Am 1. Oktober 2007 hatte die Bundesnetzagentur (BNetzA) die betroffenen Verbände der Netzbetreiber und Netznutzer zu einem Workshop eingeladen, in dem Möglichkeiten eines neuen Regel- und Ausgleichsenergiemarktes erörtert wurden. Ebenso wurden die betroffenen Verbände durch die BNetzA aufgefordert Vorschläge für die Neuordnung des Regel- und Ausgleichsenergiemarktes zu unterbreiten.
Diese Konsultationsphase mündete, nach nur knapp einjähriger Anwendung der Kooperationsvereinbarung II (KoV II) vom 25. April 2007 zwischen den deutschen Gasnetzbetreibern, in dem Beschluss vom 28.Mai 2008 (Az.: BK7-08-002) der Beschlusskammer 7 der BNetzA. Mit diesem Beschluss wurden neue Regeln für Bilanzierung und Ausgleichsleistungen, d. h. neue Rahmenbedingungen für den Gaswettbewerb auf den Weg gebracht.
Die neuen Rahmenbedingungen wurden durch den Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), den Verband für kommunale Unterneh-men (VKU), sowie dem Europäischen Verband der unabhängigen Strom- und Gas-verteilerunternehmen (GEODE) in die mittlerweile dritte Kooperationsvereinbarung (KoV III) überführt und mit der BNetzA konsultiert.
Im Rahmen dieser Entwicklungen kam es zu einem Übergang von der Stundenbi-lanzierung zu einer Tagesbilanzierung mit stündlichem Anreizsystem.
Die neuen Rahmenbedingungen sind mit den Intentionen den Erdgashandel in der Bundesrepublik Deutschland zu vereinfachen, den Gaswettbewerb weiter zu ver-stärken und eine Harmonisierung mit den anderen europäischen Mitgliedsstaaten zu erreichen, erarbeitet worden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Problemstellung
1.3 Zielsetzung
1.4 Vorgehensweise
2 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.1 Entwicklung der Liberalisierung
2.2 Energiewirtschaftsgesetz
2.3 Gasnetzzugangsverordnung
3 Netzzugang im Zweivertragsmodell
3.1 Marktgebiete
3.2 Vertragslandschaft im Zweivertragsmodell
3.2.1 Einspeisevertrag
3.2.2 Ausspeisevertrag
3.2.3 Bilanzkreisvertrag
3.3 Bilanzkreismanagement
3.3.1 Bilanzkreisformen
3.3.1.1 Bilanzkreis
3.3.1.2 Sub-Bilanzkonto
3.3.1.3 Verbindung von Bilanzkreisen
3.3.2 Operative Bilanzkreisabwicklung
3.3.2.1 Voraussetzungen
3.3.2.2 Nominierungen
3.3.2.3 Allokation
3.3.2.4 Bilanzierung
3.3.2.5 Bilanzausgleich
4 Bilanzierung nach dem Stundenmodell
4.1 Operative Bilanzkreisabwicklung im Stundenmodell
4.1.1 Basisbilanzausgleich
4.1.2 Differenzmengenermittlung und -abrechnung
4.1.3 Ausgleichsenergieentgelte im Stundenmodell
4.2 Darstellung einer Bilanzierungsperiode im Stundenmodell
4.2.1 Prozesse am Tag vor dem Gastag (D-1)
4.2.2 Prozesse nach dem Gastag (D+1)
4.2.3 Prozesse nach der Belieferung (M + 29 WT)
5 Bilanzierung nach dem Tagesmodell
5.1 Weg zur KoV III
5.1.1 Ratschläge aus Europa
5.1.2 Umsetzung in Deutschland
5.2 Grundzüge des Modells für Ausgleichsleistungen und Bilanzierung im Gassektor (GABi Gas)
5.2.1 Mengenbilanzierung auf Tagesbasis
5.2.1.1 Bilanzrelevante Mengen und Nominierung
5.2.1.2 Preissystem für Ausgleichsenergie und Veröffentlichungspflichten
5.2.1.3 Wegfall von Toleranzen und Ex-Post-Balancing
5.2.2 Implementierung eines stündlichen Anreizsystems
5.2.2.1 Relevante Stundenmengen der Fallgruppen
5.2.2.2 Strukturierungsbeitrag und Informationspflichten
5.2.3 Regelenergie
5.2.3.1 Interne Regelenergie
5.2.3.2 Externe Regelenergie
5.2.4 Umlagekonto für Regel- und Ausgleichsenergie
5.3 Darstellung einer Bilanzierungsperiode im Tagesmodell
5.3.1 Prozesse vor dem Gastag (D-2 bzw. D-1)
5.3.2 Prozesse am Gastag (D)
5.3.3 Prozesse nach dem Gastag (D+1)
5.3.4 Prozesse nach der Belieferung (M+29 WT bzw. M+31 WT)
5.3.5 Bewertung
5.4 Zusammenfassung und Vergleich
6 Kostenvergleich der beiden Regime
6.1 Annahmen und Rahmenbedingungen des Kostenvergleichs
6.1.1 Kostenberechnung im stündlichen Bilanzierungsmodell
6.1.2 Stundenmodell mit geändertem Zwei-Preis-System
6.1.3 Kostenberechnung im Tagesbilanzierungsmodell
6.2 Fallgruppenwechsel in die Fallgruppe RLMoT
6.2.1 Rahmenbedingungen und Annahmen
6.2.2 Kostenberechnung/-vergleich
6.3 Zusammenfassung und Evaluierung
7 Neue Handlungsoptionen für kommunale EVU
7.1 Situation der kommunalen EVU im liberalisierten Gasmarkt
7.2 Veränderungen aufgrund neuer Rahmenbedingungen
7.2.1 Bilanzkreisverantwortung
7.2.2 Zukünftige Speichernutzung
7.3 Strukturierte Beschaffung mit Portfoliomanagement
7.3.1 Begriffsabgrenzung
7.3.2 Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
7.3.3 Strukturierte Beschaffung
7.3.4 Portfoliomanagement
7.3.5 Zusammenfassung und Realisierbarkeit im kommunalen EVU
8 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, den Paradigmenwechsel vom Stunden- zum Tagesbilanzierungssystem im deutschen Gasmarkt sowie dessen Auswirkungen, Chancen und Risiken für den Gashandel kleiner und mittlerer kommunaler Energieversorgungsunternehmen (EVU) zu analysieren und zu bewerten.
- Rechtliche Rahmenbedingungen und Liberalisierung des Gasmarktes
- Vergleich der Bilanzierungsregime (Stundenmodell vs. Tagesmodell)
- Analyse der Kostenwirkungen für kommunale EVU bei unterschiedlichen Lastprofilen
- Entwicklung von Strategien zur Beschaffungsoptimierung durch Portfoliomanagement
- Bewertung von Handlungsoptionen wie Kooperationen und Speichernutzung
Auszug aus dem Buch
3.1 Marktgebiete
Ein Marktgebiet ist eine vertikale Verknüpfung bzw. Zusammenfassung von (Teil-) Netzen, das durch die Verknüpfung von hydraulisch miteinander verbundenen (Teil-)Netzen gebildet wird. Jedes Marktgebiet stellt eine Bilanzzone dar, in der Gasmengen netzbetreiberübergreifend transportiert werden können, ohne das der Transportkunde/Bilanzkreisverantwortliche mit jedem beteiligten Netzbetreiber kommunizieren bzw. entsprechende Verträge abschließen muss. Innerhalb der Marktgebiete existieren auf der Transport- bzw. Bilanzkreisebene diverse Marktrollen, die in der nachfolgenden Abbildung visualisiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt die Ausgangslage der Gasmarktliberalisierung und die regulatorischen Treiber, die zur Umstellung auf das Tagesbilanzierungsmodell geführt haben.
2 Rechtliche Rahmenbedingungen: Erläutert die Entwicklung der Liberalisierung und die wesentlichen Gesetze wie das EnWG und die GasNZV, die den Rahmen für den Netzzugang bilden.
3 Netzzugang im Zweivertragsmodell: Beschreibt die Systematik des Netzzugangs, die Rolle der Marktgebiete sowie die operativen Prozesse des Bilanzkreismanagements.
4 Bilanzierung nach dem Stundenmodell: Detailliert die Funktionsweise des bisherigen Stundenmodells inklusive Basisbilanzausgleich, Differenzmengenabrechnung und Ausgleichsenergieentgelten.
5 Bilanzierung nach dem Tagesmodell: Analysiert das neue Tagesbilanzierungsregime, das stündliche Anreizsystem und die neue Rolle der Regelenergie.
6 Kostenvergleich der beiden Regime: Führt einen monetären Kostenvergleich beider Modelle für ein typisches Lastprofil kommunaler EVU durch und evaluiert die Auswirkungen.
7 Neue Handlungsoptionen für kommunale EVU: Zeigt Wege auf, wie sich kommunale EVU durch Portfoliomanagement, Kooperationen und neue Beschaffungsstrategien im Gasmarkt positionieren können.
8 Zusammenfassung und Ausblick: Resümiert die Untersuchungsergebnisse und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des Wettbewerbs im Gasmarkt.
Schlüsselwörter
Gasmarkt, Tagesbilanzierung, Stundenmodell, Bilanzkreismanagement, Regelenergie, Ausgleichsenergie, kommunale EVU, Netzzugang, Kooperationsvereinbarung, Gashandel, Portfoliomanagement, Strukturierungsbeitrag, Regelenergieumlage, EnWG, GasNZV
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Diplomarbeit untersucht den Wechsel von einem stündlichen zu einem täglichen Bilanzierungssystem im deutschen Gasmarkt und dessen spezifische Auswirkungen auf die operativen und strategischen Geschäftsprozesse von kommunalen Energieversorgungsunternehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den rechtlichen Rahmenbedingungen der Gasmarktliberalisierung, der technischen Abwicklung von Gastransporten, dem Kostenvergleich zwischen dem alten und neuen Bilanzierungsregime sowie neuen Möglichkeiten der Beschaffungsoptimierung für Stadtwerke.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Darstellung des Paradigmenwechsels im Bilanzierungssystem sowie die Untersuchung der Frage, ob sich die Möglichkeiten für kommunale EVU, aktiv am Gashandel teilzunehmen, durch die neuen regulatorischen Rahmenbedingungen verbessert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Neben einer ausführlichen Literaturanalyse wird eine empirische Kostenanalyse durchgeführt, in der das Lastprofil eines typischen kommunalen EVU unter den Regeln des Stundenmodells und des Tagesmodells gegenübergestellt und rechnerisch ausgewertet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Netzzugangsmodelle (Zweivertragsmodell), die Prozesse der Bilanzkreisführung, die Einführung des neuen Regel- und Ausgleichsenergiemarktes, die Berechnung von Ausgleichsenergiekosten sowie Handlungsoptionen wie die strukturierte Beschaffung und das Portfoliomanagement.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Tagesbilanzierung, Gasmarktliberalisierung, kommunale EVU, Bilanzkreismanagement, Regelenergie, Ausgleichsenergie, Strukturierungsbeitrag, Portfoliomanagement.
Warum ist die Unterscheidung zwischen RLM- und SLP-Kunden wichtig?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, da sie unterschiedliche Anforderungen an die Prognosegenauigkeit und die Bilanzierung stellt. RLM-Kunden mit registrierender Leistungsmessung erfordern eine stündliche Betrachtung, während SLP-Kunden über Standardlastprofile abgerechnet werden, was das Risiko für den Händler verändert.
Warum ist der Wechsel in die Fallgruppe RLMoT nicht immer sinnvoll?
Obwohl der Wechsel in die Fallgruppe RLMoT (Großverbraucher ohne Tagesband) die Regelenergieumlage verringern kann, steigt das wirtschaftliche Risiko durch den Strukturierungsbeitrag bei schlechter Prognosegüte deutlich an, was im Einzelfall zu höheren Gesamtkosten führen kann.
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- Patrick Braun (Author), 2009, Tagesbilanzierung und Einführung des neuen Regel- und Ausgleichsenergiemarktes. Auswirkungen auf den Gashandel kommunaler Energieversorgungsunternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135260