachhinein außerhalb Schwedens geprägt und gebräuchlich wurde. Dabei spielt v. a. der Vorbildcharakter, den die gesamte Konzeption und natürlich v. a. das Ergebnis der schwedischen Sozial- und Wohlfahrtspolitik entfaltet, eine Rolle.

Aber auch jenseits des Verzichtes auf eine Definition, fällt der Versuch einer Definition des Begriffes Schwedisches Modell unterschiedlich aus. Es ist allerdings eine Tendenz immer wieder auftauchender Stichworte festzustellen. Vollbeschäftigung, Wachstum, Korporatismus, Konsens, solidarische Lohnpolitik gehören dazu. Diese werden je nach Ausgangspunkt der Überlegung oder Grundüberzeugung unterschiedlich bewertet und gewichtet.

2.2 Historisches und Entwicklung im Vordergrund

2.2.1 Elemente Politischer Kultur

Ein Ansatz das Modell zu analysieren, besteht im Betrachten der Entwicklung, der Herausbildung seiner Grundzüge. Man kann dabei natürlich unterschiedlich weit zurück schauen. So werden in der Literatur auch Kontinuitäten aufgezeigt, die bis ins Mittelalter, als karitative Aufgaben vor allem die Kirchen wahrnahmen, zurück reichen. Auch die Einrichtungen der Gilden und Zünfte werden als „Vorform der modernen Sozialpolitik“ (Schmid 1996 b, S. 115) interpretiert. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang Elemente der politischen Kultur wie zum Beispiel Gemeinschaftsorientierung und die geringe Bedeutung der Trennung von Staat und Gesellschaft. Dieser Umstand wird als eine der Ursachen dafür angesehen, dass die Kooperation staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen von Beginn an selbstverständlich und somit leichter realisierbar als in anderen Staaten war.

2.2.2 Einteilung in Entstehungsphasen

Die wirkliche Herausbildung eines Sozialsystems beginnt aber, wie in vielen europäischen Ländern, später, nämlich im engen Zusammenhang mit der Industrialisierung.

Mit der Entwicklungsgeschichte des Schwedischen Modells beschäftigt sich neben vielen anderen Anders L. Johansson. Die Entstehungsphase und v. a. der ober erwähnte Aspekt der Kooperation verschiedener Interessengruppen ist ihm sogar wichtiger als die Analyse der Anwendung des Modells Schweden und wird in seinem Aufsatz unter mehreren Gesichtspunkten beleuchtet. Um sich dem Begriff zu nähern, teilt Johansson die Entstehung in zwei Phasen ein. Die erste bezeichnet er als macht- und legitimierungspolitische Phase, die zweite als resultat- und verteilungspolitische. (vgl. Johansson 1999, S. 25) Im Ergebnis seiner Entwicklung, die nicht als abgeschlossen aufgefasst wird, ermöglicht das Schwedische Modell letztlich die Praxis des ausgebauten Wohlfahrtsstaates, der sich in der zweiten Phase ausgebildet hat. „Es geht[...]um die wirtschaftliche und ideologische Fundamentierung des schwedischen Modells und später des Wohlfahrtsstaates.“ (ebd. S.35). Auch in anderen Ländern hängt die Herausbildung und Entwicklung sozialstaatlicher Strukturen eng mit der industriellen Entwicklung, einer zunehmenden Proletarisierung und der Marktwirtschaft zusammen. Deshalb ist dies allein noch keine Besonderheit und rechtfertigt nicht den Begriff Modell.

2.2.3 Herausbildung der Kompromissbereitschaft

Auch die Bildung von Gewerkschaften, die sich als Kampforganisationen sahen und die Gründung von Gegenorganisationen seitens der Arbeitgeber sind nicht nur in Schweden zu finden. Das herausragende Merkmal der Legitimierungsphase ist die Art und Weise, wie man sich von der Konfrontation zum Kompromiss kämpfte. Als besonders wichtig erscheint die Perspektivenänderung der Akteure, zu denen neben Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden seit 1889 auch die sozialdemokratische Partei zählt. Der Wandel vom Kampf zum Kompromiss, das Streben nach Konsens zählt zu den oft hervorgehobenen Eigenschaften des Schwedischen Modells, er findet in dieser Phase statt. Es muss allerdings auch gesehen werden, dass dazu ein Mindestmaß an Interessenübereinstimmung notwendig ist. Ohne diese Grundvoraussetzung sind gegenseitige Anerkennung, Integration und Konsenssuche nicht realisierbar. Es sind eben jene Grundlagen, die sich während der ersten Phase herausbilden und die als wichtig gelten müssen, weil sie immer noch bedeutend sind. Die Politik von Saltsjöbaden gilt als der historische Kompromiss, der nach verschiedenen Wandlungsprozessen und Erkenntnisprozessen seitens der Akteure möglich wurde. Seitens der Arbeitgeber wie auch der Gewerkschaften setzte sich die Erkenntnis durch, dass der bislang offen ausgetragene Konflikt nunmehr zu übermäßig großen wirtschaftlichen Schäden führte. Daraus resultiert eine gedrosselte Konfliktbereitschaft. Bedeutender erscheint allerdings das Umdenken der Sozialdemokratie. Es besteht in der Erkenntnis, dass Verteilungs- und Sozialpolitik eine Wirtschaftspolitik voraussetzt, die produktions- und wachstumsfördernd ist, d. h. Werte müssen geschaffen werden und für eine solche Wirtschaftspolitik sah man die Zusammenarbeit zwischen Arbeit, Staat und Kapital als förderlich an.

Die Zusammenarbeit der Tarifparteien fand schließlich auf der Grundlage gegenseitigen Anerkennung statt. Ermöglicht wurde die Zusammenarbeit aber auch, weil man allzu große Interessengegensätze ausklammerte und sich auf Interessenübereinstimmungen konzentrierte. In dem zentralen Verhandlungssystem, das die Tarifparteien schufen, konnte jede der drei Parteien Vorteile erkennen bzw. Ziele verfolgen.

„ Jede der Parteien hatte ihre Beweggründe: der Staat stellt sich eine relativ konfliktfreie Gesellschaft mit guten Steuereinnahmen vor, das Kapital konnte mit einer industriellen Rationalisierung und guter Gewinnentwicklung rechnen, und die Arbeiterseite konnte als realistische Zielsetzung Reallohnsteigerungen und hohe Beschäftigungsraten erwarten.“ (Johansson 1999, S. 46)

Die Unterzeichnung der Vereinbarungen von Saltsjöbaden im Jahre 1938 bildete schließlich den Endpunkt eines Prozesses (gleichzeitig aber auch einen Ausgangspunkt für weitere Verträge), in dessen Verlauf sich sowohl machtpolitische als auch ideologische Grundlagen herausgebildet haben.

2.2.4 Gleichheit und Sozialismus

Neben der beschriebenen Betrachtungsweise des Modells, die historische Entwicklung vor allem als pragmatisch motiviert ansieht, gibt es die ideologischere Betrachtung. Diese Auffassung sieht den Charakter des Schwedischen Modells besonders auf

Werten der Arbeiterbewegung beruhend (vgl. Meidner 1999, S. 329). Deren beiden hauptsächlichen Ziele bestehen im Erreichen von Gleichheit und Vollbeschäftigung.

Wobei die Ungenauigkeit des Begriffs Gleichheit beachtet werden muss, denn Gleichheit darf nicht oberflächlich als Gegenstück zu Ungleichheit und damit verbundener Ungerechtigkeit verstanden werden. Gemeint ist vielmehr die Angleichung oder Annäherung vorhandener Unterschiede materieller, sozialer und auch anderer Art. Dieser Annäherungscharakter des Gleichheitsgedankens erscheint um vieles realistischer als die Auffassung, Gleichheit ziele auf die Vision einer klassenlosen Gesellschaft. Beim Stichwort. „klassenlose Gesellschaft“ stellt sich natürlich sofort die Frage nach der Bedeutung des Sozialismus für das Schwedische Modell, die jedoch nicht völlig eindeutig beantwortet werden kann. Es deutet aber vieles darauf hin, dass zumindest die Überwindung der antagonistischen Gesellschaftsordnung nicht (mehr) wirklich realisiert werden soll. Klassenkampf und entsprechende Konfrontation mit dem Ziel einen „realen Sozialismus“ nach dem Vorbild der damaligen Sowjetunion zu erreichen, gehören nicht zu den Merkmalen des Schwedischen Modells. (vgl. v. Beyme 1992, S. 146). Henningsen spricht von einer „...Abkehr vom plakativen revolutionären Sozialismus“ (vgl. Henningsen 1986, S. 315). Es gibt jedoch auch die Auffassung, es sei gerade ein Merkmal des Schwedischen Modells, einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gegangen zu sein. Dabei kann man allerdings nicht von einem dogmatischen Sozialismus sprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das schwedische Modell des Wohlfahrtsstaates - Auslaufmodell oder innovativ?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Sozialstaaten in-und außerhalb Europas-politische Auslaufmodelle im Globalisierungskontext?
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V1350
ISBN (eBook)
9783638108294
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modell, Wohlfahrtsstaates, Auslaufmodell, Hauptseminar, Sozialstaaten, Europas-politische, Auslaufmodelle, Globalisierungskontext
Arbeit zitieren
Daniela Franke (Autor), 2001, Das schwedische Modell des Wohlfahrtsstaates - Auslaufmodell oder innovativ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1350

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das schwedische Modell des Wohlfahrtsstaates - Auslaufmodell oder innovativ?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden