Die Effekte des Bodyblades. Auswirkungen auf chronische Rückenschmerzen, Kraftentwicklung und Mobilität

Eine empirische Studie


Diplomarbeit, 2006
155 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Thematik
2.1. Ursachen und Symptomatik von Rückenschmerzen
2.2. Anatomische Grundlagen
2.2.1. Aufbau der Wirbelsäule
2.2.2. Bandapparat der Wirbelsäule
2.2.3. Die Muskulatur
2.2.3.1. Bauchmuskulatur
2.2.3.2. Rückenmuskulatur
2.3. Bedeutung von Haltung und Bewegung
2.3.1. Bewegungssteuerung
2.3.2. Fehlhaltungen

3. Schmerz
3.1. Einordnung des Begriffes
3.2. Die Bedeutung defizienter Muskulatur für die Schmerzentstehung
3.3. Die Bedeutung defizienter Koordination für die Schmerzentstehung
3.3.1. Propriozeption
3.3.2. Körperwahrnehmung und Propriozeption als Ansatzpunkte zur Schmerzbeeinflussung

4. Ziele und Hypothesen der Arbeit

5. Eine neue Trainingskonzeption und seine Wirkung
5.1. Das Trainingsgerät Bodyblade
5.2. Die rhythmische neuromuskuläre Stimulation nach Nazarov
5.3. Eigenschaften der Schwingung

6. Probanden und Methoden
6.1. Probanden
6.1.1. Trainingsgruppe
6.1.2. Kontrollgruppe
6.2. Primärdatenerhebung
6.2.1. Fragebogendesign
6.2.2. Kraftmessung mit DAVID-Geräten
6.2.2.1. Maximalkrafttest und Messung der Mobilität
6.2.2.2. Messfehler
6.3. Training
6.3.1. Trainingsablauf und Inhalt
6.3.1.1. Beidarmige Positionen
6.3.1.2. Einarmige Positionen
6.3.2. Belastungsgefüge und Hintergründe
6.3.2.1. Belastungsgefüge
6.3.2.2. Trainingsablauf
6.4. EDV und Statistik

7. Ergebnisse
7.1. Ergebnisse bezüglich Schmerz
7.1.1. Trainingsgruppe
7.1.1.1. Nominalskalierte Variablen
7.1.1.2. Ordinalskalierte Variablen
7.1.2. Ergebnisse bezüglich Schmerz, Kontrollgruppe
7.1.2.1. Nominalskalierte Variablen
7.1.2.2. Ordinalskalierte Variablen
7.1.3. Gruppenvergleich bezüglich Schmerz
7.2. Gesundheitszustand und PDI
7.2.1. Gesundheitszustand
7.2.2. Ergebnisse bezüglich PDI
7.3. Ergebnisse bezüglich Kraft,
7.3.1. Trainingsgruppe
7.3.2. Kontrollgruppe
7.3.3. Gruppenvergleich Kraft
7.4. Ergebnisse bezüglich Mobilität
7.4.1. Trainingsgruppe
7.4.2. Die Kontrollgruppe
7.4.3. Gruppenvergleich
7.5. Korrelationen

8. Mögliche Erklärungsansätze und Diskussion
8.1. Schmerz
8.1.1. Allgemeines
8.1.2. Biopsychosoziale Effekte
8.1.2.1. psychische und soziale Effekte
8.1.2.2. körperliche Effekte
8.1.2.3. Signifikanzniveau
8.1.3. PDI und Gesundheitszustand
8.2. Kraft
8.3. Beweglichkeit

9. Ausblick

10. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Physiologische Krümmungen der Wirbelsäule

Abb. 2: Schematische Darstellung der Wirbelkörper

Abb. 3: Bandapparat der Wirbelsäule

Abb. 4: Bauchmuskulatur

Abb. 5: Lateraler Trakt der autochthonen Rückenmuskulatur

Abb. 6: Medialer Trakt

Abb. 7: Beeinflussung von Haltung und Bewegung

Abb. 8: Schmerzverarbeitung

Abb. 9: Das sensomotorische System

Abb. 10: Trainingspositionen (1) und (7)

Abb. 11: Trainingspositionen (4) und (2)

Abb. 12: Trainingsposition (8)

Abb. 13: Trainingspositionen (9) und (6)

Abb. 14: Trainingspositionen (3), (5) und (10)

Abb. 15 : Gründe für eine positive Schmerzänderung (Trainingsgruppe)

Abb. 16: Gründe für gleichbleibende Schmerzen (Trainingsgruppe)

Abb. 17: Veränderung der Schmerzregion (Trainingsgruppe)

Abb. 18: Veränderung der Schmerzregion insgesamt (Trainingsgruppe)

Abb. 19: Veränderung Schmerzeintritt (Trainingsgruppe)

Abb. 20: Veränderung Linderungsmöglichkeiten (Trainingsgruppe)

Abb. 21: Gründe für Rückenschmerzen (Trainingsgruppe)

Abb. 22: Veränderung der Schmerzhäufigkeit (Trainingsgruppe)

Abb. 23: Veränderung der Schmerzintensität (Trainingsgruppe)

Abb. 24: Veränderung der Schmerzintensität (Mittel der Wochen )

Abb. 25: Gründe für keine Veränderung (Kontrollgruppe)

Abb. 26: Veränderung der Schmerzregion (Kontrollgruppe)

Abb. 27: Veränderung der Schmerzregion insgesamt (Kontrollgruppe)

Abb. 28: Veränderung Eintrittszustand (Kontrollgruppe)

Abb. 29: Veränderung Linderungsmöglichkeiten (Kontrollgruppe)

Abb. 30: Veränderung der Schmerzursache (Kontrollgruppe)

Abb. 31: Veränderung der Schmerzhäufigkeit (Kontrollgruppe)

Abb. 32: Veränderung der Schmerzintensität (Kontrollgruppe)

Abb. 33: Veränderung des Gesundheitszustandes im Gruppenvergleich

Abb. 34: Veränderung des Pain Disability Indexes im Gruppenvergleich

Abb. 35: Veränderung Kraftwerte Sagittalextension und -flexion (Trainingsgruppe)

Abb. 36: Veränderung Kraftwerte Rotation rechts und links (Trainingsgruppe)

Abb. 37: Veränderung Kraftwerte Lateralflexion rechts und links (Trainingsgruppe)

Abb. 38: Veränderung Kraftwerte Sagittalextension und -flexion (Kontrollgruppe)

Abb. 39: Veränderung Kraftwerte Rotation rechts und links (Kontrollgruppe)

Abb. 40: Veränderung der Kraftwerte Lateralflexion rechts und links (Kontrollgruppe) .

Abb. 41: Veränderung der Kraftwerte im Gruppenvergleich

Abb. 42: Mobilitätsveränderung Rotation rechts und links (Trainingsgruppe)

Abb. 43: Mobilitätsveränderung Lateralflexion rechts und links (Trainingsgruppe)

Abb. 44: Mobilitätsveränderung Rotation rechts und links (Kontrollgruppe)

Abb. 45: Mobilitätsveränderung Lateralflexion rechts und links (Kontrollgruppe)

Abb. 46: Mobilitätsveränderung im Gruppenvergleich

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Mögliche Symptome von Rückenschmerzen

Tab. 2: Besonderheiten der Wirbelkörper

Tab. 3: Wesentliche Merkmale der einzelnen Muskelfasertypen

Tab. 4: Haltungsstörungen

Tab. 5: Trainingsgruppe

Tab. 6: Kontrollgruppe

Tab. 7: Borg - Skala

Tab. 8: Vor -und Nachteile offener und geschlossener Fragen

Tab. 9: Absolute und relative Kontraindikationen für einen Maximalkrafttest

Tab. 10: Reihenfolge der Trainingsgeräte und Hauptfunktionsmuskulatur

Tab. 11: Variablen zur Medianbestimmung bei gehäuften Daten

Tab. 12: Signifikanzniveau

Tab. 13: Trainingshäufigkeit

Tab. 14: Änderung der Schmerzen durch das Bodyblade-Training (Trainingsgruppe)

Tab. 15: Änderung der Schmerzen durch das Bodyblade-Training (Kontrollgruppe)

Tab. 16: Interpretation des Korrelationskoeffizienten

Tab.17: Zusammenfassung der Irrtumswahrscheinlichkeiten der Kraftwerte

Tab. 18: Zusammenfassung der Irrtumswahrscheinlichkeiten der Mobilitätswerte

Tab. 19: Zusammenfassung der Ergebnisse

1. Einleitung

Rückenschmerzen zählen mittlerweile zu den größten Herausforderungen für die Gesund- heitsversorgungssysteme in den Industrienationen (vgl. Jäckel / Gerdes, 1998, S.11), und sind die „derzeit teuerste 'gutartige' Zivilisationskrankheit“ (Straub / Steinmetz, 1993, S.

6). Das Auftreten von Rückenschmerzen kann unter anderem mit der phylogenetischen Aufrichtung der Wirbelsäule und somit deren Umgestaltung im Lauf der Entwicklung erklärt werden (vgl. Pfeil, 1988, S. 7), was zu einem Kompromiss zwischen Mobilität und Stabilität der Wirbelsäule geführt hat (vgl. Putz, 2005, S. 68). Allein diese Aussage macht deutlich wie sehr sich kleinste Veränderungen auf die Balance des Systems Wirbelsäule auswirken müssen und dass das System positiv beeinflusst werden kann.

Dieser Aspekt ist insbesondere deshalb wichtig, da Haltung und die Fähigkeit das Gleich- gewicht zu halten nicht angeboren sind, sondern erlernt werden können und müssen. Dies kann bei Beobachtung von Säuglingen, die den aufrechten Stand und die willkürliche Ak- tivierung ihrer Muskulatur erproben, festgestellt werden. Die Evolution hat die Vorausset- zungen für den aufrechten Gang geschaffen, was hohe Anforderungen an die Rückenmus- kulatur stellt. Damit eine gute Haltung nicht „verlernt“ wird, muss der Mensch aktiv wer- den.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen im heutigen Computerzeitalter erleichtern die Erfül- lung dieser Forderung nicht. Sitzen ist zwischenzeitlich zur „Hauptbeschäftigung“ gewor- den, Bewegungsmangel ein oft verwendeter Ausdruck im Gesundheitssystem. Dass sich dieser Zustand bei technischem Fortschritt und zunehmender Vernetzung in Zukunft nicht ändern wird, kann als erwiesen angesehen werden. Bei dem auf Bewegung ausgelegten Menschen führt die Konfrontation mit den oben genannten Bedingungen fast zwangsläufig zur Beeinflussung der Wirbelsäulenbalance. Über muskuläre Veränderungen kommt es zu einer negativen Anpassung der Muskulatur (vgl. Steinacker, 2006, o.S.) und somit zu Hal- tungsschäden und Rückenschmerzen. Welche Faktoren neben Kraft- und Mobilitätsdefizi- ten noch als Ursache oder Folge von Rückenschmerzen genannt werden können, wird im Folgenden abgehandelt.

Laut einer Broschüre der AOK - die arbeitsplatzbezogene Rückenschule- leiden ca.62 % der Frauen und 56 % der Männer an Rückenschmerzen, 20 % droht eine Chronifizierung (vgl. AOK, 2003, S.3ff.). Die Rückenschmerzen liegen mit 18% der Arbeitsunfähigkeits- tage (AU-Tage) im Baugewerbe, 15 % im Handel und 11 % bei Banken und Versicherun- gen meist an erster Stelle. Laut Denner ( vgl. 1997, S. 1.2 ) sind dabei vor allem die Berei- che LWS und HWS die Problemzonen. Auch die BKK bestätigt den Trend, dass Rücken- schmerzen auf dem Vormarsch sind. In einer Statistik der Arbeitsunfähigkeitstage 2004 lassen sich 80 % der Fehltage ursächlich auf nur 6 Krankheitsgruppen beziehen, davon sind die meisten Fehltage (26,7 %) den Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems zuzu- schreiben, worunter auch Rückenschmerzen fallen (vgl. BKK, 2005, S.11 ) . Rücken- schmerzen sind damit eine der häufigsten Ursachen für Krankheitstage und zudem ver- bunden mit langen Ausfallzeiten. Dass dies hohe Kosten für Betriebe, Verwaltung, Kran- kenkassen, sogar für die gesamte Volkswirtschaft zur Folge hat, ist offensichtlich. Daher sollte es ein gesellschaftliches Anliegen sein, Betroffenen die Möglichkeit zu geben wie- der Lebensqualität zu erlangen, ihre Schmerzen zu verringern, und dadurch Fehltage zu reduzieren.

Nach Ansicht von Rasev ( vgl. o.D., S. 1 ff ) beruhen die meisten Rückenschmerzen auf einer Fehlsteuerung der Haltung. Mit dem Propriomed können Rückenschmerzen nach seiner Theorie reduziert werden.

Das Bodyblade, ein aus den USA stammendes Trainingsgerät, ist dem von Rasev be- schriebenen Propriomed sehr ähnlich. Das aus Glasfiber bestehende Blatt lässt sich mit Muskelkraft in Schwingung versetzten. Die Schwingung wirkt wie ein Oszillator auf die ausgleichende Muskulatur, was laut Hersteller viele physiologische, neuronale und hor- monelle Reaktionen zur Folge haben kann. Ob durch ein Training mit dem Bodyblade auch Rückenschmerzen in Intensität und Häufigkeit verändert oder sogar behoben werden können und inwieweit dies mit einer positiven Veränderung der Kraft- und Mobilitätswer- te in Verbindung gebracht werden kann, soll mit dieser Studie untersucht werden.

Das Training mit einem oszillierenden Trainingsgerät wie dem Bodyblade kann auch dem propriozeptiven Training zugeordnet werden, wie man unter anderem aus dem Titel Post- urale Propriozeptive Therapie (PPT) der Trainingstherapie mit dem Propriomed von Rasev schließen kann. Diese Therapieform hat in den letzten Jahren Einzug in die Rehabilitation gehalten, wobei Geräte wie beispielsweise der Posturomed oder die Powerplate verwendet werden. Betrachtet man die Literatur, so muss man allerdings feststellen, dass die meisten Geräte zum Training der unteren Extremitäten dienen ( vgl. Weishaupt, 1998, S. 90 ).

Folglich existieren auch nur wenige Studien zur Wirksamkeit mechanischer Schwingung auf Rumpf und obere Extremitäten. Indem subjektive und objektive Daten bezüglich der Wirksamkeit eines oszillierenden Trainingsgerätes auf die oberen Extremitäten und den Rumpf einander gegenüber gestellt werden, soll mit dieser Arbeit ein Beitrag zur Schließung dieser Lücke geleistet werden.

2. Einführung in die Thematik

2.1. Ursachen und Symptomatik von Rückenschmerzen

„Backache has affected human beings throughout recorded history. What has changed is how it has been understood and managed“ (Allan / Waddell, 1989, S. 17 ).

Die Ursachen für Rückenschmerzen sind sehr vielfältig und nicht nur auf Bewegungs- mangel am Arbeitsplatz oder in der Freizeit zu reduzieren. Dennoch sind Fragen bezüglich der Entwicklung und Ätiologie der Rückenschmerzen weitgehend ungeklärt.

Auch die Autoren Kohlmann / Schmidt ( 2005, S.9 ) gehen „von einem komplexen Zusammenwirken zahlreicher Einflussgrößen aus sehr unterschiedlichen Merkmalsbereichen aus“. In Anlehnung an Streicher (vgl. Streicher, 2004, S. 6 ff. ) werden die von Keel (vgl. 1998, S. 167) genannten auslösenden und zur Chronifizierung beitragenden Faktoren den übergreifenden Aspekten sozialer Status, Lebensstil, Psyche, Arbeitsplatz und klinischen Faktoren untergeordnet (vgl. Kohlmann / Schmidt 2005, S.9 ff ):

Zunächst ist festzuhalten, dass zwischen der Prävalenz von Rückenschmerzen und dem Lebensstil kein eindeutiger Zusammenhang existiert (vgl. Kohlmann / Schmidt, 2005, S. 11 ). Während Kelsey (vgl. 1990, o.S., zitiert nach Streicher, 2004, S. 11) beispielsweise Rauchen als Risikofaktor bestimmen konnte, wird dies von anderen Autoren ( vgl. Lebouf-Yde, 1999, S. 1469 ) nicht bestätigt. Eine Begründung für Rauchen als mögliche Ursache der Schmerzen steht noch aus.

Als relativ gesichert gilt allerdings das Bestehen einer Verbindung zwischen sozialem Status und dem Auftreten von Rückenschmerzen. Zufriedenheit am Arbeitsplatz sowie berufliche Erfüllung wirken präventiv in Bezug auf Rückenschmerzen. (Vgl. Streicher, 2004, S. 11) Nach Opper ( vgl. 1998, S. 66 ) bestätigen auch andere Autoren diese Tendenz. Hohe berufliche Qualifikation, Abwechslung, Arbeitszufriedenheit, allgemeines Wohlbefinden, Durchsetzungskraft und Selbstkontrolle stellen gewissermaßen ein Schutzschild dar. Diese Faktoren lassen letztendlich auch auf einen Zusammenhang zur Psyche schließen, worauf im Folgenden eingegangen wird.

Nach Basler (vgl. 1998 S. 68 ff.) haben Rückenschmerzen auch eine bedeutende psychologische Dimension. In der Biopsychologie gibt es unterschiedliche Ansätze, die den Zusammenhang zwischen Schmerz und Psyche erklären. Im behavioralen Modell spielt das Schmerzgedächtnis vor allem bei der Chronifizierung von Rückenschmerzen eine wichtig Rolle. Nach diesem Modell verstärkt sich das Schmerzverhalten eines Patienten wenn dieser die Erfahrung macht, dass seine Schmerzäußerungen positive Konsequenzen haben, wie es beispielsweise dann der Fall ist, wenn der Lebenspartner besonders fürsorglich ist oder ihm Verantwortung abgenommen wird.

Daneben steht das Diathese-Streß-Modell, welches deutlich macht, dass bei Menschen mit einer genetischen Disposition Stresssituationen dazu führen können, dass die Muskulatur angespannt wird und infolgedessen auch weniger durchblutet wird. Aufgrund der Aus- schüttung schmerzauslösender Substanzen kommt es dann zur Reizung der Schmerzsenso- ren ( vgl. Flor / Birbaumer, 1994, o.S. zitiert nach Basler, 1998, S. 68). Damit ist auch zu erklären warum Angst, Frustration oder Trauer oft zu muskulären Verspannungen führen, welche sich langfristig negativ auf Muskulatur und Haltung auswirken. Freude und Glück können dagegen positive Reaktionen, im Sinne von Entspannung, hervorrufen ( vgl. Til- scher / Eder, 1994, S. 43 ). Diese Tatsache macht man sich auch beim Biofeedback zu nutze, womit Schmerz über das Kennenlernen der schmerzfreien Situation psychisch kont- rolliert werden kann. Zuletzt ist der kognitive Ansatz zu nennen, welcher die Bewertung des Schmerzes miteinschließt. Wird die Situation als hoffnungslos und nicht kontrollierbar angesehen, resignieren die Patienten ( vgl. Basler, 1998, S. 69 ).

Auch Gegebenheiten unserer Gesellschaft sind bei der Suche nach Ursachen von Rücken- schmerzen aufzuzeigen. Betrachtet man das Gesundheitssystem, so ist „um eine bessere Behandlung zu erreichen, ... eine fundamentale Umstrukturierung des Gesundheitssystems notwendig“ ( Waddell, 1998, S. 96 ), wodurch sich das Behandlungsangebot verbessern könnte. Waddell fordert in diesem Zusammenhang eine klare Aufgabenverteilung: Es sollten weniger röntgenologische Untersuchungen durchgeführt und statt dessen die Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen zu mehr Verantwortung geführt werden. Er verlangt auch, dass physikalische Therapien noch früher aktivieren und die Funktionsfähigkeit wieder herstellen sollen sowie Voraussetzungen dafür schaffen müssen den Arbeitsalltag zu meistern ( vgl. Waddell, 1998, S.93 ff. ). Streicher ( vgl. 2004, S.12 ) bekräftigt diese Aussage damit, dass zu viele passive Therapien und überholte Therapieansätze nicht zur Bewältigung des Problems Rückenschmerz beitragen.

Nicht zuletzt spielen auch klinische Faktoren wie degenerative Veränderungen eine große Rolle. Unter dem Aspekt, dass unser Körper eigentlich nur für ein Leben bis 30 oder 40 Jahren ausgelegt ist ( vgl. Putz, 2005, S. 68 ), sind degenerative Erkrankungen sicherlich auch Folge des Alterungsprozesses und können nicht nur der kompromissbereiten Ent- wicklung unserer Wirbelsäule oder anderen Risikofaktoren für Rückenschmerzen zuge- schrieben werden. Krämer / Grifka ( vgl. 2005, S. 28 ) fassen folgende Risikofaktoren für altersbedingte degenerative Erkrankungen (wie Arthrose o.Ä.) zusammen:

Flüssigkeitsverlust der Bandscheiben und mögliche Rissbildung geringere Durchlässigkeit für Nährstoffe im Gelenkknorpel Entkalkung von Knochen Abnahme der Sehnenelastizität Dennoch leiden immer mehr junge Menschen unter der Zivilisationskrankheit Rückenschmerz. Durch muskuläre Unterbelastung, Fehlstellung, traumatische Störungen sowie Haltungs- und Stellungsabweichungen kann es zu muskulären Dysbalancen1 und somit zu biomechanischen Veränderungen kommen, was eine Schmerzreaktion hervorrufen kann (vgl. Neumann, 1998, S. 15).

Der oben genannten Auflistung kann mit der Begründung, dass die Bandscheiben zur op- timalen Nährstoffversorgung belastet werden müssen Bewegungsmangel hinzugefügt werden, welcher von verschiedenen Autoren ( vgl. Krämer / Grifka, 2005, S.155 und Streicher, 2004, S. 6 ) als weitere Ursache genannt wird. Dieser kann neben einer Zunah- me des Körpergewichts auch eine verminderte Leistungsfähigkeit und Stoffwechselstö- rungen nach sich ziehen, was den Teufelskreis zur Inaktivität mit all ihren Folgen wie Stress, Muskelverspannung, Schmerz und Befindensstörung eröffnet. Dennoch wird der Aspekt Bewegungsmangel kontrovers diskutiert. Begründet werden kann dies zum einen damit, dass die Bewegungsqualität entscheidend ist, zum anderen ist es möglich dass bei entsprechenden Studien „methodische Unzulänglichkeiten zu der Unterschätzung geführt haben“ (Hoogendorn / Poppel / Bongers / Koes / Bouter, 1999, S. 397 ff).

Dem Bewegungsmangel können natürlich auch Koordinations- und Kraftdefizite zugeschrieben werden. Denner ( vgl. 1998, S. 3 ff. ) hat mit seiner Studie bestätigt, dass der Funktionszustand der Muskulatur des Stütz- und Bewegungsapparates bei denjenigen Personen, die unter Rückenschmerzen leiden meßbar defizient ist. Allerdings konnte die Frage, ob diese Defizite Ursache oder Folge der Beschwerden sind bisher nicht schlüssig beantwortet werden (vgl. Denner, 1998, S. 2.20).

Eine mangelnde Stabilisierung der vertikalen Körperposition ist nach Rasev ( vgl. o.D., S. 3 ) zu den häufigsten Schmerzursachen der heutigen Zeit zu zählen, was er mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen in Verbindung bringt. Vor diesem Hintergrund scheinen sporttherapeutische Ansätze wie Kräftigung, Mobilisation sowie Verbesserung der Koordination zur Reduktion der Schmerzen durchaus sinnvoll.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Ursachen der Rückenbeschwerden aufgrund der beschriebenen Komplexität oft nicht bekannt sind. Häufig handelt es sich um Funkti- onsstörungen der Wirbelsäule, Blockierungen oder Instabilität mit häufig nicht zu ver- nachlässigenden Folgen (siehe Tab.1). Dieses Phänomen kann mit dem Begriff „unspezi- fische Rückenschmerzen umschrieben werden, während bei spezifischen Rückenschmer- zen klinische Hinweise zur Aufklärung der Ursache führen (vgl. Raspe / Kohlmann, 1998, S.27 ).

Letzteres ist Aufgabe der Medizin, weshalb an dieser Stelle nicht näher darauf eingegan- gen wird. Im Folgenden werden unspezifische Rückenschmerzen im Mittelpunkt stehen.

Tab. 1: Mögliche Symptome von Rückenschmerzen ( vgl. Tilscher / Eder, 1994, S.24 )

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch Bandscheibendegeneration hervorgerufene Krankheitsbilder werden als Wirbelsäulensyndrome bezeichnet. Unterschieden nach der Lokalisation spricht man von Cervical, Thorakal oder Lumbalsyndromen. ( Vgl. Krämer / Nentwig, 1999, S. 104) Ein Therapieansatz zur Reduktion von Rückenschmerzen ist aufgrund der vielfältigen biopsychosozialen Einflussfaktoren nicht einfach zu entwickeln.

2.2. Anatomische Grundlagen

2.2.1. Aufbau der Wirbelsäule

Auch die anatomische Struktur der Wirbelsäule ist ein Grund dafür, dass Schmerzrezeptoren bei Dysbalancen und Fehlstellungen leicht gereizt werden können und somit Rückenschmerzen zu den häufigsten Beschwerden zählen. ( Vgl. Krämer, 1993, S.199 )

Die Wirbelsäule ist Teil des Rumpfes, welcher aus Rücken (Dorsum), Brustkorb (Thorax) und Bauch (Abdomen) besteht. Ihr Aufbau dient dem aufrechten Gang, was sowohl Stabi- lität als auch Beweglichkeit erfordert. Durch die Verbindung vieler Wirbel sind viele Be- wegungsmöglichkeiten gegeben. Die Aufgaben der Wirbelsäule sind nach Weineck (vgl. 2000a, S. 85 ):

Schutz vom Rückenmark Bewegung

Stützfunktion

Abfederung von Erschütterungen (doppelte Krümmung)

Zwischen den Wirbelkörpern liegen die Bandscheiben (disci intervertebrales). Sie beste- hen aus einem Faserring (anulus fibrosus) und einem druckfesten Kern im Zentrum, dem nucleus pulposus ( vgl. Schiebler, 2005, S.193 ). Bei Belastung passen sich die Bandscheiben der Bewegungsrichtung der Wirbelkörper an ( vgl. Huch / Bauer, 2003, S. 131 ). Da es sich um bradytrophes Gewebe handelt, ernähren sich die Bandscheiben über Diffu- sion. Diese Tatsache macht klar, dass „die Bandscheibe von der Bewegung lebt“ (Krämer / Grifka, 2005, S. 156 ), da der Wechsel zwischen Be- und Entlastung den Stoffaustausch fördert.

Die Wirbelsäule besteht aus 33-34 Wirbeln, vertebrae (vgl. Weineck, 2000a, S.71). Weineck differenziert

7 Halswirbel

12 Brustwirbel

5 Lendenwirbel

5 verknöcherte Wirbel des Kreuzbeins das Steißbein.

Wie aus nebenstehender Abbildung (Abb. 1) her- vorgeht, unterscheidet man beginnend an der Hals- wirbelsäule die Halslordose (4), Brustkyphose (3), Lendenlordose (2) und Sakralkyphose (1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Physiologische Krümmungen der Wir- belsäule (modifiziert nach Kapandji, 1999, S.7)

Jeder Wirbel besteht aus Wirbelkörper, -kanal, - bogen, Quer- und Dornfortsatz, ausgenommen Atlas und Axis (siehe Abb. 2). Die Gelenke, welche die Wirbel verbinden, werden Zwi- schenwirbelgelenke genannt und bilden zusam- men mit der Bandscheibe und zwei Wirbelkör-

pern ein Bewegungssegment ( vgl. Schiebler, 2005, S. 194).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Schematische Darstellung der Wirbel- körper (modifiziert nach Kapandji, 1999, S. 11)

Aufgrund der zunehmenden Druckbelastung von der Halswirbelsäule (HWS) zur Len- denwirbelsäule (LWS) unterscheiden sich die Wirbel in den einzelnen Wirbelsäulenberei- chen bezüglich Form, Größe und Aufgabenstellung ( vgl. Tittel, 2003, S. 77ff. ). Tab. 2 fasst dies in Anlehnung an Tittel zusammen:

Tab. 2: Besonderheiten der Wirbelkörper.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Kreuzbein ist die Verbindung zu den unteren Extremitäten. Um die Stabilität zu ver- bessern, sind die Wirbelkörper im unteren Teil der Lendenwirbelsäule miteinander ver- wachsen. Aufgrund muskulärer und ligamentärer Verbindungen, die als Adaptation in Folge der Beckenaufrichtung während der Evolution zu deuten sind, ist es leicht nachzu- vollziehen, dass sich anatomische und funktionelle Störungen von Becken und dem LWS - Bereich gegenseitig beeinflussen. (Vgl. Vleeming, 2005, S.77 )

Unterstützt wird die Wirbelsäule von der Rücken- und Bauchmuskulatur, welche zum einen Bewegung ermöglicht, zum anderen die Wirbelsäule zusammen mit den Bändern als funktionelle Einheit stabilisiert und im Lot hält.

2.2.2. Bandapparat der Wirbelsäule

Die Längsbänder Lig. longitudinale posterius (2) und Lig. longitudinale anterius (1) stabili- sieren die Wirbelsäule in Richtung Rücken und Bauchraum ( vgl. Schiebler, 2005, S.194 f.). Das Lig. longitudinale posterius hemmt eine übermäßig Beugung und sichert die Zwischen- wirbelscheiben, während das Lig. longitudinale anterius eine zu starke Dorsalflexion verhindert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bandapparat der Wirbelsäule (modifi- ziert nach Kapandji, 2001, S.71 ).

Zwischen den Wirbelbögen ist das Lig. flavum (3) aufgespannt. Diese elastischen Bänder halten 2 Wirbelkörper zusammen und ziehen die Wirbelsäule in eine Streckung. Das Lig. interspinale (4) verbindet zwei Dornfortsätze und ist dorsal mit dem Lig. supraspinale (5) verbunden. Zusammen mit den Ligg. intertransversaria (zwischen den Querfortsätzen) sollen diese Bänder eine zu starke Ventralflexion verhindern (siehe Abb. 3).

2.2.3. Die Muskulatur

2.2.3.1. Bauchmuskulatur

Die oberflächliche 2 Schicht bildet der M. rec- tus abdominis. M. transversus abdominis so- wie M. obliquus externus und internus abdo- minis liegen tiefer. Huch und Bauer ( vgl. 2003, S. 135 ) beschreiben die Muskelfunkti- on wie folgt (siehe auch Abb. 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Bauchmuskulatur (modifiziert nach Ka- pandji, 2001, S. 81 )

Der M. rectus abdominis (1) nähert Thorax und Becken an, ist für die Vorwärtsbeugung des Rumpfes oder Hebung des Beckens zuständig.

M. transversus abdominis (2) hat die Aufgaben Bauchpresse, den Bauch einzuziehen sowie den intraabdominalen Druck zu steigern.

Die seitliche Bauchmuskulatur wird außen von M. obliquus externus abdominis und innen vom M. obliquus internus abdominis gebildet.

Einseitig dreht der M. obliquus externus abdominis (3) den Rumpf zur Gegenseite, nähert Thorax und Becken einander auf der selben Seite an. Beidseitig beugt er zusammen mit dem M. obliquus internus abdominis die BWS und LWS, ist für die Exspiration und Bauchpresse zuständig.

Der M. obliquus internus abdominis (4) dreht bei einseitiger Kontraktion den Rumpf zur gleichen Seite, neigt die Wirbelsäule zur Seite.

2.2.3.2. Rückenmuskulatur

Bezüglich der anatomischen Lage der Rückenmuskulatur unterscheidet man die tiefe, autochthone Muskulatur, die mittlere Schicht (M. serratus posterior inferior (1)), und die oberflächliche Muskulatur. Hierzu gehören nach Schiebler (vgl. 2005, S. 202 f.):

M. latissimus dorsi

M. trapezius.

Die autochthone oder paravertebrale Muskulatur wird auch als M. erector spinae bezeichnet. Man unterscheidet einen medialen, tiefliegenden Strang (Abb. 6 ) und einen lateralen, oberflächlichen Strang (Abb. 5).

Lateraler Strang

Der laterale Trakt lässt sich in intertransversale und spinotransversale Muskeln untergliedern.

1. Intertransversale Muskulatur:

M. iliocostalis (3)

M. longissimus (2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Lateraler Trakt der autochthonen Rückenmuskulatur (modifiziert nach Ka-

2. Spinotransversale Muskulatur:

M. splenius cervicis

M. splenius capitis

Medialer Trakt

Der mediale Trakt setzt sich zusammen aus schräg ver- laufender und vertikaler Muskulatur:

1. Schrägsystem (1)

Mm. rotatores breves et longi Mm. multifidi

M. semispinalis

2. Geradsystem

Mm. interspinales (2), zwischen den Dornfortsätzen Mm. intertransversarii

Mm. spinalis (3)

pandji, 2001, S. 83)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Medialer Trakt (modizifiert nach Kapandji, 2001, S. 83)

Die Fascia thoracolumbalis (4) (siehe Abb. 5) verbindet Rücken- und Bauchmuskulatur und ist damit von großer Bedeutung für die Körperhaltung. So wirkt z.B. eine kräftige Bauchmuskulatur stabilisierend und entlastend auf die Wirbelsäule. ( Vgl. Schiebler, 2005, S.209)

Die Gliederung der Rückenmuskulatur ist in der Literatur nicht einheitlich beschrieben. Rasev unterteilt die autochthone Muskulatur z.B. in segmentale Muskulatur, welche ein Wirbelsäulensegment umschließt und polysegmentale, mehrere Wirbel umfassende Anteile. ( Vgl. Rasev, o.D., S. 6 ) Die Muskulatur wird hinsichtlich ihrer Struktur in phasische und tonische Muskulatur eingeteilt. Die segmentale Muskulatur ist der tonischen, Halte- funktion übernehmenden Muskulatur (Slow Twitch) zuzuordnen. Diese Art von Muskelfa- sern tendieren zur Verkürzung und Tonuserhöhung (vgl. Camerius / Horst / Stratthaus, 1998, S. 335 ). Tab. 3 zeigt die Merkmale der unterschiedlichen Fasertypen. Die tiefer gelegene Rückenmuskulatur ist hauptsächlich der tonischen, haltenden Muskulatur zu- zuordnen.

Die polysegmentale, phasische (Fast Twitch) Muskulatur ist daneben für Lagewechsel und Bewegung zuständig. Kennzeichen dieser Muskelgruppe sind niedriger Muskeltonus3 und oftmals Insuffizienz.

Tab. 3: Wesentliche Merkmale der einzelnen Muskelfasertypen (modifiziert nach Badtke, 1999, S. 27 )

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3. Bedeutung von Haltung und Bewegung

Haltung und Bewegung werden wie oben bereits erwähnt, von verschie- denen Aspekten beeinflusst, welche in Abb. 7 zusammenfassend aufge- führt sind. Um die Entstehung mus- kulärer Dysbalancen und den Schmerz als Folge dessen verstehen zu können, soll hier ein kurzer Ex- kurs zur Bewegungssteuerung stattfinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Beeinflussung von Haltung und Bewegung (modifiziert nach Bittmann / Badtke, 1994, S. 62)

2.3.1. Bewegungssteuerung

Die segmentale Muskulatur hat die Aufgabe die Wirbelsäulenposition mittels Feinjustie- rung und Ausrichtung der Gelenkkörperposition auch antizipatorisch einzustellen und im Lot zu halten. Laube bezeichnet diese Aufgaben des sensomotorischen Systems als Stütz- motorik (vgl. 2001, S.9 ). Hiermit sind die Stabilisierung der Körperhaltung (sowohl sta- tisch als auch dynamisch) sowie Gleichgewichtsfähigkeit und Stellungssinn gemeint. Hin- zu kommt die Steuerung der segmentalen Koordination, welche beispielsweise bei Kör- perschwerpunktverlagerungen (verursacht z.B. durch Herztätigkeit) gefordert wird. Diese Aufgabe übernehmen vor allem die tiefer gelegenen Rückenmuskeln ( vgl. Rasev, o.D., S. 8 ).

Mit Zielmotorik nennt Laube (vgl. 2001, S. 9) eine weitere Aufgabe des sensomotorischen Systems und bezieht sich dabei auf die phasische Muskulatur. Rasev spricht in diesem Fall von „Lageveränderung“. Dabei kommt es nach seiner Meinung zu einer Hemmung der posturalen (haltenden) Programme, um eine Behinderung der Bewegung durch die Kraft der Agonisten zu verhindern. (Vgl. Rasev, o.D., S.10 )

Ist die Muskulatur der Stütz- oder Zielmotorik beispielsweise durch Fehlhaltungen über- fordert, wird sie von der jeweils anderen Muskulatur unterstützt (vgl. Rasev, o.D. S. 18), was zu Überforderung (Ischämie) der aushelfenden Muskulatur führen kann. Diese verän- derte Aufgabenverteilung (Innervation) führt zu muskulären Dysbalancen, welche aufgrund unharmonischer Schwingungen der Muskulatur den pH -Wert sinken lassen. Die Zellen werden weniger leistungsfähig, was einen Teufelskreis in Richtung Immobilität einleitet. Hält diese Veränderung der nervalen Ansteuerung längere Zeit an, können Ge- websstrukturen zerstört werden, was letztlich in Organschäden enden kann. ( Vgl. Be- schreibung der Zellprozesse bei „biomechanischer Muskelstimulation“, o.D., S.1)

Freiwald / Engelhard / Reutter ( 1998, S. 167 ) verstehen unter muskulärer Balance die Kennzeichnung prozesshafter Abläufe durch die „anforderungsgerechte Homöostase aller an den arthronalen Systemen beteiligten nervösen und humoralen Funktionen und Struktu- ren mit physiologischer Potenz“. Des Weiteren führen die Autoren aus, dass es z.B. über statische Haltepositionen zu Veränderungen der Homöostase kommen kann, was sich in Abweichungen struktureller Befunde mit intra- und interindividuellen Werten bemerkbar macht. Diese Veränderungen können pathophysiologische Bedeutung erlangen. Wenn Veränderungen Beschwerden verursachen und leistungseinschränkend sind, spricht man von muskulären Dysbalancen. Von den Auswirkungen können nervöse, humorale Funktionen sowie arthronale Systeme betroffen sein.

Das erste Stadium der Funktionseinschränkung kann nach Laube ( vgl. 2001, S. 9) als reversibel bezeichnet werden, wohingegen das zweite Stadium mit koordinativen Störungen sowie beginnenden Beschwerden gekennzeichnet werden kann.

2.3.2. Fehlhaltungen

Störungen der sensomotorischen Koordination und somit der Körperwahrnehmung können Ursache für Fehlbelastungen und langfristig auch für Fehlhaltungen sein. Nach Laube ( vgl. 2001, S. 9 ) führen akute Verletzungen und degenerative Erkrankungen zu vergleich- bar negativen Ergebnissen was die Funktionalität betrifft. Diese einschränkenden Folgen limitieren sowohl Trainierbarkeit als auch Koordination und manifestieren sich in Hal- tungsstörungen. Diese werden von Engst / Fenski / Pätzold / Stecher / Tshisuaka / Witzel (vgl. 2002, S. 653) in Haltungsschwäche, Haltungsschäden und angeborene Haltungsstö- rungen (siehe Tab. 4) unterteilt.

Tab. 4: Haltungsstörungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bezüglich der Ursachen für Haltungsstörungen sollte zwischen Fehlstatik und Fehldyna- mik unterschieden werden. Sowohl bei Fehlstatik als auch bei -dynamik kommt es auf- grund statischer bzw. dynamischer Überbelastung zu Schmerz. ( Vgl. Tilscher / Eder, 1994, S. 42f. )

3. Schmerz

3.1. Einordnung des Begriffes

„Schmerz ist genauso wie Hunger und Durst ein Urphänomen des Lebens“ ( Eyrich, 2002, Geleitwort) und wird von der internationalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (vgl. Merskey / Bogduk, 1994, o.S. ) wie folgt definiert:

4 Unter Skoliose versteht man eine fixierte Seitverbiegung der Wirbelsäule. Nichtfixierte Seitverbiegungen heißen skoliotische Fehlhaltung ( vgl. Krämer / Grifka, 2005, S.211).

5 „wachstumsbedingte vermehrte Kyphose der mittleren und unteren BWS“ (Krämer / Grifka, 2005, S. 137).

„An unpleasant sensory and emotional experience associated with actual or potential tis- sue damage, or described in terms of such damage. Pain is always subjektiv“ (vgl. Mers- key / Bogduk, 1994, o.S.). Schmerz ist also unter anderem ein Gefühlserlebnis. Es ist nicht wichtig ob eine Gewebeschädigung vorliegt, oder lediglich die Möglichkeit dazu gegeben ist ( vgl. Straub / Steinmetz, 1993, S.7 ). Häufig können keine Ursachen für Rücken- schmerzen gefunden werden, weshalb Therapiekonzepte oft nicht anschließen können. Auch sind 90 % der Skoliosen idiopathisch - ursächlich nicht erklärbar ( vgl. Krämer / Grifka, 2005, S.139).

Schmerz entsteht in verschiedenen Phasen (siehe Abb. 8). Chemische, thermische oder mechanische Noxen reizen die Nozizeptoren6 (vgl. Birbaumer / Schmidt, 2003, S. 328). Auch die durch Fehlhaltungen ausgelöste Ischämie (siehe Abschnitt 2.3.1) ist nozizeptiv. Über afferente Fasern wird das Signal Schmerz zum Rückenmark geleitet. Dort angelangt werden Neurotransmitter ausgeschüttet, die auf das limbische System und den Thalamus sowie auf segmentale Neurone wirken. Die Wahrnehmung erfolgt über das zentrale Ner- vensystem, von wo aus auch die Schmerzkontrolle erfolgt. Dies geschieht über beeinfluss- bare Hemmsysteme, die die Empfindlichkeit regulieren. Die motorische Reaktion auf das Schmerzsignal sind Schonhaltung und Schutzreflexe. Die vegetative Reaktion kann mit einer gesteigerten oder verminderten Durchblutung einhergehen ( vgl. Krämer / Nentwig, S. 8 ff. ).

„Schmerzhemmende Systeme sind aktivierbar durch elektrische Stimulation, z.B. transku- tane elektrische Nervenstimulation (TENS), Morphineinwirkungen, afferente Stimulation (Akupunktur), psychische Einflüsse (Stress) und durch Bewegung“ ( Krämer / Nentwig, 1999 S. 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Schmerzverarbeitung (Krämer / Nentwig, 1999, S. 8 )

In der Literatur erscheinen unterschiedliche Arten von Schmerz. Je nach Lokalisation un- terscheidet man viszerale (Eingeweideschmerzen) von somatischen Schmerzen (Oberflä- chen oder Tiefenschmerz). Rückenschmerzen fallen unter die Kategorie somatischer Tie- fenschmerz, wobei Muskeln, Bindegewebe, Knochen oder Gelenke die Schmerzquellen sind (vgl. Striebel, 2002, S.10 f. ). Striebel nennt zusätzlich psychosomatische Schmerzen, die dann entstehen können, wenn im Rahmen eines Schmerzsyndroms psychische Kom- ponenten in die Schmerzverarbeitung einfließen. Dies ist bei chronischen Rückenschmer- zen häufig der Fall.

Eine weitere Möglichkeit zur Klassifikation von Schmerz ist neben der qualitativen Eintei- lung die Gliederung in akute und chronische Schmerzen. Akute Schmerzen zeigen Schä- den des Organismus an, sind oft leicht lokalisierbar und in ihrer Intensität vom Grad der Schädigung abhängig (vgl. Straub / Steinmetz, 1993 S. 7.). Diese Schmerzen lösen Schutzreaktionen aus wie z.B. das Wegziehen des Fußes wenn man in einen Kaktusstachel tritt. Durch Ruhigstellung des verletzten Körperteils wird die Wundheilung gefördert und das Stadium des Heilungsverlaufs angezeigt, wenn die Schmerzen sich verringern ( vgl. Striebel, 2002, S.1). Der Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen wird als Chronifizierung bezeichnet (vgl. Krämer / Nentwig, 1999, S. 3). Von chronischem Schmerzen spricht man ab einer Dauer von sechs Monaten ( vgl. Striebel, 2002 S. 1 ). Letztgenannte stellen ein eigenständiges Krankheitsbild dar ( vgl. Krämer / Grifka, 2005, S. 25 ) und haben ihre Warnfunktion verloren. Nach Keel begünstigen unter anderem folgende Faktoren die Chronifizierung von Rückenschmerzen (vgl. 1998, S. 167):

passive und resignative Einstellung

Schmerzpersönlichkeit (wie z.B. Angst vor Abhängigkeit, Perfektionismus)

krankheitsspezifische Faktoren wie schwierige Krankheitssituation, divergierende Be- handlungsansätze, Depressionen, Teufelskreis, schlechte Arzt-Patienten-Beziehung. Alter

erstmaliges Auftreten

niedriges Bildungsniveau.

Straub / Steinmetz unterteilen Rückenschmerzen in nicht-radikuläre (mechanisch beding- te) und radikuläre Schmerzen. (Vgl 1993, S. 47 ff.) Nicht-radikuläre Schmerzen treten häufiger auf ( 90 %)und werden oft durch Fehlstellungen der Gelenke ausgelöst. Ausstrah- lungen in Gesäß, Leiste, laterale und dorsale Seite des Oberschenkels sind nicht auszu- schließen und schlecht lokalisierbar (vgl. Straub /Steinmetz, 1993, S. 48). Ein Beispiel hierfür ist Lumbago mit Muskelhartspann. Bei dieser Schmerzart wirkt Bewegung meist lindernd (vgl. Striebel, 2002, S.145-147). Der Übergang zu radikulären Schmerzen ist fließend. Darunter versteht man Schmerzen, „die ihren Ursprung in einer Kompression der Nervenwurzel haben und einen nozizeptiven Reiz auslösen“ ( Straub / Steinmetz, 1993, S. 51).

3.2. Die Bedeutung defizienter Muskulatur für die Schmerzentstehung

Verschiedene Autoren7 haben die Beeinflussung von Rückenschmerzen durch Kräftigung untersucht (vgl. Denner, 1997, S. 1 ff; vgl. Bringmann / Tauchel, 1989, S. 211 ff). Um einer Überforderung der Muskulatur präventiv entgegen zu wirken und Fehlhaltungen zu verhindern, scheint es sinnvoll, die Muskulatur zu kräftigen und somit Defizite frühzeitig zu beheben.

Straub / Steinmetz ( vgl. 1993, S. 90 ) stellen fest, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen Defizite aufweisen bezüglich:

allgemeiner und spezieller Kraftleistungsfähigkeit Dehnfähigkeit

koordinativen Fähigkeit (Gleichgewichtsfähigkeit) cardio-pulmonaler Ausdauerfähigkeit

Auch Kessler / Neef / Grupp / Kollmannsberger / Traue ( vgl. 1994, S. 388 ) bestätigen muskuläre Instabilität im Zusammenhang mit Rückenschmerzen. In einer eigenen Studie wurde eruiert, dass Muskelaufbautraining eine signifikante Abnahme der Schmerzen be- wirkt. Allerdings müssen Trainingsmaßnahmen langfristig angewandt werden.

Denner ( vgl. 1997, S. 1ff.) postuliert, dass Rückenschmerzen durch muskuläres Aufbautraining reduziert werden können.

Hohmann / Letzelter / Lames ( vgl. 2003, S. 239 ) geben Krafftraining als Prävention von Rückenbeschwerden und muskulären Dysbalancen an, auch Weineck spricht von Haltungs- und Verletzungsprophylaxe ( vgl. Weineck, 2000 b, S. 246).

Straub /Steinmetz (vgl. 1993, S. 9), vermuten, dass „ein direkter Zusammenhang zwischen der Abnahme der Intensität der Schmerzempfindung und der Zunahme an Kraft - und Ausdauerleistungsfähigkeit“ besteht, was grundlegende Bedeutung für die vorliegende Studie hat.

Allgemeine Ziele eines Kraft- und Ausdauertrainings sind nach Straub / Steinmetz ( vgl. 1993, S.86 ):

Ausgleich muskulärer Dysbalancen

Steigerung der funktionellen Kapazität der Rumpfmuskulatur Training und Verbesserung der Körperhaltung Verbesserung der Körperwahrnehmung Verbesserung der Leistungsfähigkeit Wiederherstellung des Vertrauens, Abbau von Angst und Depression Vermittlung von Lebensfreude.

Nach Perchthaler (vgl. 2005) gehen mit dem Bodyblade-Training eine Verbesserung der Maximalkraft und des Bewegungsausmaßes einher.

Zu der Thematik Beeinflussung der Rückenschmerzen durch eine Verbesserung der Mobi- lität lag leider keine Studie vor. Allerdings konnten bei mehreren Studien (vgl. Issurin / Liebermann / Tenenbaum, 1994, S. 561ff) und Künnemeyer / Schmidtbleicher (vgl. 1997 b, S. 106 ff) positive Effekte von Vibrationstraining auf die Beweglichkeit festgestellt werden. Neben einer Steigerung von Kraft und Mobilität ist eine Verbesserung der Koor- dination von entscheidender Bedeutung für eine mögliche Schmerzreduktion wie folgende Ausführungen veranschaulichen.

3.3. Die Bedeutung defizienter Koordination für die Schmerzentste- hung

Das sensomotorische System ist ein komplexes Funktionssystem. Muskuläre Dysbalancen können Probleme der Bewegungsprogrammierung- und Kontrolle sowie Funktionsstörun- gen nach sich ziehen. Training dient dazu den sensorischen Teil zu aktivieren. ( Vgl. Lau- be, 2001 S. 9 ) Damit die Bewegungssteuerung einwandfrei funktioniert, sind eine ausba- lancierte Innvervation, gute propriozeptive Fähigkeiten und Muskulatur nötig (vgl. Schiebler, 2005, S.189).

3.3.1. Propriozeption

Propriozeptives Training ist nach Häfelinger / Schuba (vgl. 2002, S 13ff.) ein Teilbereich des Koordinationstrainings welches das Erlernen, Steuern und Anpassen von Bewegungen erfasst und auch mit dem Begriff Bewegungskontrolle beschrieben werden kann. Über Frequenzierung und Rekrutierung steuern Nerveninmpulse die Kraftentfaltung. Man unterscheidet intra-8 und intermuskulären9 Koordination.

Auskunft über Haltung und Bewegung unseres Körpers erhalten wir von Sinnesfühlern. Über Stellungs-, Bewegungs- und Kraftsinn wird unsere Orientierung im Raum, die Ei- genwahrnehmung oder auch Tiefensensibilität (Propriozeption) gewährleistet. Gleichgewichts-, Anpassungs-, und Reaktionsfähigkeit sind Folge einer gut geschulten Tiefensen- sibilität (vgl. Häfelinger / Schuba, S. 21 ff ). Dennoch existiert noch keine einheitliche Definition der Propriozeption. Man spricht von einem „ Sinnessystem, das die bewußte und unbewußte Verarbeitung afferenter Informationen über Gelenkstellung, - bewegung und- kraft durch das Zentralnervensystem darstellt“ (Quante / Hille, 1999, S. 306 ).

Die Sensoren der Tiefensensibilität (Propriozeptoren) geben Auskunft über Lage und Bewegung unseres Körpers (vgl. Birbaumer / Schmidt, 2003, S. 254 f, S. 307). Im Einzelnen sind dies Folgende:

Gelenksensoren: Leiten Informationen über die Gelenkstellung weiter

Muskelsensoren: Hierzu gehören Muskelspindeln (informieren über die Muskellänge) sowie Golgi-Sehnenorgane, welche über die Muskelspannung informieren und auf Reizung der Sehnen reagieren.

Sensoren des Gleichgewichtsorgans

Nach Dehnung von Rezeptoren und Umwandlung der Reize in elektrische Signale leiten afferente Bahnen die Informationen zum Zentralen Nervensystem. Bereits im Rückenmark erfolgt eine Selektierung. Im ZNS werden die Informationen verarbeitet und gespeichert. Über efferente Bahnen kommt es zur Bewegungshandlung (neuromuskuläre Antwort) und Muskelreaktion (Propriozeption10 ). Wird die Motorik miteinbezogen, spricht man vom sensomotorischen System11. (Vgl. Quante / Hille, 1999, S. 307). Abb. 9 des sensomotorischen Systems verdeutlicht das Zusammenspiel.

Die Propriozeptoren haben also zum einen die Aufgabe sensorische Informationen zu vermitteln, zum anderen lösen sie Reflexe aus, worauf die Regulierung von Haltung beruht (vgl. Streicher, 2004, S. 42). Bezogen auf die Muskulatur sind folgende wichtige Eigenreflexe zu nennen ( vgl. Wilke / Froböse, 1998, S.57):

Der Dehnungsreflex ( monosynaptischer Reflex): Die Muskelspindeln sind über Hin- terhörner mit dem Rückenmark verbunden. Ein motorisches Neuron des Vorderhorns leitet die Erregung an die motorische Endplatte weiter, was zur Muskelkontraktion führt.

Die reziproke antagonistische Hemmung: Zusätzlich gibt es disynaptisch hemmende Verbindungen zu den antagonistischen Motoneuronen. Diese hemmenden Reflexbögen enthalten ein zentrales Interneuron, welches für die Hemmung der antagonistischen Muskulatur verantwortlich ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Das sensomotorische System ( modifiziert nach Jerosch, 2000, Titelblatt)

Propriozeptoren ermöglichen durch Weitergabe vieler Informationen eine flüssige, har- monische Bewegungsausführung mit geringem Energieaufwand. Zusammen mit Gefühlen und Empfindungen entsteht ein Körperbewusstsein, welches für die Ausführung von kont- rollierten Bewegungen unabkömmlich ist. ( Vgl. Häfelinger / Schuba, 2002, S. 11 ff. )

Durch Schonhaltung oder Verletzung auftretende Störungen im afferenten Bereich wirken sich negativ auf die Bewegungsausführung aus. Das Ziel von propriozeptivem Training ist die Verbesserung der Informationsaufnahme sowie die Verarbeitung und Umsetzung in Bewegungshandlung. Dabei werden die Bewegungsqualität vorhandener Programme und die Bewegungsvielfalt trainiert. ( Vgl.Wilke / Froböse, 1998, S. 51 ff)

3.3.2. Körperwahrnehmung und Propriozeption als Ansatzpunkte zur Schmerzbeeinflussung

Dalichau / Scheele (vgl. 2000, S. 45 ff.) sowie Gill / Callaghan (vgl. 1998, S. 371 ff. ) zei- gen die Notwendigkeit von propriozeptivem Training bei Rückenschmerzen auf, konsta- tieren, dass endgradige Winkelstellungen (10° Extension und 30° Flexion der Lendenwir- belsäule im Vier-Punkt-Stand, bzw. 45° Flexion im aufrechten Stand) von Teilnehmern ohne Rückenschmerzen exakter reproduziert werden können als von Teilnehmern mit Rückenschmerzen.

Taimela / Kankaanpää / Luoto (1999, S. 1322 ff.) stellten fest, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen im LWS- Bereich einen Positionswechsel weniger gut fühlen als Menschen ohne Rückenschmerzen. Dies sei „sowohl vor als auch nach muskulärer Ermüdung der Fall“. Neben muskulären Defiziten ist also auch die Funktion der Propriozeption sowie die Körperwahrnehmung bei Rückenschmerzpatienten gestört.

In der Therapie hat man erkannt, dass Training die Funktion des sensomotorischen Systems verbessern kann. Weitere Ziele propriozeptiven Trainings sind deshalb nach Quante /Hille (vgl. 1999, S. 309 ):

Die Aktivierung propriozeptiver Mechanismen die Schulung motorischer Abläufe.

Durch Kräfte, die den Menschen aus dem Gleichgewicht bringen, werden komplexe neurophysiologische Mechanismen aktiviert, um ein stabiles Gleichgewicht wieder herzustellen. Übungen, bei denen reflektorische und automatische Reaktionen des Gleichgewichtsorgans nötig sind, fördern diese Fähigkeit (vgl. Bizzinie / Matthieu / Steens, 1991, S. 1322 ff. ). Unbekannte Bewegungen erweitern die Bewegungs- und Handlungsfähigkeit (vgl. Häfelinger / Schuba, 2002, S. 12 ).

Nach Straub / Steinmetz (vgl. 1993, S. 91 ) können Patienten und Patientinnen mit chroni- schen Rückenschmerzen trotz ihrer Erkrankung sehr gut trainiert werden. Insbesondere Rasev versucht mit Hilfe seiner propriozeptiven Therapie zur Linderung posturaler Schmerzen diese zu beheben. Dazu nutzt er das Trainingsgerät Propriomed. Die Therapie beinhaltet „Behandlungstechniken die zu synergistisch funktionell stabilisierenden Mus- kelaktivierungen im Axisorgan Wirbelsäule führen“ (Rasev, o.D., S. 27 ). Eine zusammenfassende Auflistung verschiedener Studien zu diesem Themenbereich ist in Anlage 2 zu finden.

4. Ziele und Hypothesen der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es zu prüfen, ob das Training mit dem Bodyblade Rückenschmerzen lindern und damit die Lebensqualität von Patienten bessern kann. In Anknüpfung an oben genannte Ausführungen ist es zudem interessant festzustellen, ob die Veränderung der Schmerzintensität auf eine Kraftzunahme und eine Verbesserung der Mobilität zurückzu- führen ist.

Folglich lauten die Hypothesen:

1. Ein zweimonatiges Training mit dem Bodyblade reduziert Rückenschmerzen in ihrer Intensität und wirkt sich positiv auf Gesundheitsstatus und die Beeinträchtigung durch die Rückenschmerzen aus.

2. Durch das Bodyblade-Training kommt es zu einem Kraftzuwachs und zu einer Ver- besserung der Mobilität.

3. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einer Veränderung der Schmerzintensität und der Kraft bzw. Mobilität.

Aus oben genannten Hypothesen ergibt sich die Frage, welche Gründe es für eine Änderung der Kraft, der Mobilität oder der Schmerzen gibt.

5. Eine neue Trainingskonzeption und seine Wirkung

5.1. Das Trainingsgerät Bodyblade

Das Bodyblade ist in mehreren Versionen erhältlich (Bodyblade Pro, Classic, Sportblade und das Cardioblade). Zum Training in dieser Studie werden lediglich das kleinere (122 cm) Bodyblade Classic, sowie das Bodyblade Pro (152 cm) eingesetzt. Die Breite der Bla- des beträgt 4,5 bzw. 6,5 cm, das Gewicht 1,5 bzw. 2,5 kg. Das Bodyblade besteht wie schon erwähnt aus Glasfieber. Es hat in der Mitte einen verstärkten Haltegriff mit Gum- miüberzug und an den Enden Gewichte zur Unterstützung der Schwingung. Trainiert wird in verschiedenen Positionen, wobei es darum geht das Blade anzuschwingen und diese Schwingung aufrecht zu erhalten. Dabei bleibt die Kraft, die das Bodyblade zum Schwin- gen bringt solange gespeichert, bis eine andere Kraft einwirkt, um die Richtung zu ändern oder die Schwingung zu stoppen. Ziel ist es trotz Bewegung des Blattes den Körper durch Muskelaktivierung zu stabilisieren, die einwirkenden Kräfte zu neutralisieren und dabei möglichst geringe Ausweichbewegungen zu machen. Entwickelt wurde das Bodyblade von Bruce Hymanson, einem Physiotherapeuten in den USA. Er arbeitet vor allem mit Patienten, deren Verletzungen auch das neuromuskuläre System betreffen. Sein Ziel war es also ein Trainingsgerät zu schaffen, welches ohne die Ausführung großer Bewegungsradien zu Erfolgen führt. Seit 1991 ist das Bodyblade auf dem Markt.

Der Hersteller propagiert, dass durch das Training mit dem Bodyblade Muskelkraft und Ausdauerfähigkeit gesteigert werden und zwar dadurch, dass sich konzentrische und ex- zentrische Kontraktionen in schneller Folge abwechseln. Außerdem soll die Beweglichkeit vergrößert sowie Koordination und Haltung verbessert werden, wobei eine Ökonomisie- rung der Bewegung angestrebt wird. Dies soll insbesondere auch durch eine Verbesserung von Propriozeption, Stabilisierungsfähigkeit und Gleichgewichtsregulation gewährleistet werden, was gleichzeitig auch eine Verletzungsprophylaxe ist. Angewandt werden kann das Bodyblade in Rehabilitation, im Leistungssport und im Wellness-Bereich.12 Indikatio- nen für ein Training mit dem Schwingblatt sind laut Hersteller eines ähnlichen Gerätes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.2. Die rhythmische neuromuskuläre Stimulation nach Nazarov

Vibrationstraining wird unter trainingswissenschaftlichen und therapeutischen Fragestel- lungen häufig untersucht. Seit Nazarov, ein führender Sportwissenschaftler und Biome- chaniker Ende der 70er Jahre herausragende Ergebnisse präsentieren konnte, wurden sehr viele Studien zu diesem Thema durchgeführt. Nazarov ( vgl. Nazarov, 1991, zitiert nach Künnemeyer / Schmidtbleicher 1997, S. 106 ) stellte positive Effekte sowohl auf das Herz-Kreislaufsystem, die Muskeltonisierung, als auch eine Verbesserung der Gelenkbe- weglichkeit, Kraft und Koordination fest, was unter anderem auf einer besseren Verschal- tung des peripheren und Zentralen Nervensystems (ZNS) beruht. Für diese Studie ist vor allem die durch Vibrationstraining hervorgerufene Schmerzlinderung interessant.

Die Wirkung ist darauf zurückzuführen, dass der Körper niederfrequenten Belastungen ausgesetzt wird, die Muskulatur folglich in Längsrichtung exzentrisch arbeitet. Dabei werden Mechanorezeptoren gereizt, welche wiederum das ZNS stimulieren.

Das Training mit dem Bodyblade ist nicht direkt mit einem Vibrationstraining (Rhythmi- sche Neuromuskuläre Stimulation, RNS, oder Biomechanische Stimulation13, BMS,) zu vergleichen. Beim Training mit dem Bodyblade wird das Gerät aktiv gehalten, bei RNS / BMS hingegen wird nur passiv auf die Muskulatur eingewirkt. Des Weiteren unterschei- den sich die Frequenzen. So wird bei der RNS mit 23 Hz eine deutlich höhere Reizdichte erreicht als mit dem Bodyblade (4,5Hz), was 270 vor-rück-Bewegungen in einer Minute entspricht.

5.3. Eigenschaften der Schwingung

Nazarov hat die Wirkung von Schwingung auf den Körper untersucht und für die Therapie nutzbar gemacht. Der dem Bodyblade zugeschriebene Trainingseffekt basiert grundsätzlich auf dessen Schwingungseigenschaften. Im Folgenden soll deshalb kurz auf die physikalischen Besonderheiten der Schwingung im Allgemeinen und des Blades im Besonderen eingegangen werden. ( Vgl. Grossmann, 2002, S. 73 ff. )

Auf einen schwingenden Körper der Masse m wirkt eine Kraft. Diese ist proportional zur Auslenkung x aus der Ruhelage und dieser entgegengerichtet. Eine Kraft mit einem sol- chen Abstandsgesetz heißt elastische Kraft. Für einen schwingenden Körper, auf den bei einer Auslenkung aus der Ruhelage eine Kraft wirkt, die proportional zur Auslenkung x ist, gilt das Hooksche Gesetz: F = −Dx (D heißt dabei auch Federkonstante).

Eine harmonische Schwingung, wie wir sie beim Bodyblade antreffen, kann durch folgende Größe vollständig beschrieben werden:

Periode T . Zeit zwischen zwei Durchgängen durch den gleichen Punkt (Ruhelage) in gleicher Richtung.

Frequenz V: 1

T

Amplitude A: Größe der Auslenkung.

Wenn auf einen Körper nur eine Kraft einwirkt, die der Auslenkung aus der Ruhelage proportional und in ihrer Richtung entgegengesetzt ist, schwingt der Körper harmonisch. Die Energie bleibt dabei erhalten und pendelt zwischen kinetischer und potentieller Energie. In der Realität treten immer auch energieverzehrende Reibungskräfte auf wie z.B. die Luftreibung beim Bodyblade.

Würde man ein solches System nach kurzer Anregung sich selbst überlassen, würde die Amplitude abhängig von der Zeit t gegen null gehen. Dabei schwingt es mit seiner Eigen- frequenz. Setzt man nun dieses System einer harmonisch veränderlichen Kraft aus, stellt man fest, dass das System nach kurzer Einschwingzeit mit der Frequenz der äußeren Kraft schwingt und nicht mehr mit seiner Eigenfrequenz. Die Amplitude dieser Schwingung ist allerdings stark von der Eigenfrequenz und der erzwungenen Frequenz abhängig. Am Größten ist sie immer dann, wenn das Blade vom Sportler mit einer Frequenz angeregt wird, die gleich der Eigenfrequenz des Blades ist. In diesem Fall spricht man von Reso- nanz.

Zusammenfassend lässt sich also das Blade als harmonisch gedämpfter Oszillator be-

schreiben, der durch eine äußere Kraft (Sportler) zu einer permanenten Schwingung ange- regt wird. Jede von der Eigenfrequenz unterschiedliche Frequenz führt zu Anharmonizitä- ten und kann von der ausübenden Person nicht aufrecht erhalten werden. Infolgedessen kommt es zum Abbruch der Schwingung. (Vgl. Rieger, 2001. S. 15) Dem Trainierenden wird also die Schwingungsfrequenz des Bodyblades aufgezwungen. Hinsichtlich der Fre- quenz bestehen keine Variationsmöglichkeiten. Da die muskuläre Beanspruchung aber neben der Frequenz auch noch von der Schwingungsamplitude (bei gleichbleibender Fre- quenz) abhängt, kann auf das Ausmaß der muskulären Belastung dennoch Einfluss ge- nommen werden. Die Intensität muss über eine Veränderung der Amplitude geregelt wer-

den. Hier gilt: Je größer die Amplitude, desto größer die Kraft, die der Körper aufbringen muss, um die destabilisierenden Kräfte auszugleichen. Je nach Ausmaß der Bewegungsamplitude reicht der Widerstand, welcher zur Stabilisation nötig ist von 0,5 kg bis 17 kg (vgl. Bodyblade o.D.).

6. Probanden und Methoden

6.1. Probanden

Die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Studie waren Folgende: Geschlecht: weiblich Alter zwischen 25 und 45 Jahre chronische Rückenschmerzen kein muskuläres Aufbautraining der Wirbelsäule keine Kontraindikationen (siehe Tab. 9).

Zur Probandensuche wurden in Apotheken, Thermalbäder, Arztpraxen, Instituten und in der Sportmedizin in Tübingen Werbeflyer ausgehängt. Des Weiteren wurden Rehazentren angeschrieben mit der Bitte, chronische Rückenschmerzpatientinnen auf die Studie auf- merksam zu machen. Eine Anzeige im Schwäbischen Tagblatt hatte weniger Erfolg als zunächst erhofft.

Nachdem die Symptome und Erkrankungen der Frauen anfänglich auf Lumbago und Zer- vikalsyndrom eingeschränkt waren, wurde der Personenkreis um eine repäsentative Studie durchführen zu können unter Beachtung oben genannter Voraussetzungen erweitert. Den- noch gab es folgenden Grenzfall bezüglich der Aufnahme der Probandinnen: Eine Teil- nehmerin litt unter Morbus Scheuermann. Trotz der Tatsache, dass diese Erkrankung als Kontraindikation für eine Maximalkraftmessung gilt, konnte sie nach Konsultation von Experten (vgl. Heitkamp14, 2005) als Probandin aufgenommen werden, da bei dieser Er- krankung vor allem im Jugendalter Veränderungen der Wirbelsäule auftreten, die Proban- din allerdings bereits über 30 Jahre alt ist. Eine ärztliche Bescheinigung war demnach nicht notwendig.

[...]


1 Nach Neumann (vgl. 1998, S. 16) versteht man unter muskulären Dysbalancen die „Abweichung vom normalen (individuellen) motorischen Stereotyp (Bewegungsprogramm), die durch zeitlich veränderte und instabile gezielt nervale Aktivierung einzelner Muskelgruppen zu Bewegungseinschränkung, Leistungsabnahme und/oder arthromuskulären Beschwerden führt.“

2 Eine genaue Beschreibung und Einordnung der Muskulatur ist Anlage 1 zu entnehmen.

3 Unter Muskeltonus versteht man „den Grad der Anspannung eines Organs oder Organteils, z.B. von Muskeln, Gefäßen oder Nerven“ (Engst / Fenski / Pätzold / Stecher / Tshisuaka / Witzel, 2002, S. 1669).

4 Unter Skoliose versteht man eine fixierte Seitverbiegung der Wirbelsäule. Nichtfixierte Seitverbiegungen ßen skoliotische Fehlhaltung ( vgl. Krämer / Grifka, 2005, S.211).

5 „wachstumsbedingte vermehrte Kyphose der mittleren und unteren BWS“ (Krämer / Grifka, 2005, S. 137).

6 Unter Nozizeption versteht man die Meldung von Informationen aus freien Nervenendigungen (Nozizeptoren) an das ZNS. ( Vgl. Rasev, o.D. S. 16 )

7 Eine Auflistung verschiedener Studien bezüglich Kraft, Schmerz und / oder Mobilitätsveränderung ist Anlage 2 zu entnehmen.

8 intramuskuläre Koordination: die Koordination innerhalb eines Muskels

9 intermuskuläre Koordination: Zusammenspiel von Agonist und Antagonist innerhalb eines Bewegungs- ablaufs.

10 Propriozeption ist ein rein afferentes System.

11 Sensomotorik bezeichnet das Zusammenspiel von Empfindungsvermögen und Bewegung oder allgemeiner ausgedrückt von Wahrnehmung und Haltung. (Hanne-Behnke, 2000, S. 5)

12 Alle oben gemachten Angaben zum Trainingsgerät sind entnommen aus www.bodyblade.com.

13 Bei der BMS handelt es sich um eine Übertragung mechanischer Vibrationen mit bestimmter Schwingungsbreite und Frequenz auf das neuromuskuläre System“ ( Walter, 1997, S. 1)

14 Gespräch mit Prof. Dr. med. H.-C. Heitkamp, 2005

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Die Effekte des Bodyblades. Auswirkungen auf chronische Rückenschmerzen, Kraftentwicklung und Mobilität
Untertitel
Eine empirische Studie
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1.7
Autor
Jahr
2006
Seiten
155
Katalognummer
V135243
ISBN (eBook)
9783668085930
ISBN (Buch)
9783668085947
Dateigröße
15254 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
effekte, bodyblades, auswirkungen, rückenschmerzen, kraftentwicklung, mobilität, eine, studie
Arbeit zitieren
Mareike Katharina Doster (Autor), 2006, Die Effekte des Bodyblades. Auswirkungen auf chronische Rückenschmerzen, Kraftentwicklung und Mobilität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135243

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Effekte des Bodyblades. Auswirkungen auf chronische Rückenschmerzen, Kraftentwicklung und Mobilität


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden