Für diesen letzten Teil des großen kollektiven Tagebuchs erwählte Kempowski die Tage 20. April, 25. April, 30. April und schließlich 8./9. Mai 1945, es handelt sich um geschichtsträchtige Tage wie sie in jedem Schullehrbuch erwähnt werden, doch geht es Walter Kempowski bei der Darstellung von Hitlers 56. Geburtstag bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nicht um eine weitere objektiv-faktische Darstellung, sondern vielmehr um die Betroffenen, wie sie diese Tage subjektiv erlebt haben und beurteil(t)en. Sein persönliches Credo lautete: „Wir müssen uns bücken und aufheben, was nicht vergessen werden darf: Es ist unsere Geschichte, die da behandelt wird“.
Im Folgenden wird das Augenmerk darauf gerichtet, wie Kempowski diese große Arbeit bewältigte – und ob er seine Idee der Montage intentionsgetreu umsetzen konnte. Zudem werden sowohl die para- und intertextuellen Verknüpfungen, als auch Kempowskis Verfahrensweise an einigen zentralen Punkten wie Hitlers Geburtstag beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Rolle des Abgesangs ’45 im „Echolot“ – Projekt
2. „Das Echolot“ als montierte Dokumentation
3. Para- und Intertextualität in der literarischen Montage
3.1 Verwendung von Fotografien / Paratextuelle Aspekte
3.2 Intertextualität als Grundbaustein der Montage
4. Abgesang ’45
4.1 Hitlers Geburtstag – Rekonstruktion eines „Trauertages“
4.2 Dialog von Subjekten als Objektivitätskriterium
4.3 Die Kapitulation – Abgesang ’45
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Struktur und den literarischen Effekt von Walter Kempowskis Werk „Das Echolot – Abgesang ’45“. Ziel der Untersuchung ist es aufzuzeigen, wie Kempowski durch die Montage verschiedenster Quellen ein subjektives und vielschichtiges Bild der letzten Kriegstage erzeugt, das weit über eine rein faktische historische Dokumentation hinausgeht und eine eigene künstlerische Qualität entfaltet.
- Analyse der Montage-Technik als dokumentarisches und literarisches Gestaltungsmittel.
- Untersuchung der Bedeutung von Paratexten und Fotografien für den Rezeptionsprozess.
- Bedeutung der Intertextualität für die Vielstimmigkeit des Werkes.
- Betrachtung der subjektiven Schicksale im Kontrast zur offiziellen NS-Propaganda.
- Beurteilung der intendierten Wirkung der Montage auf den Leser.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Abgesangs ’45 im „Echolot“ – Projekt
„Es war in München, wo [Walter Kempowski] sich im Oktober 1988 [...] aufhielt, als er unverhofft den Titel fand und mit Bleistift auf den Rand einer Zeitung schrieb: ‚Echolot’. (ein kollektives Tagebuch)“ – der Titel eines extrem großen Projektes, dessen grundlegende Idee ihn ungefähr ein Jahr zuvor auf einer Reise nach Ostpreußen gepackt hatte. Das Echolot ist eigentlich ein Gerät zum Messen von Entfernungen und Tiefen mittels Schallwellen, seine Verwendung findet dieser Begriff hier aber eher als metaphorischer Wiederhall der historischen Ereignisse.
Kempowski, Jahrgang 1929, der von 1948 an acht Jahre lang der Spionage beschuldigt im Zuchthaus verbracht hatte, begann im Anschluss an diese schwere Zeit seine täglichen Tagebuchaufzeichnungen, schrieb sogar einen Haftbericht. Dreißig Jahre nach der Zuchthauserfahrung konzipierte er ein Manifest, das die kriegsträchtigen Jahre 1943 bis 1948 festhalten sollte. Nach Art seiner collagierten Hörspiele „ordnete [er] das Material dialogisch oder verstärkte Eindrücke durch Häufung, ließ Themen abwechseln, wiederkehren, variierte sie“.
Im „Echolot“ – Projekt erschien 1993 dann der erste Teil „Barbarossa ’41“, 1999 der zweite Teil, der den Zeitraum vom 1.1.43 bis 28.2.43 umfasst, der dritte Teil „Fuga Furiosa – Winter 1945“ erschien im Jahr 2002 und pünktlich zum Jahrestag der deutschen Kapitulation dann im Jahre 2005 der „Abgesang ’45“. Nach dem ersten Teil schon wurde Kempowski als Ethnologe und auch als Künstler gefeiert, sein Werk erhielt international Anerkennung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Rolle des Abgesangs ’45 im „Echolot“ – Projekt: Einführung in die Entstehungsgeschichte des Projekts und Darstellung des zentralen Credos von Walter Kempowski.
2. „Das Echolot“ als montierte Dokumentation: Diskussion des literarischen Status des Werkes zwischen Sachdokumentation und fiktionaler Literatur.
3. Para- und Intertextualität in der literarischen Montage: Untersuchung der Mittel, mit denen Kempowski eine künstlerische Wirkung innerhalb seiner Montage erzielt.
3.1 Verwendung von Fotografien / Paratextuelle Aspekte: Analyse der Bildauswahl und deren emotionaler sowie historischer Wirkung auf den Leser.
3.2 Intertextualität als Grundbaustein der Montage: Erörterung der Technik, verschiedene Stimmen und Quellen dialogisch zueinander in Bezug zu setzen.
4. Abgesang ’45: Exemplarische Analyse der Montage anhand der letzten Kriegstage.
4.1 Hitlers Geburtstag – Rekonstruktion eines „Trauertages“: Analyse des Kontrasts zwischen offizieller Propaganda und der subjektiven Wahrnehmung in den letzten Tagen.
4.2 Dialog von Subjekten als Objektivitätskriterium: Untersuchung der Wirkung durch die Gegenüberstellung unterschiedlichster Berichte und politischer Statements.
4.3 Die Kapitulation – Abgesang ’45: Betrachtung der Auswirkungen der Kapitulation auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten und der reflektierten Abschluss des Werkes.
Schlüsselwörter
Walter Kempowski, Das Echolot, Abgesang ’45, literarische Montage, Zeitzeugnis, Dokumentation, Intertextualität, Paratext, Kriegsende, Subjektivität, kollektives Tagebuch, Nationalsozialismus, Hitlers Geburtstag, Kapitulation, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht die künstlerische Struktur und die dokumentarische Methode von Walter Kempowskis Werk „Das Echolot – Abgesang ’45“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die literarische Auseinandersetzung mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Technik der Montage und die Frage nach dem dokumentarischen Wahrheitsanspruch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Arbeit analysiert, ob und wie Kempowski seine Idee der Montage umsetzt und welche Wirkung dies auf den Leser hinsichtlich der subjektiven Erlebbarkeit von Geschichte hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text hinsichtlich seiner Struktur, Intertextualität und künstlerischen Gestaltung untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung der Montage, eine Untersuchung von Bildmaterial und Paratexten sowie eine detaillierte Analyse der Darstellung der letzten Kriegstage.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Montage, kollektives Tagebuch, Literarizität, Subjektivität und historische Dokumentation.
Warum spielt das Datum 20. April 1945 eine besondere Rolle in der Analyse?
Dieses Kapitel dient als Fallbeispiel, um zu zeigen, wie Kempowski durch die Montage von konträren Stimmen (Hitlers Idealismus vs. die Realität der Umgebung) ein differenziertes Bild zeichnet.
Welche Funktion haben die Fotografien in Kempowskis Werk laut der Analyse?
Die Fotografien dienen nicht bloßer Illustration, sondern fungieren als paratextuelle Elemente, die den Rezipienten emotional schockieren und die historische Sachlichkeit gezielt durchbrechen.
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- René Ferchland (Author), 2007, Der montierte Effekt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135140