Diese Arbeit untersucht die Möglichkeit zeitliche Beschreibungen und Ausdrücke in fremden Sprachen (insbesondere im Englischen) begreifen und lernen zu können. Dazu wird der Sapir-Whorf-Hypothese nachgegangen und ein Blick auf die Sprache der Hopi-Indianer geworfen. Als Studentin zweier Sprachen und als angehende Englischlehrerin setze ich mich oft mit
sprachlichen Verschiedenheiten auseinander, die das eindeutige, genaue Übersetzen von einer
Sprache in die Andere erschweren. Diese Unterschiede ziehen sich durch alle sprachlichen
Ebenen. Angefangen bei Ausspracheschwierigkeiten aufgrund ungewohnter Lautfolgen, über
einzelne Wörter, für die es keine äquivalenten Übersetzungen gibt, bis hin zu grammatischen
Strukturen, deren Aneignungen die größten Anstrengungen beim Fremdsprachen lernen zu
fordern scheinen.
Ein Teil dieser Strukturen, der es nach meinen bisherigen Erfahrungen im Unterrichten von
Englischlernern besonderen Geschicks im Erklären und Überzeugungskraft bedarf, sind die
Zeitformen. Die Schwierigkeiten liegen dabei, so scheint mir, neben den oftmals unvertrauten
lateinischen Fachtermini und deren korrekten Anwendungen darin, dass die englische
Sprache erheblich mehr Zeitformen aufweist als die deutsche Sprache.
Das heißt im Einzelnen, die englische Art und Weise eine Zeitdauer in gesonderter Form
durch das Progressive auszudrücken, gibt es im Deutschen nicht.
Weiterhin gibt es auch Probleme bei der Zuordnung einer grammatischen Zeitform zu einer
Zeitstufe, weil sich hier deutsche und englische Sprachgewohnheiten voneinander
unterscheiden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Lernschwierigkeiten im Englischunterricht
1.2 Beispiele für das Zeitformenproblem
1.3 Fragestellung der Arbeit
2. Benjamin Lee Whorfs Untersuchungen
2.1 Whorfs Auffassung von Sprache und Denken
2.2 Whorfs Untersuchungsergebnisse zur Hopi-Sprache
2.3 Das sprachliche Relativitätsprinzip
3. Konsequenzen der Sprachlichen Relativität
3.1 Fragen für die Praxis
3.2 George Lakoff über Whorfs Ansichten
4. Konsequenzen für den Englischunterricht
4.1 Empirische Untersuchung zu Lernschwierigkeiten bei Zeitformen
4.2 Vergleich der deutschen und englischen Zeitformen
4.3 Gipperts Untersuchungen zur Hopi-Sprache
5. Schluss- Umgang mit sprachlicher Relativität im Englischunterricht
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Übersetzbarkeit von Zeitkonzepten und den Lernschwierigkeiten deutscher Schüler im Englischunterricht, insbesondere im Hinblick auf die Strukturierung von Zeitabläufen durch die "Progressive"-Formen.
- Sprachliche Relativität und ihre Auswirkungen auf das Denken
- Analyse der Hopi-Sprache nach Benjamin Lee Whorf
- Konzeptuelle Kapazitäten und sprachunabhängiges Verstehen nach George Lakoff
- Vergleich deutscher und englischer Zeitformen
- Didaktische Strategien für den Fremdsprachenunterricht
Auszug aus dem Buch
Whorfs Auffassung von Sprache und Denken
Im letzten Jahrhundert beschäftigte sich Benjamin Lee Whorf bereits mit dem Phänomen Zeit auf der linguistischen Ebene. Er glaubte festgestellt zu haben, dass die Hopi-Indianer, ein Indianerstamm der im nordöstlichen Teil des Bundesstaates Arizona in den USA ansässig ist, keine Möglichkeiten besäßen in ihrer Sprache Zeit oder Zeitdauer auszudrücken.
„Nach langer und sorgfältiger Analyse ist man zu der Feststellung gekommen, dass die Hopi-Sprache keine Wörter, grammatischen Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke enthält, die sich direkt auf das beziehen, was wir < Zeit > nennen.“ (Whorf 1963: 102)
Für Whorf ergibt sich dieser Entdeckung die Frage ob Begriffe wie „Zeit“, „Raum“ oder „Materie“ wesentlich durch Erfahrung bestimmt werden und daher für alle Menschen gleich sein müssten, oder ob sie durch die Struktur einzelner Sprachen bestimmt werden. (vgl. Werlen 2002: 232). In seinem Buch „Sprache, Denken, Wirklichkeit“ sagt er folgendes:
„Aus der Tatsache der Strukturverschiedenheit der Sprache folgt, was ich das linguistische Relativitätsprinzip genannt habe. Er besagt grob gesprochen folgendes: Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, werden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt. Sie sind daher als Beobachter einander nicht äquivalent, sondern gelangen zu irgendwie verschiedenen Ansichten von der Welt.“ (Whorf 1963: 20)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik sprachlicher Unterschiede im Englischunterricht und Definition der Forschungsfrage.
2. Benjamin Lee Whorfs Untersuchungen: Erläuterung der Hypothese der sprachlichen Relativität basierend auf den Fallstudien zur Hopi-Sprache.
3. Konsequenzen der Sprachlichen Relativität: Theoretische Auseinandersetzung mit der Beeinflussung des Denkens durch Sprache, ergänzt durch die Perspektive von George Lakoff.
4. Konsequenzen für den Englischunterricht: Empirische Betrachtung von Lernfehlern und ein detaillierter Vergleich der englischen und deutschen Zeit-Strukturen.
5. Schluss- Umgang mit sprachlicher Relativität im Englischunterricht: Fazit und pädagogische Empfehlungen zur Vermittlung komplexer Zeitkonzepte im Unterricht.
Schlüsselwörter
Sprachliche Relativität, Englischunterricht, Zeitformen, Progressive-Formen, Benjamin Lee Whorf, George Lakoff, Hopi-Sprache, Lernschwierigkeiten, Zeitkonzepte, Fremdsprachenerwerb, Sprachstruktur, Metaphern, Konzeptuelle Kapazitäten, Sprachvergleich, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie unterschiedliche sprachliche Strukturen der Zeitwahrnehmung – konkret zwischen Deutsch und Englisch – den Fremdsprachenerwerb beeinflussen und zu spezifischen Lernfehlern führen können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören das Prinzip der sprachlichen Relativität, die Untersuchung der Hopi-Sprache, Konzepte von Raum und Zeit in der Linguistik sowie die didaktische Vermittlung englischer Zeitformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen der grammatikalischen Abbildung von Zeitverläufen in verschiedenen Sprachen und den Schwierigkeiten deutscher Englischlernender zu ergründen und Ansätze für einen bewussteren Unterricht zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine linguistische Literaturanalyse und vergleicht theoretische Ansätze (Whorf, Lakoff, Gippert) mit empirischen Beobachtungen aus dem schulischen Englischunterricht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Theorie Whorfs, der Kritik und Weiterentwicklung durch Lakoff sowie einem detaillierten Vergleich englischer Zeitformen (Simple vs. Progressive) mit den deutschen Entsprechungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sprachliche Relativität, Zeitformen, Progressive-Formen, Hopi-Sprache, Sprachstruktur und Fremdsprachendidaktik.
Wie erklärt Lakoff das Verstehen fremder Konzepte ohne entsprechende sprachliche Ausdrücke?
Lakoff argumentiert, dass Menschen über "konzeptuelle Kapazitäten" verfügen, die es ihnen ermöglichen, durch gemeinsame menschliche Erfahrungen (z.B. Raum-Zeit-Metaphern) auch ohne direkte sprachliche Äquivalente Sinnzusammenhänge zu erschließen.
Welches Problem identifiziert die Autorin bei der Vermittlung von Progressive-Formen?
Das Hauptproblem liegt in der „Gleichsetzung von time und tense“: Deutsche Lernende übertragen ihre durch die Muttersprache geprägte Zeitauffassung auf das Englische, was dazu führt, dass die spezifische Funktion der Progressive-Form für Verlaufsaspekte oft nicht korrekt erfasst wird.
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- Susann Lenk (Author), 2006, Die Übersetzbarkeit der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135178