Schuld und Strafe - Literaturpsychologische Untersuchungen von ausgewählten Werken Franz Kafkas


Magisterarbeit, 1982
98 Seiten, Note: befriedigend

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. VORWORT Seite

2. EINLEITUNG
2.1. Zur Themenwahl
2.2. Zur Problematik der psychoanalytischen Interpretation
2.3. Zur auf Kafka angewandten psychoanalytischen Interpretation

3. PSYCHOLOGISCHE BETRACHTUNGEN ZUR BIOGRAPHIE PRANZ KAEKAS
3.1. Kafka und seine Objektbeziehungen
3.2. Die besondere Schuld - und Strafproblematik

4. SCHULD UND STRALE IN AUSGEWÄHLTEN WERKEN
4.1. "Amerika"
4.2. "Das Urteil"
4.3. "Die Verwandlung
4.4. "Der Prozeß"
4.5. "In der Strafkolonie"
4.6. "Brief an den Vater"

5. DIE EAMILIE ALS VERMITTLER GESELLSCHAETLICHER NORMEN
5.1. Eamilie als Ideal und Trauma
5.2. Das außerfamiliäre Umfeld

6. SCHLUSSWORT

Anmerkungen

Literaturverzeichnis
a) Quellen
b) Sekundärliteratur über Kafka
c) Allgemeine Sekundärliteratur

1. VORWORT

Eine Arbeit über Franz Kafkas Werke sieht sich beson­ders dem Problem ausgeliefert, daß es nicht am Interesse diesem Autor gegenüber mangelt. Kaum ein Untersuchungsge­genstand fehlt; Literaturwissenschaftler und Linguisten, Psychoanalytiker und Mediziner, Soziologen und Historiker, Philosophen und Theologen haben sich Kafka und sein schwer­verständliches Werk zum Forschungsobjekt auserkoren. So mangelt es auch nicht an Untersuchungsmethoden.

Die vorliegende Arbeit mit dem Anliegen der Betrach­tung von Schuld und Strafe versucht einen Teilbereich aus­zufüllen, der moralische Aspekte von Literatur berührt. So ist davon auszugehen, daß interdisziplinär interpretiert werden muß; die oben aufgezählten Richtungen werden der Li­teraturwissenschaft als Gerüst dienen, dem Thema eine ob­jektivierende Form zu geben.

Es ist zu bedauern, daß zur Zeit der Niederschrift die­ser Arbeit die kritische Ausgabe von Kafkas Werken gerade erst begonnen wurde, denn es kann davon ausgegangen werden, daß von deren Lektüre viele neue Interpretationsimpulse aus­gehen werden.'

2. EINLEITUNG

2.1.Zur Themenwahl

Die Begriffe 'Schuld.' und 'Strafe' spielen eine bedeu­tende Rolle in Kafkas Werken. Sowohl in den biographischen Quellen, aber auch in den Erzählungen, Romanen und Aphoris­men ist die damit verbundene Problematik überrepräsentiert. Die Parallelen zwischen Privatem und dem - teilweise schon zu Lebzeiten Kafkas veröffentlichten - Werk stellen sicher, daß Kafka sehr unter Schuldvorstellungen litt, diese lite­rarisch zu be - und verarbeiten suchte und seine Strafphan­tasien in sein Werk einfließen ließ. Daraus ergeben sich Prägen nach den Mechanismen, die zum einen das Leseinteres­se erwecken und zum anderen die Vielfalt von Deutungen, In­terpretationen oder Decodierungsversuchen hervorrufen. Das Leseinteresse wird u.a. dadurch hervorgerufen, daß in Texte verbotene Wünsche eingegangen sind, die dem Leser teilweise oder ganz verborgen bleiben; sie sind schwer auffindbar, weil die enthaltenen Mitteilungen ästhetisch bearbeitet worden sind.2Die Wünsche werden abgeschwächt, indem'ihnen Strafen folgen. Es ist so möglich, sich den fremden Phanta­sien anzuschließeri, sie teilweise lediglich zu empfinden, sie nur zu ahnen. Dieser Genuß bleibt ungestraft, er ver­läuft streckenweise völlig unbewußt; es bleiben höchstens Gefühle beklemmender Art und Weise zurück, aber auch Fragen über Fragen. Eine dieser Fragen beinhaltet die Vermutung, daß Schuld-und StrafZusammenhänge den Handlungsverlauf we­sentlich mitbestimmen könnten. Das steht im Vordergrund dieser Untersuchung. Damit in Verbindung stehen Fragestel­lungen nach dem Sinn einer literaturpsychologischen Unter­suchung. Als literaturwissenschaftliche Untersuchung fest­gelegt, orientiert sich die Arbeit vor allem an psychoanalytischen Grundlagen der davon ausgegangen wird, daß gerade psychoanalytische Er­kenntnisse geeignet sind, noch vorhandene Interpretations­lücken zu. schließen.

2.2. Zur Problematik der psychoanalytischen.Interpretation tion

Sigmund Freud, der Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie und Praxis errichtete, gebrauchte von Anfang an auch Beispiele aus Werken der schönen Literatur, um seine Erkenntnisse zu untermauern. Bereits im Briefwechsel mit Wilhelm Fließ bezog er sich auf Sophokles, Shakespeare, Goethe u.a. Sein Leben lang nahm er immer wieder zu Fragen von Kunst und Literatur Stellung. An seinen Schriften zu Jensen, Dostojewski, Leonardo da Vinci, Michelangelo aber auch an der "Traumdeutung", an "Der Dichter und das Phanta- sieren" und an "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" orientierten sich seine Schüler, wenn sie Werke der schönen Literatur oder der bildenden Kunst untersuchten. Auch heute kommt psychoanalytische Literaturbetrachtung nicht ohne Freud aus; er hat an Bedeutung und Aussagekraft kaum ver­loren.

Diente zunächst die schöne Literatur der Entwicklung der psychoanalytischen Theoriebildung - oft vor allem dem Verdeutlichen eines Zusammenhangs - wurde später zunehmend die Psychoanalyse ein Hilfsinstrument der literaturwissen­schaftlichen Erkenntnis. Pech (1980) hat diesen Weg genau verfolgt. Wie auch andere Autoren vermißt er die Auseinan­dersetzung mit ästhetischen Fragen; er registriert "Ansätze . 12 ..

einer gewissen Theoriefeindschaft" . In der Übersetzung dichterischer Symbole sieht er die Gefahr, "das nicht Bere­chenbare von Kunst zu registrierbaren Tatsachen zu machen. Kunst soll den herrschenden Denkformen konform werden...".'3 Pech, der sich u.a. an Adorno orientiert, scheint hier ei­ em Fehlschluß zu unterliegen, denn einerseits ist Psycho­analyse durch die Vielschichtigkeit der Theoriebildungen schwer integrierbar, andererseits vertreten Psychoanalyti­ker häufig Standpunkte, die überhaupt nicht herr­schenden Denkformen entsprechen. Außerdem ideali­siert Pech mit dieser Feststellung die Kunst und ignoriert, daß auch sie einen Beitrag zur Festverschreibung herrschen­der Denkformen leistet, indem gerade sie mittels der unbe­wußt integrierten moralischen Regeln ethische Tradition zur Verinnerlichung des Lesers freigibt. Allerdings findet dieser Prozeß in einer sehr widersprüchlichen Art und Weise statt, wie es auch bei Kafka deutlich wird. Also gerade in dem Zusammenhang der kommunikativen Einheit Schriftsteller und Leser ist Psychoanalyse ein Instrument der Literatur­wissenschaft. Das Angebot von schöner Literatur an den Le­ser, sich mit bestimmten Personen identifizieren zu können, Handlungsverläufe mit eigenen kognitiven Mustern stellen­weise in Übereinklang bringen zu können, stellt ein ideales Übertragungsfeld dar. Auch der literaturwissenschaftliche Interpret unterliegt diesem Mechanismus, was zu einem ge­wissen Teil die Vielfalt der Interpretationen miterklärt. Die Sozialisation des Interpreten mitbestimmt seine Heran­gehensweise an den zu untersuchenden Text; seine 'Schule' ist teilweise seine Wahl gewesen; seine Interpretations­fehler sind stellenweise verursacht durch Widerstände, die aus seiner Entwicklungsproblematik entstanden sind. Somit ist die Skepsis der Psychoanalytiker Laien gegenüber angebracht. Andererseits entgeht der außerhalb des Psychoana­lytiker - Standes stehende Interpret eher der Gefahr,nicht­analytische Aspekte zu vernachlässigen, womit vor allem die Beachtung historischer Prozesse, gesellschaftlicher Ausein­andersetzungen und somit ökonomischer Probleme gemeint ist. Was sollte psychoanalytische Literaturwissenschaft vor al­lem leisten ? Zunächst sollte sich die Arbeit einem kon­kreten Werk des Schriftstellers zuwenden und - daneben - biographische Erörterungen vornehmen, die den Text aufklä- ren. Diese Untersuchung der Entwicklung des Autors geht davon aus, daß seine besondere Sozialisation den entstan­denen literarischen Text mitbestimmt hat. Nur in diesem Zu­sammenhang sind die Ergebnisse psychoanalytischer Heran­gehensweise bezogen auf den Autor von Bedeutung. Eine Un­tersuchung, die herausfindet, daß ein fiktiver Autor unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leide, ist nur dann von literaturwissenschaftlichem Interesse, wenn im Zu­sammenhang mit dieser Erkenntnis Einflüsse auf das Werk beschrieben werden können oder Beziehungen zum Leser herge­stellt werden, die vielleicht mit seinen Reaktionen auf den Text zu tun haben oder miterklären können, warum ein Autor überhaupt gelesen wird.

Ist die Autorpersönlichkeit dargestellt, das Verständ­nis seiner Sozialisation mitgeteilt worden, beginnt die themengerechte Textarbeit. Hier muß zunächst der Unter­schied zwischen der therapeutischen Psychoanalyse und der psychoanalyitischen Literaturinterpretation angedeutet wer­den. Wie Lorenzer (1981) feststellt, besteht der Unter­schied zwischen einer tatsächlichen analytischen Situation und einer Literaturinterpretation vor allem darin, daß die Schriftstellerpersönlichkeit unveränderbar ist. Der Inter­pret dagegen verändert sich ständig entsprechend seinem sich wandelnden Erkenntnisstandes. Die analytische Situa­tion wäre dann so gestaltet, daß "der Autor seinerseits nicht Subjekt des künstlerischen Prozesses" ist-, "sondern . 16 es ist die Einheit von Autor und Leser". Lorenzer macht.-auf eine Erkenntnis Volmergs aufmerksam, wonach ein weiterer Unterschied zwischen Analyse und Literaturinterprétâtion darin besteht, daß "die Verständigung in der Analyse auf die Herausarbeitung des Gefüges individueller Interaktions­formen (zielt), während die literarische Darstellung auf eine Präsentation überindividueller Eormen hinzielt.

Die sogenannte psychoanalytische Grundregel, wonach der Analysand dem Analytiker alle Einfälle mitzuteilen hat, weist auf ein besonderes Problem der Textinterpretation hin.

Der Schriftsteller hat seinen Text bereits Kontrollen un­terzogen; zum einen hat er selbst zensiert - vergleichbar einem Instrumentarium der Traumarbeit ist die Zensur teil­weise unbewußt - zum anderen hat bei veröffentlichten Tex­ten das Lektorat verändernd eingegriffen; dabei wurde zum Teil auch Textmaterial herausgefiltert, das von Interesse für eine psychoanalytische Interpretation wäre, diese so­gar in eine andere Richtung lenken könnte. Wird das ge­samte Werk herangezogen, liegen auch noch umfangreiche bio­graphische Materialien vor, wird sich die Möglichkeit von Eehlinterpretationen in Grenzen halten.

Die Arbeit am Text müßte sich auf den verschiedensten Ebenen bewegen, um möglichst viele Einflüsse auf seine Ge­staltung nachvollziehen zu können. Wie in der psychoanaly­tischen therapeutischen Situation das analytische Geschehen auf mehreren Ebenen verläuft - so auf verschiedenen Zeit­ebenen, in sich wandelnden sozialen Strukturen - so bein­haltet auch der literarische Text neben dem manifesten In­halt, der geschrieben vorhanden ist, Einflüsse der zum Teil nur unbewußt vorhandenen Sozialisationserfahrungen, gesell­schaftliche Konflikte, Erlebnisse anderer Personen, die dem Autor so bedeutend erschienen, daß er sie ins Erzählen ein­bezog. Strelka(1973)sieht gerade in der psychoanalytischen Ar­beitsweise eine Gefahr für literaturwissenschaftliche Erkennt- -nis:"Die offenen und verstecktenLeidenschaften dieser dichte­rischen Gestalten werden jenen des Autors entgegengehalten, probeweise füreinander eingesetzt, die einen aus den ande­ren abgeleitet und entwickelt und zuletzt zur Aufstellung einer psychologischen Eormel verwendet. Diese ist weder mit der Dichtung noch mit der Dichterbiographie identisch, son­dern von beiden relativ unabhängig. Ihr sind jedoch als ei­.. 18 ner dritten Große die beiden anderen unterworfen." Strelka begrüßt es, daß mittels der psychoanalytischen Methode "Aufhellungen und Einsichten" möglich sind, fürchtet aber auch "überraschend übersimplifizierende(n) Trugschlüsse(n)". Diese und andere Einwände werden aber dadurch abgeschwächt, daß mittels einer wissenschaftlichen Methode wie der psy­choanalytischen ein Begriffsbestand verwendet wird, der schon sehr lange der empirischen Überprüfung ausgesetzt ist und somit geeignet ist, das Chaos literaturwissen­schaftlicher Hermeneutik etwas ordnen zu helfen. Diesem Um­stand ist es sicher zu verdanken, daß immer mehr Interpre­tationen Ansätze der Psychoanalyse als Hilfsmittel nutzen.

2.3· Zur auf Kafka angewandten psychoanalytischen Interpre­tation

Bereits zu Lebzeiten Pranz Kafkas erregte eines seiner Werke die Aufmerksamkeit von Psychoanalytikern bzw. psycho­logisch orientierten Interpreten. Loewenstein interpretierte "Die Verwandlung" 1916 im "Prager Tagblatt", Stekel be­zog sich.auf diese Erzählung in "Onanie und Homosexuali­tät" (1917 ? ; 1921 ! )2j sowie in "Psychosexueller Infanti- 22 lismus"(1922). Eine umfangreichere Beschäftigung mit Kafka erfolgte 1931 durch Kaiser; die behandelte Thematik steht in direktem.Zusammenhang mit hier vorliegender Arbeit; Kaiser wird, soweit den Autoren bekannt, des öfteren her­angezogen-, insbesondere wenn es um die Strafproblematik im Werk Kafkas geht.

Nach dem 2.Weltkrieg stieg das Interesse an Kafka in bedeutendem Umfang an. Insbesondere in den USA nahm die Veröffentlichung von Arbeiten über Kafka zu. Etwas spüter war auch ein Anstieg in Europa zu verzeichnen. Da die mei­sten Psychoanalytiker emigriert waren - insbesondere in die USA - kamen die ersten de_r_ psychoanalytisch orientierten Interpretationsmethode zuzurechnenden Arbeiten aus dem Ausland. Dabei ergaben sich zuweilen Betrachtungsweisen, die sich zu sehr an Ereuds Methode der Traumdeutung orien­tierten, ohne die konkreten Bedingungen Kafkas zu kennen, die ebenfalls von-psychoanalytischem Interesse sein müssen. Freilich waren biographische .Quellen zunächst recht seltenverfügbar. Aber auch andere Probleme mußten Schwierigkeiten bereiten. So ist eine weitere Fehlerquelle darin zu sehen, daß unklar ist, in welchem Umfang Kafka mit der Psychoana­lyse vertraut war und die daraus resultierenden Einsichten ins Werk einfließen ließ, wie es teilweise Stefan Zweig, 25 ·

Hermann Hesse oder Arnolt Bronnen taten! Zwar wissen wir, daß Kafka im Zusammenhang mit "Das Urteil" mit "Gedanken an Preud natürlich"(T 184) spielte, nachdem er 1912 durch Vor­träge bei Berta Fanta auf die Psychoanalyse aufmerksam geworden war, doch ge mehr er über die Psychoanalyse gewußt ha­ben könnte, desto eher ist die Möglichkeit in die Interpre­tation einzubeziehen, daß er Konstruktionen verwendete, die wenig mit ihm selbst zu tun haben, oder die er benutzte, um neue ästhetische Mittel zu verwenden, oder um sich besser tarnen zu können. Jedenfalls ist heute bekannt, daß er sich mit Blüher befaßte, auch Stekel las, nachdem er erfuhr, daß dieser "Die Verwandlung" erwähnt hatte, und daß er der Psy­choanalyse - jedenfalls "dem therapeutischen Teil"(H 243) - zunehmend ablehnend gegenüber stand.

Während sich die psychoanalytische Theorie und Praxis bereits Mitte der Zwanzigergahre zunehmend der Ich - Ent­wicklung zuwendete, so als Autoren Freud, später Hartmann, wurde dieser.-Problemkreis von der auf Literatur bezogenen Forschung, erst später auf gegriffen; insbesondere dann, als Kohut Erkenntnisse über den Narzißmus veröffentlichte, mehr und mehr über präödipale Entwicklungsmöglichkeiten bekannt wurde - so durch die Forschungsergebnisse von Mahler(1980)*'- nahm auch die Kafka - bezogene Forschung die Möglichkeit wahr, Neues zum Werk und der Biographie hinzuzufügen. Da ge- doch die Theoriebildung in Fragestellungen zur oralen und analen Phase, insbesondere zum Narzißmus, zur Borderline- Problematik, zum Feld der Psychosen oder der Entwicklung der Homosexualität/Heterosexualität widersprüchlich ist, kommt es zu Ungenauigkeiten oder vielleicht leeren Begriffs­bräuchen in der Literaturwissenschaft, wenn nicht versucht wird, verwendete Begriffe ihrer Herkunft nach zu belegen, sie, wo nötig, in Frage zu stellen oder zu ergänzen. Im Zu­sammenhang mit Franz Kafka ist eine Erwähnung dieser mögli­cherweise auftretenden Schwierigkeiten geradezu zwingend, wie die zahllosen sich teilweise widersprechenden Arbeiten zeigen.

Schon immer spielt im Zusammenhang mit Kafka die Be­schreibung des Vater - Sohn - Konfliktes eine wesentliche Rolle. Ödipale Probleme standen im Vordergrund, wenn es sich um psychoanalytische Arbeiten handelte. Da sich die Interessen der allgemeinen psychoanalytischen Forschung und auch die auf Kafka bezogenen Untersuchungen mehr und mehr früheren Phasen der Kindheitsentwicklung zuwenden, folgt die hier vorliegende Arbeit diesen neueren Ansätzen, die auch vermehrt der Mutter - Kind - Beziehung Aufmerksamkeit schenken.

3. PSYCHOLOGISCHE BETRACHTIMGEN ZUR BIOGRAPHIE FRANZ KAEKAS

3.1. Kafka und seine ObjektbeZiehungen

Eranz Kafka wurde am 3-Juli 1883 in Prag geboren, das zu dieser Zeit zum monarchistischen Staatssystem Österreich­Ungarn gehörte. Seine Eltern, Hermann und Julie Kafka, An­gehörige der jüdischen Volks - und Religionsgemeinschaft, betrieben zu dieser Zeit ein "Galanteriewarengeschäft" , das im Aufschwung begriffen war. Wegen ihrer erforderlichen Mitarbeit im Geschäft konnte die Mutter nur unzureichend Erziehungs - und Versorgungsaufgaben wahrnehmen. Die Pflege des Kleinkindes übernahmen hauptsächlich Hausangestellte, an­fänglich auch eine Amme. Geht man von der Erkenntnis der modernen psychoanalytischen Theorie aus, daß Kinder in den Monaten zwischen Geburt und Individuation besonders der ein­fühlenden Aufmerksamkeit der Mutter bedürfen, liegt der Ge­danke nahe, daß die Hausangestellten diese Aufgabe nicht gleichwertig bewältigen konnten. Knüpft man an Grunberger (1982) an, kommt man sogar zu dem Schluß, daß ein optimaler Versorgungszustand - bei gesunder Mutter - lediglich wäh­rend der pränatalen Entwicklung des Kindes anzunehmen ist.30 Bereits der Vorgang der Geburt ist fur das Kind traumatisch. Von nun an auf jcrale Ernährungsweise angewiesen, erlebt das Kind bald erste Frustrationen, die normalerweise recht sel­ten auftreten dürften, so lange das Kind noch nicht allzu oft hilfe - bzw. zuwendungsbedürftig ist. Die Frustrationen nehmen zu, wenn zum einen die Eltern oder andere für die Pflege zuständige Personen aus Zeitmangel nicht in der La­ge sind, genügende Aufmerksamkeit und Pflege zuzuwenden oder zum'anderen wegen'eigener Sozialisationsschäden, ins­besondere wegen schlechter Erfahrungen aus der Symbiose Tnennungs - Individuations - Zeit, als Bezugspersonen ver­sagen. Ein besonderer Erustrationsgrund dürfte mangelnde Ernährung sein. Es ist möglich, daß Kafka auch ungenügend ernährt wurde.

Das Erlebnis der teils guten, teils schlechten Ver­sorgung und Zuwendung schafft die Grundlagen für die Fähig­keit, Objekte, z.B. die Eltern, in gute und schlechte (böse) aufzuteilen. Dies geschieht unbewußt und ist insofern von besonderer Bedeutung, als das Kind sich zunächst als Ein­heit mit der Mutter erfährt: sind die Frustrationen beson­ders groß-, ist die Wut stärker ; die Mutter. ist wegen solcher Erfahrungen dann eher das schlechte Objekt, und da sie aber vom Kind zunächst als symbiotischer Bestandteil-erlebt wird, erfährt sich-das Kind selbst als böse(schlecht). Aus Kafkas biographischen Quellen ist diese Selbsteinschätzung deut­lich geworden.33 Sie hat für den Erwachsenen nicht an Bedeu­tung verloren, wenn der Erwachsene. Kafka freilich auch an­dere Ursachen angibt. Diese für das Kind.zunächst unbewußte Tendenz, Objekte oder sich selbst zu teilen, kann eine der Grundlagen für eine pathologische Fehlentwicklung sein.34 In der neueren Literatur zu Kafka werden mehr und mehr Grund­züge der ganz frühen Kindheit aufgezeichnet, Diagnosen an­gedeutet. Böhme (1978) beschreibt Kafka als identitätsge­stört, narzißtisch neurotisch.35Dettmering (1981) macht dar­auf aufmerksam, daß Kafkas Figuren Züge der "'Borderline'- Persönlichkeit" tragen. Kafkas Gefühlsäußerungen, soweit sie den Briefen oder dem Tagebuch zu entnehmen sind, weisen oft in diese Richtungen, berühren Eigenschaften, die durch Erfahrungen der ersten Monate und Jahre geprägt worden sein müssen. Er sieht sich "aus innersten Gründen nahe dem Irre­sein, also an den Grenzen seines Daseins"(F 4-08), er fühlt sich "unfähig zur Freundschaft"(T 138), schildert einen Menschen, der sich "im Grunde nach Unselbständigkeit ver­langend empfindet"(0 23), er meint in zwei Teile getrennt zu sein (F 617)i sein "Leben ist Zögern vor der Geburt" (T 305).37 Auch die Vorstellung des Todes ist daher eine be­sondere für ihn* Noch 1922 schreibt er:"Mein Leben lang bin ich gestorben und nun werde ich wirklich sterben."(Br 385) Die genaue Entwicklung von Kafkas Emfindungen und Einschät­zungen läßt sich nicht mit Sicherheit beschreiben. Später nachfolgende Erfahrungen werden den vorhergehenden entspre­chend verarbeitet. Recht exakt nachvollziehbare Belege sind nicht umfangreich vorhanden. Von großer Bedeutung sind Er­eignisse, auf die Mitscherlich-Nielsen(1977) hingewiesen hat, und dies insbesondere im Schuld-und Straf Zusammenhang.38 Trotz der starken beruflichen Belastung gebar Julie Kafka _nach Eranz noch fünf Kinder, zwei Jungen, drei Mädchen.

Ein Bruder Kafkas starb, als Eranz drei Jahre alt war, der andere, als er fünf Jahre alt war. Da Kinder nachfolgende Geschwister als Konkurrenten sehen, sie deshalb tot - bzw. wegwünschen, ist' anzunehmen, daß sie Schuldgefühle entwik- keln, wenn ein Todesfall tatsächlich eintritt. Ein Bruder Kafkas starb zudem während der ödipalen Phase von Franz, in der Schuldgefühle besonders stark auftreten können. Aber auch für die Mutter war die Zeit psychisch sehr belastend und konfliktreich. Nach dem Tod der beiden Kinder empfand sie Trauer und vielleicht auch Schuld. Zunächst wurde vermut­lich Aufmerksamkeit von Eranz Kafka abgezogen. Als Versuch, den Verlust der Söhne zu kompensieren, kann als Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß sich später die Mutter ver­stärkt dem verbleibenden Sohn gewidmet hat, was ihn auch wieder stark irritiert haben könnte; alles war eben zu wechselhaft. Insgesamt.war die Mutter - Kind - Beziehung auch dadurch erschwert, daß Kafkas Mutter selbst bedeutende Traumata in der Kindheit erfuhr. Als sie drei Jahre alt war, starb ihre Mutter, woraufhin sich deren Mutter ein Jahr· später das Leben nahm. Mitscherlich - Nielsen hält eine de­pressive .Grundstörung für eine Folgeerscheinung.dieser Er­lebnisse. Wie Mahler et. al.(1980) beobachteten, spüren Kinder die emotionale Distanz der Mutter bereits im frühen Kindesalter deutlich und antworten ihrerseits mit patholo­gischen Reaktionen. "Psychologen und Psychiater, oh psycho­analytisch orientiert oder nicht, erwarten z.B. gewohnheits­mäßig, daß die Neigung zu späteren schweren Persönlichkeits­störungen, einer Borderline - Pathologie oder gar einer Psy­chose desto stärker ist, je früher es zu Traumata kommt oder je ungünstiger die frühesten Phasen extrauterinen Le­bens - symbiotische Phase, Differenzierungs - und Übungs­subphase, d.h. die ersten 14 bis 15 Lebensmonate - verlau­ft) .. ..

fen." Der Einfluß des Vaters durfte sich dagegen erst spa­ter bemerkbar gemacht haben, vermutlich dann, wenn die mo­torischen Fähigkeiten des Kindes so stark entwickelt sind, daß es dem Vater eher Spaß macht, mit dem Kind zu spielen. Das bereits beeinträchtigte Selbstwertgefühl - hervorgeru­fen durch die beschriebenen Bedingungen der Mutter - Kind - Beziehung wird nun auch noch vom Vater beschädigt. Die vor­handenen Erinnerungen Franz Kafka beschreiben diesen Vater als Menschen, der übermächtig erscheint, furchtbare Strafen verhängt oder diese zumindest androht und so günstige Be­dingungen für Projektionen des kleinen Kindes schafft, das mit .seinen phantasierten Aggressionen und libidinösen Wün­schen und den daraus resultierenden Ängsten nicht fertig wird. Erschwert wird die Situation dadurch, daß frühzeitig die Pf licht , die. Eltern zu lieben, verinnerlicht wird.4'Las­sen-.gestörte Eltern - Kind - Beziehungen.positive. Empfin­dungen des Kindes kaum oder gar nicht zu, erlebt das Kind seine angenommene Liebesunfähigkeit als schweren Mangel, der das bereits vorhandene Unvollkommenheitsgefühl ver­stärkt und gleichzeitig Schuldgefühle - z.B. wegen Undank­barkeit - aufkommen läßt. Insbesondere der "Brief an den Vater" und.zwei Briefe an seine Schwester Elli zeigen, wie sehr sich Kafka später als Erwachsener mit der Erziehungs­problematik beschäftigte. Wohlweislich ist der "Brief an den Vater" von Kafka als "Advokatenbrief"(M 61) bezeichnet worden; Kafka muß die im Brief enthaltenen Vorwürfe stel- lenweise als ungerechtfertigt empfunden haben, da neben den häufigen Versicherungen, der Vater sei unschuldig, auch un­wirklich anmutende Passagen vorhanden sind, denen es an Ob­jektivität mangelt. Kafka verstand den Vater kaum als Opfer seiner eigenen Entwicklung. Hermann Kafka wird mit bedroh­lichen Zügen ausgestattet. Sein.Sohn fühlte sich körperlich völlig unterlegen. Der Eindruck, der Vater sei allmächtig, ließ diesen später zur letzten Instanz werden.(H 122) Ein Erlebnis, das vermutlich in die ödipale Phase zu verlegen ist, hatte.wesentlichen Einfluß auf Kafkas spätere Straf­phantasien. Erzählt wird von der Erinnerung, daß Eranz Kaf­ka eines Nachts Durst hatte, den Trinkwunsch mehrmals nach­drücklich äußerte, woraufhin ihn der Vater auf die "Pawlat- sche"(H 122) - eine Art Veranda - trug. Dort verbrachte er den Rest der Nacht. Der verbliebene Eindruck war der, daß auf einen recht geringen Anlaß eine harte Strafe folgte. Damit hat es aber eine besondere Bewandtnis: Wahrscheinlich war dieses Erlebnis so gut in Erinnerung geblieben und gleichzeitig so traumatisch, weil dahinter eine Deckerinne- rung43verborgen ist, die Urszene, die Beobachtung des elter­lichen Koitus; die Beobachtungsmöglichkeit war dadurch ge­geben, daß Kafka im Zimmer der Eltern schlief, was auch zu dieser Zeit durchaus nicht imüblich war.44 Da er nun im Zu­sammenhang mit den Ereignissen um diese Beobachtung bestraft wurde, konnte es später möglich werden., daß er Eurcht vor heterosexueller genitaler Betätigung hatte., faßt, doch das kleine.Kind den kognitiven Fähigkeiten entsprechend den Ko­itus u.a. Möglichkeiten auch als Kampf auf. Doch hat diese Auffassung bei Kafka vielleicht besondere Konsequenzen ge­habt, weil sie zu seinem Erfahrungshorizont paßte. Da im Zusammenhang mit frühen Frustrationen Aggressionsphantasien auftreten - so, wenn ein Kind seinen Empfindungen nach un­genügend . versorgt wird - entstehen frühe Formen von Schuld­gefühlen, die zur Entlastung Projektionen auslösen. Das Kind erwartet Aggressionen von seinen Bezugspersonen; es entstehen z.B. paranoide Verzerrungen der"frühen Elternima- gines". Die im Dalle Kafkas fur möglich gehaltene Beobach­tung des elterlichen Koitus würde so eine Entwicklung we­sentlich beeinflussen. Die Eltern erscheinen als bedrohlich vereinigtes Paar, es entsteht "mangelnde Differenzierung zwischen verschiedenen Objekten unter dem Einfluß exzessiver Spaltungsprozesse". Die dafür notige Grundlage ist aber das ungünstige Durchlaufen der Entwicklungsphasen zwischen Sym­biose und Individuation; die Empfindung der Symbiose mit der Mutter konnte vom Kind nicht optimal von anderen Empfindüngen abgelöst werden. Diese Entwicklung ermöglichte spa­ter, was Kernberg(1980) die "Verinnerlichung einer als überaus gefährlich erlebten 'vereinigten Vater - Mutter - Imago"' nennt; für Kafka bedeutete dies später, daß er Angst vor Be­ziehungen zu Dräuen hatte und vor allem Liebesobjekte wähl-. te, die nicht an die Mutter erinnern konnten oder einen Ver­gleich mit den frühen Elternimagines auslösen konnten. Prä- ödipale und ödipale Ängste fallen zusammen. Zu den beschrie­benen Konflikten kommt die Kastrationsdrohung; bei Kafka war sie so stark, daß er sich dem Vater unterwarf, wie aus sei­nen Erzähltexten ersichtlich ist. Dieser Vorgang verhinder­te den normalen Ausgang der ödipalen Phase; Kafka konnte sich nicht mit seinem Vater identifizieren. Wo normalerweise Identifikationen stattfinden, reagierte Kafka mit Verschmel­zungswünschen, regrediente also zur oralen und der Art der Unterwerfungen nach auch zur analen Phase, wie sein Werk auch zeigt. Da während dieser Zeit. ..nur schwache und unbe­friedigende Objektbeziehungen bestanden, unternahm der Er­wachsene Dranz Kafka - in der Realität und in seiner Phanta­sie - immer wieder neue Versuche, vollkommene Objektbezie­hungen zu finden, was nicht gelingen konnte. Parallel zu diesen.frustrierenden Bemühungen nahm er sich selbst zum Objekt, und es deutet viel daraufhin, daß er auch sein wichtigstes Objekt war. Kernberg verweist auf die Möglich­keit, daß es Männer gibt, die homosexuell werden, um doch noch zur Befriedigung oraler Bedürfnisse zu gelangen. Da­neben bedeutet dies Verzicht auf die Mutter im ödipalen Kontext, also eine Abschwächung der Kastrationsdrohung. Die Kompliziertheit dieser psychosexuellen Entwicklung deutet Morgenthaler(1967) an:"Das klinische Bild der Homosexuali­tät (ist) in seiner Pathogenese heterogen (und) gründet sich auf mannigfaltige Konstellationen und Konfigurationen." Kernberg untergliedert nach therapeutischen Schwierigkeits­graden und zeigt, daß das Spektrum von im Vordergrund ste­henden ödipalen Konflikten bis zu schwersten narzißtischen Störungen reicht. Auf Kafka zutreffende, von Kernberg auf­gezählte narzißtische Symptome sind exzessive Beschäftigung mit sich selbst, oberflächlich glatte Anpassung an soziale Bedingungen, Verzerrung der inneren Beziehungen zu anderen Menschen, das Verhalten ist "geprägt von starkem Ehrgeiz, Größenphantasien, Minderwertigkeitsgefühlen und übermäßiger Abhängigkeit von äußerer Bestätigung und Bewunderung." Wei­ter zählt Kernberg auf :Langeweile, Leeregefühle, Liebesun- fähigkeit, chronische Unsicherheit, Unzufriedenheit mit dem Leben, bewußte oder unbewußte Ausbeutung anderer u.a.52 Andererseits sind Ähnlichkeiten mit.den Symptomen der Bor­derline - Persönlichkeitsstruktur vorhanden, wie bereits, festgestellt wurde. Es gibt Unterscheidungsmöglichkeiten, die hauptsächlich von therapeutischer Bedeutung sind, hier also vernachlässigt werden können.

Es läßt sich nicht überzeugend nachweisen, daß Kafka nicht- homosexuell war. Von Bedeutung ist dies., wo die Mög­lichkeit besteht, daß Interpretationsfehler gemacht werden, wo Interaktionen beschrieben werden, die schwer zugänglich sind. Zum einen sprechen Kafkas Sprachcodes53für homosexuelle Phantasien, zum anderen geben seine biographischen Quellen Hinweise darauf, daß sich Kafka homosexueller Konflikte be­wußt war. Las ist auch ^deshalb von Wichtigkeit', weil sein Selbstwertgefühl unter diesen Konflikten noch mehr gelitten haben dürfte, hieß das doch, noch viel weiter vom.Familien­vater Hermann Kafka entfernt zu sein, der sechs Kinder zeug­te. In diesem 'Zusammenhang ist wohl auch der folgende Brief­ausschnitt zu lesen:

...jetzt und später werde ich aber einiges verschweigen müssen, was - vor Dir und mir - einzugestehen, mir noch zu schwer ist. Ich-sage das deshalb, damit Du, wenn das Gesamtbild hie und da etwas undeutlich werden sollte, nicht glaubst, daß Mangel an Beweisen daran schuld ist, es sind vielmehr Beweise da, die das Bild unerträglich kraß machen könnten. (...) Hier genügt es übrigens, an Früheres zu erinnern: Ich hatte vor Dir das Selbstver­trauen verloren, dafür.ein grenzenloses Schuldbewußt­sein eingetauscht. (In Erinnerung an diese Grenzenlo­sigkeit schrieb ich von jemandem einmal richtig:'Er fürchtet, die Scham werde ihn noch überleben.')(H 143) Die wichtigsten Objektbeziehungen Kafkas waren die zu Män­nern wie Brod, Baum und Weltsch. Zu diesem Freundeskreis liegt umfangreiches Material vor, das interessant genug er­scheint, gesondert betrachtet zu werden. Dennoch liegt we­nig vor, was ausführliche Wertungen betrifft. Insbesondere Max Brods Beziehung zu Kafka läßt sich den Quellen nach gut erfassen, aber Brod hat auch viel über den "Prager Kreis" geschrieben. Interessant wäre es, "Stefan Rott oder das Jahr der Entscheidung" (1931) und- "Zauberreich der Liebe" (1928) in psychoanalytischen Arbeiten zu interpretieren, sind dort doch zum einen Beschreibungen Franz Kafkas ent­halten, zum anderen würde Brods Persönlichkeit besser zu bewerten sein.

Frauen spielten für Kafka besonders da eine Rolle, wo sie ihm die Selbstreflexion ermöglichten - psychogenetisch anknüpfend an die Situation des frustrierten Kleinkindes, das sich in Ermangelung von zuwendenen Objekten sich selbst, zum Objekt nimmt. So handeln die vielen Briefe an Felice Bau- er(1912 - 1917) hauptsächlich von ihm selbst, seinen Äng­sten und den Befürchtungen im Zusammenhang mit der anste­henden Festigung der Beziehung. Ein besonderes Verhältnis bestand zu seiner Schwester Ottla, zu der er großes Ver­trauen besaß, und mit der er während seiner Krankheit zeit­weise zusammenlebte. Milena Jesenska lernte Kafka 1920 ken­nen, nachdem er zuvor einen erneuten Bindungsversuch unter­nommen hatte, der hauptsächlich an der Ablehnung seines Va— ters scheiterte. Milena Jesenska war verheiratet, Kafka und. sie zu verschieden in ihren Vorstellungen, als das diese Be­ziehung befriedigend und harmonisch verlaufen konnte. Nach drei Jahren Dauer wurde der Kontakt eingestellt. Die letz­ten Jahre seines Lebens lebte er in Berlin mit Dora Dymant zu­sammen, die er auch geheiratet hätte, wäre nicht der Rabbi ihrer Eltern gegen die Verbindung gewesen. - Kafka er­schien zu assimilatorisch, nicht orthodox genug.58Die ¿jüdi­sche Abstammimg war vermutlich zeit seines Lebens ein wei­terer Konflikt.' Während seiner Kindheit fanden in Böhmen noch antijüdische Ausschreitungen statt, auch dürften die ständigen verbalen Angriffe in Zeitungen und in der Öffent­lichkeit ihre Spuren hinterlassen haben.59 Sie stellten eben­falls Angriffe auf Kafkas Selbstwertgefühl dar; teilweise machte sich Kafka - obwohl er Jude war - antijüdische An­sichten zu eigen. Das mag stellenweise intellektuelle Ur­sachen gehabt haben, wird aber zu einem gewissen Teil auch auf Verinnerlichung zurückzuführen sein. 3#2. Die besondere Schuld - und Strafproblematik Die ungünstigen Bedingungen während der ersten Lebens­jahre Eranz Kafkas sorgten für besonders starke aggressive Gefühle den Objekten und damit auch sich selbst gegenüber. Zunächst waren die aggressiven Tendenzen mit der Mutter­oder Ammen - Brust verbunden. Um ständig die Möglichkeit zum Saugen zu haben, wird die Brust einverleibt; Grundlage dessen ist die Fähigkeit des Kindes, andere Dinge zum Sau­gen zu gebrauchen; es kann z.B. am Daumen saugen, dient sich somit selbst als Objekt oraler Befriedigung, die aller­dings nur so lange anhält, als der Hunger noch nicht groß genug ist. Hieraus ist deutlich der orale Charakter der Mutter - Kind - Symbiose erkennbar. Innerhalb dieser Ver­bindung sind erste Identifizierungsmöglichkeiten gegeben; archaische Überichbildungen gehen vor sich.61 Aus der Empfindung der Einverleibung des Objekts entsteht Angst, erste Schuldgefühle werden möglich; es wird versucht, auf das Objekt zu verzichten. Der Verzicht gelingt mehr oder weni­ger; bei Kafka mißlangen die Trauerbewältigungsversuche. Ereud(1975) sieht darin die Entwicklung zur Melancholie.

Er beschreibt "eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt,(...) den Ver­lust der Liebesfähigkeit, (...) die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbst­vorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahn— haften Erwartung von Strafe steigert." Weitere Folgen sind "Schlaflosigkeit, Ablehnung der Nahrung und eine psycholo­gisch höchst merkwürdige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am Leben festzuhalten zwingt."Freud nimmt an, daß die Angriffe auf die eigene Person aber eigentlich gegen eine andere gerichtet sind. Diese Wechselbeziehung ist mög­lich, weil die Erfahrung der'Vermischung von Selbst und Ob­jekt erhalten bleibt. Somit sind die beschriebenen Symptome der Melancholie regressiver Natur, sie gehen auf die orale Phase zurück. Verluste von Objekten werden als selbst­verschuldet angesehen. Der daraus entstehende Be­strafungswunsch, der gegen sich selbst gerichtet ist, gilt eigentlich Objekten, die aber gefürchtet sind. Kafkas Selbstmordphantasien stehen damit in Verbindung

Die Schuldgefühle wurden nun während der ödipalen Pha­se wesentlich verstärkt. Aus dem Erlebnis der Bestrafung, . das - wie beschrieben - auf Franz Kafka so traumatisierend wirkte, resultierte eine Weiterentwicklung von Strafbedürf­nissen. Kafkas Vater förderte lediglich einen Prozeß. Win- terstein(1932) nennt das Strafbedürfnis "eine pseudomorali­sche Verkleidung des masochistischen Wunsches, überwältigt, vernichtet zu werden. In ihm erkennen wir den ursprüngli­chen, erogenen Masochismus wieder, der bereits die frühin­fantile Angst, gefressen zu werden, zu einer libidinösen Wunschsituation umgestaltet. "68Die ödipale Phase findet be- kainitiiôh ihféñ Auágähg in dèi1 Ihdéh-biŕibiéfUhg ttít déni Vä­ter und der Gewissensbildung. Das männliche Kind nimmt sich normalerweise den Vater zum Vorbild. War aber, wie bei Kaf­ka, der Vater zu dominierend, war der Vorgang der Identifi­zierung teilweise beeinträchtigt, zumal auch der schwache Körper des Sohnes und der kräftige Körper des Vaters einen krassen Gegensatz bildeten. So entstand wegen der empfunde­nen Grausamkeit des Vaters, die teilweise als Projektion aufgefaßt werden muß - das Kind projiziert eigene aggres­sive Phantasien auf andere, wodurch Gefühle des Bedroht­seins entstehen - "ein großes Strafbedürfnis im Ich, das teils als solches dem Schicksal bereitliegt, teils in der Mißhandlung.durch das Uber-Ich (Schuldbewußtsein) Befriedigung findet." Wie kompliziert diese Schuld - und StrafZu­weisungen sind, zeigen einerseits die Diskussionen innerhalb der psychoanalytischen Literatur, aber andererseits auch Kafkas Vorstellungen von Schuld, die recht diffus sind.

Ein Teil dieser Schuldgefühle findet sich da, wo es um die Problematik geht, Jude ζμ .sein. Schließlich wird von den Christen seit Jahrhunderten der Vorwurf der Kreuzigung Jesu Christi zum Anlaß antijüdischer Einstellungen' und Handlun­gen genommen, Ritualmorde wurden den Juden vorgeworfen, aber auch sexuelle Schandtaten. Kafka verfolgte Berichte in der Presse, aber auch Gerichtsprözesse, die mit solchen Vorwürfen zu tun haben. Auch die Erkenntnis, von den Eltern nicht konsequent jüdisch erzogen worden zu sein, hatte zur Folge, daß Schuldgefühle auftreten konnten. Einerseits ver­stärkte dieses Bewußtsein die Unvollkommenheitsgefühle, an­dererseits haben die Vorwürfe gegenüber dem Vater, der sich aus geschäftlichen Gründen assimilierte, neue Schuldgefühle aufkommen lassen, da die Vorwürfe Verständnis für die Lage des Vaters fraglich erscheinen lassen, das Wissen um die Problematik aber vorhanden gewesen sein muß.

[...]

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Schuld und Strafe - Literaturpsychologische Untersuchungen von ausgewählten Werken Franz Kafkas
Hochschule
Universität Hamburg  (Sprachwissenschaften)
Note
befriedigend
Autor
Jahr
1982
Seiten
98
Katalognummer
V135286
ISBN (eBook)
9783640428175
Dateigröße
61841 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist ursprünglich per Schreibmaschine angefertigt und nun eingescannt worden zur Veröffentlichung. Aufgrund der Qualität deshalb keine Buchveröffentlichung und ein reduzierter Preis!
Schlagworte
Schuld, Strafe, Literaturpsychologische, Untersuchungen, Werken, Franz, Kafkas
Arbeit zitieren
Wolfgang Kölbel (Autor), 1982, Schuld und Strafe - Literaturpsychologische Untersuchungen von ausgewählten Werken Franz Kafkas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135286

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