Nach Ansicht der literaturwissenschaftlichen Forschung ist die Beziehung zwischen Vater und Tochter in besonderer Weise für den Untergang der Familie in den bürgerlichen Trauerspielen verantwortlich. Demnach wird der Ausgang der Handlung und das Schicksal der Protagonistin durch das Wesen dieser Verbindung bestimmt. Diesem Aspekt widmet sich die vorliegende Ausarbeitung im Rahmen einer exemplarischen Analyse der Vater-Tochter-Beziehung in den bürgerlichen Trauerspielen „Emilia Galotti“ (1772) von Gotthold Ephraim Lessing und „Kabale und Liebe“ (1784) von Friedrich Schiller mit anschließender kontrastiver Gegenüberstellung.
Literaturhistorisch gesehen entstammen beide Werke der Epoche der Aufklärung. „Kabale und Liebe“ wird jedoch aufgrund seiner Entstehungszeit und signifikanter Merkmale bereits der literarischen Strömung des Sturm und Drang zugeordnet, die Ausdruck eines soziologischen Wandels ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Patriarchalismus als Strukturprinzip der Familie im 18. Jahrhundert
3 Das Bedeutung der Vater-Tochter-Beziehung in der Literatur
4 Lessings „Emilia Galotti“ (1772)
4.1 Familienkonstellation mit Blick auf den Vater als Oberhaupt
4.2 Charakterisierung des Vater-Tochter-Verhältnisses
5 Schillers „Kabale und Liebe“ (1784)
5.1 Familienkonstellation mit Blick auf den Vater als Oberhaupt
5.2 Charakterisierung des Vater-Tochter-Verhältnisses
6 Kontrastive Gegenüberstellung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Vater-Tochter-Verhältnis in den bürgerlichen Trauerspielen "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing und "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, um den Zusammenhang zwischen patriarchaler Familienstruktur und dem tragischen Schicksal der Protagonistinnen zu analysieren.
- Patriarchalismus als gesellschaftliches Ordnungsprinzip im 18. Jahrhundert
- Die zentrale Bedeutung der Vater-Tochter-Beziehung in der bürgerlichen Literatur
- Analyse der Machtstrukturen und väterlichen Erziehungsmethoden
- Kontrastiver Vergleich der zwei Dramen hinsichtlich Rollenbildern und Emotionalität
- Untersuchung der Abhängigkeit der Tochter von väterlichen Wertesystemen
Auszug aus dem Buch
Charakterisierung des Vater-Tochter-Verhältnisses
Odoardo ist der liebende, aber zugleich autoritäre Vater der kleinbürgerlichen Familie in der Epoche der Aufklärung. Er bezeichnet sich selbst im Verhältnis zu seiner Ehefrau und seiner Tochter als einen „Mann und Vater, der euch so herzlich liebet.“ Odoardo wird jedoch nicht nur als liebender Vater charakterisiert, sondern auch als moralisch richtende Instanz nach der Ansicht Kopfermanns dargestellt. Er tritt sowohl seiner Ehefrau als auch seiner Tochter misstrauisch gegenüber. Seine Reaktion auf die Begegnung Emilias mit dem Prinzen im Haus der Grimaldis macht diese Gegebenheit deutlich. Dementsprechend bezieht sich sein Argwohn auf die Missachtung der familiären Regeln und Werte. Das Verhältnis von Odoardo und Emilia Galotti wird durch das bereits hinreichend erläuterte patriarchalische Muster geprägt. Die Autoritätsverhältnisse, welche für das Patriarchat gelten, werden in dieser Beziehung eingehalten. So steht Emilia in der Abhängigkeit von ihrem Vater, dem Hausherrn, der über die Einhaltung ihrer Tugend wacht. „Odoardo hat seine Familie also in doppelter Hinsicht im Griff, zum einen durch die Ausübung traditioneller Autorität (...) und zugleich auch durch die Bande der Liebe.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf familiäre Konflikte in bürgerlichen Trauerspielen des 18. Jahrhunderts und definiert die Analyse der Vater-Tochter-Beziehung bei Lessing und Schiller als Forschungsgegenstand.
2 Patriarchalismus als Strukturprinzip der Familie im 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel erläutert das Konzept des Patriarchalismus als ethisches und gesellschaftliches Fundament, welches die Vormachtstellung des Vaters innerhalb der kleinbürgerlichen Familie rechtfertigt.
3 Das Bedeutung der Vater-Tochter-Beziehung in der Literatur: Hier wird untersucht, wie die Vater-Tochter-Verbindung zum zentralen, oft tragikbestimmten Element in zeitgenössischen literarischen Werken wird.
4 Lessings „Emilia Galotti“ (1772): Dieses Kapitel analysiert das soziale Milieu der Familie Galotti und die durch Odoardo ausgeübte, stark moralisch geprägte Kontrolle über seine Tochter Emilia.
5 Schillers „Kabale und Liebe“ (1784): Hier wird das Familienbild bei Schiller untersucht, wobei der Musikant Miller als patriarchalische Vaterfigur agiert, der allerdings erste Anzeichen soziologischen Wandels erkennen lässt.
6 Kontrastive Gegenüberstellung: Dieses Kapitel vergleicht die väterlichen Strukturen und die Entwicklung der Töchter in beiden Werken, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Tragik ihrer Schicksale aufzuzeigen.
7 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass in beiden Dramen die starre Abhängigkeit der Töchter vom väterlichen Wertesystem, welches als moralisches Gewissen fungiert, maßgeblich zu ihrem tragischen Untergang beiträgt.
Schlüsselwörter
Vater-Tochter-Verhältnis, 18. Jahrhundert, Bürgerliches Trauerspiel, Patriarchat, Emilia Galotti, Kabale und Liebe, Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Schiller, Familienhierarchie, Autorität, Tugend, Moral, Empfindsamkeit, Abhängigkeit, Rollenbilder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Dynamik und die Machtstrukturen zwischen Vatern und Töchtern in bürgerlichen Trauerspielen des 18. Jahrhunderts am Beispiel von Lessings "Emilia Galotti" und Schillers "Kabale und Liebe".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören das patriarchalische Gesellschaftsmodell des 18. Jahrhunderts, die Rolle der väterlichen Autorität, die sittliche Erziehung der Tochter sowie der Einfluss gesellschaftlicher Wandel auf das Familiengefüge.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass der tragische Ausgang der Handlungen in beiden Werken direkt mit der engen, von Abhängigkeit geprägten Vater-Tochter-Beziehung und dem verinnerlichten väterlichen Wertesystem verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung erfolgt im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen, komparatistischen Studie, die auf Fachliteratur und Werkanalysen basiert, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Dramen strukturiert gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die Familienkonstellationen als auch das spezifische Vater-Tochter-Verhältnis in beiden Werken einzeln analysiert, bevor eine kontrastive Gegenüberstellung der Ergebnisse erfolgt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Patriarchalismus, Familienhierarchie, Tugendvorstellungen, Rollenbilder, "Über-Ich" (im Kontext der väterlichen Autorität) sowie der soziologische Wandel zur Empfindsamkeit.
Inwiefern unterscheidet sich Schiller in der Darstellung der Vaterfigur von Lessing?
Während Odoardo Galotti weitgehend desinteressiert an der individuellen Persönlichkeit seiner Tochter bleibt und sie strikt nach normativen Idealen kontrolliert, zeichnet Schiller mit Miller einen einfülsameren Vater, dessen Zuneigung jedoch durch traditionelle ständische Zwänge begrenzt bleibt.
Welche Rolle spielt der Begriff des "Über-Ichs" bei der Analyse der Töchter?
Der Begriff, entlehnt aus der Freud'schen Terminologie, beschreibt, wie die Töchter die väterlichen Moralnomen so tief verinnerlicht haben, dass diese als innere moralische Instanz wirken, die jegliche eigene Willensautonomie unterdrückt.
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- Anonym (Author), 2016, Das Vater-Tochter-Verhältnis in Lessings „Emilia Galotti“ und Schillers „Kabale und Liebe“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1352323