Diese Hausarbeit soll primär keine Konsumkritik darstellen, auch wenn zwangsläufig der Zusammenhang zwischen Arbeit, Konsum und Individualität angesprochen und eine grundlegende Konsumkritik zumindest umrissen werden muss. Gerade in einer Zeit, in der Individualisierung von Markt und Gesellschaft geradezu forciert wird, ist die Fragestellung dieser Arbeit – spiegelbildlich zu Georg Simmels grundlegender Frage: "Wie ist Gesellschaft möglich?" – Wie ist Individualität möglich? Und: Wie äußert sich Individualität in der Postmoderne? Was hat diese Entwicklung mit Disziplinierung und Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken zu tun?
Hierfür müssen zuvorderst definitorische Unschärfen geklärt werden, um sodann die Individualisierungsthese von Georg Simmel zu behandeln. Mitnichten kann im Rahmen dieser Hausarbeit auf alle Eigenheiten, Ideen und Thesen Simmels zur Individualisierung eingegangen werden, da diese über fast alle seine Werke verstreut anzutreffen sind. Ziel ist es den Prozess der Individualisierung nach Simmel darzulegen, auf Individualität, Arbeit und Konsum in der Postmoderne einzugehen und die digitale Selbstdarstellung, als gesellschaftliches Paradigma, auf Foucaults Gouvernmentalitätsstudien zu beziehen.
In den sozialen Netzwerken des sogenannten Web 2.0 ist der Benutzer zugleich Rezipient und Produzent von Inhalten. Heutzutage konstituieren soziale Netzwerke – und das Internet per se – eine Erwartungshaltung der fortwährenden Beteiligung aller Nutzer im Sinne von Postings, Blogs, Kommentaren, Bewertungen und Shares von Content. Wer heute das vielfältige Angebot sozialer Netzwerke nutzt, wird bemerken, dass das Alpha und das Omega dieser Plattformen die personelle Selbstdarstellung ist. Profile werden aufwendig verwaltet, gepflegt, Texte zur Selbstbeschreibung verfasst, persönliche Daten, Fotos und Videos zum Teil aufwendig – fast schon redaktionell – aufbereitet und einem massenmedialen Publikum präsentiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen und Individualität im Verlauf
3. Die Person Georg Simmel
4. Simmels Individualitätstheorie
4.1. Über die Kreuzung sozialer Kreise
4.2. Die Ausdehnung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität
4.3. Die Entpersonalisierung von Arbeit und Abhängigkeitsverhältnisse
5. Arbeit, Konsum und Individualität
6. Individuen in der Postmoderne
6.1. Foucaults Gouvernementalität
6.2. Das Unternehmerische Selbst im Web 2.0
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Wandel der Individualität in der postmodernen Gesellschaft und analysiert, wie moderne Individuen sich im Zeitalter des Web 2.0 durch digitale Selbstdarstellung präsentieren und konstruieren. Dabei wird der Fokus auf Georg Simmels Individualisierungsthese und Foucaults Gouvernementalität gelegt.
- Historische und soziologische Grundlagen des Individualitätsbegriffs.
- Simmels Theorie der Kreuzung sozialer Kreise als Basis für Identitätsbildung.
- Der Transformationsprozess von Arbeit und Konsum in der modernen Gesellschaft.
- Foucaults Konzept der Gouvernementalität in Bezug auf das "unternehmerische Selbst".
- Digitales Identitätsmanagement und Selbstinszenierung auf Social-Media-Plattformen.
Auszug aus dem Buch
4.1. Über die Kreuzung sozialer Kreise
Nach Simmel entsteht Individualität aus der Kreuzung sozialer Kreise, deren Komplexität durch einen fortschreitenden Differenzierungsprozess immer weiter zunimmt. Simmel (1890) beginnt bei der Geburt des Subjekts. Hier ist der Einzelne zunächst in einer Umgebung, die – ungeachtet seiner Individualität – ihn, durch den Zufall der Geburt, an sein Schicksal fesselt (S. 100). Der ersten und vermutlich auch engsten Kreis der Familie kann sich das Individuum also nicht aussuchen. Er beschreibt die Familie als „Associationskreis“, mit verschiedenartigen Individualitäten und enge Verbindung des Subjekts zu ihm. Erst im Laufe der Zeit spinnt jeder Einzelne ein „Band“ zu Personen außerhalb des ursprünglichen Kreises. Gründe sieht Simmel in der „sachlichen Gleichheit“ von Anlagen, Neigungen und Tätigkeiten, die eine Beziehung aufbauen lassen (S. 101). Ein reines äußerliches Zusammensein wird mit der Zeit durch inhaltliche Beziehungen ersetzt. Hier findet also eine Form der Vergesellschaftung, durch soziale Interaktion der Individuen untereinander statt. Neue „Berührungskreise“ entstehen durch „[...] einer großen Anzahl verschiedenartiger Anschauungskomplexe.“ (Simmel 1890, 101). Dies führt letztendlich dazu, dass der ursprüngliche Familienkreis modifiziert wird. Je weiter sich die Gesellschaft entwickelt und das Individuum entwickelt, desto mehr Kreisen kann es angehören.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle des Internets und der sozialen Medien bei der Konstitution moderner Identitäten und führt in die Fragestellung der Arbeit ein.
2. Definitionen und Individualität im Verlauf: Dieses Kapitel gibt einen Abriss über die historische und philosophische Entwicklung des Begriffs der Individualität.
3. Die Person Georg Simmel: Ein kurzer biografischer Einblick in das Leben und Wirken des Soziologen Georg Simmel.
4. Simmels Individualitätstheorie: Hier werden die Kernkonzepte Simmels zur Entstehung individueller Persönlichkeit durch soziale Kreise und Arbeitsprozesse erläutert.
5. Arbeit, Konsum und Individualität: Der Zusammenhang zwischen moderner Erwerbsarbeit, Konsumverhalten und der Entwicklung von Identität wird kritisch hinterfragt.
6. Individuen in der Postmoderne: Dieses Kapitel verbindet die gewonnenen Erkenntnisse mit Foucaults Gouvernementalität und der modernen digitalen Selbstdarstellung.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die den Prozess der Individualisierung heute als Ergebnis ökonomischer Disziplinierung beschreibt.
Schlüsselwörter
Individualität, Georg Simmel, Michel Foucault, Gouvernementalität, postmoderne Gesellschaft, Web 2.0, Selbstdarstellung, Identität, Soziale Kreise, Unternehmerselbst, soziale Differenzierung, Konsumgesellschaft, Disziplinierung, Selbstdarstellung im Internet, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich das Konzept der Individualität vom 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit der digitalen Web-2.0-Kultur gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die soziologische Identitätstheorie nach Simmel, die sozioökonomische Bedeutung von Arbeit und Konsum sowie die postmoderne Selbstinszenierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Prozess der Individualisierung theoretisch zu durchdringen und zu zeigen, wie digitale Identität heute eher als Produkt ökonomischer Disziplinierung denn als rein natürlicher Antrieb verstanden werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, basierend auf einer literaturgestützten Untersuchung zentraler soziologischer und philosophischer Texte von Georg Simmel und Michel Foucault.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil setzt sich mit Simmels Konzept der sozialen Kreise, der Entfremdung durch den modernen Kapitalismus und schließlich mit der Anwendung von Foucaults Theorie auf die Welt der sozialen Netzwerke auseinander.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere geprägt durch Begriffe wie Individualität, Gouvernementalität, Selbstoptimierung und digitale Subjektivität.
Wie unterscheidet sich das "unternehmerische Selbst" im Web 2.0 laut Autor?
Der Autor zeigt auf, dass das Subjekt im Web 2.0 lernt, seine Identität und Biographie wie ein Vermarktungsobjekt zu behandeln, um sich auf unterschiedlichen sozialen Märkten zu positionieren.
Welche Funktion hat die "sachliche Gleichheit" bei Simmel in Bezug auf soziale Kreise?
Die sachliche Gleichheit von Anlagen und Interessen dient laut Simmel als Basis für die Bildung neuer sozialer Beziehungen, die über den ursprünglichen Familienkreis hinausgehen.
- Arbeit zitieren
- Johannes Richter (Autor:in), 2022, Individualität in der Postmoderne und Selbstdarstellung im Web 2.0. Georg Simmels Individualisierungsthese und Foucaults Gouvernementalitätsstudien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1351718