Soziologische Dimensionen des Dopings - Lösungsstrategien betrugfreien Leistungssports


Examensarbeit, 2009
101 Seiten, Note: 2

Leseprobe

INHALT

1 EINLEITUNG
1.1 Fragestellung dieser Arbeit

2 FORSCHUNGSGEGENSTAND DOPING
2.1 Die Problematik einer Doping-Definition
2.2 Das Verstandnis von Doping in dieser Arbeit 1

3 SOZIOLOGISCHE DIMENSIONEN DES DOPINGS
3.1 Mikro-Ebene: Der Athlet im Fokus
3.1.1 Pfadabhangigkeit im Leistungssport
3.1.2 Leistungssportimmanenter Druck
3.1.3 Konkurrenzdilemma der Sportler 2
3.1.4 Doping als illegitime Bewaltigungsstrategie
3.2 Meso-Ebene: Dopingstimulierende Umfeldakteure
3.2.1 Trainer
3.2.2 Arzte
3.2.3 Verbände
3.3 Makro-Ebene: Gesellschaftliche Einflussfaktoren
3.3.1 Medien
3.3.2 Publikum
3.3.3 Politik und Wirtschaft
3.4 Zusammenfassung: Systemstruktur & Konstellationseffekt des Dopingproblems 5

4 L O SUNGSSTRATEGIEN BETRUGFREIEN LEISTUNGSSPORTS
4.1 Das Doping-Kontrollsystem
4.1.1 Durchfibrung, Verantwortung und Auswahl der Kontrollen
4.1.2 Ziele des Kontrollsystems
4.1.3 Probleme des Dopingkontrollsystems
4.2 Aktuelle Präventionsma9nahmen
4.3 Alternative Losungsstrategien
4.3.1 Diskussion: Dopingfreigabe
4.3.1.1 Bewertung und Kritik der Dopingfreigabe
4.3.2 Alternative Kontrolltechniken
4.3.3 Losungsansatz mit Hilfe eines Mehr-Ebenen-Modells
4.3.3.1 Strukturelle Veranderungen auf der Makro-Ebene
4.3.3.2 Praventionsmagnahmen auf der Meso-Ebene
4.3.3.3 Präventionsmagnahmen auf der Mikro-Ebene

5 SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1 Einleitung

„ Zwei Jahre Sperre für Valverde“ (Süddeutsche Zeitung, 11.05.2009) „Der Fußball erlaubt sich Doping-Sonderregeln“ (Die Zeit, 8.05.2009) „NADA meldet 66 Dopingfälle für das Jahr 2008“ (Oberhessische Presse, 7.05.2009) „Kampf gegen Doping: Ich bin ja der Depp, wenn ich nichts nehme.“ (Süddeutsche Zeitung, 6.05.2009) „Der Fall Schumacher: Lehners Zauberformel gegen Doping-Sperren“ (FAZ, 5.05.2009) „Deutschen Reitern droht neuer Dopingfall“ (Der Spiegel, 2.05.2009) „Radprofi Schumacher positiv getestet“ (Die Zeit, 29.04.2009)

Fast täglich berichten die Medien über neue Dopingskandale aus dem Leistungssport: Im Gedächtnis bleiben prekäre Fälle wie der Dopingskandal der Tour de France 1998, das Geständnis Marion Jones bezüglich der Balco Affäre oder die Überführung des spanischen Skilangläufers Johann Mühlegg. Die Dopingproblematik scheint ungeahnte Ausmaße angenommen zu haben und kaum eine Sportart wurde nicht schon einmal von Dopingfällen überschattet. Dies führt dazu, dass herausragende Leistungen wie des achtfachen Goldmedaillengewinners Michael Phelps oder der Fabelweltrekort Usain Bolts bei den Olympischen Spielen in Peking unter einen generellen Dopingverdacht gestellt werden, obwohl beide nie positiv getestet wurden. Die Unschuldsvermutung, die jedem Menschen zusteht - jeder gilt solange als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist- scheint in den Medien keine Gültigkeit mehr zu haben: Sportler[1] werden voreilig verurteilt, moralisch hinterfragt und als alleinige Übeltäter deklariert.

Das Forschungsinteresse dieser Arbeit ergibt sich folglich aus der weit verbreiteten Annahme, dass der Athlet allein für den Konsum von Dopingmitteln verantwortlich ist und die Hintergründe der Systemlogik des Leistungssports[2] nur selten betrachtet werden. These dieser Arbeit ist, dass Doping nicht alleine auf das Fehlverhalten einzelner Sportler zurückzuführen ist, sondern unter der Berücksichtigung sich gegenseitig beeinflussender Dimensionen zu betrachten ist.

Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet Soziologische Dimensionen des Dopings-Lösungsstrategien betrugfreien Leistungssports. Im Titel steckt bereits das konkrete Vorhaben dieser Arbeit: eine Analyse der soziologischen Dimensionen des Dopings und eine Analyse der derzeitigen Lösungsstrategien. Des Weiteren werden Überlegungen eines betrugfreien Leistungssports angestellt. Die Lösungsstrategien dieser Arbeit sollen über die bisher installierten Kontroll- und Aufklärungsmaßnahmen hinausgehen und aufzeigen, in welche Richtung zukünftig nach komplexitätsangemessenen Anti-Doping-Strategien gesucht werden sollte.

Die Untersuchungen dieser Arbeit starten mit einer Problemanalyse einer treffenden und allgemeingültigen Definition des Dopings in Kapitel zwei, um ab Kapitel drei die Dimensionen der Dopingproblematik im Leistungssport aus einer sportsoziologischen Perspektive zu durchleuchten[3]. Im vierten Kapitel folgt der Übergang von der soziologischen Analyse der Dimensionen des Dopings im Leistungssport zu den Lösungsstrategien.

Es wird gezeigt, dass personenorientierte Maßnahmen wie Kontrollen, Bestrafungen und Charakterstärkung als Maßnahmen ihre Berechtigung haben, aber nur als Begleiter struktureller und überpersoneller Dopingbekämpfung angesehen werden sollten. In dieser Arbeit wird nicht, wie oftmals üblich von einem auf Sportler fixierten Lösungsansatz ausgegangen, sondern es wird versucht, mithilfe eines Mehrebenen-Modells ein komplexitätsangemessenen Ansatz darzustellen. Ihren Abschluss findet diese Arbeit in einer Schlussbetrachtung mit Ausblick in Kapitel fünf.

1.1 Fragestellung dieser Arbeit

In der Regel wird die Analyse des Dopings schlicht auf das einzelne dopende Individuum reduziert, sprich, der Athlet wird allein verurteilt und skandalisiert. Diese Arbeit geht einen Schritt weiter und analysiert neben den individuellen auch überindividuelle Dimensionen, die das Handeln der Sportler hinsichtlich des Dopings beeinflussen und stimulieren. Es wird nach den sozialen Bedingungen der Möglichkeit des Dopingmissbrauchs im Leistungssport gefragt. Konkret untersucht wird also, inwiefern der Dopingmissbrauch das Resultat aus dem Zusammenspiel von individuellen, korporativen Akteurinteressen und sportinternen Dynamiken mit sportlichen Leistungserwartungen außerhalb des Leistungssports ist.

Dieser Arbeit liegt der wesentliche Ansatz zu Grunde, dass Doping auf drei Ebenen passiert: Auf der Mikro-Ebene der individuellen Athleten, auf der Meso-Ebene der Sportverbände und Umfeldakteure und auf der Makro-Ebene der gesellschaftlichen Einflussfaktoren. Das Forschungsinteresse dieser Arbeit liegt somit auf der Untersuchung der soziologischen Dimensionen auf den genannten Ebenen.

Des Weiteren wird nach möglichen Lösungsstrategien für einen betrugfreien Leistungssport gesucht.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass in der vorliegenden Arbeit ausschließlich die Dopingproblematik des Leistungssports betrachtet wird, da der Breitensport andere Umstände und Schwierigkeiten mit sich bringt, die gesondert zu behandeln sind. Es soll jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, dass Breitensportler nicht genauso in eine „Dopingfalle“ geraten können wie Personen im Leistungssport.

Ausgangsfragestellungen dieser Arbeit sind die folgenden:

Wie kommt es überhaupt zu dem „Phänomen“, dass Sportler, die üblicherweise aus Freude am Sport begonnen haben, diesen intensiv und beruflich zu betreiben, irgendwann an einen Punkt gelangen an dem sie ihre Autonomie aufgeben und sich dem Doping unterziehen, um körperlich im internationalen Vergleich erfolgreich sein zu können?

Welche Aspekte führen Athleten zu der Entscheidung Dopingmittel einzusetzen? Welche Umfeldakteure nehmen wie Einfluss auf Verhalten von Athleten?

Welche außersportlichen, strukturellen Determinanten beeinflussen oder fördern gar abweichendes Verhalten?

Gibt es eigentlich Lösungsstrategien für einen betrugsfreien Leistungssport- und wenn ja, welche?

2 Forschungsgegenstand Doping

Um die Schwierigkeit und Komplexität des Dopings im Leistungssport deutlich zu machen, sollen zunächst die Probleme bezüglich einer treffenden und allgemeingültigen Definition und Begriffserklärung am Anfang dieser Arbeit stehen. In den folgenden Ausführungen soll der Begriff Doping ausschließlich im eingeschränkten Sinne in Verbindung mit Sport verstanden und diskutiert werden.

2.1 Die Problematik einer Doping-Definition

Der Begriff Doping hat seinen Ursprung in Südafrika und wird auf das Wort „Dop“ zurückgeführt, das ein stimulierendes alkoholisches Getränk bezeichnet, welches die Eingeborenen während religiöser Zeremonien zur Anregung tranken. 1889 wurde zum ersten Mal das Wort Doping in einem englischen Wörterbuch nachgewiesen. Zu dieser Zeit wurde unter Doping eine narkotische Opiummischung für den Einsatz im Pferde- und Hundesport verstanden. Gegenwärtig ist der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch auch außerhalb des Sports bedeutend[4] (vgl]. Feiden & Blasius, 2008, S. 1).

Trotz der langen Geschichte des Dopings ist es auch nach etlichen Versuchen bis heute nicht gelungen, eine allseits befriedigende und eindeutige Definition des Dopings zu finden. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass jeder Definitionsversuch nicht ohne unbestimmte und auslegungsbedürftige Begriffe auskommt (vgl. Bericht der unabhängigen Dopingkommission, In Bette, 1994, S. 195). Doping nach dem Deutschen Sportbund (1952) als „Die Einnahme jedes Medikaments – ob es wirksam ist oder nicht – mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfes ist als Doping zu bezeichnen“ (Haug, 2006, S. 26) oder es umgangssprachlich als die Steigerung der menschlichen Leistung durch künstliche Mittel zu definieren, ist zu allgemein, da der Entwurf einer Dopingdefinition eine wissenschaftliche Dimension auf physiologischer und pharmakologischer Ebene beinhalten müsste. Eine persönliche Dimension mit Werten und Absichten des Athleten, der verbotene Substanzen einsetzt und eine soziale Dimension mit einer Auswahl von Normen und Schwellen. Nach Hoberman

(vgl. 1994, S. 120ff.) entspringt somit das Fehlen einer klaren Definition zumeist mehreren Faktoren:

1. Dem Aufkommen neuer und potentiell leistungssteigernder Substanzen.
2. Den unterschiedlichen Absichten, die ein Sportler mit dem Einsatz verbotener Dopingsubstanzen verfolgt und
3. den sich ändernden Einstellungen gegenüber der Steigerung sportlicher Leistungen und der Notwendigkeit angemessener Einschränkungen.

1963 wurde nach einigen Dopingskandalen[5] und dem Wandel der Dopingmethoden, insbesondere dem Einsatz von Anabolika, eine umfassende und aussagekräftige Dopingdefinition des Europarats formuliert:

„Doping ist die Verabreichung einer auf welchem Wege auch immer eingeführten körperfremden Substanz oder physiologischen Substanzen in abnormalen Mengen oder auf abnormalem Wege an ein gesundes Individuum bzw. der Gebrauch durch dasselbe zum Zweck einer künstlichen und unfairen Leistungssteigerung während der Wettkampfteilnahme. Gewisse psychologische Maßnahmen zum Zwecke der Leistungssteigerung können als Doping angesehen werden“ (Clasing, 1992, S. 10).

Die entscheidenden Komponenten dieser Wesensbestimmung des Dopings sind „Unfairness“ und „Unnatürlichkeit“, die mit den Worten „körperfremd“, „abnormal“ oder „künstlich“ umschrieben werden. Nach dieser Definition wäre Doping eine „unnatürliche“ und damit „unfaire“ Art der Leistungssteigerung. Die Problematik dieser Dopingdefinition liegt für Bette und Schimank (vgl. 2006b, S. 175f.) in der rechtlichen Handhabbarkeit und der Frage, inwieweit sich in sachlicher Hinsicht präzise und umfassend, in sozialer Hinsicht intersubjektiv und in zeitlicher Sicht dauerhaft einheitlich bestimmen lässt, welche Art von Handeln sich als „unnatürliche“ sportliche Leistungssteigerung begreifen lässt. Rechtlich gesehen geht es darum, ob „Unnatürlichkeit“ als „unbestimmter Rechtsbegriff“ so spezifizierbar ist, dass er willkürfrei gehandhabt werden kann. Da eine solche Spezifizierung nicht gelingt, erweist sich eine Wesensbestimmung des Dopings mit dem Begriff der „Unnatürlichkeit“ als unbrauchbar.

Weiterhin lässt sich mit dem Fairnesskriterium nicht überzeugend argumentieren. Nach dieser Definition verletzt die „unnatürliche“ Leistungssteigerung durch Doping die Chancengleichheit im Wettkampf und gilt somit als unfair. Ausgehend von der Chancengleichheit müssten demnach unterschiedliche physiologische Voraussetzungen, Trainingsbedingungen und unterschiedlich kompetente Trainer ebenfalls als unfair gelten (vgl. Haug, 2006, S. 112). Auch die Sportförderung verstößt gegen die Chancengleichheit. Wer Leistungskader subventioniert, macht es den leistungsmäßig unmittelbar dahinter stehenden Athleten unverhältnismäßig schwer, ebenfalls international mitzuhalten (vgl. Krüger, 2000, S. 13ff.).

Die Inkonsistenz des Fairnessarguments wird mit der Argumentation des Sportphilosophen Hans Jürgen Heringer noch einmal deutlich:

„Die Ächtung des Dopings als unfaire Verletzung von Chancengleichheit bricht ohnehin auch dann in sich zusammen, wenn alle Teilnehmer eines Wettkampfes sich gleichermaßen dopen. Dann wäre das „Unnatürliche“ jedenfalls nicht mehr „unfair““(Heringer, 1990, S. 39).

Dies gilt allerdings nur unter der Bedingung einer Freiwilligkeit der Dopingeinnahme. Die „Unfairness“ des Dopings kann demnach nur ein zusätzlicher, für die Definition letztlich nicht erheblicher Gesichtspunkt sein (vgl. Bette & Schimank, 2006b, S. 176ff.).

Insgesamt zeigt sich, dass eine Wesensdefinition des Dopings durch eine mangelnde Trennschärfe gekennzeichnet ist und sich auf der Ebene abstrakter Begrifflichkeiten in einer Reihe von Schwierigkeiten verstrickt. Je weniger trennscharf eine Wesensdefinition das, was als illegitim gelten soll, begrifflich gegenüber den legitimen Formen sportlicher Leistungssteigerung abzugrenzen vermag, desto weniger taugt sie für die rechtliche Behandlung konkreter Fälle. Aber genau darauf kommt es an, wenn ein Sportler sich hinsichtlich seines Handelns nicht dem Urteil des zuständigen Sportverbandes beugt, sondern einen rechtsstaatlichen Einspruch einlegt. Um in solchen Fällen gerichtliche Sicherheit zu schaffen, bedarf es operational handhabbarer Kriterien, die eine Wesensdefinition mit den Formeln von „Unfairness“ und „Unnatürlichkeit“ nicht zu liefern vermag (vgl. ebd., S. 181f.). Da auf Grund der rechtlichen Unklarheit eruiert wurde, dass eine Wesensdefinition des Dopings zu unscharf ist, wurde auf eine rein enumerative Dopingdefinition, die all diejenigen Substanzen und Verfahren auflistet, die als verboten angesehen werden, umgeschwenkt (vgl. ebd., S. 182ff.). Repräsentativ dafür ist die im Jahre 2000 von nahezu allen Sportarten und Nationen übernommene und mit der neu gegründeten Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) abgestimmte Definition der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (International Olympic Committee, IOC): „Doping ist die Verabreichung von Substanzen der verbotenen Wirkstoffgruppen oder die Anwendung verbotener Methoden im Sport“ (Müller, 2004, S. 10). Am 01.01.2004 wurde diese von der WADA durch Artikel 1 und 2 erweitert und gilt bis heute als aktuelle Definition des Dopings für den Sport (vgl. Müller, 2004, S. 10). Die WADA Definition definiert Doping rein enumerativ und listet die Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen auf (eine ausführliche Darstellung der Definition befindet sich in Anhang I). Der offensichtliche Vorteil einer solchen pragmatischen Dopingdefinition ist die Funktion, die Rechtssicherheit des Sports zu spezifizieren und von inhaltlichen Unbestimmtheiten zu befreien. Mit besagter Liste ist der Sprung vom undifferenzierten Wesensrecht zum differenzierten Verfahrensrecht gelungen. Konkret bedeutet dies, dass eine solche enumerative Liste im Unterschied zu allen Versuchen einer Wesensdefinition hinreichend eindeutige Entscheidungskriterien in rechtlichen Auseinandersetzungen an die Hand gibt (vgl. Bette & Schimank, 2006b, S.184).

Bette und Schimank (vgl. 2006b, S. 183ff.) konstatieren, dass eine solche Dopingdefinition in sozialer wie auch in zeitlicher Hinsicht viel besser handhabbar sei, und aufgrund der operationalen Eingrenzung des Verbotenen die Beliebigkeit einer Wesensdefinition eliminiert werde und eine Flexibilität gegenüber dem Erfindungsreichtum Dopingwilliger gewährleiste.

Allerdings stehen den operativen Vorzügen einer aufzählenden Dopingliste jedoch auch einige gewichtige Nachteile gegenüber. Die Veränderung der Dopingdefinition ist genau betrachtet kein Fortschritt bei der Lösung des Dopingproblems, sondern lediglich eine Problemverschiebung:

„War die Wesensdefinition unbrauchbar, weil nicht trennscharf und daher ohne größeres rechtliches Drohpotential, sind die enumerativen Definitionen bei einer entsprechenden Kontrollkapazität zwar einerseits durchaus abschreckend. Andererseits beinhalten sie die implizite Aufforderung, die Dopingverbote ohne jegliche moralische Skrupel kreativ zu umgehen“ (Bette & Schimank, 2006b, S. 185).

Damit wird ein Verzicht jeglicher moralischer Beurteilung von Doping signalisiert und eine moralische Haltung im Leistungssport völlig untergraben.

Eine pragmatische Definition erklärt Doping mit dem Vorliegen der im Anhang I angeführten Verstöße gegen die eigenen Anti-Doping-Bestimmungen. Eine genaue Bestimmung des Begriffs wird übergangen und lediglich alles als Doping bezeichnet, was als verboten gelte. Damit seien neuen Medikamenten, die noch nicht auf der Verbotsliste stehen, neue Wege bereitet. Es werden sozusagen Diejenigen belohnt, die diese Liste innovativ umgehen und sich nach neuen Methoden des „legitimen“ Dopings umschauen (vgl. ebd., S. 183ff.). Laut Krüger (vgl. 2000, S. 19f.) fehle einer enumerativen Dopingdefinition zudem die innere Logik und Konsequenz. Sprich, in einer solchen Definition geht es nicht mehr um Gesundheit oder Gerechtigkeit, sondern ausschließlich um einen politischen Prozess, der durch Kompromisse gekennzeichnet ist. Ferner bleibt unklar, nach welchen Kriterien Verbote ausgesprochen werden. Müller (vgl. 2004, S. 10) fragt hierzu treffend ob es explizit um Leistungssteigerung gehe oder ob eine allgemeine Leistungsbeeinflussung gemeint sei. Denn einige Kategorien von Dopingstoffen, wie z.B. Narkotika, Diuretika oder die Cannabinoide lassen eine Leistungssteigerung im engeren Sinne nicht erwarten.

2.2 Das Verständnis von Doping in dieser Arbeit

Anhand der obigen Ausführungen wird deutlich, dass die Formulierung einer allgemeingültigen und akzeptierten Definition des Dopings ein grundlegendes Problem der modernen Sportwissenschaft bleibt und womöglich nie gelöst werden kann. Für diese Arbeit bringen die Worte Sir Arthur Porrits’, dem Vorsitzenden der Britischen Gesellschaft für Sportmedizin im Jahr 1965, das Dilemma einer Dopingdefinition auf den Punkt:

„Doping zu definieren, ist sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, und dennoch wei l3 jeder, der Leistungssport treibt, oder der Dopingmittel verabreicht, genau was es bedeutet. Die Definition liegt nicht in Worten, sondern in der charakterlichen Integrität“ (zit. nach Hoberman, 1994, S. 122).

Mit diesen Worten und dem darin angeführten Verständnis von Doping sind die folgenden Ausführungen zu verstehen. Denn trotz der Definitionsschwierigkeiten des Begriffs Doping, weil3 jeder der sich Im Leistungssport befindet, was es bedeutet und welche Konsequenzen damit verbunden sind. Für diese Arbeit bedeutet dies konkret, dass der Begriff Doping negativ besetzt und als etwas dem Verständnis von Leistungssport zuwiderlaufendes verstanden wird. Der vorliegenden Arbeit liegt die Auffassung zu Grunde, dass Hochleistungssport und Sport generell grundsätzlich ohne Dopingmittel erfolgen sollte.

3 Soziologische Dimensionen des Dopings

Nachdem ein kurzer Überblick über die Definitions- und Abgrenzungsprobleme des Dopings gegeben wurde, sollen in diesem Abschnitt die zu untersuchenden soziologischen Dimensionen menschliches Handeln als soziales Handeln erklären. Der Mitbegründer der Soziologie Max Weber, definiert Soziologie als „[ .] eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. Handeln soll dabei ein menschliches Verhalten [ .] hei l3 en, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden“ (Weber, 1922, § 1. S. 1).

Menschliches Handeln sollte demnach immer auf deren Zielgerichtetheit untersucht werden. Berücksichtig werden muss dabei jedoch die Interaktion der Menschen miteinander, und u.U. auch die Abhängigkeit der Mitmenschen zueinander (vgl. Drever & Fröhlich 1968, S. 138). In Bezug auf den Leistungssport soll nun abweichendes Verhalten[6] ursächlich erklärt und unter dem Aspekt gegenseitig bedingender Elemente menschlichen Handelns und unter Merkmalen menschlicher Interaktion untersucht werden. Zumeist beschäftigen sich allgemeine soziologische Theorien bis heute mit der Erklärung des Handelns. Nicht die Erklärung der Handlungswirkung stand und steht überwiegend im Vordergrund des theoretischen Interesses (vgl. Schimank, 2000, S. 17).

3.1 Mikro-Ebene: Der Athlet im Fokus

Welche Aspekte führen Athleten zu der Entscheidung Dopingmittel einzusetzen?

An dieser Stelle werden die Handlungsantriebe und -bedingungen der Athleten auf der Mikro-Ebene beleuchtet, um ihre Neigung zu dieser Art von abweichendem Verhalten verstehen zu können.

Sportlerkarrieren unterliegen strukturellen Gefahren und sind nicht beliebig gestaltbar, sondern durchlaufen Sequenzen, die ein Zurückgehen oder einen freiwilligen Ausstieg ab einem bestimmten Punkt des Engagements als unwahrscheinlich erscheinen lassen. Sportler können am Anfang ihres Weges nicht überschauen, mit welchen Kosten und Nutzen sie aus ihrer eingeschlagenen Laufbahn heraustreten, die dann nur noch schwer zu ändern ist. Hürden, die Biografien zum Scheitern bringen oder in spezifische Problemsituationen treiben, sind in jedem sozialen Feld eingebaut, treten aber im Leistungssport in zugespitzter Weise auf. Sportlerkarrieren sind somit abhängig von einer Reihe typischer Einflussbedingungen, die sich in einer eigentümlichen Kombination verschärfend und dopingstimulierend auswirken können (vgl. Bette & Schimank, 1994, S. 31f). Bei der Analyse der soziologischen Dimension des Dopings auf der Mikro-Ebene mit dem Blick auf den Athleten soll im Folgenden eine Zwangsläufigkeit abweichenden Verhaltens[7] aufgezeigt werden.

3.1.1 Pfadabhängigkeit im Leistungssport

In diesem Kapitel sollen nun Möglichkeiten, aber auch Nöte von Sportlern im Leistungssport mit Hilfe von biografischen Überlegungen sowie die typischen Gemeinsamkeiten von Athletenbiografien herausgearbeitet werden, um damit die gegenwärtige Dopingmentalität im zeitgenössischen Leistungssport soziologisch verstehen zu können.

Eine biografietheoretische Betrachtung beschreibt den Vorgang der schrittweisen Selbstfestlegung einer Person. Das in dieser Untersuchung wichtigste Merkmal von Biografien im Leistungssport ist ihre Pfadabhängigkeit. Soziale Zwänge und Gelegenheiten grenzen den Spielraum der Lebensgestaltung erheblich ein. Dabei ist zu beachten, dass jede Selbstfestlegung in einer unterschiedlich großen Unwissenheit darüber geschieht, wohin eine bestimmte Entscheidung, ein bestimmter Pfad führt (vgl. March, 2004, S. 98). Personen können niemals ihre ganze Biografie überblicken und vorausplanen. An Scheidewegen rücken allenfalls wenige nächste Schritte und Möglichkeiten ins Visier. Der Einzelne weiß, dass er sich festlegt, er weiß aber nicht, worauf er sich damit längerfristig einlässt. Festlegungen eröffnen sicherlich neue Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft, schließen jedoch ungleich mehr ungewollte – aber eventuell später einmal vermisste – Optionen aus. Dieser Vorgang beinhaltet somit eine sukzessive Spezialisierung. Hat sich eine Person für einen Pfad entschieden, sind fortan die meisten anderen Möglichkeiten ausgeschlossen (vgl. Bette & Schimank, 2006a, S. 119f.).

Im Leistungssport zeigen sich die oben genannten Merkmale in einer spezifisch zugespitzten und eigentümlichen Weise. Sportlerkarriere sind aufgrund der geringen Erfolgsaussichten besonders stark von einer Pfadtreue abhängig, die die biografische Fixierung schnell fortschreiten lässt und eine Abweichung vom beschrittenen Pfad unwahrscheinlich macht (vgl. March, 2004, S. 98).

Die Wahl einer Sportlerkarriere erweist sich somit als enorm irreversibel. Jan Ullrich (vgl. 2005) schildert in seiner Biografie anschaulich, wie ein Sportler, angefangen mit der Talentsichtung, über den Wechsel in ein Sportinternat bis hin zum Einstieg in den professionalisierten Radsport in eine sich immer weiter verengende Pfadabhängigkeit gerät.

Leistungssportler geraten ähnlich wie Jan Ullrich mit einer zunehmenden Spezialisierung in eine biografische Fixierung, in der sie Entscheidungen treffen, die sie zuvor weit von sich gewiesen hätten. Athleten greifen plötzlich auf Dopingmittel zurück, die sie zu einem früheren Zeitpunkt – an dem noch viele biografische Wege offen standen – rigoros abgelehnt hätten (vgl. Bette & Schimank, 2006b, S. 40).

Biografien von Sportlerkarrieren weisen im Vergleich zu „Normalbiografien“ Pfadabhängigkeiten auf, die durch zeitliche, sachliche und soziale Wirkgrößen verstärkt werden. Wippert (vgl. 2008, S. 250) stellt in ihren Untersuchungen fest, dass im Leistungssport der Zeitaufwand für Wettkämpfe, Training, sportärztliche Betreuung, Regeneration und weitere sportbezogene Aktivitäten den größten Einzelposten – abzüglich Schlafenszeit - im Leben eines Athleten einnimmt, deutlich mehr als Familie, Schule oder später Studium, Beruf oder alle Arten der Freizeitgestaltung. Die zeitliche Gesamtbelastung der Spitzensportler liegt nach einer Studie von Conzelmann, Gabler und Nagel (vgl. 2001, S. 62ff.) im Durchschnitt bei 31,1 Stunden pro Woche. Bei einem Viertel der Athleten beansprucht der Zeitaufwand durch den Sport sogar mehr als 40 Stunden pro Woche. Im Gegensatz zu den Annahmen von Conzelmann et al. (vgl. 2001, S. 63ff.) kann - wie Wippert (vgl. 2008, S. 250) als auch Bette und Schimank (vgl. 2006b. S. 41ff.) bestätigen - davon ausgegangen werden, dass in Zukunft noch höher werdende Trainingsumfänge bei gleichzeitig zunehmendem Umfang für Vermarktungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu erwarten sind. Vergessen werden darf dabei nicht, dass die sportlichen Aktivitäten über ihre eigentliche Dauer hinaus körperliche und geistige Erschöpfung hervorrufen, die sich auch auf andere Aktivitäten auswirken. Nach einem morgendlichen Training leidet die Aufnahmefähigkeit in der Schule oder im Beruf; Partnerschaften und Freundschaften leiden unter demEntspannungsbedürfnis, das mit andersartigen Bedürfnissen des Gegenübers kollidiert (vgl. Bette & Schimank, 2006b, S. 41ff.).

Die zunehmende zeitliche Beanspruchung der Athleten begründet sich aus der Selbstüberbietungslogik des sportlichen Siegescodes[8], die sich immer rigoroser von den durch die soziale Umwelt zur Verfügung gestellten Ressourcen absetzt. Die verwissenschaftlichte, aber endliche Leistungsfähigkeit des Körpers hinkt dabei der unendlichen Steigerbarkeit des Siegescodes hinterher und führt zu einer Extensivierung des Trainings (vgl. ebd., S. 44).

In sachlicher Hinsicht findet eine zunehmende und immer früher einsetzende Prioritätensetzung für die Sportlerlaufbahn und gegen alle anderen Aktivitäten statt. Sport wird zum subjektiv Wichtigsten im Leben (vgl. Gläser & Laudel, 2009, S. 19). Alles was übermäßig und mehr als nur regenerativ vom Sport ablenkt, wird zu vermeiden versucht. Wurde sich erst einmal für eine Sportlerkarriere entschieden, steht der Leistungssport klar im Mittelpunkt aller Aktivitäten der Sportler. Im Gegensatz zu anderen Biografien, in denen die Arbeit oder Schule in der Regel nicht als Lebensmittelpunkt angesehen werden, entscheiden sich Athleten zumeist freiwillig, den Großteil ihrer Zeit dem Sport zu widmen. Diese sukzessive Isolierung und Fixierung auf den eigenen Sport verschließt zunehmend mögliche Wege eines zuvor noch offenen Lebenslaufs. Hat sich der Athlet in eine solche Pfadabhängigkeit begeben, gelingt es ihm nur schwer, sich dieser biografischen „Falle“ zu entziehen (vgl. March, 2004, S.98f.).

In sozialer Hinsicht läuft die biografische Fixierung auf eine spezifische Schließung der Kontaktkreise außerhalb der gewählten Sportart hinaus. Neben der mangelnden Zeit für Freunde und außersportlichen Bekanntschaften haben selbst Familienmitglieder und spätere Lebenspartner nur dann eine Chance, ihre zentrale Stellung im sozialen Umfeld des Athleten dauerhaft zu wahren, wenn sie dessen zeitliche und sachliche biografische Fixierung auf den Leistungssport tolerieren. Häufig werden, wie Franke und Ludwig (vgl. 2007, S. 42ff.) sowie Singler und Treutlein (vgl. 2001, S. 89ff.) schildern, sogar soziale Beziehungen wie Freunde oder Partner aus dem Unterstützungs- und Sportmilieu – andere Athleten, Trainer oder Verbandsfunktionäre – rekrutiert. Bekannte Beispiele sind etwa die Beziehung zwischen Cottrell John Hunter und Marion Jones sowie Grit Breuer und ihrem Trainer Thomas Springstein[9]. Athleten fühlen sich von Außenstehenden missverstanden und schotten sich gegenüber kritischen und ablehnenden Personen und deren Äußerungen zum Leistungssport ab. Dies kann bis hin zu einer sozialen Ausgrenzung aller Personen, die nicht in irgendeiner Weise in den Sport involviert sind, führen. Im Umkehrschluss sehnt sich der Sportler nach einem verständnisvollen Umfeld, welches den eingeschlagenen Pfad moralisch unterstützt. Häufig vermag nur ein soziales Umfeld, dass das Sporttreiben des Athleten nicht nur toleriert, sondern den Athleten aktiv und begeistert unterstützt, eine Stabilisierungsfunktion für eine gerade zu Beginn noch labile biografische Dynamik zu erbringen (vgl. Bette & Schimank, 2006b, S. 44ff).

Die zeitliche, sachliche und soziale biografische Fixierung darf nicht als unverbunden betrachtet, sondern muss vielmehr als eine einander wechselseitig verstärkende und parallel ablaufende Entwicklung wahrgenommen werden.

Vereinfacht zusammengefasst: je weniger Zeit für andere Dinge bleibt, desto wichtiger wird das Sporttreiben und desto mehr orientiert sich der Einzelne an den Akteuren seines sportlichen Unterstützungsmilieus. Je wichtiger die über den Sport bestehenden sozialen Kontakte werden, desto wahrscheinlicher, dass die Sportler sich auch in der verfügbaren Zeit nur noch mit den im Sport zusammenhängenden Personen beschäftigen. Daraus resultiert, dass der Leistungssport immer mehr zum Mittelpunkt des eigenen Lebens wird und je mehr Kontakt die Sportler zu Personen haben, die sie in ihrem Handeln bestätigen, desto totalisierender tun sie dies (ebd., S. 48).

Die Konsequenzen dieser vielschichtigen Verschränkungen sind eine zeitliche Dominanz und sachliche Priorität des Sporttreibens sowie eine soziale Ausschließung sportferner Personen, die zusammengenommen eine Pfadabhängigkeit verfestigen und nur schwer reversibel machen (vgl. ebd., S. 48).

Hat der Sportler den Sprung in den Leistungssport erst einmal geschafft, endet der Weg in die Pfadabhängigkeit keinesfalls, sondern spitzt sich weiter zu. Da der Spitzensport nur ein „Beruf auf Zeit“ ist, allerdings ohne eine soziale Absicherung und ohne jegliche weitere Berufsausbildung, muss der Athlet dafür sorgen, dass er während seiner aktiven Zeit genug Geld akkumuliert, um auch nach der Karriere ökonomisch abgesichert zu sein.

Ende 2007 veröffentlichte die offizielle Sportzeitung Chinas, dass 80 Prozent der etwa 300.000 ehemaligen Eliteathleten heute in Armut leben (vgl. Geipel, 2008, S. 135). Diese in der Sportlerrolle angelegte extreme biografische Zeitknappheit steigert den ökonomischen Erfolgsdruck. Athleten versuchen so lange wie möglich erfolgreich zu bleiben und steuern sich häufig mit einem erhöhten Trainingsaufwand in eine gesteigerte biografische Fixierung (vgl. Bette & Schimank, 2006a, S. 129ff.). March (vgl. 2004, S. 99) stellt weiterhin fest, dass im Leistungssport ein einziges Merkmal der Person, die Sportlerrolle, deren Individualität bestimmt. Demnach wird die biografische Fixierung durch einen individuellen Identitätsentwurf, der nach Bette und Schimank (vgl. 1994, S. 32) beim Spitzensportler als Leistungsindividualismus gekennzeichnet werden kann, noch verstärkt. Sobald sich ein Athlet im professionalisierten Sport befindet, besteht die einzige Möglichkeit der Individualisierung darin, besser zu sein als alle Mitkonkurrenten derselben Sportart. Danach zählt der Sieg alles – alles andere nichts. Eine verfestigte und zumeist irreversible Pfadabhängigkeit kann am Ende der Sportlerkarriere zu einer starken Identitätsverunsicherung führen. Auch Abraham (vgl. 2008, S. 243) sieht in einer zunehmenden Fixierung auf den Leistungssport und der dadurch bedingten geringeren Lebensalternativen die Gefahr des Identitätsverlustes und des psychischen Absturzes, sollte der Sport als „Lieferant“ für Identitätsgewissheit nicht mehr zur Verfügung stehen.

Abschließend kann festgehalten werden, dass Sportler, die ihre Identität auf dem Prinzip des Leistungsindividualismus begründen, durch ihre Körperabhängigkeit und dem Siegescode mit der Möglichkeit des Scheiterns konfrontiert werden. Eine zunehmende Pfadabhängigkeit und Fixierung ihrer Rolle als Leistungssportler und die damit einhergehenden verminderten Lebensalternativen können dazu führen, dass Athleten zu Maßnahmen greifen, die die prinzipielle Wahrscheinlichkeit des sportlichen Misserfolgs in mögliche Siegeschancen wandelt. Vor diesem Hintergrund ist Doping aus der Sicht der Athleten einzuordnen.

Beginnt der Sportler seine Situation zu reflektieren oder gerät in eine prekäre Situation aufgrund einer Verletzung oder Krankheit, in der beispielsweise der Verlust des Kaderplatzes droht, sowie finanzielle aber auch persönliche Zuwendungen verloren gehen, wächst der Stress und ein leistungssportimmanenter Druck entsteht, der eine weitere dopingstimulierende Wirkung hervorruft (vgl. Singler & Treutlein, 2001, S. 206ff.). Dies lässt auch einen wiederholten Dopingmissbrauch Ben Johnsons erklären, der aufgrund seiner Pfadabhängigkeit und seiner damit bedingten fehlenden Alternativen im abweichenden Verhalten die einzige Möglichkeit zur Fortsetzung seiner Karriere sah (vgl. Sörös & Vogel, 2008, S. 18ff.).

3.1.2 Leistungssportimmanenter Druck

Neben der soeben beschriebenen Pfadabhängigkeit sind Athleten einem leistungssportimmanenten Druck ausgesetzt, der sich insbesondere darin widerspiegelt, dass das Hauptrisiko eines Athleten in der Gefahr besteht, während der Karriere erfolglos zu sein. Der erwartbare Misserfolg begründet sich zunächst aus der spezifischen Wettbewerbs- und Konkurrenzorientierung im Spitzensport (vgl. Bette, 2008, S. 2). Dieses Risiko wird aufgrund des rasanten Modernisierungswandels und auftretender Phänomene, wie Internationalisierung, zunehmender Wettbewerbsdichte und einem sich ständig steigernden Leistungsniveau verstärkt. Ein Leistungsniveau, welches neue Maßstäbe festlegt, dem die Sportler zu entsprechen haben (vgl. Feiden & Blasius, 2008, S. 58). Bette (vgl. 2008, S. 2) verweist des Weiteren auf die Tatsache, dass Misserfolge der extremen Körperabhängigkeit leistungssportlichen Handelns entspringen. Gegenüber breitensportlichen Aktivitäten, die Menschen weniger leistungsorientiert ausüben und neben Berufen in der freien Wirtschaft, zeichnet sich der Spitzensport dadurch aus, dass der Athlet sowohl körperlich als auch psychisch immer auf ein kalkuliertes Ziel hin arbeiten muss. Allerdings hat der Athlet dafür nur eine sehr stark begrenzte Zeit zur Verfügung: Die professionalisierte sportliche Betätigung kann unter starkem Konkurrenzdruck zumeist nur über einen Zeitraum von ca. sechs bis zwölf Jahren ausgeübt werden (vgl. Fischer 1986, S. 62f.). Hinzu kommt ein hohes Risiko für Verletzungen. Singler und Treutlein (2001, S. 198) beschreiben die Brisanz einer Verletzungsgefahr im Spitzensport in ihren Untersuchungen. So verletzten sich Beispielsweise, „von 226 Erstliga-Basketballspielern in Frankreich in der Saison 1995/96 [ .] im Laufe der Saison 116“ (ebd., S.198).

Der nach Sieg und Niederlage sortierte Sozialbereich Leistungssport kann einem Athleten nach jahrelangem Aufwand und Investitionen die Motivation nehmen. Die enormen Belastungen können dazu führen, dass die Psyche leidet, weil der Sportler sich durch Ängste, Erfolgserwartungen oder durch den Druck der Öffentlichkeit überfordert sieht. Ein Engagement im Spitzensport kann daraufhin abrupt beendet werden. Risiken für Sportlerbiografien ergeben sich auch aus der Knappheit und Instabilität von Förderbedingungen und Kaderplätzen. Wer bis zu einer bestimmten Karrierephase nicht in ein institutionelles Förderprogramm aufgenommen wurde, hat kaum noch Chancen, als Spät- oder Seiteneinsteiger, metaphorisch gesprochen, auf den Karrierezug aufzuspringen (vgl. Bette, 2008, S. 2f). Auf der anderen Seite verspüren Sportler, die bereits in den Genuss von Fördermaßnahmen gekommen sind, den Druck, ihre Leistungen zu bestätigen, um die Unterstützung zu rechtfertigen (vgl. Feiden & Blasius, 2008, S. 55f.).

Auch die korporativen Akteure des Sports auf der Meso-Ebene, sprich Verbände, Trainer, Sponsoren und jegliche andere Mitglieder des Unterstützungsmilieus – auf die in Kapitel 3.2 noch genauer eingegangen wird – sind auf einen dauerhaften Erfolg ihrer Athleten angewiesen. Damit erfolgt eine gefährliche Verdopplung und Verstärkung des Leistungsdrucks für den Athleten. Die Sportler geraten in eine Situation, die die ohnehin schon vorhandene so genannte „Hochkostensituation“[10] ihres Handelns zusätzlich erhöht (vgl. Bette, 2008, S.3). Angesichts dieser strukturellen Zwänge wird die Dopingversuchung für viele Athleten zur einzigen Alternative, vor allem wenn durch Verletzungen oder durch eine Häufung von Misserfolgen die Psyche destabilisiert ist (vgl. Singler & Treutlein, 2001, S. 198).

Ein weiterer, verschärfender Faktor, der den Druck auf die Athleten verstärkt, ist die Zukunftsunsicherheit nach Beendigung der Sportkarriere. Die Angst vor einem Leben nach dem Leistungssport rückt besonders in den Vordergrund, wenn der Erfolg ausbleibt, die eigenen Leistungen stagnieren oder zurückgehen, plötzliche Verletzungen auftreten oder das Karriereende aufgrund außersportlicher Restriktionen absehbar wird (vgl. Bette, 2008, S. 3f.). Kaum jemand kümmert sich um die Situation der Sportler nach dem Karriereende. Der Ausstieg aus dem Leistungssport wird von vielen als biografische Bedrohung empfunden und verursacht negative psychische Konsequenzen (vgl. Singler & Treutlein, 2001, S. 198) Athleten, die den Sport zum Beruf gemacht haben stellen fest, dass ihnen nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, Erfolge zu erringen, die ihnen dann auch den Sprung aus der Karriere heraus ermöglichen, ohne dass sie in ökonomische Schwierigkeiten geraten. Mit dieser Erkenntnis beginnen wirtschaftliche Motive, das sportliche Leistungsstreben zu überformen.

Während zu Beginn des Sporttreibens in der Kindheit die spielerische Freude an der jeweiligen sportlichen Betätigung steht, oftmals ergänzt durch die Befriedigung von Geselligkeitsbedürfnissen oder einem Verpflichtungsgefühl gegenüber sportbegeisterten Eltern, wird beim Übergang zum professionellen Leistungssport die Maximierung ökonomischer Einkommens- und Karrierechancen zum dominanten Motiv. Die anfängliche Motivlage spielt dabei nur noch mehr oder weniger stark im Hintergrund eine Rolle. Rückt erst einmal die Sicherung der ökonomischen Zukunft in den Blick, wird auch dann der Sport weitergetrieben, wenn schon längst der Spaß daran verloren gegangen ist. Es kommt also darauf an, in der zeitlich begrenzten professionalisierten sportlichen Betätigung so viel wie möglich an Start- und Sponsorengeldern, Webeverträgen und Medienauftritten zu akkumulieren (vgl. Bette & Schimank, 2006a, S. 133). Daher ist es nicht verwunderlich, dass bei vielen eine steigende Bereitschaft aufkommt, mit Hilfe von leistungssteigernden und – konservierenden Substanzen das Karriereende hinauszuzögern (vgl. Singler & Treutlein, 2001, S. 198f). Sportlicher Erfolg ist unter diesem ökonomischen Druck dringlicher denn je, aber auch schwieriger zu erreichen und zwangsläufig unwahrscheinlicher, weil alle anderen Athleten der gleichen Sportart genauso existentiell darauf angewiesen sind und die Erfolge im Verhältnis zur Anzahl der Wettkampfteilnehmer extrem rar sind (vgl. Bette & Schimank, 2006a, S. 133).

Diese Druckkonstellationen und die ständige Gefahr der Erfolglosigkeit verursachen bei den Sportlern eine extreme psychische Belastung. In einer Umfrage der Zeitschrift „Sports illustrated“ (1997) antworteten 50% der 198 befragten amerikanischen Olympioniken und angehenden Olympioniken auf die Frage, ob sie verbotene, leistungssteigernde Substanzen einnehmen würden, wenn sie die Garantie hätten, damit alle Wettbewerbe in den nächsten fünf Jahren zu gewinnen, dann aber infolge des Dopings sterben müssten, mit „ja“. Dies verdeutlicht noch einmal in welcher zum Teil alternativlosen, fixierten und irreversiblen Situation die meisten Leistungssportler sich sehen (vgl. Sports illustrated, 1997, April 14, S. 62ff.; zit. nach Feiden & Blasius, 2008, S. 59).

Ein weiteres Beispiel für den in der Systemlogik des Leistungssports immanenten Druck ist die Aussage des Radprofis Richard Virenques während des Festina-Prozesses in Lille am 23.10.2000:

„Ich war wie ein Schaf in der Herde und hatte keine andere Wahl. Wenn ich es nicht getan hätte und nicht im Strom mitgeschwommen wäre, dann wäre ich sofort erledigt gewesen“ (zit. nach Singler & Treutlein, 2001, S. 147).

Die Nahzielorientierung „Sieg“ - „Wenn ich Olympiasieger werde, ist es mir egal, wenn ich in zehn Jahren tot bin“ (Gewichtheber zur Dopingproblematik, zit. nach Pilz, 1994, S. 49) – steht primär im Vordergrund. Hinzu kommt die ökonomische Zukunftsunsicherheit, welche die Orientierung zum Sieg hin verstärkt. Eine Reflektion oder gar das Vorhersehen von etwaigen Langzeitschäden des Sportlers bzw. des gesamten Sports erfolgt kaum. Sogar physische und psychische Schädigungen des Athleten oder Todesfälle werden unhinterfragt toleriert, zumal körperliche oder seelische Langzeitschäden mit vielen Jahren Verspätung eintreffen bzw. ärztlich nachweisbar werden. Die Konsequenz ist, dass sich Athleten, die erst einmal im professionellen Sport stecken, den Funktionsbedingungen des Spitzensports und deren Druckkonstellationen nicht entziehen können. Wer seinen Erfolg nicht gefährden und genügend ökonomische Ressourcen akkumulieren will, um auch in der Zukunft abgesichert zu sein, hat es schwer, sich der Leistungssteigerung mit Hilfe unerlaubter Mittel zu verweigern. Somit ist in der subjektiven Kosten-Nutzen-Kalkulation der Sportler abweichendes Verhalten, wenn es für leistungsfördernd gehalten wird, eine durchaus rational gebotene Strategie (vgl. Singler & Treutlein, 2001. S. 177ff). Bei dem festgestellten zweckrationalen Handeln wäre es verkehrt, bei Dopingfällen primär von einer Charakterschwäche der Athleten als Ursache auszugehen. Vielmehr handelt es sich – was für den Abweichler keine Entschuldigung sein soll – angesichts der beschriebenen Situation um ein erwartbares Verhalten (vgl. ebd., S. 204).

3.1.3 Konkurrenzdilemma der Sportler

Neben dem leistungssportimmanenten Druck, dem Athleten ausgesetzt sind, befinden sie sich in einer besonderen Konkurrenzkonstellation, welche abweichendes Verhalten stimuliert und somit mitverantwortlich dafür ist, dass Doping auf eine gewisse Zwangsläufigkeit zurückgeführt werden kann.

Zur Analyse dieses Phänomens eignen sich spieltheoretische Überlegungen, wie sie der norwegische Sportwissenschaftler Breivik 1987, sowie der Politikwissenschaftler Keck und der Ökonom Wagner 1990 entwickelt haben (vgl. Keck & Wagner. In Winter, 2006, S. 47). Der analytische Ausgangspunkt ist die Betrachtung zweier konkurrierender Leistungssportler derselben Disziplin. Diese Untersuchung entspricht dem „Prisoner’s Dilemma“ – der am meisten untersuchten und bekanntesten Spieltheorie (vgl. Coleman, 1991, S. 263ff.; Holler & Illing, 2009, S. 2ff.): Beide Sportler haben bei ihrem Streben, den anderen zu besiegen in Bezug auf das Dopingphänomen jeweils zwei Handlungsalternativen. Jeder von beiden hat die Möglichkeit zu dopen, um dadurch die eigenen Siegeschancen zu verbessern, oder darauf zu verzichten. Damit ergeben sich nach Winter (vgl. 2006, S. 47) sowie Bette und Schimank (vgl. 2006a. S. 253) vier ausführbare Resultate des Konkurrenzspiels:

(1) Beide dopen sich
(2) Sportler B dopt sich, Sportler A nicht
(3) Sportler B dopt sich nicht, Sportler A dopt sich
(4) beide bleiben abstinent.

Davon ausgehend, dass das Risiko entdeckt zu werden im Vergleich zur Verbesserung der eigenen Siegeschancen geringer ausfällt und die Gesundheitsgefährdung keine ausschlaggebende Rolle spielt, ergeben sich spieltheoretisch die größten Siegeschancen für B, wenn A sich nicht dopt, während er sich selbst dopt. Umgekehrt besteht aus Bs Sicht das schlechteste Ergebnis darin, dass er sich selbst nicht dopt, während A hingegen zu unerlaubten Mitteln greift. Die anderen beiden Möglichkeiten sind dadurch gekennzeichnet, dass für keinen ein Vorteil entsteht. Aufgrund einer positiven Kosten-Nutzen-Bilanz, wird B zum Doping tendieren. Dieselben Erwägungen hinsichtlich der vier Resultate stellt A an. Die rationalen Wahlen beider Athleten sind damit klar. Beide Akteure werden sich für die illegitimen Leistungssteigernden Mittel entscheiden. Es kommt zu einem suboptimalen Ergebnis mit einer Situation kollektiver Selbstschädigung (vgl. Winter, 2006, S. 47ff; Bette & Schimank, 1995, S. 250ff.). Hinzu kommt, dass sich B und A misstrauen und jeder vom anderen erwartet, dass er sich dopt.

„Weil B, indem er A misstraut, erwartet, dass dieser sich dopt, dopt sich B; und weil A genauso kalkuliert, verschränken sich ihre Erwartungen und die daraus hervorgehenden Handlungen derart, dass B As Doping und darüber sein eigenes Doping hervorruft – und umgekehrt“ (Winter, 2006, S. 49).

Doping wird zu einer Self-Fulfilling Prophecy und kann buchstäblich aus dem Nichts entstehen. Sportler brauchen nur voneinander zu glauben, dass der jeweils andere sich dopt und sich dann zum defensiven[11] Doping entschließen. Aus einer fiktiven Täuschung kann eine tatsächliche Abweichung entstehen (Bette & Schimank, 2006 a, S. 255 f.).

Athleten könnten einander, so Bette und Schimank (vgl. ebd. S. 256f.), sogar versprechen, auf Doping zu verzichten. Da aber keiner dem anderen im Konkurrenzdilemma glaubhaft machen kann, sich an das eigene Versprechen zu halten, könnte dies sogar als Täuschungsmanöver ausgelegt werden. Diese spieltheoretische Darlegung, beruhend auf einer Akteurkonstellation, lässt Doping als unvermeidlich erscheinen. Bette und Schimank (vgl. ebd. S. 258ff.) zeigen in ihren Ausführungen zu diesem Konkurrenzdilemma, dass, selbst wenn diese lebensferne Spieltheorie durch Umfeldakteure und unter Einbeziehung von Kontrollen ergänzt würde, müsste Doping als rationalste Lösung der Athleten angesehen werden:

„Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Konstellation dieser Akteure eine Dopingfalle konstituiert. Die miteinander konkurrierenden Athleten treiben einander wechselseitig sehenden Auges und trotzdem unvermeidbar in ein Dopinghandeln hinein. Und die Umfeldakteure können dies nicht nur nicht aufhalten, sondern tragen noch dazu bei, dass diese Falle sich auftut. Einzig die Dopingkontrolleure wären prinzipiell in der Lage, die Athleten aus dieser Falle zu befreien. Ob die Kontrolleure dies allerdings tun wollen und vor allem können, muss sich erst noch zeigen“ (Bette & Schimank, 2006a, S. 279).

Diese spieltheoretischen Überlegungen bestätigen die in der Einleitung angeführte Annahme, dass der illegitime Gebrauch leistungssteigernder Mittel nicht auf das moralische Versagen einzelner Athleten zurückzuführen ist, sondern durchaus zwangsläufig passiert und für den Sportler eine rationale Entscheidung darstellt.

3.1.4 Doping als illegitime Bewältigungsstrategie

Aus soziologischer Perspektive erscheint somit Doping aus den genannten Gründen der Pfadabhängigkeit, Druckkonstellationen und dem Konkurrenzdilemma als eine Strategie der Athleten, auf die spezifischen Möglichkeiten und Zwänge ihrer Situation zu reagieren.

In diesem Kapitel soll analytisch aufgezeigt werden, dass Doping auf Entscheidungen zurückgeht, die in einem bestimmten sozialen Handlungsfeld als Reaktion auf die spezifischen Kontextbedingungen des Leistungssports getroffen werden und weniger das Resultat individueller und umfeldunabhängiger Entscheidungen sind. Doping verweist, wie dargestellt, auf konkrete und typische Probleme, mit denen sich Sportler konfrontiert sehen und die sie zumeist immer unausweichlicher in eine Spirale der Anpassung durch Abweichung hineintreiben. Der Verstoß gegen geltende Normen passiert nicht zufällig, sondern kann als eine Reaktion auf die Zwänge und Möglichkeiten des Leistungssports angesehen werden. Sportler wägen die Vor- und Nachteile gegeneinander ab – davon abgesehen, dass einige Sportler hinter ihrem Rücken von Ärzten oder Trainern gedopt werden – und blenden die problematischen Konsequenzen des Dopings aus. Athleten setzen Doping im Leistungssport ein, um verschiedene Risiko- und Gefahrenquellen auszuschalten, die strukturell in Sportlerbiografien verankert sind (vgl. Wollin, 2007, S. 61). Generell soll abweichendes Verhalten ein Scheitern während der Karriere verhindern und die Zukunftssicherung trotz knapper ökonomischer Ressourcen gewährleisten.

[...]


[1] Mit Sportler, bzw. Athlet ist stets sowohl die männliche als auch die weibliche Form gemeint. Generell sind in dieser Arbeit bei maskulinen Formen die femininen Formen immer eingeschlossen. Ist explizit nur von Frauen die Rede, wird die feminine Form verwendet. Dies dient lediglich der sprachliche Einfachheit und Lesbarkeit der Arbeit und ist in keinem Falle diskriminierend zu verstehen.

[2] Die Begriffe Leistungssport, Spitzensport und Hochleistungssport werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[3] Biologische und medizinische Herangehensweisen werden dabei außer Acht gelassen und Doping als juristisches Thema wird nur im Kontext soziologischer Betrachtungen herangezogen.

[4] Bedeutend für die Anwendung psychotroper Anregungsmittel (Diskodroge), als Aufputschmittel in der freien Wirtschaft oder als Einsatz von Arzneimitteln bei Tieren in Stresssituationen (z.B. beim Transport von Schweinen).

[5] Insbesondere im Profiradsport.

[6] Abweichendes Verhalten wird hier allgemein als Gegensatz zu regelkonformen Verhalten und dem Verzicht von Dopingmitteln verstanden.

[7] Die Formen illegitimen Verhaltens lassen sich unter dem Begriff des abweichenden oder - wie bei Lüschen (1994) sowie Bette und Schimank (1994, 2006a, 2006b) - des devianten Verhaltens subsumieren. Abweichendes Verhalten entsteht dem Soziologen Merton zufolge als Anpassung an Anomie. Es beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand, der durch ein Ungleichgewicht zwischen Werten und Normen einerseits und den sozial-strukturell unterschiedlich verteilten Mitteln andererseits hervorgerufen wird. Der Zustand der Anomie liegt vor, wenn die kulturelle Struktur Verhalten oder Einstellungen verlangt, die mit den Mitteln, die der sozialen Struktur zur Verfügung stehen, verhindertwerden. Bezogen auf die Dopingproblematik bedeutet dies, dass die kulturelle Struktur, hier also die signifikant hohe Bewertung des Erfolges, des Sieges, des Rekordes und die permanente Leistungssteigerung, in Widerspruch zur Sozialstruktur gerät, womit die in einer Gesellschaft vorhandenen legalen Mittel gemeint sind (vgl. Emrich, 1994, S. 7-9 Die anderen Schlucken auch. Olympische Jugend. In Schiffer, 2001, S. 15).

[8] Unter dem sportlichen „Siegescode“ wird die teilsystemische Ausdifferenzierung des Hochleistungssports verstanden, die auf dem Prinzip von Sieg und Niederlage beruht. Siehe dazu: Bette & Schimank, 1995, S. 36- 46, Stichweh, 1990, S. 384-388.

[9] Weitere Erläuterungen, siehe: Franke & Ludwig; Der Verratene Sport. Die Machenschaften der Doping-Mafia. Täter, Opfer und was wir ändern müssen. 2007, S. 42ff, 127ff.

[10] Leistungssportler befinden sich aufgrund ihrer totalisierten Sportlerbiografie verbunden mit ihrer Pfadabhängigkeit, der biografischen Fixierung und dem Druck der Umfeldakteure in einer „Hochkostensituation“. Das heißt, der Akteur befindet sich in einer Situation, die ihn dazu zwingt, enorme Investitionen zu tätigen, ohne zu wissen, ob sich der angestrebte Erfolg einstellt. Siehe dazu auch: Schimank, 2000, S. 95f.

[11] Defensives Doping: Doping wird eingesetzt, um einen Nachteil auszugleichen. Athleten gehen davon aus, dass ihre Konkurrenten so wirkungsvoll gedopt sind, dass sie nachziehen müssen. Offensives Doping: Doping wird eingesetzt, um sich einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu verschaffen. Athleten nehmen an, gegen ungedopte anzutreten (vgl. Bette & Schimank, 2006a, S. 183).

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Soziologische Dimensionen des Dopings - Lösungsstrategien betrugfreien Leistungssports
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
101
Katalognummer
V135190
ISBN (eBook)
9783640427864
ISBN (Buch)
9783640423972
Dateigröße
1222 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologische, Dimensionen, Dopings, Lösungsstrategien, Leistungssports
Arbeit zitieren
Christian Altkemper (Autor), 2009, Soziologische Dimensionen des Dopings - Lösungsstrategien betrugfreien Leistungssports, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135190

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