Die koordinative Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder im Grundschulalter


Examensarbeit, 2009
150 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Motorische Leistungsfähigkeit
2.1 Begriffsbestimmung von Leistung und Definition motorischer Leistungsfähigkeit
2.2 Motorische Leistungsfähigkeit – die aktuelle Situation

3 Der Koordinationsbegriff und Strukturierungsansätze
3.1 Begriffsbestimmung koordinativer Fähigkeiten
3.2 Modelle der Bewegungskoordination und Strukturierungsansätze der Koordination
3.3 Fünf verschiedene koordinative Fähigkeiten nach Hirtz
3.3.1 Differenzierungsfähigkeit
3.3.2 Rhythmusfähigkeit
3.3.3 Gleichgewichtsfähigkeit
3.3.4 Orientierungsfähigkeit
3.3.5 Reaktionsfähigkeit
3.4 Die Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten im Kindesalter
3.5 Die Bedeutung der koordinativen Fähigkeiten

4 Übergewicht und Adipositas
4.1 Definition von Übergewicht und Adipositas
4.2 Methoden zur Bestimmung von Übergewicht
4.2.1 Body Mass Index
4.2.2 Weitere Methoden
4.3 Übergewicht und motorische Leistungsfähigkeit
4.3.1 Die motorische Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder
4.3.2 Koordinative Fähigkeiten übergewichtiger Kinder - der aktuelle Stand

5 Methodik
5.1 Sportmotorische Tests
5.2 Koordinationstests
5.3 Beispiel für einen Koordinationstest: Der Kinderkoordinations-Test
5.4 Untersuchungsdesign
5.4.1 Der Kinderkoordinations-Test: Testitems
5.4.1.1 Test der Differenzierungsfähigkeit
5.4.1.2 Test der (dynamischen) Gleichgewichtsfähigkeit
5.4.1.3 Test der Rhythmusfähigkeit
5.4.1.4 Test der Reaktionsfähigkeit
5.4.1.5 Test der Orientierungsfähigkeit
5.4.2 Der Einbeinstand
5.5 Untersuchungsstichprobe
5.6 Statistische Auswertungsverfahren

6 Ergebnisdarstellung
6.1 Überprüfung der Voraussetzungen des Datensatzes
6.2 Auswertung des Mann-Whitney-U-Tests
6.3 Vergleich der einzelnen koordinativen Fähigkeiten mithilfe der Tests
6.4 Korrelationsberechnung zwischen der dynamischen und statischen Gleichgewichtsfähigkeit

7 Diskussion

8 Ausblick

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang
10.1 Normierungstabelle
10.2 Materialliste für den KiKo-Test
10.3 Protokollbogen
10.4 Box-Plots
10.5 Tabellen
10.6 Streudiagramme zur Darstellung von Korrelationen

Abbildungsverzeichnis

Abb.1:Station 1 – Test zur Überprüfung der Differenzierungsfähigkeit

Abb.2:Station 2 – Test zur Überprüfung der Gleichgewichtsfähigkeit

Abb.3:Station 3 – Test zur Überprüfung der Rhythmusfähigkeit

Abb.4:Station 4 – Test zur Überprüfung der Reaktionsfähigkeit

Abb.5:Station 5 – Test zur Überprüfung der Orientierungsfähigkeit

Abb.6:Einbeinstand auf einer Kraftmessplatte

Abb.7: Der Anteil der Übergewichtigen an der Gesamtanzahl

Abb.8:Box-plot der Merkmalsausprägung „Größe“

Abb.9:Box-plot der Merkmalsausprägung „Alter“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.10:Box-plot der Merkmalsausprägung „Gewicht“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.11:Box-plot der Merkmalsausprägung „BMI“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.12: Kraftmessplatte der Firma GeBiom zur Untersuchung des statischen Gleichgewichts

Abb.13: GP-Manager zur Berechnung und Darstellung der maximalen frontalen und sagittalen Schwankungen mittels des Druckverteilungsmesssystems GP-Balance

Abb.14:Box-plot der Merkmalsausprägung „Test 1“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.15:Box-plot der Merkmalsausprägung „Test 2“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.16:Box-plot der Merkmalsausprägung „Test 3“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.17:Box-plot der Merkmalsausprägung „Test 4“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.18:Box-plot der Merkmalsausprägung „Test 5“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.19:Box-plot der Merkmalsausprägung „Sagittaldurchschnitt“ mit Extremwerten und Ausreißern Anhang

Abb.20:Box-plot der Merkmalsausprägung „Frontaldurchschnitt“ mit Extremwerten und Ausreißern

Abb.21:Mittelwertvergleich der Differenzierungsfähigkeit durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.22:Mittelwertvergleich der Rhythmusfähigkeit durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.23:Mittelwertvergleich der dynamischen Gleichgewichtsfähigkeit durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.24:Mittelwertvergleich der räumlichen Orientierungsfähigkeit durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.25:Mittelwertvergleich der Reaktionsfähigkeit durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.26:Mittelwertvergleich der frontalen und sagittalen Schwankungen zwischen übergewichtigen und normalgewichtigen Kindern durch den Median einschließlich der oberen und unteren Quartile

Abb.27:Streudiagramm zum Zusammenhang zwischen dem Sagittal und dem Frontaldurchschnitt in mm

Abb.28:Streudiagramm zum Zusammenhang zwischen dem Frontaldurchschnitt in mm und dem dynamischen Gleichgewicht in Rollen Anhang

Abb.29:Streudiagramm zum Zusammenhang zwischen dem Sagittaldurchschnitt in mm und dem dynamischen Gleichgewicht in Rollen Anhang

Tabellenverzeichnis

Tab.1:Mittelwerte der anthropometrischen Daten der gematchten Probanden einschließlich der Standardabweichung

Tab.2:Normalverteilungsrechnung der Grundgesamtheit (N=39 Anhang

Tab.3:Normalverteilungsrechnung der Teilstichprobe (N=18) Anhang

Tab.4:Mann-Whitney-U-Test-Auswertung der beiden Stichproben Anhang

Tab.5:Statistik für den Mann-Whitney-U-Test

Tab.6:Statistik für den Mann-Whitney-U-Test

Tab.7:Mittelwertvergleich der Tests durch den Median Anhang

Tab.8:Korrelationseffizienten für die Zusammenhänge zwischen dem Sagittal- und Frontaldurchschnitt

Tab.9:Korrelationseffizienten für die Zusammenhänge zwischen dem

Frontaldurchschnitt und dem dynamischen Gleichgewicht

Tab.10:Korrelationseffizienten für die Zusammenhänge zwischen dem Sagittaldurchschnitt und dem dynamischen Gleichgewicht

Zusammenfassung

Aktuelle Trends wie Übergewicht und Bewegungsmangel und damit zusam-menhängend der Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern stehen immer mehr im allgemeinen Interesse, vor allem jedoch im Interesse der Sportwissenschaftler. Grundsätzlich wird eine allgemeine Verschlechterung der motorischen Leistungsfähigkeit speziell bei Übergewichtigen postuliert, wobei die Datenlage nur bezüglich der Dimensionen Kraft und Kondition gesi-chert ist (vgl. Graf et al., 2007a, S. 635). Obwohl bisherige Studien zusätzlich ein Defizit bei übergewichtigen Kindern hinsichtlich koordinativer Fähigkeiten feststellten, können diese Ergebnisse zum einen als uneinheitlich und zum an-deren, aufgrund der Missachtung des Gütekriteriums der Validität, als nicht generalisierbar betrachtet werden (vgl. Prätorius, 2008). Diesbezüglich wurde im Rahmen dieser Arbeit unter Berücksichtigung aller Gütekriterien unter-sucht, inwiefern übergewichtige Kinder tatsächlich im koordinativen Bereich eingeschränkt sind. Unterscheiden sich die koordinativen Leistungen dieser Gruppe wirklich signifikant von der Leistungsfähigkeit ihrer normalgewichti-gen Altersgenossen?

Zur Überprüfung dieser Fragestellung wurde der Kinderkoordinations-Test von Prätorius mit fünf Testitems herangezogen und durch einen Stabilometrie-Test ergänzt. Bei diesem Test wurde die statische Gleichgewichtsfähigkeit der Pro-banden durch ein 10-Sekunden-langes Stehen auf einer Kraftmessplatte der Firma GeBioM gemessen, indem maximale Veränderungen des Center of Pres­sure in sagittaler und frontaler Richtung in Millimeter aufgezeichnet wurden. Demnach wurden die sechs verschiedenen koordinativen Fähigkeiten der Dif-ferenzierungsfähigkeit, der Rhythmusfähigkeit, der dynamischen und stati-schen Gleichgewichtsfähigkeit, der räumlichen Orientierungsfähigkeit und der Reaktionsfähigkeit von normalgewichtigen und übergewichtigen Kindern er-fasst und unter Zuhilfenahme der Normierungstabelle von Prätorius in „gut“, „normal“ und „auffällig“ eingeordnet. Anschließend wurden diese Daten mit der Software SPSS 17.0 mithilfe des nichtparametrischen Mann-Whitney-U-Tests statistisch analysiert, ausgewertet und zuletzt miteinander verglichen. Zusätzlich wurden die Korrelationen der Merkmalsausprägungen der maxima-len Frontal- und Sagittalschwankungen mit den Werten der dynamischen Gleichgewichtsfähigkeit berechnet. Für die Untersuchung wurde eine gematch-te Stichprobe von 18 Probanden (10 weibliche, 8 männliche) aus einer Grund-gesamtheit von 39 Grundschülern der vierten Klasse aus dem Raum Münster im Alter von 8-11 Jahren herangezogen.

Schlussendlich konnte im Rahmen dieser Arbeit die Hypothese bestätigt wer-den, dass sich die koordinative Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder nicht signifikant von der koordinativen Leistungsfähigkeit gleichaltriger nor-malgewichtiger Kinder unterscheidet (p>0,05). Mithin waren sogar tendenziell bessere Ergebnisse unter weitgehendem Ausschluss konditioneller Anteile bei übergewichtigen Kindern in der Differenzierungs,- Rhythmus- und Reaktions-fähigkeit sowie in der statischen und dynamischen Gleichgewichtsfähigkeit zu beobachten. Demgegenüber fielen die Leistungen der Normalgewichtigen bei dem Testitem der räumlichen Orientierungsfähigkeit tendenziell besser aus. Zusätzlich konnten sehr geringfügige bis keine Korrelationen zwischen den Merkmalsausprägungen der dynamischen und der statischen Gleichgewichtsfä-higkeit festgestellt werden (r<0,2; r< 0,22). Der negative lineare Zusammen-hang konnte als nicht signifikant eingeschätzt werden (p>0,05). Demnach war-en die Ergebnisse der beiden Testitems unabhängig voneinander zu bewerten.

Resümierend konnten mittels dieser Studie bisherige Aussagen bezüglich der schlechteren koordinativen Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder wider-legt werden. Zur Generalisierung der Aussage, dass sich übergewichtige Kin­der koordinativ nicht von normalgewichtigen Altersgenossen unterscheiden, sollten weitere Studien mit größeren Stichproben ergänzt werden.

1 Einleitung

„Bewegung und sportliche Aktivität stellen in jedem Lebensalter einen wichti-gen Baustein des körperlichen, aber auch seelischen Wohlbefindens dar, mit einer Vielzahl positiver Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität“ (Nething et al., 2006, S. 42). Obwohl Bewegung demnach von großer Relevanz ist, sind Kinder heutzutage viel weniger körperlich aktiv als noch vor wenigen Jahren. Dies ist mit der Tatsache zu begründen, dass sich die Lebensbedingun-gen der Kinder durch verschiedene Faktoren wie Urbanisierung, verstärkter Mediatisierung, Massenkonsum, einer zunehmenden Verhäuslichung sowie einer erlebnis- und bewegungsarmen Umwelt stark verändert haben. Diese Veränderungen sind zwangsläufig mit Bewegungsmangel und damit zusam-menhängend auch mit einer Verschlechterung der Leistungsfähigkeit verbun-den. Gleichzeitig wird ein kausaler Zusammenhang zwischen Bewegungsman-gel und der Zunahme der Anzahl an übergewichtigen Kindern postuliert, so-dass Defizite in der Motorik, insbesondere der Körperkoordination und der Begriff „Übergewicht“ zumeist in einem Atemzug genannt werden (vgl. Koch, 2005, S. 137).

So kommen Graf et al. mithilfe ihrer Studie zur Überprüfung der motorischen Leistungsfähigkeit zu dem Ergebnis, dass adipöse Kinder im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenossen schlechtere Leistungen hinsichtlich der Koordination, Ausdauer und der Kraft aufweisen (vgl. Graf et al., 2007a, S. 635). In anderen Studien wird von ähnlichen Ergebnissen berichtet, sodass von einem allgemeinem Defizit in der motorischen Entwicklung ausgegangen wird (vgl. Korsten-Reck, 2007, S. 38). Während die Nachteile für Übergewichtige bei konditionellen Aufgaben aufgrund der größeren Körpermasse erwiesen sind, ist die Datenlage bezüglich der Koordination uneinheitlich. Bisherige Tests, in denen schlechtere koordinative Fähigkeiten bei Übergewichtigen im Vergleich zu Normalgewichtigen festgestellt wurden, konnten dem Gütekrite-rium der Validität nicht genügen. So wurde der konditionelle Aspekt bei den Aufgaben zur Überprüfung der koordinativen Fähigkeiten bisher nicht ausrei-chend reduziert, um verallgemeinernde Hypothesen aufstellen zu können. Demnach ist zu fragen:

Sind übergewichtige Kinder tatsächlich im koordinativen Bereich einge-schränkt?

Unterscheiden sich die koordinativen Leistungen dieser Gruppe wirklich signi-fikant von der Leistungsfähigkeit ihrer normalgewichtigen Altersgenossen?

Um Aussagen über die koordinative Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kin­der machen zu können, ist ein Verfahren notwendig, welches den konditionel-len Aspekt weitgehend minimiert. Im Rahmen dieser Studie wird dementspre-chend der Kinderkoordinations-Test von Prätorius, welcher 2008 im Rahmen ihrer Dissertation„Entwicklung eines Koordinationstests für Kinder im Grund-schulalter und dessen Validierung mit Hilfe biomechanischer Methoden“an der Technischen Universität Chemnitz entwickelt wurde, als Test verwendet. Auf Basis dieses Tests soll im weiteren Verlauf der Arbeit überprüft werden, inwiefern die verschiedenen Gewichtsklassen hinsichtlich ihrer koordinativen Leistungsfähigkeit differieren. Bei einem weitgehendem Ausschluss konditio-neller Anteile wird, konträr zu den oben aufgeführten Hypothesen, innerhalb dieser Studie davon ausgegangen, dass sich die Leistungen Übergewichtiger im koordinativen Bereich nicht signifikant von denen der Normalgewichtigen un-terscheiden. Diese Hypothese gilt es zu prüfen.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Während der erste Teil die theoretischen Grundlagen in Form einer Literaturarbeit thematisiert, dient der zweite Teil der Darstellung der eigenen Studie.

Zunächst wird im Rahmen dieser Arbeit der Begriff der motorischen Lei-stungsfähigkeit sowie der aktuellen Leistungsstand von Kindern beschrieben, bevor speziell auf den koordinativen Aspekt, auf welchem der Fokus dieser Arbeit liegt, eingegangen wird. Demnach werden verschiedene Strukturie-rungsansätze des koordinativen Begriffs behandelt, um das Konzept von Hirtz, welches den Rahmen der Studie bildet, einordnen und daraufhin detaillierter erläutern zu können. Um dem Normierungsaspekt zu genügen, wird im theore-tischen Teil ebenfalls auf die Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten ein-gegangen, sowie deren große Bedeutung thematisiert. Im weiteren Verlauf wird vor allem Bezug zu der Gruppe der übergewichtigen Kinder genommen, sodass diese Gruppe zunächst definiert wird, bevor ihre Leistungen im motori-schen und speziell im koordinativen Bereich beschrieben werden.

Die Erkenntnisse der theoretischen Grundlage bilden die Basis für die Frage-stellung der Arbeit:

Unterscheiden sich die koordinativen Leistungen der Gruppen der Normal-gewichtigen und der Übergewichtigen signifikant voneinander, wie bisher angenommen wurde?

Im zweiten Teil der Arbeit wird zunächst auf sportmotorische Tests im Allge-meinen eingegangen, bevor speziell der Kinderkoordinations-Test für Grund-schüler von Prätorius behandelt wird. Im Rahmen dieser Studie wird die koor-dinative Leistungsfähgikeit von 39 Grundschülern aus zwei verschiedenen Schulen aus dem Raum Münster untersucht. Neben dem Testmanual vom Kin-derkoordinations-Test wird von einem weiteren Testitem, dem Einbeinstand, Gebrauch gemacht. Diese Testaufgabe soll zusätzlich eine Aussage über die statische Gleichgewichtsfähigkeit der Kinder ermöglichen. Demnach werden die Fähigkeiten der Differenzierungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Reakti-onsfähigkeit, Rhythmusfähigkeit, des dynamischen sowie statischen Gleichge-wichts im Rahmen dieser Arbeit zur Überprüfung der Hypothese getestet, zwi-schen den Gewichtsklassen miteinander verglichen und analysiert. Sowie im Ergebnis- als auch im Diskussionsteil werden die Testergebnisse zunächst ge-nannt und diskutiert, bevor schlussendlich der gesamte Test kritisch betrachtet wird. Zuletzt wird auf weitere Fragen, welche durch diese Studie aufgeworfen werden, verwiesen und Anregungen zu weiteren Studien gegeben.

2 Motorische Leistungsfähigkeit

2.1 Begriffsbestimmung von Leistung und Definition motorischer Leistungsfähigkeit

Menschen erbringen sportliche Leistungen, wofür sie jedoch bestimmte körper-lich-physische Voraussetzungen benötigen – die „motorischen Fähigkeiten“. Um die Bedeutung des Begriffes „motorische Leistungsfähigkeit“, um welchen es vorranging in dieser Arbeit geht, genauer bestimmen zu können, ist es zu-nächst nötig, diesen Terminus genauer zu beschreiben. Zunächst soll der Be-griff Leistung definiert und in Verbindung mit Leistungsfähigkeit gesetzt wer-den. Beck und Bös stellen beispielsweise fest, dass der Begriff „Leistung“ so-wohl in Bereichen des Alltags als auch in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen eine große Rolle spielt. „Je nach formaler Ausrichtung finden sich entsprechend hierzu definitorische Bestimmungen aus anthropologischer, kul-tur-philosophischer, medizinischer, soziologischer, physikalischer oder trai-ningswissenschaftlicher Sichtweise“ (Beck et al., 1995, S. 8). So werden die Begrifflichkeiten „Leistung“ und „Leistungsfähigkeit“ auch in der Sportwis-senschaft vielfältig verwendet. Sind Leistung und Leistungsfähigkeit jedoch identisch?

Lutter und Schröder verneinen diese Frage, indem sie zwar einen engen Zu-sammenhang zwischen diesen Begrifflichkeiten sehen, jedoch betonen, dass sie nicht identisch seien (vgl. Lutter et al., 1972). Auch Mechling sieht Leistungs-fähigkeit vielmehr als eine „ [...] potentielle personale Leistungsvoraussetzung [an], die es gestattet, konkrete Aufgaben und Leistungsanforderungen zu be-wältigen“ (Mechling, 1989, S. 241), wohingegen er Leistung als das Resultat einer Handlung definiert, deren Bewertung bestimmten gesellschaftlich deter-minierten Normwerten unterliegt (vgl. ebd., S. 241). Ausgelöst wird eine Lei-stung durch eine Leistungsaufforderung, die entweder extern und damit primär von der Gesellschaft oder aber intern vom Individuum selbst gestellt wird.

Unterschieden wird im Allgemeinen zwischen dem Leistungsvorgang, welcher die eigentliche Tätigkeit umfasst und dem Leistungsergebnis, welches dem Produkt der Tätigkeit entspricht. Nach dieser Definition kann man von Leisten als Prozess und von der Leistung als Ergebnis des Leistens sprechen (vgl. Bös, 1983, S. 98). Obwohl dem Leistungsbegriff demnach vielfach die beiden As-pekte Prozess und Resultat zugeordnet werden, wird in dieser Arbeit aus-schließlich von dem Leistungsresultat, also dem messbaren Aspekt des zugrun-deliegenden Leistungsprozesses ausgegangen. Um das Leisten überprüfen zu können, muss des Weiteren zwischen Bewegungsleistung und motorischer Lei-stung unterschieden werden. Bewegungsleistungen sind Leistungen, die direkt beobachtbar sind, während motorische Leistungen nicht direkt beobachtbare, sondern über neuro-physiologische Messmethoden sichtbar gemachte Parame ter darstellen, welche Rückschlüsse auf motorische Prozesse ermöglichen (vgl. Bös et al., 1983, S. 107).

Des Weiteren wird zwischen sportmotorischer und sportlicher Leistung diffe-renziert. Auf den Sport bezogen charakterisieren Götze und Sieger sportliche Leistung als „ [...] Einsatz der dem Sportler verfügbaren Fähigkeiten in Trai­ning und Wettkampf. [...]. Unter sportlicher Leistung werden persönliche Best-leistungen, Wettkampfplazierungen und Rekorde verstanden“ (Götze et al., 1977, S. 624). Folglich entscheiden der situative Kontext und die konkreten Randbedingungen darüber, ob man von sportlicher oder sportmotorischer Lei-stung spricht. Sportmotorische Leistungen implizieren immer standardisierte Durchführungsbedingungen und sind damit mit sportmotorischen Tests1 ver-bunden. Sportmotorische und sportliche Leistung können identisch sein, wobei sportliche Leistungen eher durch Faktoren wie Klima, Publikum, Ausstattung, Geräte etc. beeinflusst werden als sportmotorische Leistungen. Letztere lassen sich eher auf leistungsbestimmende endogene Faktoren wie motorische Fähig-keiten zurückführen.

Die Messung der koordinativen Leistungsfähigkeit, welche im Rahmen eines sportmotorischen Tests in dieser Arbeit vorgenommen wurde, wird somit als sportmotorische Leistungsmessung definiert. Innerhalb dieser sportmotorischen Leistungen sind motorische Fähigkeiten als leistungsbestimmende Faktoren zu sehen. Folglich kann die motorische Leistungsfähigkeit durch sportmotorische Testverfahren gemessen werden, indem Analogieschlüsse auf die Leistungsfä-higkeit des motorischen Systems beim konkreten Bewegungsvollzug gezogen werden können. Daraus resultierend hängen der Leistungsbegriff und die moto-rischen Fähigkeiten eng zusammen. „Motorische Fähigkeiten sind die Binde-glieder zwischen internen Prozessen und dem nach außen hin sichtbaren Ver-halten“ (Bös et al., 1995, S. 8). Schlussendlich dienen sie der Beschreibung und Erklärung von Steuerungs- und Funktionsprozessen der Bewegungshand-lung. Um motorische Fähigkeiten genauer bestimmen zu können, müssen zu-nächst die Begriffe „Motorik“ und „Fähigkeit“ geklärt werden.

Unter Motorik wird die Gesamtheit aller Steuerungs- und Funktionsprozesse verstanden, die der Haltung und Bewegung zu Grunde liegen (vgl. Schmidt et al., 2003, S. 86). Aus diesem Grund „ [...] ist mit motorischen Fähigkeiten auch die Gesamtheit der Strukturen und Funktionen gemeint, die für den Er-werb und das Zustandekommen von Bewegungshandlungen verantwortlich ist“ (ebd.).

Der Begriff „Fähigkeit“ lässt sich von dem Terminus „Fertigkeit“ abgrenzen. Beide gelten als koordinativ bedingte Leistungsvoraussetzungen, welche eben-falls wesentlich am regulativen Ablauf einer Bewegung beteiligt sind. Jedoch unterscheiden die Termini sich im Allgemeinheitsgrad. Fertigkeiten werden als bereits weitestgehend automatisierte, verfestigte und konkrete Bewegungs-handlungen bzw. Teilhandlungen definiert, während Fähigkeiten verallgemei-nerte Leistungsvoraussetzungen für viele Bewegungshandlungen darstellen. Starker et al. definieren motorische Fähigkeiten als Steuerungs- und Funkti-onsprozesse, die der Haltung und den sichtbaren Bewegungsabläufen zugrunde liegen (vgl. Starker et al., 2007, S. 775). „Die Qualität und die Ausprägung motorischer Fähigkeiten (z.B. Bewegungskoordination) sind dabei ursächlich für die Qualität der beobachtbaren Bewegungsfertigkeiten (z.B. dribbeln, wer-fen, fangen)“ (ebd.). Bös et al. betonen, dass der Ausprägungsgrad motorischer Fähigkeiten die Qualität der sichtbaren Bewegungshandlungen in Entwick-lungs-, Lern- und Leistungsprozessen ausmacht (vgl. Schmidt et al., 2003, S. 86). Die sichtbaren Ausführungen dieser Bewegungshandlungen gelten als motorische Fertigkeiten, welche sich von den Fähigkeiten abgrenzen. Niveau und Ausführungsqualität von Fertigkeiten werden durch die motorischen Fä-higkeiten Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit be-stimmt, sodass zwischen motorischen Fähigkeiten und motorischen Fertigkei-ten ein Zusammenhang durch wechselseitige Beziehungen zu konstatieren ist (vgl. ebd.). Generell existieren in der Sportwissenschaft verschiedene Ansätze zur Differenzierung dieser motorischen Fähigkeiten.

So differenziert Bös motorische Fähigkeiten in konditionelle (energetische) und koordinative (informationsorientierte) Fähigkeiten und ordnet diesen die oben genannten Grundeigenschaften oder auch Dimensionen Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft und Koordination zu (vgl. Bös, 1994). Als zusätzliche Di­mension nennt er die Beweglichkeit, die die passiven Systeme der Energie-übertragung charakterisieren. Diese Grundeigenschaften werden wiederum in weitere motorische Teilfähigkeiten differenziert (vgl. Starker et al., 2007, S. 775). Zu diesen gehören die aerobe und anaerobe Ausdauer sowie die Kraft-ausdauer, als auch die Maximal- und Schnellkraft, die Aktions- und Reaktions-schnelligkeit, die Beweglichkeit sowie die Koordination unter Zeitdruck und die Koordination unter Präzisionsdruck.

Zusammenfassend wird die sportmotorische Leistung durch motorische Fähig-keiten gemessen. Diese wiederum stellen konstruierte Merkmale dar und kön-nen als hypothetische Konstrukte oder latente Eigenschaften bezeichnet wer-den, welche jedoch nicht wirklich existieren (vgl. Bös et al., 1995, S. 11). Dies hat zur Folge, dass diese Konstrukte nicht direkt gemessen werden können und eine Messung nur durch sportmotorische Tests und damit nur indirekt über die Verhaltensebene möglich ist.

2.2 Motorische Leistungsfähigkeit – die aktuelle Situation

Aussagen, wie „ [...] die kindliche Bewegungswelt hat sich erheblich verän-dert“ (Graf et al., 2006, S. 221) betonen die aktuelle Situation der motorischen Leistungsfähigkeit deutscher Kinder (vgl. Bös, 2001b; Dordel, 2003a). So zei-gen aktuelle Studien zur Koordinationsfähigkeit von Kindern, die Untersu-chungen mithilfe des Körper-Koordinationstests für Kinder2 beinhalten, eine Verschlechterung der koordinativen Fähigkeiten dieser im Wandel der Zeit. Die Normwerte, die von dem Entwickler des KTK namens Schilling im Jahr 1974 festgelegt wurden, werden fast durchgehend unterschritten (vgl. Schil­ling, 1974). So liegt Otten zufolge der Motorische Quotient bei 29,6 % der un-tersuchten Erst- und Zweitklässler unter den gegebenen Normwerten (vgl. Prä-torius, 2004, S. 273) Bei einer Studie von Breuer et al. betrug die Zahl der un-terdurchschnittlichen, koordinativen Leistungsfähigkeit bei Kindern im Alter zwischen 6-7 Jahren sogar 52,9% (Breuer, 1998, S. 15). Es scheint also, dass die koordinativen Fähigkeiten mit dem gesellschaftlichen Struktur- und Wer-tewandel einhergehend allgemein nachgelassen haben (vgl. Prätorius, 2004, S. 172). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Zimmer. Er berichtet davon, dass sich die motorischen Leistungen von Kindern in den vergangenen Jahren tatsäch-lich, zum Teil sogar drastisch, verschlechtert haben (vgl. Prätorius, 2008, S. 17). Auch Schmidt kommt nach einer vergleichenden Betrachtung der motori-schen Leistungsfähigkeit von Kindern in den vergangenen 25 Jahren zu dem Ergebnis, dass diese durchschnittlich um mehr als 10% abgenommen haben (vgl. Schmidt, 2003, S. 104).

„Besonders deutlich sind die Unterschiede in der Laufausdauer und der Beweg-lichkeit, weniger deutlich bei Aktionsschnelligkeit und Schnellkraft und keine Unterschiede zeigen sich bei Sit-Ups, die als Indikator für die Kraftausdauer herangezogen wurden“ (ebd., S. 105).

Diese Tendenzen zeigen sich nicht nur im Vorschulalter. Eine Untersuchung bezüglich der Fitness 10-jähriger Kinder im 20-Jahres-Vergleich zwischen 1980 und 2000 belegte eine Abnahme der Ausdauerleistungsfähigkeit, Sprung-kraft und Flexibilität um 10-20%, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen (vgl. ebd.).

Hebebrand und Bös bestätigen diese Ergebnisse anhand von 54 ausgewerteten Studien.

„Hebebrand and Bös, in their review of 54 different studies, conclude that children´s motor skills have deteriorated by 10% in the past 25 years. An evaluation of diaries of physical activity shows that the average child in primary school today spends the 24-houd day as follows: lying, nine hours; sitting, nine hours; standing, five hours; exer­cising, only one hour” (Korsten-Reck et al., 2007, S. 2).

Prätorius stimmt den Ergebnissen dieser Daten zu: es „ [...] lässt sich eine Ten-denz zu Veränderungen motorischer Leistungsfähigkeit und zu zunehmenden gesundheitlichen Defiziten schon im Kindesalter nicht leugnen“ (Prätorius, 2008, S. 2). Sie spricht davon, dass circa 30-40% der Kinder Koordinationsstö-rungen aufweisen und 20-40% der Kinder als übergewichtig angesehen werden (vgl. ebd.). Durch eigene Studien kam sie zu den Ergebnissen, dass 38% der untersuchten Kinder und Jugendlichen im Alter von 6-13 Jahren koordinative Auffälligkeiten zeigen und, bedingt durch Bewegungsmangel, 19% als über-gewichtig gelten (vgl. ebd.).

Insgesamt variieren die Angaben über die Prävalenz motorischer Auffälligkei ten bei Kindern und Jugendlichen sehr stark. Die Prävalenz der motorischen Auffälligkeiten bei Schulanfängern beläuft sich auf Angaben zwischen 25­35%, je nach angewandtem Testverfahren (vgl. Starker et al., 2004, S. 775). Ein zusätzliches Problem stellt die Definition dar, nach welchen Kriterien ein Kind überhaupt motorisch auffällig gilt. Somit existiert in der Sportwissen-schaft das Problem, dass abhängig vom Methodenspektrum große Unterschiede in der Prävalenz motorischer Defizite bei Kindern und Jugendlichen vorliegen (vgl.ebd.).

Bös führte eine Untersuchung zur Fitness in der Grundschule durch, welche in sechs Bundesländern stattfand. In dieser wurde die koordinativen Fähigkeiten von Jungen und Mädchen im Alter zwischen 6 und 11 Jahren in folgenden Testitems getestet: aerobe Ausdauer durch den 6-Minuten-Ausdauerlauf, Kraftausdauer durch Liegestütz und Situps, Maximalkraft durch Handkraft-messung, Schnellkraft durch Medizinballstoßen und Standweitsprung, Aktions-schnelligkeit durch einen 20-Meter-Lauf, Koordination unter Zeitdruck durch einen Hindernislauf, Koordination bei Präzisionsaufgaben durch Ball-Beine-Wand-Zielwurf, Zielwerfen an die Wand und einem Einbeinstand sowie Be-weglichkeit durch Stand and Reach. Im Gegensatz zu anderen Ergebnissen können Bös et al. jedoch bei dem Vergleich der Daten mit denen von Bös & Wohlmann aus dem Jahr 1986 und von Beck & Bös aus dem Jahre 1995 keine pauschale Verschlechterung in allen Dimensionen der motorischen Leistungs-fähigkeit feststellen (vgl. Bös et al., 2002, S. 17). Eine Reduzierung der Lei-stungsfähigkeit wurde in den Bereichen der aeroben Ausdauer, der Schnell-kraft, der Aktionsschnelligkeit, der Koordination unter Zeitdruck und der Be-weglichkeit deutlich festgestellt (vgl. ebd.). Kinder erreichen heutzutage viel-fach nicht mal mehr das Sohlenniveau bei dem Stand and Reach-Test. Dahin-gegen zeigte sich keine negative Tendenz bei der Schnellkraft und der Koordi-nation bei Präzisionsaufgaben. Beim Medizinballstoßen hingegen können durchschnittlich bessere Werte als früher beobachtet werden. Auch das Ziel-werfen, welches eine Aussage über die Koordinationsfähigkeit bei Präzisions-aufgaben macht, hat sich vor allem bei Mädchen im Alter von 8-10 Jahren deutlich verbessert. Allgemein ist sowohl die Zahl der Schüler mit auffällig besseren Leistungen als auch die Zahl der Schüler mit sehr schlechten Leistun-gen gestiegen. Somit liegt, was die motorische Leistungsfähigkeit von Kinder betrifft, keine Normalverteilung mehr vor, sodass man eher von einer zweigip feligen Verteilung sprechen kann (vgl. Prätorius, 2008, S. 18). Daraus resultie-rend sind die Ergebnisse im Gegensatz zu früher äußert inhomogen. Die Kluft zwischen den Leistungen wird größer. Bei dieser auftretenden Polarisierung in die Extreme „motorisch sehr leistungsfähig“ und „motorisch extrem schwach“ wird von einem Zusammenhang mit dem Sozialstatus ausgegangen. So sind Sozialschwache auch eher motorisch schwach und umgekehrt (vgl. ebd.).

Die Entwicklung dieser Kluft zwischen den Leistungen der Kinder begründen Graf et al. mit der Abnahme der Bewegungszeit in Freizeit und Alltag. Diese resultiert wiederum in eine Abnahme der motorischen Leistungsfähigkeit (vgl. Graf et al., 2006, S. 220). Obwohl zur Zeit etwa 80% der Kinder in der Bun­desrepublik in Sportvereinen aktiv sind, wobei dies rund 5,5 Millionen Kinder und Jugendliche in der Altersklasse bis zum 15. Lebensjahr beträgt, bestätigen dennoch kleinere Studien die deutliche Reduktion von bewegungsreichen All-tags- und Freizeitaktivitäten in den letzten Jahrzehnten (vgl. ebd., S. 221). Auch Bös zeigt in eigenen Untersuchungen auf, dass sich die mittlere Bewe-gungszeit von Kindern deutlich verändert hat: die Bewegungsumfänge 6-10-jähriger Kinder betrug in den 70er Jahren noch 3-4 Stunden, während sie ak-tuell nur noch circa 1 Stunde pro Tag aktiv sind (vgl. ebd.). Bös zufolge hat dies Konsequenzen für die Motorik. Es lassen sich nahezu in allen motorischen Hauptbeanspruchungsformen Defizite erkennen (vgl Graf et al., 2006, S.221; Bloomfield, 1997; Bös et al., 2004; Graf et al., 2004).

Nicht zuletzt wurden in den letzten Jahrzehnten und Jahren verschiedenste mo-torische Tests in den unterschiedlichsten Ländern durchgeführt, um die motori-sche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu überprüfen. Beson-ders auffällig ist, dass in den letzten zehn Jahren kaum Neuerungen in den Tests zu verzeichnen sind, sodass die wenigen Tests mit repräsentativem Nor-mierungsanspruch 10 bis 20 Jahre alt sind (vgl. Schmidt et al., 2003, S. 90). Die Resultate aller Tests ähneln sich insofern, dass alle eine allgemeine Redu-zierung der motorischen Fähigkeiten postulieren. Bös nutzte diese Studien für eine Metastudie, in welcher er eine generelle Verschlechterung der motori-schen Leistungsfähigkeit bestätigte (vgl. ebd.). Der Leistungsrückgang bei den Ausdauerläufen und bei der Beweglichkeit der Kinder ist Bös zufolge am größten, wobei sich auch beim 20-Meter-Lauf ein deutliches und signifikantes Lei-stungsgefälle zeigt. Im Allgemeinen sind alle Leistungsunterschiede bis auf den 12-Minuten-Lauf als statistisch signifikant zu beurteilen und betragen bis zu 10%. (vgl. ebd., S.106). Für diese allgemeine Erscheinung macht er vor allem den Bewegungsmangel der Kinder verantwortlich (vgl. ebd.).

Neben den Befürwortern dieser Ansichten gibt es jedoch auch Autoren, die gegensätzliche Beobachtungen innerhalb ihrer Studie machten. Zu diesen Hy-pothesen, welche besagen, dass die Kinder motorisch schlechter geworden sind, nehmen beispielsweise Kretschmer und Giewald, sowie Köster und Eng-licht Abstand. Im Gegensatz dazu sind sie der Ansicht, dass sich keine bedeut-samen Leistungsunterschiede im Vergleich mit Normwerten zeigen. Diesen Aussagen schließen sich Kleine et al. an. Letztere stellten in einer Untersu-chung im Saarland 2004 fest, dass eine generelle Verschlechterung motorischer Leistungen im Vergleich zu früheren Untersuchungsergebnissen durch die vor-liegenden Befunde nicht konstatiert werden konnte (vgl. Kleine et al., 2004, S. 220).

Dordel nahm ebenfalls eine Zusammenfassung verschiedener ausgewählter Tests zur Häufigkeit motorischer Auffälligkeiten beim KTK im Vor- und Grundschulalter vor. Das Resultat ergab, dass sich die Ergebnisse im Mittel seit 1974 nicht sehr verschlechtert haben. Somit stimmt auch sie der Hypothe-se, es sei zu dramatischen Veränderungen bei der motorischen Leistungsfähig-keit bei Kindern gekommen, nicht zu (vgl. Dordel, 2000).

Ein generelles Problem aller vergleichenden Studien ist, „ [...] dass die Frage der Grenzwerte und damit der eindeutigen Festlegung, was gute bzw. schlechte Testleistungen sind, bisher nicht befriedigend geklärt ist“ (Schmidt et al., 2003, S. 96). Dementsprechend gibt es zwar unterschiedliche Studien und Untersu-chungen aus Medizin und Sportwissenschaft, welche eine Abnahme des Sport-verhaltens und der körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendli-chen postulieren. Diese Studien sind jedoch missverständlich, da laut Bös et al. repräsentative bundesweite Daten zur exakten Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern bislang noch ausstehen (vgl. Bös et al., 2002, S. 81). Auch Dordel stellt fest, dass die aktuelle Situation insgesamt durch ein „ [...] hohes Maß an Sensibilität für die Veränderungen im Kinder- und Jugend-bereich“ (Prätorius, 2008, S. 17) geprägt ist, wobei die konkrete Datenlage als nicht ausreichend eingeschätzt wird (vgl. Dordel, 2000). Letztendlich besteht eine allgemeine Uneinigkeit über die eigentliche Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit.

Aufgrund dieser Problematik der Uneinigkeit wurde schließlich durch Bös et al., angeleitet durch das Robert-Koch-Institut, die sogenannte KiGGS3-Studie durchgeführt. Diese Studie verfolgt das Anliegen, die aktuelle körperliche Lei-stungsfähigkeit mit repräsentativen Daten für Deutschland zu liefern und die motorische Leistungsfähigkeit anhand der getesteten Dimensionen Koordina-tion, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit nach Alter, Geschlecht und soziode-mographischen Aspekten darzustellen. Aufgrund dieser Erhebung wurde mit den Motorikdaten eine sogenannte Baseline geschaffen, anhand derer man zu-künftig Aussagen über den Stand und die Entwicklung der motorischen Lei-stungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen treffen kann (vgl. Starker et al., 2007, S. 776). Getestet wurden 4529 Kinder und Jugendliche im Alter von 4­17 Jahren. Bös et al. kamen zu dem Ergebnis, dass sich bei älteren Kindern durchgängig bessere Werte für fast alle Testaufgaben zeigten als bei den jünge-ren (vgl. ebd.).

„Die jeweils betrachteten motorischen Fähigkeiten zeigen einen typischen Verlauf über die betrachteten Altersstufen. In Abhängigkeit von der jeweils betrachteten moto-rischen Fähigkeit zeigen sich Unterschiede in der Steilheit des Leistungsanstiegs“ (ebd., S. 282f.).

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die motorische Leistungsfähigkeit trotz einer Zunahme der Mitgliedschaften im organisierten Sport stark gesun-ken ist. Der Vereinssport kann die fehlende Alltagsmotorik nicht ersetzen, so-dass sich die Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher entscheidend ver-ändert hat. Da Grenzwerte und Normen von sportmotorischen Tests, die bun-desweit allgemeingültig sind fehlen und die Daten daher nicht vergleichbar sind, kann man keine Aussagen darüber treffen, welches Ausmaß dieser Lei-stungsverlust annimmt. Trotz unterschiedlicher Ergebnisse wird resümierend eher die sogenannte Defizithypothese unterstützt, sodass von einer Reduzie-rung der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen ausge-gangen wird (vgl. Schmidt et al., 2003, S. 107; vgl. Prätorius, 2008, S. 20).

Da sich die motorische Leistungsfähigkeit aus verschiedenen Komponenten, den konditionellen sowie den koordinativen Fähigkeiten, zusammensetzt, ist es fraglich, ob die Kinder sich in allen Dimensionen der motorischen Fähigkeit verschlechtert haben. Im Folgenden werden zunächst die koordinativen Fähig-keiten von den konditionellen unterschieden, wobei der Fokus innerhalb dieser Arbeit auf den koordinativen Fähigkeiten liegt. Was versteht man jedoch unter der Begrifflichkeit „koordinative Fähigkeit“?

3 Der Koordinationsbegriff und Strukturierungsansätze

3.1 Begriffsbestimmung koordinativer Fähigkeiten

Nachdem nun der Begriff „Fähigkeit“ näher erklärt wurde, wird im Folgenden zunächst der Terminus „Koordination“ definiert, um anschließend die koordi-nativen Fähigkeiten zu bestimmen. Koordination wird im Allgemeinen als Zu-sammenordnung von grundlegenden Elementen oder Komponenten dargestellt (vgl. Ludwig et al., 2002, S. 39). Der Begriff der Koordination kann je nach wissenschaftlichem Standpunkt verschieden betrachtet und definiert werden. Im sportwissenschaftlichen Bereich beschreiben beispielsweise Schnabel et al. den Koordinationsbegriff wie folgt:

„Bewegungskoordination ist die Sicherung einer zweckmäßigen Bewegungsstruk-tur durch Abstimmung aller Bewegungsparameter, die im Prozeß der Wechselwir-kung des neuromuskulären Systems mit der jeweiligen Umweltsituation vollzogen wird“ (Schnabel et al., 1977, S. 19).

Rüssel versteht unter Koordination die Anpassung von Bewegungen an den beabsichtigten Bewegungserfolg, während Bernstein eher den Ökonomieaspekt von gut koordinierten Bewegungen betont, wenn er von der Abstimmung aller inneren und äußeren Kräfte spricht (vgl. Bös, 2003). Gaschler et al. beschrei-ben die Bewegungskoordination als Grundvorgang menschlicher Bewegung und Haltung und benennen sie als qualitative Komponente der Motorik (vgl. Gaschler et al., 2004, S. 29). Folglich herrschen bereits bei der Bestimmung des Begriffes „Koordination“ Unstimmigkeiten auch innerhalb der Wissen-schaften.

Um eine Basis zu schaffen, können koordinative Fähigkeiten zunächst als eine Klasse der motorischen Fähigkeiten und als Elemente der körperlichen Lei-stungsfähigkeit beschrieben werden (vgl. Ludwig et al., 2002, S.39). Einem Vorschlag von Grundlach folgend erweist es sich als sinnvoll, die motorischen Fähigkeiten des Weiteren in konditionelle und koordinative Fähigkeiten zu gliedern.

„Die konditionellen Fähigkeiten sind überwiegend durch energetische Prozes-se, die koordinativen durch die Prozesse der Bewegungssteuerung und - regelung, das heißt durch informationelle Prozesse bestimmt“ (ebd., S. 25).

Nach dieser Einteilung zählen Kraft-, Ausdauer und Schnelligkeitsfähigkeiten zu den konditionellen Fähigkeiten, während man lange Zeit im Sport den koor-dinativen Fähigkeiten nur den Begriff der „Gewandtheit“ zuordnete (vgl. ebd.). Der universelle Begriff der Gewandtheit wurde jedoch „ [...] der außerordentli-chen Vielgestaltigkeit und Differenziertheit motorischer Handlungen [...]“ (ebd.) nicht gerecht. Es kam somit zu großer Unsicherheit bezüglich der Ter-minologie und Strukturierung koordinativer Fähigkeiten.

Folglich stellte es sich als sehr schwierig heraus, den Koordinationsbegriff zu bestimmen. Insgesamt existieren verschiedenste Ansätze. Dennoch stimmen diese in einigen Aspekten überein. Zu diesen gehört beispielsweise die Ansicht, dass den koordinativen Fähigkeiten eine große Bedeutung zukommt, da sie die Grundlage zur Aneignung neuer Bewegungen sowie zur Vervollkommnung der Motorik von Menschen bildet. Damit stellt die Optimierung dieser eine über-dauernde Aufgabe und Zielgröße in den verschiedenen Anwendungsfeldern wie Freizeitsport, Schulsport oder auch Gesundheitssport dar. Ebenfalls einig sind sich alle Autoren darin, dass koordinative Fähigkeiten Elemente der kör-perlichen Leistungsfähigkeit bilden (vgl. Hirtz, 1985, S. 12). Auch das Faktum, dass koordinative Fähigkeiten durch Steuerungs- und Regelungsprozesse ge-prägt werden, wird von keinem der Autoren verneint. Diese verlaufen bei allen Menschen zwar nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten, jedoch bei jedem Indi-viduum mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, Exaktheit, Differenziertheit und Flexibilität (vgl. Ludwig et al., 2002, S. 26). So kennzeichnen koordinati-ve Fähigkeiten individuelle Differenzen im Niveau der Systeme der Bewe-gungssteuerung und -regelung (vgl. Roth, 1999 et al. , S. 242).

Über die Forderung nach einer weiteren Strukturierung der koordinativen Fä-higkeiten besteht ebenfalls ein Konsens innerhalb der Sportwissenschaft. Die Art und Weise dieser Strukturierung löst aber wiederum Uneinigkeit aus. Die große Varianz sowie die unterschiedlichen Standpunkte resultieren aus der unterschiedlichen Zielstellung entsprechender Untersuchungen und aus der unterschiedlichen Sicht verschiedener Wissenschaftsdisziplinen.

Geschichtlich gesehen entstand trotz frühzeitiger Forderung nach Differenzie-rung erst in den 60er Jahren eine differenzierte Betrachtungsweise (vgl. Präto-rius, 2008, S. 33). In den 70er Jahren wurde der Begriff „Gewandtheit“ , wel­cher die 60er Jahre prägte, schließlich durch den Terminus „koordinative Fä-higkeiten“ ersetzt, da dieser mehr „ [der] Vielgestaltung der Bewegungshand-lungen im Sport und in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens [...]“ (Hirtz, 1985, S. 6) entsprach.

Erst 1973 wurden erste Definitionen von Hirtz und Schnabel veröffentlicht, wobei sie davon ausgingen, dass „ [...] koordinative Fähigkeiten primär durch Prozesse der Steuerung und Regelung der Bewegungstätigkeit bedingt sind und spezifische Leistungsvoraussetzungen im Sinne von verfestigten Verlaufsquali-täten der Steuerung und Regelung darstellen“ (Prätorius, 2008, S. 33). Gegen Ende der siebziger Jahre kam es dann in fast allen Sportarten neben den kondi-tionellen Fähigkeiten als motorische Fähigkeiten zu einer allgemeinen Aner-kennung der koordinativen Fähigkeiten als wichtige, leistungsbestimmende Komponenten (vgl. Ludwig et al., 2002, S. 21). Sie wurden als diejenigen Kompetenzen angesehen, welche nötig sind, um Bewegungen präzise und ziel-gerichtet realisieren zu können.

Nach dieser Entwicklung wurden die koordinativen Fähigkeiten generell als komplex wirkende Leistungsvoraussetzungen anerkannt. Dies beinhaltet, dass niemals eine koordinative Fähigkeit die Voraussetzung für eine bestimmte Lei-stung bildet, wie bei der Gewandtheitstheorie zunächst angenommen, sondern dass das Beziehungsgefüge immer aus mehreren koordinativen Fähigkeiten besteht, welche in enger Beziehung miteinander stehen (vgl. Hirtz, 1985, S. 11).

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Bestimmung von koordinativen Fähig-keiten stellt die Verbindung dieser mit den Sinnesorganen, dem zentralen und peripheren Nervensystem sowie mit der Muskulatur, welche Prozessen der Rückkopplung unterworfen sind, dar (vgl. Prätorius, 2008, S. 36). Durch das Zusammenwirken von Sinnesorganen, zentralem und peripherem Nervensy-stem sowie der Skelettmuskulatur wird diese Verbindung ermöglicht (vgl. Baur et al., 1994, S. 192).

„Eine gute Koordination ist vor allem an ein intaktes zentrales und peripheres Nerven-system gebunden, an die ungestörte Funktion der Sinnesorgane und des Stütz- und Bewegungsapparates, insbesondere an eine leistungsfähige Skelletmuskulatur“ (Dor-del, 2003b, S. 19).

Des Weiteren geht Dordel davon aus, dass eine gute Koordination ebenfalls vom Lebensalter, der entsprechenden Gehirnreife, der individuellen Bewe-gungserfahrung und darüber hinaus von der Motivation für die Bewegung in einer bestimmten Situation sowie von der momentanen Befindlichkeit abhängt (vgl. ebd.).

Auch Kiphard betont in diesem Zusammenhang vor allem den Aspekt der Be-wegungsqualität. So definiert er die Bewegungskoordination wie folgt:

„Unter einer (altersgemäßen) Bewegungskoordination verstehen wir das harmonische und möglichst ökonomische Zusammenwirken von Muskeln, Nerven und Sinnen zu zielgenauen, gleichgewichtssicheren Bewegungskoordination (Willkürmotorik) und schnellen, situationsangepaßten Reaktionen (Reflexmotorik)“ (Kiphard, 1977, S. 11).

In einem nächsten Schritt müssen die koordinativen Fähigkeiten von den moto-rischen Fertigkeiten unterschieden werden. Zwar stehen diese, wie bereits in 1.1 beschrieben, in einem engen Zusammenhang, da sie beide koordinativ be-dingte Leistungsvoraussetzungen darstellen. Des Weiteren sind beide Kompo-nenten an dem Erlernen und regulativen Ablauf der Bewegung beteiligt und entwickeln und verfestigen sich in der Tätigkeit selbst (vgl. Ludwig et al., 2002, S. 27). Der entscheidende Unterschied der Bewegungsfertigkeiten von den koordinativen Fähigkeiten lässt sich jedoch im Grad ihrer Allgemeinheit finden. Der Begriff Fertigkeiten umfasst verfestigte, weitestgehend automati-sierte, konkrete Bewegungshandlungen, während sich koordinative Fähigkei ten auf verfestigte, aber verallgemeinerte, also für verschiedene Bewegungs-handlungen grundlegende Leistungsvoraussetzungen bezieht. Demnach wird in einem weiteren Definitionsversuch unter koordinativen Fähigkeiten „ [...] ge-neralisierte, von den konkreten Programmen losgelöste und damit auf weitere Bewegungen übertragbare Regulationspotenzen [...]“ (ebd.) verstanden, welche die bewegungsregulative Qualität des Vollzugs mehrerer Bewegungen oder Bewegungsklassen determinieren. Demzufolge bilden die koordinativen Fä-higkeiten bei jeder Bewegung die Basis, sodass deren Entwicklungsstand auch den Erwerb von Bewegungsfertigkeiten beeinflusst.

„Die koordinativen Fähigkeiten stehen in Wechselbeziehung zu den motori-schen (sporttechnischen) Fertigkeiten und werden in der sportlichen Leistung nur in Einheit mit den konditionellen Fähigkeiten und fähigkeitsadäquaten Ant-riebspotenzen wirksam" (Hirtz, 1997, S. 114).

Zusammenfassend muss den koordinativen Fähigkeiten ein leistungsbestim-mender Charakter zugesprochen werden. Die konditionellen und die koordina-tiven Fähigkeiten werden nur gemeinsam in affektiven und kognitiven Poten-zen innerhalb einer sportlichen Leistung als Einheit mit Bewegungsfertigkeiten wirksam (vgl. Hirtz, 1985, S. 17). Dementsprechend benötigt man koordinative Fähigkeiten, um bestimmte motorische Anforderungen und sportliche Tätigkei-ten ausführen zu können, die vorrangig koordinativen Charakter haben.

„Sie stellen auf vorwiegend neurophysiologischen Funktionsmechanismen be-ruhende, im Verlaufe der verschiedenen Arten gegenständlich-praktischer (be-sonders auch sportlicher) Tätigkeit individuell angeeignete, relativ komplexe Leistungsvoraussetzungen für die Bewältigung besonders koordinativer Anfor-derung verschiedener Tätigkeitsarten in verschiedenen Lebensbereichen dar“ (Hirtz, 1985, S. 17).

Schlussendlich zeichnet sich eine gut koordinierte und harmonische Bewegung durch eine hohe Ökonomie aus, „ [...] indem nur die notwendige Muskulatur eingesetzt wird in angemessener Bewegungsstärke, entsprechendem Bewe-gungstempo und – umfang“ (Dordel, 2003b, S. 19). Beobachtbare, fließende und elastische Bewegungen weisen eine hohe Bewegungskonstanz sowie eine große Präzision der Bewegung auf, sodass Rückschlüsse auf die koordinativen Fähigkeiten gezogen werden können (vgl. Meinel et al., 1998). Im Allgemei-nen beruhen koordinative Fähigkeiten nicht nur auf entsprechenden Anlagen, sondern sind in beträchtlichen Ausmaßen auch trainierbar (vgl. Roth, 1994, S. 192).

3.2 Modelle der Bewegungskoordination und Strukturierungsansätze der Koordination

Ähnlich wie die allmähliche Entwicklung des Begriffs der Koordination, hat in den letzten 50 Jahren auch eine Entwicklung bei den Modellen zur Erklärung der Bewegungskoordination und den Vorgängen, auf denen Bewegungskoordi-nation basiert, stattgefunden (vgl. Prätorius, 2008, S. 36f).

Während einige Modelle in die Praxis umzusetzen und gesichert sind, so wei-sen andere deutliche Schwächen auf. Gegenwärtig kann noch immer nicht von einem einheitlichen, allgemeingültigen und wissenschaftlich abgesicherten Strukturkonzept der koordinativen Fähigkeiten gesprochen werden. Besonders schwierig erweist sich die Tatsache, dass koordinative Fähigkeiten einen Kons-truktcharakter aufweisen und damit nicht vollständig fassbar gemacht werden können (vgl. Ludwig et al., 2002, S. 28). Grundsätzlich lassen sich die Versu-che, koordinative Fähigkeiten zu strukturieren wie folgt beschreiben:

„Der Bereich der Motorikforschung entwickelte sich zunächst aus der Differenziellen Psychologie. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten Behavioristische Theorien die Grundlage psychologischer Lerntheorien“ (Prätorius, 2008, S. 37).

Auf der Grundlage von lerntheoretischen Modellen und der Gestalttheorie, welche Bezugssysteme zur Untersuchung des menschlichen Verhaltens darstel-len, sind ab etwa 1960 neuere Modelle und Theorien entwickelt worden, die sich spezifischer mit dem Bereich der Motorik befassen (vgl. Prätorius, 2008, S. 37).

Die verschiedenen Modelle und Ansätze gehen meist auf theoretische Überle-gungen hinsichtlich des Erwerbs von motorischen Fertigkeiten ein. So kann man deskriptive Modelle, welche durch die Hervorhebung allgemeiner Charak-teristika gekonnter Fertigkeiten charakterisiert sind von Informationsverarbei-tungsmodellen unterscheiden, welche ihr Augenmerk auf die Wahrnehmungs-und Entscheidungsprozesse neben Prozesse der Informationsspeicherung und - verarbeitung richten. Zwei weitere Ansätze stellen die kybernetisch orientierten Modelle dar, welche individuelle Steuerungs- und Regelungsmechanismen fokussieren sowie Modelle adaptiver oder hierarchischer Kontrolle. Der letzte Ansatz zeichnet sich durch die Betonung der Programme höherer und niedriger Ordnung zur Organisation und Verhaltenssteuerung aus (vgl. Prätorius, 2008; vgl. Singer, 1985).

Auf die „alte“ Terminologie sowie die genannten älteren Modelle wird auch in neueren theoretischen Ansätzen zur Strukturierung der koordinativen Fähigkei-ten eingegangen, indem neuere Ansätze darauf aufgebaut oder zumindest mit eingebunden werden. Prätorius benennt innerhalb ihrer Dissertation verschie-dene aktuelle Betrachtungsweisen. Zu diesen zählen neben dem fähigkeits-orientierten Ansatz die Biomechanik sowie ganzheitliche und funktionale Kon-zeptionen. Die drei zuletzt genannten Ansätze versuchen, eher allgemeine Ge-setzmäßigkeiten zu identifizieren, die auf ein durchschnittliches Individuum zutreffen, während bei der fähigkeitsorientierten Betrachtungsweise die Ab-weichung von übergreifenden Prinzipien betrachtet wird (vgl. Prätorius, 2008, S. 42).

Roth und Winter hingegen unterscheiden auf höherer Abstraktionsebene zwi-schen den prozessorientierten und den fähigkeitsorientierten Ansätzen (vgl. Roth et al., 1994). Erstere haben die Funktion, die Kontrolle gekonnter Bewe-gungshandlungen zu erklären und umfassen „ [...] auf niederer Strukturierungs-ebene Perspektiven der Neurophysiologie, der Informationsverarbeitung, Handlungstheorien und dynamische Systemtheorien“ (Prätorius, 2008, S. 42). Fähigkeitsorientierte Ansätze hingegen erklären sichtbare Bewegungsleistun-gen über theoretische Konstrukte, den „Fähigkeiten“ (vgl. Roth et al., 1994; vgl. Prätorius, 2008).

Der fähigkeitsorientierte Ansatz soll im Folgenden näher betrachtet werden. Dieser Ansatz wurde von verschiedenen Autoren kritisiert. So bezweifeln Neumaier und Mechling beispielsweise die Existenz genereller koordinativer „Überfähigkeiten“ und sind der Meinung, dass sich nur schwache korrelative Beziehungen zwischen den spezifischen Erscheinungsformen koordinativer Fähigkeiten in empirischen Untersuchungen finden (vgl. Prätorius, 2008, S. 51). Sie sehen den fähigkeitsorientierten Ansatz mit seinen allgemeinen und speziellen Ausprägungsgraden koordinativer Fähigkeiten demnach als proble matisch an. Zusätzlich wird generell die umfassende Anwendbarkeit, vor allem auf den Leistungssport bezogen, kritisiert. Auch der hohe Komplexitätsgrad der koordinativen Fähigkeiten, welcher kaum eine weitere Differenzierung zulässt, wird als negativ angesehen.

„Ein derartiges Verschmelzen von mehreren Prozessen in den Fähigkeiten impliziert eine starke Wechselbeziehung. Die Identifikation spezifischer Einflussgrößen wird damit außerordentlich“ (Prätorius, 2008, S. 49).

Grundsätzlich zeigen alle Konzepte, sowohl die fähigkeitsorientierten Modelle als auch die von Neumaier und Mechling, Stärken und Schwächen auf. Sowohl Hirtz selbst als auch die Kritiker sind jedoch davon überzeugt, dass die Kon-zepte zu „koordinativen Fähigkeiten“ im „ [...] Wesentlichen für die Koordina-tionsschulung im Grundlagenbereich, das heißt für ein relativ niedriges Lei-stungsniveau, umgesetzt wurden und dort auch brauchbar sind“ (Prätorius, 2008, S. 53). Demnach erweist sich die Tauglichkeit dieser Konzepte für hohe Leistungsniveaus als schlecht, wobei doch wesentliche Aspekte des komplexen und vielschichtigen Gegenstandbereiches erfasst werden (vgl. Neumaier et al., 1994). Damit hat dieser Ansatz auf niedrigerem Niveau eindeutig seine Be-rechtigung. Da es sich bei der nachfolgenden Untersuchung um einen Test in der Grundschule handelt, in welcher die Schüler auf niedrigerem Leistungsni-veau anzusiedeln sind, wird der fähigkeitsorientierte Ansatz als geeignet ange-sehen. Die Vorteile dieses Ansatzes stellen die potentielle Einfachheit, die rela­tive Überschaubarkeit und die Allgemeingültigkeit dar. Prätorius betont, dass das Fähigkeitskonzept „ [...] als einziges konkrete Möglichkeiten birgt, in die Praxis der Diagnose im Grundlagenbereich der Bewegung herunter gebrochen werden zu können“ (Prätorius, 2008, S. 53f).

Im Rahmen des fähigkeitsorientierten Ansatzes werden so genannte „latente Konstrukte“, also bestimmte Personenmerkmale bestimmt, sodass inter- und intraindividuelle Unterschiede fassbar gemacht werden können. Fähigkeiten stellen bei diesem Ansatz also Hilfskonstrukte dar und sind damit von generel-ler, bewegungsübergreifender Bedeutung. Koordinative Fähigkeiten haben die Eigenschaft gruppenunspezifisch zu sein, sodass sie auf alle Personengruppen anwendbar sind, einen hohen Allgemeinheitsgrad sowie einen Generalitätsans-pruch besitzen (vgl. ebd., S. 43). Das Ziel dieses Ansatzes stellt die „ [...] Ableitung jener Konstrukte, die motorische Fähigkeiten konkret voneinander ab-grenzen und die sich für differenzielle Beschreibungen und Erklärungen eig-nen“ (ebd.) dar.

Auf Grundlage dieses fähigkeitsorientierten Ansatzes entwickelten sich mehre-re Strukturierungsansätze koordinativer Fähigkeiten. Allgemein wurde ersich-tlich, dass eine Differenzierung und weitere Unterteilung des Begriffs Koordi-nation von Relevanz war. Die verschiedenen Versuche der Einteilung bezie-hungsweise Differenzierung differieren vor allem in ihrem Allgemeinheitsgrad. Während einige Autoren nur wenige koordinative Fähigkeiten unterscheiden, befassen sich andere Ansätze mit einer größeren Anzahl elementarer Fähigkei-ten. Ein weiterer Unterschied innerhalb der Ansätze besteht darin, dass einige Autoren konkrete koordinative Fähigkeiten herausarbeiten, während andere nicht diese Strukturierung auf höherer Ebene vornehmen, sondern von einem hierarchischen System der koordinativen Fähigkeiten ausgehen (vgl. ebd., S. 47).

So geht Schnabel von drei allgemeinen Grundtätigkeiten aus: der motorischen Lernfähigkeit, der motorischen Steuerungsfähigkeit sowie der motorischen Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit. Bei dieser Einordnung wird die moto-rische Lernfähigkeit Schnabel zufolge als höchste koordinative Qualifikation angesehen. Die motorische Steuerungsfähigkeit beschreibt die Fähigkeit, Be-wegungen auch bei hohen Koordinationsschwierigkeiten so genau zu steuern, regulieren und zu korrigieren, dass die motorische Aufgabe realisiert werden kann (vgl. Schnabel, 1973). Die Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit hinge-gen ermöglicht ein zweckmäßiges Umstellen der motorischen Aufgabe bei ungewohnten sowie schnell wechselnden Bedingungen. Die Funktion der mo-torischen Lernfähigkeit ist das schnelle und sichere Erlernen von Bewegungs-formen und -techniken (vgl. Prätorius, 2008, S. 44). Bei den speziellen koordi-nativen Fähigkeiten nimmt Schnabel eine Einteilung in Geschicklichkeit als feinmotorische Steuerungsfähigkeit, die Gleichgewichtsfähigkeit, die Kombi-nationsfähigkeit sowie die Rhythmusfähigkeit vor.

Blume hingegen betont bei seiner Differenzierung der koordinativen Leistungs-fähigkeit den Leistungsaspekt. Als Grundlage stellte sich Blume die Frage, welche koordinativen Fähigkeiten für hohe Leistungen in den verschiedenen Sportarten notwendig sind (vgl. ebd., S.45).

„Durch Vergleich der abgeleiteten koordinativen Fähigkeiten und Zusammenfügung annähernd gleicher Begriffsinhalte im Sinne der Gerichtetheit der Fähigkeiten konnten sieben koordinative Fähigkeiten herausgearbeitet werden“ (Blume, 1978, S. 34).

Zu diesen koordinativen Fähigkeiten gehören nach Blume die Orientierungsfä-higkeit, die Kopplungsfähigkeit, die Differenzierungsfähigkeit, die Gleichge-wichtsfähigkeit, die Rhythmisierungsfähigkeit, die Reaktionsfähigkeit sowie die Umstellungsfähigkeit (vgl. Prätorius, 2008, S 46). Blume zufolge besitzt jede dieser Fähigkeiten sowohl einen allgemeinen als auch spezielle sportart-spezifische Aspekte (vgl. Blume, 1978).

Zunächst vertrat Hirtz als Vertreter einer eher additiven Systematik koordinati-ver Fähigkeiten die Ansicht, dass die Gewandtheit die Voraussetzung dafür darstellt, komplizierte Bewegungskoordinationen in kurzer Zeit zu erwerben und schnell und zweckmäßig auf verschiedene Situationen zu transferieren. Diese Gewandtheit besteht laut Hirtz aus acht Merkmalen, welche sich aus Reaktionsvermögen, Anpassungsvermögen, Steuerungsvermögen, Orientie-rungsvermögen, Gleichgewichtsvermögen, Kombinationsvermögen, Wendig-keit sowie Geschicklichkeit zusammensetzen. Später ordnet Hirtz diesen Grundfähigkeiten, die von Schnabel vorgeschlagen wurden, wiederum fünf koordinative Fähigkeiten zu4 (vgl. Hirtz, 1985, S. 31ff). Die Differenzierung der Fähigkeiten ist in erster Linie auf den Schulsport bezogen, sodass er sich auf die Vervollkommnung nur weniger, aber grundlegender koordinativer Fä-higkeiten konzentriert (vgl. Prätorius, 2008, S 46).

Zahlreiche Konzepte nehmen neben der Herausarbeitung konkreter Fähigkeiten auch eine Strukturierung auf höheren Ebenen vor (vgl. Prätorius, 2008, S. 47). Roth ist beispielsweise für die Entwicklung eines hierarchischen Systems der koordinativen Fähigkeiten verantwortlich. Dieser macht von dem kombinier-ten deduktiv-induktiven Weg Gebrauch, um anschließend zu einem hierarchi-schen System zu kommen. Roth nimmt bei der Strukturierung der koordinati-ven Fähigkeiten nur noch eine zweiteilige Einteilung vor: in die Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck mit Geschwindigkeitsbezug, sowie die Fähigkeit zur präzisen Kontrolle von Bewegungen mit Genauigkeitsbezug (vgl. Roth, 1982). Neben dieser Zweiteilung wird bei Roth ebenfalls der Situationsfaktor mit einbezogen, sodass dieser insgesamt von vier koordinativen Grundfähig-keiten ausgeht: Der Fähigkeit zur schnellen motorischen Steuerung, der Fähig-keit zur schnellen motorischen Anpassung und Umstellung, der Fähigkeit zur präzisen motorischen Steuerung sowie der Fähigkeit zur präzisen motorischen Anpassung und Umstellung. Auf weiteren Ebenen, die hierarchisch tiefer lie-gen, nennt Roth zusätzliche elementare Fähigkeiten, auf die jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden (vgl. Roth, 1982; Prätorius, 2008, S. 47).

Zimmer differenziert ebenfalls auf oberer hierarchischer Ebene zwei komplexe koordinative Fähigkeiten: die Fähigkeit zur Stabilisierung der Bewegungs-koordination bei Ablaufkonstanz sowie die Fähigkeit zur Stabilisierung der Bewegungskoordination bei Ablaufvariation. Eine Ebene niedriger benennt er noch die koordinativen Fähigkeiten die Kopplungs-, Rhythmisierungs-, Orien-tierungs-, Reaktions-, Gleichgewichts-, Umstellungs- und Differenzierungsfä-higkeit, welche den komplexen Fähigkeiten zugrunde liegen (vgl. Prätorius, 2008, S. 47).

Neben den vorgestellten Strukturierungsversuchen gibt es zahlreiche andere Modelle in der Literatur, welche verschiedene Klassifizierungen aufzeigen. So wird zwischen grundlegenden und speziellen, komplexen und sportartspezifi-schen sowie beobachtbaren und nicht-beobachtbaren Fähigkeiten unterschie-den.

Zusammenfassend kann man koordinative Fähigkeiten als hypothetische Kons-trukte darstellen, welche weder beobachtbar noch messbar sind, sodass im All-gemeinen unterschiedliche Ansätze zur Differenzierung und Strukturierung dieser Fähigkeiten existieren. Inzwischen gibt es zahlreiche Strukturierungs-vorschläge zu koordinativen Fähigkeiten, welche nach verschiedenen Ord-nungskriterien differenziert werden. Zu diesen Kriterien zählen der Allgemein-heitsgrad (allgemeine und spezielle koordinative Fähigkeiten), die Komplexität (einfache und komplexe koordinative Fähigkeiten), Art und Umfang beteiligter Muskelgruppen (feinmotorische und großmotorische Handlungen), Beteiligung dominanter sensorischer Prozesse (kinästhetische Differenzierungsfähigkeit und optisch-räumliche Orientierungsfähigkeit), Anteil energetischer Funkti-onspotenzen (Ausdauerkoordinationsfähigkeit und Koordinationsausdauer), Zeitfaktor und Variabilitätsgrad (Fähigkeiten zur schnellen und präzisen moto-rischen Steuerung und Fähigkeiten zur schnellen und präzisen Anpassung und Umstellung, bzw. Fähigkeiten zur Koordination unter Zeitdruck und Fähigkei-ten zur genauen Kontrolle von Bewegungen) sowie faktoranalytische Begrün-dungen (vgl. Neumaier, 1999, S. 103). Auch eine Einteilung in deduktives oder induktives Vorgehen unterscheiden verschiedene Ansätze. „Beim deduktiven Vorgehen werden die Fähigkeiten aus sozialwissenschaftlichen Theorien des motorischen Verhaltens bzw. aus den vorliegenden Erkenntnissen über die neu-ro-physiologischen Strukturen und Prozesse abgeleitet“ (ebd., S. 104). Bei ei-nem induktiven Vorgehen wird hingegen auf der Grundlage des beobachtbaren und damit auch messbaren motorischen Verhaltens auf inhaltlich-logischem Wege oder aber unter Zuhilfenahme statistischer Analysen auf „ [...] eine da-hinter liegende allgemeine Fähigkeitsstruktur geschlossen“ (ebd., S. 103). Da­her leiten verschiedene Autoren aus zum Teil unterschiedlichen Positionen eine recht große Anzahl differierender koordinativer Leistungsvoraussetzungen ab. Während bestimmte Fähigkeiten von den meisten Autoren genannt werden, so finden andere Fähigkeiten wiederum keine Übereinstimmung.

Schließlich hat sich der fähigkeitsorientierte Ansatz als ein möglicher Zugang zur dimensionsanalytischen Betrachtung aus einer langen Tradition in der Sportwissenschaft heraus entwickelt und damit auch theoretische und prakti-sche Überlegungen beeinflusst (vgl. Schmidt et al., 2003, S. 86). Er wird inner-halb dieser Wissenschaft als aussagekräftiges Instrument zur Beschreibung einzelner Dimensionen der motorischen Leistungsfähigkeit betrachtet.

3.3 Fünf verschiedene koordinative Fähigkeiten nach Hirtz

Dass es eine Vielfalt unterschiedlicher koordinativer Fähigkeiten gibt, steht infolgedessen außer Frage. Ihre Komplexität hatte zahlreiche grundlegend un-terschiedliche Konzepte der theoretischen Strukturierung zur Folge. Hirtz for dert eine Konzentration auf wesentliche koordinative Fähigkeiten, welche wichtige Komponenten bei der körperlichen Grundausbildung darstellen.

„Für einen Test der koordinativen Fähigkeiten, der nicht auf eine Beurteilung spezifi-scher Fähigkeiten zielt, sondern die allgemeine, grundlegende und nicht nur sport-, sondern auch alltagsbezogene koordinative Befähigung fokussiert, ist eine Beschrän-kung auf grundlegende und wesentliche Fähigkeiten unerlässlich“ (Prätorius, 2008, S. 93f).

Auch die Praktikabilität spricht für eine Einschränkung auf fundamentale As-pekte. Allgemein haben die Ordnungsrahmen von Schnabel und Hirtz bezüg-lich der koordinativen Fähigkeiten eine weite Verbreitung gefunden. Schnabel nimmt zunächst eine Einteilung in drei allgemeine koordinative Grundfähigkei-ten vor (vgl. Gaschler et al., 2003, S. 30). Die motorische Lernfähigkeit ist die Fähigkeit der schnellen und effektiven Aneignung und Stabilisierung neuer Bewegungsfertigkeiten (vgl. Hirtz, 1985, S. 151), während man unter der mo-torischen Steuerungsfähigkeit die Fähigkeit der genauen, exakten und konstan-ten Ausführung von Bewegungshandlungen versteht (vgl. ebd., S. 152). Die zuletzt genannte Grundfähigkeit stellt Schnabel zufolge die motorische Anpas-sungs- und Umstellungsfähigkeit dar, bei welcher es sich um die Fähigkeit der zweckmäßigen Programmierung, der anpassenden Korrektur oder auch der Umstellung der Bewegungshandlungen in sich ständig ändernden und unvor-hergesehenen Situationen handelt (vgl. ebd., S. 149).Schnabel sieht in seinem Konzept eine Möglichkeit zur Erfassung der Fähigkeiten durch Messungen. Jedoch betont er, dass vor solch einer Messung weitere Überlegungen bezie-hungsweise untersuchungsmethodologische Vorarbeiten zu leisten sind (vgl. Schnabel, 1977).

Diese Grundfähigkeiten stellten später die Basis für das Konzept von Hirtz dar. Er leitete, bezogen auf den Schulsport, fünf fundamentale koordinative Fähig-keiten ab, die eng miteinander in Beziehung stehen (vgl. Hirtz, 1985, S. 33ff). Hierzu nahm er eine didaktische Reduktion seiner vorläufig größeren Anzahl koordinativer Fähigkeiten vor, da er sich innerhalb des Schulsports auf die Vervollkommnung nur weniger grundlegender koordinativer Fähigkeiten be-schränkte. Zu diesen gehören: die kinästhetische Differenzierungsfähigkeit, die räumliche Orientierungsfähigkeit, die Gleichgewichtsfähigkeit, die Reaktions-fähigkeit sowie die Rhythmusfähigkeit (vgl. Gaschler et al., 2003, S. 30).

Die Beschränkung auf genau diese Fähigkeiten ist durch eine Analyse der ge-sellschaftlichen Anforderung an die Bewegungstätigkeiten sowie einer an-schließenden Betrachtung der leistungsbestimmenden koordinativen Aspekte der Lehrplansportarten zu begründen (vgl. Prätorius, 2008, S. 46). Ebenfalls berücksichtigte Hirtz bei der Erstellung seines Konzeptes psychische und neu-rologische Funktionsgrundlagen.

Zur Fundamentalitätsbestimmung untersuchte Hirtz zunächst 2000 Kinder in konkreten Studien, sodass er anschließend anhand von 20 erfassten koordinati-ven Merkmalen „mit Hilfe der Faktorenanalyse Aussagen zur Infrastruktur koordinativer Fähigkeiten [...]“ (Prätorius, 2008, S. 46f) machen konnte. Folg-lich war er in der Lage, anhand dieser Analyse und unter Berücksichtigung der genannten Forderungen und Aspekte, genau diese fünf fundamentalen koordi-nativen Fähigkeiten für den Schulsport zu sondieren.

Diese Fundamentalitätsbestimmung, welche für den Schulsport vorgenommen wurde, war auch in der Folgezeit für viele andere Bereiche der Bewegungs-erziehung und des Sports von großer Bedeutung und wurde zum Teil sogar exakt übernommen.

„Mitunter wurde gar unterstellt, als gäbe es keine anderen koordinativen Fä-higkeiten, was natürlich nicht der Realität entspricht. So vielgestaltig, wie die gegenständlich- praktische und auch sportliche Tätigkeit des Menschen ist, so vielgestaltig sind auch seine Fähigkeiten“ (Ludwig et al., 2002, S. 24).

Diese induktiv gewonnenen koordinativen Fähigkeiten von Hirtz gelten als gleichrangig, sind jedoch teilweise eng miteinander verflochten. Jede sportliche Tätigkeit wird von mehreren, untereinander in besonderer Weise strukturell verbundenen koordinativen Fähigkeiten beeinflusst (vgl. ebd., S. 32). De-mentsprechend können nach Hirtz diese Fähigkeiten niemals separat getestet werden, sind aber bei verschiedenen Aufgabenstellungen unterschiedlich do­minant. Zwar sind Hirtz zufolge noch weitere koordinative Fähigkeiten exi­stent, wie beispielsweise die Kopplungsfähigkeit, Kombinationsfähigkeit und motorische Ausdrucksfähigkeit, wobei deren Fundamentalität noch nicht hin-reichend wissenschaftlich geprüft worden ist (vgl. Neumaier, 1999, S. 104).

Zusammenfassend stellen die von Hirtz genannten Fähigkeiten Leistungsvor-aussetzungen für begrenztere, klarer bestimmbare Klassen von Bewegungs handlungen dar und sind durch besonders hohe koordinative Anforderungen in bestimmten Tätigkeitsbereichen bedeutsam und erforderlich. Zudem sind sie gut erfassbar, relativ abgrenzbar sowie schulbar (vgl. Hirtz, 1985, S. 30). In-nerhalb des Schulsports sollten diese Fähigkeiten dementsprechend gemessen und geschult werden, da sie sich als äußerst praktikabel und überschaubar er-weisen. Hirtz zufolge ermöglicht eine umfassende Vervollkommnung und Ausprägung dieser Fähigkeiten mit großer Sicherheit und Erfolgswahrschein-lichkeit „ [...] die für die allgemeine Lern-, Leistungs- und Lebensbefähigung sowie für gute sportliche Leistungen erforderliche hohe koordinativ-motorische Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen“ (Hirtz, 1985, S. 35). Im Fol-genden werden die fünf koordinativen Fähigkeiten nach Hirtz näher erläutert.

3.3.1 Differenzierungsfähigkeit

Die Differenzierungsfähigkeit ist eine der fünf fundamentalen Fähigkeiten nach Hirtz und hat eine große Bedeutung für viele Tätigkeitsbereiche des Alltags, sowie für zahlreiche Sportarten (vgl. Hirtz, 1985, S, 33; Gaschler et al., 2003, S. 34). Besonders zu betonen ist die Bedeutung dieser Fähigkeit für die Bewe-gungssteuerung insgesamt und für das motorische Lernen.

„Ihre Praxisbedeutung ergibt sich auch aus der Rolle feindifferenzierter Kraft-einsätze, räumlich und zeitlich präziser Bewegungshandlungen, der zweckmä-ßigen Muskelan- und -entspannung und damit auch der Ökonomie von Bewe-gungshandlungen in vielen Tätigkeitsbereichen sowie aus ihrer leistungsbe-stimmenden Funktion in vielen Sportarten“ (Hirtz, 1985, S. 33).

Definieren kann man die kinästhetische Differenzierungsfähigkeit als relativ verfestigte und generalisierte Verlaufsqualitäten der Realisierung von genauen und ökonomischen Bewegungshandlungen. Dies geschieht mithilfe einer fein-differenzierten und präzisierten Aufnahme und Verarbeitung vorwiegend ki-nästhetischer Informationen aus Muskeln, Sehnen und Bändern (vgl. ebd., S. 33). Ihre Qualität zeigt sich im Grad abgestimmter Krafteinsätze, räumlich und zeitlich präziser Bewegungshandlungen sowie zweckmäßiger Muskelanspan-nungen und -entspannungen (vgl. Hirtz et al., 2003, S. 4). Bei dieser Fähigkeit stehen demnach sowohl Bewegungsgenauigkeit im Sinne von Kraftdosierung als auch Feinabstimmung der Muskelkraft im Vordergrund. Neben den kinäs thetischen Informationen sind für Leistungen bezüglich der kinästhetischen Differenzierungsfähigkeit vornehmlich auch visuelle Informationen bedeutsam. Aus koordinativer Sicht besteht eine enge Beziehung zwischen der kinästheti-schen Differenzierungsfähigkeit und der räumlichen Orientierungsfähigkeit. Für die Gleichgewichts- und Rhythmusfähigkeit hingegen hat sie Vorausset-zungscharakter (vgl. Gaschler et al., 2003, S. 34; vgl. Hirtz, 1985, S. 34). Da­her sind die verschiedenen koordinativen Fähigkeiten miteinander verflochten.

Kurzgefasst kann man die kinästhetische Differenzierungsfähigkeit als diejeni-ge Fähigkeit beschreiben, die sich auf die hohe Genauigkeit und Ökonomie der Bewegung, also der Feinabstimmung bezieht. Hierbei sind nicht nur der ge-samte Bewegungsvollzug, sondern auch Teilbewegungen involviert. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Kraft-, Zeit- und Raumwahrnehmung zu unterschei-den, um so je nach Situation die beste motorische Bewältigung der Aufgabe vornehmen zu können (vgl. Hirtz, 1985, S. 33). Diesbezüglich sind als Maß der Differenzierungsfähigkeit bei der Messung der Genauigkeit der Ausführung räumliche, zeitliche und dynamische Parameter zu berücksichtigen (vgl. Präto-rius, 2008, S. 100).

3.3.2 Rhythmusfähigkeit

Diese Fähigkeit beschreibt ein Sich-Vorstellen oder auch ein optisches Erfas-sen eines bestimmten Rhythmus der Bewegung und schließt damit auch das motorische Wiedergeben musikalischer Rhythmen mit ein. Hirtz zufolge wird von einem optimalen Rhythmus gesprochen, wenn ein bestimmter Wechsel der Dynamik zu erkennen ist, wobei dieser dann auch gezielt und ohne zeitliche Verzögerung umgesetzt wird (vgl. Hirtz, 1985, S. 35). Die Rhythmusfähigkeit wird von Hirtz als „ [...] relativ verfestigte und generalisierte Verlaufsqualitä-ten des Erfassens, Speicherns und Darstellens einer zeitlich-dynamischen Glie-derung [...]“ (Hirtz, 1985, S. 35) verstanden, welche vorgegeben werden oder auch in eigenen Bewegungsabläufen enthalten sein kann. Insofern gilt es beim rhythmischen Bewegen, den Rhythmus der eigenen Bewegung zu erfassen und beizubehalten oder aber die eigene Bewegung einem vorgegeben Rhythmus anzupassen, wie etwa durch Klatschen, Klopfen oder Musik (vgl. Gaschler et al., 2003, S. 43). Auch die Anpassung des Bewegungsrhythmus eines Partners oder einer Gruppe erfordert ein hohes Maß an Rhythmusfähigkeit.

Rhythmusfähigkeit wird auch rhythmische Umsetzungsfähigkeit genannt und ist ebenfalls von großer Bedeutung bei der Aneignung und Festigung von All-tagsfertigkeiten und besitzt einen leistungsbestimmenden Charakter für ver-schiedene Sportarten (vgl. Hirtz, 1985, S. 35). Als Beispiel kann man die An-laufrhythmen in der Leichtathletik sowie in anderen Sportspielen nennen, wel-che sehr durch die individuelle Rhythmusfähigkeit des jeweiligen Sportlers beeinflusst werden (vgl. ebd.). Da sich die intensivste Entwicklungsphase die-ser Fähigkeit im Alter zwischen neun und elf Jahren befindet, ist vor allem im Grundschulalter diese Fähigkeit im Prozess der koordinativ-motorischen Ver-vollkommnung von Kindern von großer Bedeutung (vgl. Prätorius, 2008, S. 102).

Wie die anderen Fähigkeiten steht auch diese in einem engen Zusammenhang zu Wahrnehmungsleistungen wie der visuellen, auditiven und kinästhetischen Wahrnehmung. In der Literatur wird häufig auf eine enge Verknüpfung mit der Differenzierungs-, Orientierungs- und Kopplungsfähigkeit hingewiesen, sowie ein Verband zu konditionellen, intellektuellen und musischen Fähigkeiten he-rausgestellt (vgl. Meinel, 2006).

3.3.3 Gleichgewichtsfähigkeit

Die Gleichgewichtsfähigkeit stellt die Grundlage für jede Bewegungshandlung dar. Obwohl die Strukturierung der koordinativen Fähigkeiten kontrovers dis-kutiert wurde, sind sich alle Autoren einig, dass diese Fähigkeit eindeutig den koordinativen Fähigkeiten zuzuordnen ist und sogar eine zentrale Position ein-nimmt (vgl. Prätorius, 2008, S. 104). Demnach ist ein gewisses Maß an Kont-rolle von Haltung und Gleichgewicht unbedingt erforderlich, um koordinierte Bewegungen auszuführen. Die Gleichgewichtsfähigkeit kann allgemein in drei verschiedene Bereiche unterteilt werden, dem statischen Gleichgewicht, dem dynamischen Gleichgewicht sowie der Fähigkeit zur Erhaltung des Objekt-gleichgewichtes. Ersteres beschreibt die Fähigkeit, den gesamten Körper im Zustand des statischen Gleichgewicht zu halten. Dieser Gleichgewichtsbereich wird auch als Lageempfinden bezeichnet und hat eine große Bedeutung im Sport bei aufrechter und liegender Haltung.

[...]


1 Die genaue Definition von „sportmotorischen Tests“ erfolgt in Kapitel 5.1.

2 Dieser Begriff wird im Folgenden mit KTK abgekürzt.

3 Bei dieser Studie handelt es sich um einen bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssur-vey des Robert-Koch-Instituts.

4 Diese werden in 4.3 detaillierter beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Die koordinative Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder im Grundschulalter
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,6
Autor
Jahr
2009
Seiten
150
Katalognummer
V135091
ISBN (eBook)
9783640433810
ISBN (Buch)
9783640433650
Dateigröße
16283 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leistungsfähigkeit, Kinder, Grundschulalter
Arbeit zitieren
Stephanie Zurhausen (Autor), 2009, Die koordinative Leistungsfähigkeit übergewichtiger Kinder im Grundschulalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135091

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