Stefan Heyms Rezeption des „Ewigen Juden“ in seinem Roman Ahasver


Hausarbeit, 2005

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Stefan Heyms Roman Ahasver stammt aus dem Jahr 1988. Als ich das Buch nach kurzer Suche in der Bibliothek aus dem Regal nahm und in den Händen hielt, waren mir weder der Titel, noch der Autor ein Begriff. Mit beiden hatte ich nie vorher zu tun gehabt. Also liell ich mir zunächst im Internet Auskunft Ober sie erteilen. Schnell fand ich heraus, dass Ahasver der Name des Ewigen Juden ist, welcher der Legende nach dazu verdammt ist, ziellos auf der Erde zu wandern, als Strafe dafür, dass er Jesus nicht bei sich ausruhen liell, als dieser sein Kreu z nach Golgatha trug. Am interessantesten fand ich dabei, dass diese Geschichte oft auf das Schicksal der Juden ubertragen wird, die scheinbar wie der Ahasver seit langer Zeit rastlos in der Welt umherziehen müssen, weil sie eine eigene Meinung zu Jesus und seiner Rolle als Messias haben. Spannend ist die Vorstellung, dass deswegen ein Fluch auf diesem Volk liegen soll, der verantwortlich ist für all die Leiden, die es seit der Ablehnung Jesus als der Messias ertragen musste.

Danach erfuhr ich Ober den Autor Stefan Heym, dass er selbst Jude war und aufgrund seiner Uberzeugungen ein eher ruheloses Leben lebte, das ihn in der Welt viel herumkommen liell. Schon das Gymnasium musste er beispielsweise wegen eines Gedichtes, das der Schulleitung nicht gefiel, verlassen.

Geboren in Chemnitz, studierte er in Berlin, um dann in der Zeit des Dritten Reichs nach Amerika Oberzusiedeln. Dort studierte er zunachst in Chicago und arbeitete anschliellend in New York. 1944 landete er als Sergeant der amerikanischen Armee in der Normandie. Die Armee musste er jedoch bald verlassen, wegen seiner Sympathie zum Kommunismus. Spater gab er sogar alle seine militarischen Auszeichnungen zuruck, um gegen den Krieg, den die USA gegen Korea fuhrten zu protestieren. Er ging nach seiner Zeit in den USA nach Warschau und Prag und schlielllich nach Ost-Berlin. In der DDR war er, weil er dem System kritisch gegenuberstand, nur geduldet und viele seiner Bucher wurden von der Zensur abgelehnt. Nach Offnung der Mauer wiederum kritisierte er den Kapitalismus und den einsetzenden Kaufrausch, dem die Menschen aus der DDR verfielen. Danach war er eine zeitlang Politiker fur die PDS in Berlin, bis er sein Mandat niederlegte aus Protest gegen die Diatenerhohung. Schlielllich starb Stefan Heym in Israel.

Mir schien es so, als ware er ein Mensch gewesen, der im Geist frei war von gesellschaftlichen oder politischen Vorgaben. Mit dieser Einstellung geriet er immer wieder in Konflikt mit den aulleren Systemen, egal ob Schule, Militar oder Staat. Mehrmals war er deshalb ge zwungen einen Ort zu verlassen, an dem die Menschen seine Meinung weder teilen noch tolerieren wollten.

Betrachtet man das Leben von Stefan Heym kann man seine zahlreichen Umzüge vielleicht auf seine jüdische Abstammung beziehen und eine Parallele sehen zum ruhelosen Wanderer Ahasver.

Mit der literarischen Verarbeitung des Ahasvermythos hat Stefan Heym allerdings keine biblische Figur aufgegriffen. Einen Ahasver, dem Jesus auf seinem Weg nach Golgatha begegnet und der von ihm verflucht wird, gibt es im Neuen Testament nicht.

In den Evangelien des Lukas, Matthaus und Markus wird nicht einmal Oberliefert, dass Jesus sein Kreu z selbst tragen musste. Da zu wurde von Jesus Richtern ein Mensch namens Simon von Kyrene ge zwungen.

Nur im Johannesevangelium heillt es „...und er [Jesus] trug sein Kreu z und ging hinaus zu der Statte ..." (Johannes 19, V17).

Die zeitlich fruheste Variante des Ahasvermythos stammt von dem englischen Chronisten Roger von Wendover. Bei ihm ist die Rede von einem Mann aus Armenien namens Cartaphilus, der 1228 England besuchte. Dieser behauptete er sei der Torhuter von Pontius Pilatus gewesen und habe Jesus auf seinem Weg zur Kreu zigung geschlagen, damit er schneller gehe. Jesus habe dann geanwortet: „ Ich gehe, aber du musst warten bis ich wiederkomme"[*]

1602 taucht der Name „Ahasver" erstmals in einem vier Seiten umfassenden Flugblatt in Deutschland auf. Es tragt den Titel Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden / mit Namen Ahal3verus. In diesem Text ist von einem Paulus von Eitzen die Rede, welcher im 16. Jahrhundert als lutherischer Bischof in Schleswig wirkte. Dieser Bischof berichtet nun, dass er 1542 in Hamburg während einer Predigt auf einen alten Mann aufmerksam geworden sei, der sich auffallig verhielt. Als er ihn anschliellend befragte wer er sei und woher er komme, antwortete dieser ihm er sei ein Jude aus Jerusalem mit dem Namen Ahallverus, von Beruf Schuster.

Er behauptete weiter, von Jesus kurz vor dessen Kreu zigung verflucht worden zu sein mit den Worten: „Ich will stehen und ruhen / du aber sollst gehen" (Schmidinger, Bd. 2, S. 367).

Dieser in Leiden gedruckte Text erschien 1609 in Frankreich und 1625 in England. Auflerdem wurde er ins ddnische und schwedische übersetzt. Darüber hinaus gab es immer wieder Sichtungen des Ewigen Juden. Nach Hamburg 1542 zum Beispiel 1599 in Wien, 1601 in Lübeck, 1602 in Prag, 1603 in Bayern, 1640 in Leipzig, 1644 in Paris, 1676 in München, 1790 in Newcastle, sowie 1868 in den USA.[*]

Mir stellte sich dabei die Frage, ob die Geschichte des Ahasver der Definition nach eine Legende oder ein Mythos ist.

Der Duden definiert eine Legende als eine Heiligenerzahlung.

In der literaturwissenschaftlichen Einführung von Boker und Houswitschka heiflt es ebenfalls eine Legende sei „ein Bericht über das vorbildliche Leben eines Heiligen" (Boker/Houswitschka, S.231).

Ein Mythos hingegen berichtet zum einen von G6ttern und Helden und mystifi ziert zum anderen Naturphanomene wie Blitz und Donner auflerhalb der Naturwissenschaften. Inhaltlich spielt dabei immer das metaphysische eine Rolle.

So würde ich die Ahasvergeschichte eher den Mythen zuordnen, da die Figur nicht zu den Heiligen zahlt und ihr Lebensweg nicht als vorbildlich gelten kann.

Da der Mythos auflerhalb der Bibel entstand, kann man vielleicht auch von einem Volksmythos sprechen, der sich aus kirchlichem oder biblischem Kontext heraus entwickelte. Denn das Flugblatt hat neben den Schilderungen des Paulus von Eitzen über seine angebliche Begegnung mit dem Ewigen Juden, sicher auch eine Botschaft, die in der Bevölkerung verbreitet werden sollte. Im Vordergrund steht dabei der Glauben an Jesus Christus als den im Alten Testament angekündigten Messias. Das Ergebnis des Unglaubens des Ahasvers ist die Bestrafung, durch einen Fluch zum ewigen, ruhelosen Leben. Ahasver, der als Jude gekenn zeichnet wird, kann dabei auch als Metonymie für das gesamte jüdische Volk gesehen

[...]


[*] http://www.lesekost.de/themen/HHLO7A.htm

[*] en.wikipedia.org; unter Stichwort Wandering Jew

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Stefan Heyms Rezeption des „Ewigen Juden“ in seinem Roman Ahasver
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Proseminar Bibel und Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V135184
ISBN (eBook)
9783640436880
ISBN (Buch)
9783640437139
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ahasver, Hiob, Bibel, Literaturwissenschaft, Bibelfiguren in Romanen, Bibelthemen, biblische Themen in der Literatur, literarische Verarbeitung von biblischen Themen, Stefan Heym, ewiger Jude, Ahasvermythos
Arbeit zitieren
Susann Lenk (Autor), 2005, Stefan Heyms Rezeption des „Ewigen Juden“ in seinem Roman Ahasver, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135184

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