Zur Eignung deutschsprachiger Liedtexte für den Deutschunterricht


Examensarbeit, 2009
79 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Liedtexte als literarische Gattung o
1.1 Definition
1.1.1 Was ist ein Lied'
1.1.2 Was ist ein Liedtext'
1.1.3 Entstehung und Entwicklung von deutschsprachigen Liedtexten
1.2 Beteiligte an der Text­Produktion
1.2.1 Die kommerziell ausgerichtete Produktion
1.2.2 Die künstlerische Produktion
1.3 Der Liedtext als literarischer Text
1.4 Liedtexte aus literaturdidaktischer Sicht

2. Die Poetik der Liedtexte
2.1 Zur Untersuchung der Poetik
2.2 Merkmale der Poetik
2.2.1 Sprachform
2.2.1.1 Aufbaumuster
2.2.1.2 Wortwahl
2.2.2 Sprachstil
2.2.2.1 Bilder
2.2.2.2 Figuren
2.2.3 Funktionen
2.3 Textinterpretation

3. Liedtexte im Deutschunterricht
3.1 Bedeutung von Liedtexten für den Lyrikunterricht
3.1.1 Zur Relevanz des Liedtextes als Unterrichtsgegenstand
3.1.2 Lebensweltbezug
3.2 Konzepte für den Lyrikunterricht
3.2.2 Gegenwärtige Überlegungen
3.2.2 Moderne methodische Herangehensweisen
3.3 Auswahl geeigneter Liedtexte für den Deutschunterricht
3.3.1 Affektive Dimension
3.3.2 Kognitive Dimension
3.3.3 Pragmatische Dimension

4. Möglicher Aufbau einer Unterrichtseinheit Liedtexte
4.1 Liedtexte im Lehrplan
4.1.1 Begründung und Einordnung des Themas Liedtext im Lehrplan
4.1.2 Vorgaben für den Umgang mit Liedtexten in den einzelnen Bildungsgängen
4.2 Liedtexte im Unterricht
4.2.1 Didaktische Analyse
4.2.2 Lernziele
4.2.3 Liedtexte zur Einführung der Gattung Lyrik (Kasse 5)
4.2.4 Liedtexte als lyrische Texte (Klasse 9)

5. Schluss

6. Quellenverzeichnis
6.1 Quellenverzeichnis der Primärtexte
6.2 Literaturverzeichnis

0. Einleitung

»Don't listen to evil rumours; poetry is alive and well. While it is true that the era of T.S. Eliot, Ezra pound, and Wallace Stevens is over, and that some poets (and critics) are floundering in the wake of these giants, nevertheless more poetry is written, read, spoken, sung, listened to, and generally appreciated today than perhaps any time before.«1

Von den drei groûen literarischen Gattungen bedarf die der Lyrik, schenkt man einigen Werken zur Literaturdidaktik Glauben2, für die Behandlung im Literaturunterricht eine besondere Überzeugungskraft. Das gilt nicht nur für die Schülerseite, sondern auch für die Seite der Lehrenden, die sich scheinbar schwer tun, Lyrik mit Schülern zu betrachten. Die Zeit, in der Dichter von der Gesellschaft viel geschätzt wurden, ist vorbei, Lyrik findet auûerhalb der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit statt, denn nicht zuletzt lässt sich mit Lyrik in der heutigen Zeit nur schwer Geld verdienen.3 Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite haben lyrics, zu deutsch Liedtexte Konjunktur. Im Jahr 2005 entbrannte ein Streit um die Veröffentlichung solcher Texte auf privaten Internetseiten, deren Sammlungen bei den Nutzern so beliebt waren, dass das rege kostenfreie Herunterladen und Ausdrucken Fragen zur Legalität dieser Art der Vervielfältigung von urheberrechtlich geschütztem Material aufwarf.4

Lyrics, sind die Texte populärer Musik und sind Teil der modernen populären Kultur, die bedingt durch den inzwischen alltäglichen Konsum der Massenmedien im gesellschaftlichen Leben stark präsent sind und so vielfach im Vordergrund stehen. Werner Faulstich stellt deshalb auch fest, dass der Text eines Popsongs für heutige Generationen das ist, was einmal das Gedicht den Menschen vergangener Epochen bedeutete.5 Burdorf formuliert:

»Der Begriff 'Lyrik' leitet sich vom griechischen lyrikos her, der Adjektivbildung zu lyra (...), die soviel wie 'zum Spiel der Leier gehörig' bedeutet. Die Herkunft des Wortes weist auf die enge Verbindung der Lyrik mit der Musik hin: Lyrische Dichtung ist seit den frühen Kulturen zur Musik vorgetragene, also meist gesungene Dichtung. Die Grundform der Lyrik wäre demnach das Lied.«6

Und diese „Grundform der Lyrik“ erfreut sich in der heutigen Zeit, besonders auch im Leben Jugendlicher, groûer Beliebtheit. Eine Ausstellung der Bundeszentrale f ü r politische Bildung, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2006, beschäftigte sich mit dem Thema „Jugend und Musik in Deutschland“ und zeigte die enge Verbindung zwischen der Entwicklung der populären Musik und der Jugendkultur, die sich seit den 50er Jahren, geprägt durch die Musik, als eigenständige Subkultur innerhalb der Gesellschaft herausbildete.

Heute wachsen Jugendliche selbstverständlich unter dem Einfluss verschiedenster Ausprägungen dieser Jugendkultur auf und nutzen dabei auch die Angebote der Wirtschaft, sich mit passendem „Zubehör“ (Kleidung, Designs, Filme, Musik) auszustatten. Das Identifizieren mit­ oder auch das Abgrenzen von einer bestimmten Gruppe ist für die Entwicklungsphase Jugend unausweichlich. Die Tatsache, dass populäre Musik und ihre Texte in dieser Phase eine bedeutende Rolle spielen können, eröffnet den Raum für Überlegungen hinsichtlich einer didaktischen Verwendung der lyrics für den Literaturunterricht.

Versteht man lyrics als Lyrik, so wie Faulstich, eröffnet das die Chance für einen schülerorientierten und zeitgemäûen Lyrikunterricht, in dem Schüler erleben können, dass Lyrik auch heute noch stattfindet, dass Lyrik zu ihrer Alltagswelt dazu gehört, dass Lyrik nicht nur rezipiert und verstanden werden will, sondern auch eine Möglichkeit ist, sich selbst oder individuelle Erfahrungen auszudrücken.

In der fachdidaktischen Diskussion finden lyrics oder Liedtexte bezogen auf den Literaturunterricht in Deutschland bislang (noch) wenig Beachtung. Allerdings verweisen Abraham und Kepser bereits in ihrer Einführung in die Literaturdidaktik auf die Gegenwartsbedeutung lyrischer Texte für Jugendliche, die sich bei den lyrics zeigt und in der Schule genutzt werden sollte.7

Diese Arbeit setzt sich zunächst mit dem Wesen von Liedtexten aus literaturwissenschaftlicher Perspektive auseinander, um dann zu erörtern, inwieweit sich Liedtexte für den Literaturunterricht eignen. Aus didaktischer Sicht gliedert die Arbeit sich so in eine ausführliche Sachanalyse des Gegenstandes Liedtext mit näheren Betrachtungen zu Begriff und Definition, Einordnung in die Literaturwissenschaft, historischem Hintergrund und Beschreibung des Wesens der Textform.

Im zweiten Teil werden dann Überlegungen zu Möglichkeiten der didaktischen Verwendung des Liedtextes im Deutschunterricht, mit speziellem Fokus auf den Literaturunterricht im Rahmen der Vorgaben des sächsischen Lehrplans für die Mittelschule, angestellt.

1. Liedtexte als literarische Gattung

1.1 Definition

1.1.1 Was ist ein Lied

Der Begriff Lied ist weder ein rein musikalisch geprägter, noch eine rein nach der sprachlichen Komponente definierte Bezeichnung, sondern ist Gegenstand zweier wissenschaftlicher Felder: dem der Musikwissenschaft und dem der Literaturwissenschaft. Das Wesen eines Liedes versuchen Fachlexika aus beiden Gebieten daher aus ihrer jeweiligen Perspektive zu fassen, verwenden dabei aber auch Begriffe des jeweils anderen Gebietes. So ist im Reallexion der deutschen Literaturwissenschaft von ,,singbaren Texten“8 die Rede, während das Metzler'sche Lexikon der Musik z.B. Lied als ,,Strophengedicht“ oder ,,Strophenlied“9 beschreibt. Der literaturwissenschaftliche Artikel fasst dabei die Bedeutung von Lied nach der Funktion des Textes, wobei ,,singbar“ auch als ,,zum Singen gedacht“ heiût. Die Musikwissenschaft findet zu ihrer Definition von Lied durch den Aufbau der musikalischen Form in Strophen. In beiden Artikeln wird daneben angeführt, dass die Kunstform Lied in verschiedensten Ausprägungen existiert. Nach der Konsultation weiterer Fachlexika aus beiden Gebieten, lassen sich dem Begriff Lied vier Bedeutungen zuschreiben:

1. Als Lied werden Gesänge bezeichnet, die den Alltag begleiten.10
2. Als Lied kann eine umfangreichere Erzählung beschrieben werden, die in Verse gefasst ist und gesungen vorgetragen wurde oder wird.11
3. Eine strophisch gegliederte lyrische Form kann ebenfalls Lied genannt werden, wenn der metrisch­rhythmische Aufbau regelmäûig ist.12
4. Die Vertonung einer Textvorlage lässt ein Lied entstehen.13

Eine genaue Einzel­Definition anhand von konkreten Merkmalen sei für diese Vielfalt an Bedeutungen nicht erstrebenswert, stellt Elisabeth Schmierer in ihrer Darstellung zur Geschichte des deutschen Liedes fest14, denn was als Lied gilt, sei auch jeweils abhängig von der historischen Perspektive. Sie führt das Liedideal der Goethezeit als Beispiel an, dass sich durch die Einfachheit der Struktur, das mühelose Singen und den leichten Zuganges zur Bedeutung des Textes definierte. Schmierer hält fest, dass diese Auffassung vom Lied auch heute noch gängig sei.15

Und tatsächlich bestätigt sich diese Feststellung bei einem Blick in das Handbuch der popul ä ren Musik in der Auflage von 2006. Dort wird das Wort Lied als Sammelbegriff aufgefasst, der u.a.

»verschiedene, überschaubar gegliederte, leicht singbare in sich geschlossene Kompositionen in Einheit von Sprache und Musik«16

bezeichnet. Dass Musik und Sprache im Lied eine Einheit bilden, ist ein häufiger Hinweis in den zuvor aufgeführten Fachlexika. Die Ansichten darüber welcher Art diese Einheit ist, variiert dabei von Eintrag zu Eintrag. Mal verbinden sich Sprache und Musik zu einer gleichberechtigten Einheit17, mal überwiegt die eine die andere Komponente und umgekehrt, wie es bei Hermann Danuser in seinem Artikel zur musikalischen Lyrik anklingt, wenn er von Liedern als entweder ,,vertonter Lyrik“ oder als ,,vertexteter Musik“ spricht.18 Und auch bei Burdorf wird auf die Abhängigkeit hingewiesen, in der die beiden Elemente in einem Lied zueinander stehen. Burdorf meint, die Sprache eines Liedes sei nicht mehr autonom, sondern öffne sich der Musik oder passe sich an diese an. Im günstigsten Fall aber geschehe eine Hervorhebung beider Elemente.19

Eine naturgegebene Nähe der Sprache zur Musik erschlieût sich bei der Betrachtung der Gattung Lyrik und der griechischen Herkunft des Begriffs von lyra, dem Instrument.20 Den Texten, die sich mit Musik zu Liedern verbinden, wird daher oft die Eigenschaft lyrisch zugeschrieben.21

Walther Dürr sieht Sprache und Musik als zwei Elemente, die einen gemeinsamen Ursprung haben, nämlich den des menschlichen Ausdrucks.22 Daher lieûe sich fragen, inwieweit Musik selbst Sprache ist, wenn davon ausgegangen wird, dass eine sprachliche Äuûerung auf einer klanglichen (bei Dürr, einer musikalischen) und auf einer inhaltlichen (bei Dürr, einer semantischen) Ebene beruht. Musik und Sprache lassen sich beide mit den Merkmalen der Rhythmik, der Metrik, des Klangs und der Melodie beschreiben. In Dürrs Liedideal bilden beide nicht etwa ein Abbild der jeweils anderen Komponente, indem die eine sich der anderen über­ oder unterordnet, sondern sie bilden parallele Strukturen zu einer Bedeutung, die sowohl musikalisch als auch semantisch realisiert werden. Was der Sprache die Bedeutung ist, ist der Musik der Klang. Phoneme äuûern sich in Tönen, Wortsilben finden ihre Parallele im Metrum und Lexeme im musikalischen Motiv, bis zur Bedeutung des gesamten Textes, die sich in der musikalischen Gestaltung fortsetzen kann.

So lässt sich das Phänomen Lied vielleicht am ehesten verstehen als die Summe der einzelnen Teile Sprache und Musik, die beide auch für sich stehen können: als Text, der eine Bedeutung trägt und als Klang, der sich zu einer Melodie fügt, die eine Stimmung erzeugt. Die Verbindung beider Teile macht aus Sprache und Musik ein Lied, in dem Sinn, dass die Bedeutung, die die Sprache trägt, ihren Ausdruck gleichzeitig in der Musik findet und umgekehrt. Die Hamburger Band Kante drückt dieses Phänomen in einem Liedtext aus:

(...)

wir haben Gitarren, das Klavier und den Bass

wir haben das Schlagzeug, den Gesang und all das

ist in guten Momenten für eine Weile

mehr als die Summe der einzelnen Teile

(...)23

Die Betrachtung eines Liedes ist also die Betrachtung eines Gesamtkunstwerks und muss damit immer aus der Perpektive der beiden Wissenschaften von Musik und Sprache geschehen.

Da dies eine Arbeit aus der Perspektive der Literaturwissenschaft und der Literaturdidaktik ist, soll aber nicht das Lied als Gesamtkunstwerk im Vordergrund stehen, sondern der Fokus soll auf der literarischen Komponente, dem Liedtext, liegen. Für die Unterrichtspraxis lässt die Trennung der Fächer in Deutsch und Musik, die zunächst voneinander losgelöste Betrachtung der Lied­Elemente Text und Musik zu. Im folgenden wird daher ein Versuch unternommen, den Liedtext als einzelnes Element näher zu beschreiben.

1.1.2 Was ist ein Liedtext?

Zunächst ist der Liedtext in Bezug auf die vorangegegangene Betrachtung der Kunstform Lied eine der beiden Komponenten, die diese Form ausmachen, nämlich die der Sprache.

Der Begriff Liedtext ist in den zuvor angeführten Fachlexika nicht mit einem einzelnen Eintrag aufgeführt. Und auch in der Literatur, die sich mit dem Lied beschäftigt, wird der Liedtext als solcher nicht einzeln betrachtet, sondern es ist immer vom Lied die Rede. Die Formulierung im Brockhauslexikon der Literatur, ein Lied sei ein gesungenes Gedicht24, lässt den Schluss zu, dass Liedtexte losgelöst von Musik und in gedruckter Form wie Gedichte behandelt werden. Es bleibt also zu untersuchen, ob es möglich ist, diese Art von Gedichten, die dazu bestimmt sind gesungen zu werden, von anderen Gedichten zu unterscheiden.

Günther Müller spricht in seinem Artikel zum Lied im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte von der „Liedhaftigkeit“, die das Lied auszeichnet. Er meint auûerdem das Lied sei

»(...) Kleinlyrik, in der das (...) lyrische Element besonders rein gegenwärtig ist.«25

Ist damit der Unterschied zwischen Liedtext und Gedicht in eben diesem ,,lyrischen Element“ auszumachen, das durch sein besonderes Hervortreten im Liedtext Liedhaftigkeit konstituiert und ihn so vom Gedicht abgrenzbar macht? Diese Sichtweise scheint logisch, wenn der Urspung der Lyrik in der Musik betrachtet wird. Doch was bedeutet liedhaft in Bezug auf den Text eines Liedes? Um diese Charakteristik herauszuarbeiten, ist von der Annahme auszugehen, dass sich die literaturwissenschaftlichen Abhandlungen zum Lied naturgemäû eher mit der Komponente des Textes beschäftigen und sich in der Auseinandersetzung mit ihnen, Antworten auf diese Frage finden lassen.

Ein erster Anhaltspunkt findet sich in den Beschreibungen des Liedes als „singbar oder singbar intendierter lyrischer Text“26, als „lyrische Kurzform“ und „früheste poetische Ausdrucksform“27. Neben der Tatsache, dass Liedtexte Texte sind, also im Verständnis der modernen Literaturwissenschaft, ein Zeichensystem mit kommunikativer Funktion28, verfügen sie ebenso über die lyrische Eigenschaft, die auch Gedichten eigen ist. Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine Kurzform von sprachlichen Kunstwerken handelt. Auf die verhältnismäûige Kürze und Abgeschlossenheit der Form Lied wird auch in der Musikwissenschaft hingewiesen.29 So lässt sich schlieûen, dass als Liedtext gilt, was dieser Form angeschlossen ist. Das grenzt den Liedtext ab von lyrischen Texten, die sich durch einen verhältnismäûig gröûeren Umfang auszeichnen, also etwa in dramatisch­musikalischen Aufführungen wie der Oper. Und so unterscheidet auch Oehlmann das Lied von der Arie oder der Kantate.30

Festzuhalten ist also die Kürze als Charakeristik, was in erster Linie die Abgeschlossenheit der Komposition des Liedes31 und damit auch des Liedtextes beinhaltet.

Die andere charakteristische Eigenschaft eines Liedtextes wird mit der Eigenschaft poetisch beschrieben.

Poetische Sprache ist „gemachte“ Sprache32, also bewusst gestaltete Sprache, die sich dadurch von der Alltagssprache abhebt. Dies ist nach Burdorf ein Merkmal der lyrische Sprache. So sind Liedtexte also poetisch oder lyrisch. Die Eigenschaft lyrisch bedeutet auch ,,stimmungsvoll oder enthusiastisch aufgeregt“.33 Mit den Adjektiven poetisch und lyrisch lassen sich Liedtexte einmal beschreiben nach der Art der äuûeren Strukturierung des Sprachmaterials, die den Gesetzen der Poetik unterliegt. Auf der anderen Seite beschreibt das Wort lyrisch die Texte nach der Art und Weise ihres Ausdrucks, der nicht nüchtern und sachlich, sondern stimmungsvoll aufgeladen ist. Vielleicht lässt sich hier ein Zusammenhang zur Herkunft des Wortes Lied sehen: Die Bedeutung im Gotischen von liuphon war lobsingen, preisen oder danken. Das ähnlich scheinende lateinische Wort laudis bedeutet ebenso loben.34 Jemanden zu loben oder zu preisen, was in den germanischen Stämmen vor allem einen religiösen Bezug hatte, erfordert eine Regung des Gefühls, eine Stimmung der Dankbarkeit oder Begeisterung. Es ist denkbar, dass zur Entstehung des Liedes diese besondere Stimmung beitrug, dass das Emotionale vielleicht sogar die ursprüngliche Motivation des menschlichen Liedschaffens bedingt. Damit lässt sich zunächst festhalten, dass ein Liedtext ein kürzerer abgeschlossener Text ist, dessen Sprache nach den Regeln der Poetik strukturiert ist und vornehmlich einen lyrischen Ausdruck trifft.

Als Beispiel soll die erste Strophe des Abendliedes von Matthias Claudius untersucht werden:

Der Mond ist aufgegangen,

Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiûe Nebel wunderbar.35

Der Text dieses bekannten Liedes ist in gleichmäûigen jambischen Versen geschrieben. Die Gesangsmelodie wiederholt sich nach den ersten drei Zeilen, die Worte der beiden Strophenteile erhalten also in der Melodie einen identischen Raum, in dem sie gesungen werden können. Um den Rhythmus des Gesanges nicht zu brechen, ist zum Beispiel das Adjektiv golden in der zweiten Zeile um das e verkürzt auf goldnen, genauso steht statt schweigt schweiget und statt steigt steiget, da sonst der gleichmäûige Fluss der Melodie nicht aufrecht erhalten werden kann. Der von der Musik ausgehende Rhythmus, hier der Rhythmus einer Gesangsmelodie bestimmt die Strukturierung der Sprache. Das Liedhafte liegt zum Einen in dieser am Rhythmus orientierten Sprache. Erst diese Sprache eignet sich zum Gesang, der genaugenommen eine besondere Vortragsweise eines Textes ist.

Die Sangbarkeit zeichnet einen Liedtext aus, so sieht es auch Siegfried Kross36, wenn er sich schlieûlich bei der Defintion eines des Liedes für einen ,,Minimalkonsens“ entscheidet, der das Lied als singbaren Text beschreibt.37 Zum Anderen schafft der gleichmäûige Rhythmus in Verbindung mit den Worten, die neben der Beschreibung einer Abendszene auch ein Gefühl beschreiben (wunderbar), eine Stimmung innerhalb der Atmosphäre der abendlichen Ruhe. Für den Liedtext ist die Schaffung einer Stimmung oder der Ausdruck von Empfindungen vordergründig. Die Sprache dient dabei nicht der Entwicklung einer Idee, sondern ist höchstens Ausdruck der sich mit ihr verbindenden Emotionalität.38 Dies mag die entscheidende Eigenschaft sein, anhand der sich ein Liedtext von einem Gedicht unterscheiden lässt. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass beide Formen sehr eng beieinander liegen. Im Grunde gründet sich die Gedichtform auf der Manier von Liedtexten, sich am Fluss eines musikalischen Rhythmus zu orientieren.

1.1.3 Entstehung und Entwicklung von deutschsprachigen Liedtexten

Durch die Sprache gelang der Mensch zum Gesang, so stellt es August Reissmann in seiner 1874 erschienen Geschichte des deutschen Liedes dar.39 Er führt aus, dass sich das innere Leben des Menschen in artikulierten Tönen ausdrückt, die je nach Spannung dieser inneren Regung variieren. Die Sprache sei zunächst die natürliche Entwicklung des Ausdrucks. Durch ihre Bausteine, die Vokale und Konsonaten, die Silben, Wörter und schlieûlich Sätze, kommuniziert der Mensch Bedeutung. Diese Bedeutung wiederum schafft er sich nicht nur durch die Verknüpfung logischer Gesetze in der Sprache, sondern auch durch künstlerischen Instinkt inspiriert

»ordnet [er] sie zugleich nach rhythmischen Gesetzen; durch eine streng systematische

Vertheilung der betonten und unbetonten Silben gewinnt die logisch und grammatisch construierte Sprachweise zugleich eine höhere, die künstlerische Form der Poesie.

Diese ist sonach naturgemäû älter als die Form der Prosa.«40

Als erstes poetisches Produkt im deutschsprachigen Raum nennt Reissmann die Alliterationspoesie mit dem Stabreim. Dass es sich dabei um Sprachkunst, also um bewusst gestaltete Sprache handelte, leitet er aus dem beschreibenden Vokabular ab (altnordisch stefi ­ „ das Gestäbe“ ­ die Strophe), das sich aus der Baukunst ableitet. Aus dem Sprachmaterial bauten die Menschen kunstvolle Formen. Zu Beginn dienten diese Formen vor allem spirituellen Zwecken. Religiöse Lieder und Zaubersprüche stehen am Anfang der deutschen Dichtung. Daneben sind überlieferte Heldensagen aus der Zeit der Völkerwanderung Stoff für frühe poetische Dichtung in Stabreimform.41 Einflüsse griechisch­lateinischer Dichtung und die Christianisierung wirken auf die deutsche Dichtung ein und der Stabreim verliert ab dem 9. Jahrhundert seine Bedeutung. An seiner Stelle setzt sich der Endreim durch. Reissmann stellt heraus, dass sich die griechische Poesie stärker in Bezug auf Tanz und Bewegung entwickelte, während in der germanischen Dichtung die Rhythmik der Sprache selbst und ihr Klang die Grundlage für die lyrischen und poetischen Formen bildete.42

Singen und Sagen liegen im Germanischen nah beieinander, während in der griechischen Entwicklung der Tanz die Sprechweise der Lyrik zunächst formte. So heiût es bei Aristoteles:

»Da uns aber die Nachahmung, die Harmonie und der Rhythmus angeboren sind (denn dass die Versmaûe Teile der Rhythmen sind, ist offenbar), so haben von Anfang an die, welche am meisten Anlage dazu hatten, durch einen allmählichen Fortschritt aus den Improvisierungen die Dichtkunst hervorgebracht.«43

Die Dichtungsweise der Griechen, die die Römer später in ihrer Sprache weiterführten, war geprägt durch die rhythmisch strengere Geschlossenheit des Tanzes. In Analogie dazu dichtete Otfried von Weiûenburg um 870 eine gereimte, epische Evangelienharmonie in südrheinfränkischer Mundart. Dabei verwendet er als erster an Stelle des germanischen Stabreims den vierhebigen Endreimvers.44 Zunächst findet sich die Lieddichtung in den Händen der Kirche und wird zu religiösen Zwecken betrieben. Doch von dort gelangt das Handwerk der Sprachkunst „unters Volk“ und eine eigene Volksliedkultur beginnt sich zu entwickeln.45

Eines der ältesten Zeugnisse von im Volk verbreiteten, deutschsprachigen Liedtexten ist das Lochamer Liederbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, dessen Original sich heute in der Staatsbibliothek in Berlin befindet.46 Dabei handelt es sich um eine handschriftliche Sammlung von 45 Liedern, die von elf verschiedene Schreibern zusammengetragen wurden. Die Mehrzahl sind Tanz­ und Liebeslieder, einige scheinen auch ohne Text aufgeführt worden zu sein. Viele der Autoren dieser Lieder bleiben anonym, nur in zwei Fällen ist eine Autorschaft belegt: Zum Einen gibt es einen Tischsegen des Mönchs von Salzburg und zum Anderen findet sich von Oswald von Wolkenstein, dem letzten Minnesänger, das Lied Wach auf mein Hort darin.47 Der Minnesang war im Mittelalter vor allem in der ritterlich­höfischen Kultur verbreitet, einer, nach Ständen betrachtet, höheren Kultur also, im Vergleich zu der des einfachen Volkes. Die Autoren dieser gesungenen Liebeslyrik waren gröûtenteils mit Namen bekannt und sind in den Heidelberger Liedhandschriften aus dem 14. Jahrhundert überliefert.48 Im Mittelalter lässt sich der Beginn einer nach gesellschaftlichem Stand verschieden weiterentwickelten Liedtexterei ausmachen. Der Minnesang folgt den Motiven einer höheren Hofkultur, die Texte sprachlich weiter zu verfeinern und ein Ideal zu beschreiben, während die Texte der Lieder des Volkes eine einfache, für jedermann zugängliche Struktur beibehalten und sich mit alltäglichen Dingen und Erfahrungen beschäftigen.

Die Musik wurde vor 1500 von Tinctoris nach verschiedenen Stilen in Anlehnung an den sozialen Stand geordnet. Die niedrigste Gattung ordnete er dabei den einfachen Bauern und Hirten zu und bezeichnete sie als cantus parvus (kleiner Gesang), während die Gesänge der Gelehrten und der Kirche als cantus magnus bezeichnet wurden.49 Im weiteren Verlauf bildete sich so eine Unterscheidung der Musik nach höherer und niederer Musik heraus, die später z.B. auch das Kunstlied vom Volkslied trennte. Das deutsche Kunstlied, inspiriert von den Einflüssen italienischer Musik im 16. Jahrhundert, ist bald das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit zwischen Komponist und Dichter, die jeder auf ihrem Gebiet ihre Kunst zunächst einzeln und immer höher gestalten. Dabei dient der Text (eines Dichters) oft als Vorlage, zu dem eine Melodie komponiert wird. Johann Firedrich Reichardt, ein Komponist aus der Goethezeit äuûerte sich in einem Vorwort zu Liedern von Klopstock 1779 so:

»Meine Melodien entstehen meist aus dem wiederholtem Lesen des Gedichts von selbst, ohne daû ich darnach suche, und alles was ich weiter daran thue, ist dieses, daû ich lang mit kleineren Abänderungen wiederhole, und sie nicht eh' aufschreibe, als daû ich fühle und erkenne, daû der grammatische, logische, pathetische und musikalische Akzent so gut miteinander verbunden sind, daû die Melodie richtig und angenehm singt (...)«50

Parallel dazu entsteht das Volkslied weiterhin aus der Union Komponist­Dichter­Sänger heraus und wird durch das vielfache Aufführen in geselligen Runden vornehmlich mündlich weitergegeben. 51

Ende des 19. Jahrhunderts verschiebt sich die Liedproduktion des Volkes aufgrund des rasanten technischen Fortschritts und der Entwicklung der modernen Wirtschaft aus seiner Mitte heraus in die aufkommende Musikindustrie. Nach dem Vorbild der sogenannten Wienerlieder (im Dialekt gesungene Lieder mit nur einer Gitarre begleitet) entsteht als erstes Massenprodukt der Schlager, der sich über Schallplatten verkaufen und verbreiten lässt.52 Angelegt auf die Unterhaltung der Menschen, beinhalten Schlagertexte oft heitere und witzige Themen oder Themen alltäglicher menschlicher Erfahrungen, vor allem mit der Liebe.53

(...)

Schenk mir doch ein kleines biûchen Liebe,

Liebe, sei doch nicht so schlecht zu mir!

Fühlst du nicht die innig süûen Triebe,

Triebe wie mein Herz verlangt nach dir?

(...)54

Genau wie die Musik sind Schlagertexte sehr einfach gehalten, denn nur wenn sie von vielen Menschen verstanden werden, können sie kommerziell erfolgreich sein.

Nach den zwei Weltkriegen werden deutschsprachige Liedtexte aus der populären Musiklandschaft durch den kulturellen Einfluss der Besatzungsmächte zunächst verdrängt. Besonders die Jugend nimmt die neue amerikanische Beat­ und Rock'n'Roll Musik begeistert auf. Eine neue Jugendkultur entsteht dabei, die sich, inspiriert durch die neue Musikrichtung in der Popmusik55, durch Rebellion und Provokation von der Elterngeneration abgrenzt. Für diese Jugend spielen deutschsprachige Liedtexte keine groûe Rolle mehr, sondern die englischsprachigen Texte erlauben es ihnen, sich von den sentimentalen und flachen Inhalten der Schlagertexte abzuwenden.56 So versuchen sich auch deutsche Musikgruppen zunächst an englischen Texten, um das jugendliche Publikum zu erreichen. Dies geschieht aber auch, weil sich die Kürze vieler englischer Wörter für das Singen auf die schnelleren Rhythmen besser zu eigenen scheint. Die Bedeutung der Liedtexte tritt dabei zurück und auch die Qualität der englischen Texte leidet unter der mangelnden Ausdruckfähigkeit deutscher Texter. Die gesungenen Worte und die Stimme des Sängers fügen sich als weiters Instrument in die Liedkomposition ein, wobei die Melodie des Gesangs in den Vordergrund tritt, nicht aber die Aussage des Textes, so wie bei einem Text der 1960 gegründeten Hamburger Band The Rattles, der schlicht die Aufforderung zu Singen ausdrückt:

Let me tell you people, tell you what to do.

While you're such a good thing, it makes you happy too.

Don't think of tomorrow, leave your troubles at home.

I know such a good thing, it makes you happy too.

Come on and sing, come on and sing, na na na na na na na na na.

Come on and sing, come on and sing, na na na na na na na na na.57

Die Bedeutunglosigkeit von Liedtexten in der populären Kultur relativiert sich Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts im Zuge der 68er Bewegung, die sich auch auf das Schaffen in der Popmusik auswirkt.58

Einzelne Künstler beginnen sozialkritischen Texte angelehnt an die Manier der französischen Chanson­Sänger mit einfacher­, meistens ist es eine Gitarrenbegleitung, zu unterlegen und treten als Liedermacher in der Union Komponist­Texter­Sänger auf. Prominente Beispiele sind Wolf Biermann, Hannes Wader oder Konstantin Wecker. Parallel entstehen Musikgruppen, die sich an der angloamerikanischen populären Musik orientierten und auf diese deutsche Texte schreiben, die inhaltlich von den Idealen der 68er Bewegung handeln.59 Ein Beispiel hierfür ist die Band Ton, Steine, Scherben, deren Texter Rio Reiser oft Slogans wie ,,macht kaputt, was euch kaputt macht“ in Lieder schreibt und damit Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung übt. In der weiteren Entwicklung ist vor allem der Sänger, Texter und Komponist Udo Lindenberg hervorzuheben, für dessen Schreibstil die Integration der Eigenheiten der deutschen Jugendsprache in die Liedtexte typisch war. Ein bekanntes Beispiel ist der Liedtext zum Lied Sonderzug nach Pankow, der sich mit dem Auftrittsverbot für den Künstler in der DDR auseinandersetzt. In ihm heiût es unter anderem

»(...)och, Erich, ey bist du denn wirklich so ein sturer Schrat / warum lässt du mich nicht singen im Arbeiter­ und Bauernstaat«60

Das Staatsoberhaupt der DDR wird mit seinem Vornamen adressiert, umgeben von den Ausdrücken ,,och“ und ,,ey“ aus dem Umgangston der Jugendsprache.

In den frühen 80er Jahren erreichte die sozialkritische Bewegung in Deutschland ihren Höhepunkt.61 Beispielhaft für die Nutzung der populären Liedform als Kommunikationsmedium der Dichtung sei noch der Dichter und Sänger Heinz Rudolf Kunze genannt, der seine Lyrik, nach dem Vorbild des kanadischen Schriftstellers Leonard Cohen, innerhalb eines Popliedes besser aufgehoben fand als in einem Gedichtband.62 Hier wird deutlich, dass sich für die Entwicklung deutschsprachiger Liedtexte in der jüngeren Zeit die Idee festhalten lässt, dass Lieder ein geeignetes Mittel sind, sprachliche Botschaften zu transportieren, sich sozusagen durch die musikalische Gestaltung einer Botschaft,

Gehör bei einem breiten Publikum zu verschaffen.

Im weiteren Verlauf der Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands schreiben sich immer mehr Künstler in diese Liedtextform des populären Liedes ein. In Anlehnung an die kritische Theorie der Frankfurter Schule entsteht der Begriff der Hamburger Schule, der deutschspachige Popmusik bezeichnet, deren Texte ,,fortwährend das eigene kulturelle Handeln reflektieren“63 und gesellschaftliche Verhältnisse kritisch hinterfragen. Die Künstler und Künstlergruppen, die sich unter diesen Begriff fassen lassen, stammten ursprünglich hauptsächlich aus kleineren Orten im Umland gröûerer Städte. Die Stadt Hamburg spielt dabei insofern eine Rolle, als dass sich dort erste Möglichkeiten ergaben, die Musik professionell produzieren und verlegen zu lassen. Synonym zum Begriff Hamburger Schule wird auch der Begriff Diskurs­Pop verwendet.64 Im Vordergrund dieser Art von Liedermacherei steht dabei die Kommunikation und der Austausch mit einem Publikum fern von kommerzieller Verwertbarkeit. Die Texte bestehen typischerweise aus Zitaten. Diese stammen zum einem aus dem kulturellen Lebens: vor allem auch aus der Literatur, aus Filmen oder Zeitungsartikeln. Zum anderen werden umgangssprachliche Wendungen in die Texte eingearbeitet, um ein Gefühl der Authentizität zu schaffen, dass der Kommunikation zwischen Gleichgesinnten förderlich ist.65 Was zu Beginn der 90er Jahre als Hamburger Schule begann, gipfelte Anfang des neuen Jahrtausends in einem neuen Massenphänomen, welches die FAZ unter anderen als ,,Deutsch­Pop­Wunder“ bezeichnete.66 Das Texten und Singen in deutscher Sprache entwicklete eine neue Art von Popularität, die auch auf andere Musikstile übergriff, allen voran auf den Sprechgesang im Hip Hop. Die deutsche Sprache ist mittlerweile so stark in der populären Liedkultur präsent, dass sich einer Auseinanersetzung mit ihr kaum mehr entzogen werden kann.

1.2 Beteiligte an der Text­Produktion

Rückblickend auf die geschichtliche Entwicklung lässt sich die Liedtextproduktion auf zwei Ebenen unterscheiden: Zum einen produzieren Gelehrte, später gebildete Menschen höherer gesellschaftlicher Stände Texte, die vor allem des kunstvollen Ausdrucks der jeweiligen Ideen­ und Gefühlswelten gelten.

Zum anderen übernimmt ab dem späten Mittelalter ein anonymer Teil des Volkes das Schreiben von Liedtexten vor allem zum Zweck des geselligen Singens und zur Verarbeitung alltäglicher Erfahrungen.67

Diese zweite Art der Textproduktion verlagerte sich mit dem Aufkommen einer eigenen Musikindustrie in deren kommerziellen Bereich. Das Liedtexten wurde so zu einer Profession, einem Handwerk, mit dem sich Geld verdienen lieû. Interessant für den Blick auf die populäre Kultur der Gegenwart ist daher vor allem die Unterscheidung in der Bezeichnung der Liedtexter, die heute vorgenommen wird. Die Gesellschaft f ü r musikalische Auff ü hrungs­ und mechanische Vervielf ä ltigungsrechte (GEMA) in Deutschland bezeichnet sie als Textdichter, was zugleich auch der juritische Begriff für den Beruf ist. Der Textdichter lässt sich vor allem über das Ziel seiner Produktion, den kommerziellen Erfolg definieren.68 Er steht meist anonym hinter seinem Werk, da das Aufführen von jemand anderem übernommen wird. Daneben steht der Begriff des Liedermachers. Der Ausdruck Liedermacher ist eine Wortschöpfung Wolf Biermanns, der diese Bezeichnung von der Bezeichnung „Stückeschreiber“ Bertolt Brechts ableitete.69 Von der alternativen Subkultur der sechziger und siebziger Jahre wurde der Begriff zunächst im positiven Sinn verwendet. Ein Liedermacher war ehrlich, im weitesten Sinn politisch und, im Gegensatz zum Schlagersänger, nicht kommerziell ausgerichtet. Die Textaussage eines Liedermachers wird also als wichtiger erachtet als seine musikalischen Fähigkeiten. Zwischen den beiden Extremen des Textens entweder aufgrund wirtschaftlicher Interessen oder des Textens um eine Aussage zu treffen, lassen sich gegenwärtige Liedtextproduzenten einordnen. Werner Faulstich bezeichnet die beiden Ebenen der Produktion populärer Musik, zu der auch die Produktion der Texte gehört als kommerziell und künstlerisch.70

1.2.1 Die kommerziell ausgerichtete Produktion

Für Texte, die auf der kommerziellen Ebene entstehen, gelten andere Bedingungen, als für künstlerische Texte. Für ersteres bietet Faulstich folgendes Modell71 an, in dem er die Faktoren darstellt, die die Produktion eines kommerziellen Liedes beeinflussen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Musik­Konsument

Hier ist also zu sehen in welcher Abhängigkeit ein Liedtext entsteht. Das Texten auf der kommerziellen Ebene richtet sich nach der Ansprachefähigkeit einer Publikumsmehrheit. Dabei wird versucht das Bedürfnis dieses Publikums zu erfassen und zu bedienen. Die Vorabeit als auch die Rückmeldung über Erfolgschancen und tatsächlichen Erfolg eines Textes erfolgt durch die verschiedenen Instanzen der Musikproduktion und Vermarktung.

1.2.2 Die künstlerische Produktion

In Anlehnung an Faulstichs Modell und unter Einbezug der Aussage verschiedener Textdichter aus der gegenwärtigen deutschsprachigen Musikszene72 soll ein Modell die Faktoren zeigen, die bei der Produktion einen künstlerischen Liedtextes eine Rolle spielen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literatur, Theater, Film, Musik

An diesem Modell wird deutlich, dass der einzelne künsterlisch arbeitende Textdichter einen individuellen Ausschnitt des Lebens aus einer persönlichen Perpsektive zeigt. Eigene Eindrücke werden verarbeitet und bilden die Grundlage für eine Auseiandersetzung mit ihnen. Der so gewonnene Ausdruck ist das Ergebnis persönlich durchlebter Erfahrungen, während die kommerzielle Textproduktion versucht die massenhaft gemachte Erfahrung aufzugreifen. Dadurch treffen diese Texte allgemeingültigere Aussagen, die leicht zugänglich sind während der Rezipient zu individuellen, künstlerischen Ausdrücken seinen Zugang erst finden muss.

Der Zugang zu einem Text über das Verstehen seines Kontextes führt in das Feld der Literaturwissenschaft und zur Betrachtung des Liedtextes als literarischen Text.

[...]


1 Graves / McBain, 1972. (S. 18)

2 vgl. Korte, 2002.

3 nach einem Essay von Matthias Timm publiziert auf der Webseite www.wasistlyrikwert.de (15. 01. 2009)

4 Christian St ö cker: Betreiber von Fanseiten f ü hlen sich verfolgt. Artikel vom 08. 04. 2005. Auf: www.spiegel­online.de (07. 01. 09)

5 Faulstich, 1978. (S. 17)

6 Burdorf, 1997. (S. 2)

7 Abraham / Kepser, 2006. (S. 133)

8 Reallexikon d. dt. Literaturwissenschaft, 2000.

9 Brockhaus Riemann Musiklexikon, 1998.

10 Das neue Lexikon der Musik, 2005.

11 Metzler Lexikon Literatur, 2007. (im Hinblick auf germanische Heldenlieder)

12 Der Brockhaus Literatur, 2003.

13 Reallexikon d. dt. Literaturgeschichte, 2001.

14 Schmierer, 2007. (S.11)

15 ebd.

16 Wicke / Ziegenrücker, 2006 (S. 207)

17 Dürr, 1994. (S. 19)

18 Danuser, 2004. (S. 16)

19 Burdorf, 1997. (S. 20)

20 vgl. Kluge, 2002.

21 vor allem in den literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerken: Reallexikon d. dt. Literaturwissenschaft, 2000; Reallexikon d. dt. Literaturgeschichte, 2001; Brockhaus Literatur, 2003; Metzler Lexikon Literatur, 2005.

22 Dürr, 1994. (S. 14)

23 Kante, 2001

24 Brockhaus Literatur, 2003.

25 Günther Müller: Lied. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, 2001.

26 Reallexikon d. dt. Literaturwissenschaft, 2000.

27 Brockhaus Literatur, 2003.

28 Klausnitzer, 2004. (S. 10)

29 Schmierer, 2007. (S. 12)

30 Oehlmann, 2000. (S. 6)

31 vgl. Wicke / Ziegenrücker, 2006.

32 Jung, 2007. (S. 7)

33 Burdorf, 1997. (S. 20)

34 vgl. Kluge, 2004.

35 Claudius, 1996.

36 Kross, 1989. (S. 7)

37 ebd.

38 vgl. Frith, 1998.

39 Reissmann, 1874. (S. 1)

40 ebd.

41 von Petersdorff, 2008. (S. 7)

42 A. Reissmann, 1874. (S. 5)

43 Fuhrmann, 1994. (S. 52)

44 von Petersdorff, 2008. (S. 8)

45 Reissmann, 1874. (S. 5)

46 Einige Seiten sind in digitalisierter Form in der Handschriftendatenbank der Bibliothek abrufbar:www.http://stabikat.sbb.spk­berlin.de/cgi­bin/wwwopc4menu (03.01.2009)

47 vgl. Petzsch, 1967.

48 von Petersdorff, 2008. (S. 15)

49 Zimmermann, 1980. (S. 575)

50 zit. nach Rheinländer, 2006. (S. 14)

51 Sell, 1988. (S. 52)

52 Bullerjahn, Erwe, 2001 (S. 54)

53 Wicke, 2008. (S. 23)

54 Text von Paul Lincke, zit. In: Wicke, 2008.

55 Der Begriff Popmusik wird in dieser Arbeit als Sammelbegriff verwendet für Musik, die in Abgrenzung zur Ernsten Musik eher zur Unterhaltungsmusik gezählt wird.

56 Peters, 2005 (S. 37)

57 The Rattles: Come on and sing, 1966.

58 Seiler, 2006. (S. 225)

59 ebd. (S. 225 ff)

60 Lindenberg, 1983.

61 Siegfried, 2005 (S. 55)

62 Seiler, 2006. (S. 260)

63 Huber, 2008. (S. 140)

64 ebd.

65 Gödden, 2008. (S. 123)

66 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2005

67 Sell, 1988. (S. 153)

68 nach Angabe des Deutschen Verbands der Textdichter, auf: www.dtv­textdichter.de (13.01.09)

69 Seiler, 2006. (S. 257)

70 Faulstich, 1978. (S. 62)

71 Faulstich, 1978. (S. 107)

72 In den Interviews, die Astrid Vits in ihrem 2004 erschienenen Band Du und viele von deinen Freunden mit über 30 deutschsprachigen Bands und Künstlern geführt hat, wird die Frage nach der Entstehung der Texte von den verschiedenen Gesprächspartnern immer wieder ähnlich beantwortet: Im Vordergund stehen persönliche Erfahrungen und Beobachtungen, die eingebettet sind in das Leben der gegenwärtigen Konsum­ oder Spaûgesellschaft und deren kulturelle Praktiken, welche vor allem durch die Medien rezipert werden. Diese Erfahrungen und Beobachtungen werden oft zunächst als sprachliche Puzzleteile aus einzelnen Sätzen oder Zitaten zu Liedtexten verarbeitet.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Zur Eignung deutschsprachiger Liedtexte für den Deutschunterricht
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Neuere deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Literaturwissenschaft/Literaturdidaktik
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
79
Katalognummer
V135036
ISBN (eBook)
9783640427758
ISBN (Buch)
9783640422821
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftliche Arbeit für das 1. Staatsexamen im Lehramtsstudium (Sachsen)
Schlagworte
Eignung, Liedtexte, Deutschunterricht, Lyrics, Songlyrics, Unterricht, Lyrics analysieren, Lyrics Deutschunterricht, deutsche Songtexte, Songtexte untersuchen, Songtexte im Unterricht, Deutsch lernen mit Sontexten
Arbeit zitieren
Susann Lenk (Autor), 2009, Zur Eignung deutschsprachiger Liedtexte für den Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135036

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