Integrative Rolle von Konflikten und Public Relations

Oder: Halten sowohl interne Auseinandersetzungen als auch professionelle persuasive Kommunikation eine Gesellschaft zusammen?


Hausarbeit, 2008

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen I: Integration und Konflikt
2.1 Integration
2.2 Konflikt

3 Gewandeltes Konfliktverständnis
3.1 Simmels Phänomenologie des Streits
3.2 Lewis A. Coser: Konflikte offenbaren Gemeinsamkeiten
3.3 Ralf Dahrendorf: Konflikttheorie
3.4 Zwischenfazit
3.5 Habermas: Konflikte kommunikativ lösen
3.6 Luhmann: Konflikte ermöglichen Veränderung

4 Hat Massenkommunikation der Integration zu dienen?

5 Definitionen II: Persuasion und Public Relations
5.1 Persuasion
5.2 Public Relations

6 Public Relations als integratives System
6.1 Makroperspektivische Einblicke
6.2 Trügerische Integration

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Moderne Gesellschaften zeichnen sich unter anderem durch Wertepluralismus und eine stark differenzierte Arbeitsteilung aus. Daher sind sie unweigerlich durch zahlreiche Konflikte geprägt, in denen verschiedene Interessengruppen danach streben, ihre Ziele zu verwirklichen. Bestes Beispiel für derartige Auseinandersetzungen ist das bundesdeutsche Parteiensystem, in dem die unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie unsere Gesellschaft zu regieren sei, institutionalisiert sind.

Weil Konflikte im schlimmsten Fall dazu führen, dass eine Gesellschaft auseinander bricht, besteht ein gesamtgesellschaftliches Interesse an integrativen Mechanismen. Laut Gerhard Maletzke müssen Gemeinschaften daher fortwährend bemüht sein, „Integration herzustellen oder zu bewahren“ (Maletzke 1980: 200). Konflikt und Integration stehen also insofern in einem engen Zusammenhang, als dass es ohne Konflikt keiner integrierenden Maßnahme bedarf. Ein mögliches Mittel, einen Konflikt zu lösen und auf diese Weise Integration zu schaffen, bildet persuasive Kommunikation. Die streitenden Interessen­gruppen können sich entweder gegenseitig von ihren Standpunkten überzeugen oder diese Aufgabe einem Dritten überlassen. Im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit wird nun in einem ersten Schritt nachgezeichnet, unter welchen Aspekten sich die Soziologie mit dem Phänomen des Konflikts befasst hat. Insbesondere soll gezeigt werden, wie ausgehend von Georg Simmel über Lewis A. Coser und Ralf Dahrendorf eine neue Perspektive auf die Konfliktthematik entstanden ist, die sich auch in den aktuellen Gesellschaftstheorien von Jürgen Habermas und Niklas Luhmann wiederfindet. Gemeint ist hier der Gedanke, dass Konflikte, die häufig mit Desintegration gleichgesetzt werden, unter bestimmten Bedingungen hochgradig integrativ wirken können. In einem zweiten Analyseschritt wird anschließend untersucht, in wie weit Public Relations (PR), als eine Spielart persuasiver Kommunikation, eine integrierende Funktion für die Gesamtgesellschaft besitzen. PR werden dabei als ein unabhängiges Teilsystem des gesellschaftlichen Systems Massenkommunikation betrachtet.

Weiterhin wird im Verlauf dieser Arbeit dargestellt, in welchem Maße Öffentlichkeit und Wissenschaft dem System Massenkommunikation überhaupt eine integrierende Funktion zuschreiben bzw. abfordern. Im Anschluss daran ist schließlich zu überprüfen, ob PR als Teilsystem von Massenkommunikation diesen Erwartungen gerecht werden.

Bevor jedoch weiter über Konflikt und Integration diskutiert wird, müssen beide Begriffe exakt definiert werden. Denn zum Einen wird „der Begriff der Integration in der wissenschaftlichen wie in der publizistischen Praxis so unterschiedlich verwendet [.], dass er jegliche theoretische Prägnanz zu verlieren droht“ (Ronneberger 1985: 3), und zum Anderen existieren auch für den Terminus des Konflikts zahlreiche unterschiedliche Bedeutungen. Die ebenfalls unabdingbare Definition von Persuasion wird nachgeholt, wenn der Themenblock PR beginnt.

2 Definitionen I: Integration und Konflikt

2.1 Integration

Eine brauchbare Übersicht der häufigsten Bedeutungen des Begriffs der Integration findet sich in Roman Hummels Aufsatz „Integration als publizistische Aufgabe“. Hummel stand vor dem Problem, österreichische Medienwissenschaftler und -praktiker über das Thema mediale Integrations- bzw. Desintegrationsleistungen befragen zu wollen. Da er allerdings befürchtete, seine Ergebnisse durch eine vorgegebene Definition zu beeinflussen, stellte Hummel die fünf populärsten Begriffserklärungen zusammen und bat seine Interviewpartner, über die ihrer Meinung nach sinnvollsten Definitionen zu reflektieren.

Nach Hummel kann Integration unter folgenden Schwerpunkten betrachtet werden (Vgl. Hummel 1996: 285-287)

1. Integration als Unterordnung

Integration entsteht durch die Anerkennung von Normen und Grundwerten. Je stärker diese Normen innerhalb einer Gemeinschaft respektiert und beachtet werden, desto stärker die Integration.

2. Integration als Aufnahme

Integration bezeichnet den Prozess, in dem neue Elemente in ein bestehendes System aufgenommen werden, so dass sie sich am Ende nicht stärker von den alten Elementen unterscheiden als diese es untereinander tun.

3. Integration durch partielle Desintegration

Unter der Voraussetzung gemeinsamer Grundwerte und institutionalisierter Konfliktaustragung wirken innergesellschaft­liche Konflikte integrierend, weil sie effektive Kompromisse herbeiführen.

4. Integration als Reduktion von Furcht

Da miteinander rivalisierende Gruppen sich gegenseitig fürchten, kommt es zu integrativen Prozessen innerhalb der einzelnen Gruppen. Sie werden sozusagen durch eine äußere Bedrohung zusammengeschweißt.

5. Integration als Konstruktion sozialer Realität

Soziale Gruppen sind gesellschaftliche Konstrukte, die sich gegenüber dem Rest der Gesellschaft durch ein mehr an Integration auszeichnen. Je mehr Gemeinsamkeiten die einzelnen Mitglieder teilen, desto größer ist die Integration.

Die Vielschichtigkeit des Begriffs der Integration ist also offenkundig. Geeigneter als die fünf Definitionen Hummels ist für die geplante Analyse jedoch die Integrationsdefinition des Systemtheoretikers Talcott Parsons, die makroperspektivische Betrachtungen ermöglicht. Parsons versteht unter Integration „einen Beziehungsmodus zwischen den Einheiten eines Systems, vermöge dessen diese Einheiten so zusammenwirken, dass der Zerfall des Systems unter Verlust der Möglichkeit zur Erhaltung seiner Stabilität verhindert, und sein Funktionieren als eine Einheit gefördert wird“ (Zitiert in Ronneberger 1985: 13-14).

2.2 Konflikt

Trotz der Tatsache, dass unter einem Konflikt gemeinhin ein Prozess der Auseinander­setzung verstanden wird, soll in Anlehnung an Joachim Westerbarkey eine andere Definition gewählt werden. Der Begriff des Konflikts dient demnach im Folgenden nicht weiter als allgemeine Bezeichnung für alle Arten von aktiv ausgetragenen Meinungs-verschiedenheiten (z.B. Krieg, Kampf, Streik usw.), sondern beschreibt vielmehr „Positionsdifferenzen, die in divergenten Informationen, Erwartungen und Einstellungen bestehen“ (Westerbarkey 1993: 229). In einem zweiten Schritt können diese Positionsdifferenzen dann zu realen Auseinandersetzungen führen. Oder einfacher formuliert: Die Bezeichnung Konflikt wird im Sinne von Konfliktpotential verwendet und meint die Ursachen innergesellschaftlicher Interessenkämpfe und nicht die Interessenkämpfe selbst.

3 Gewandeltes Konfliktverständnis

In der Soziologie findet sich seit jeher die Auffassung, dass Konflikte und ihre Manifestation in Auseinandersetzungen den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährden. Vertreter dieser These treten folglich dafür ein, Konflikte jeglicher Art durch einen allgemeinen Konsens zu überwinden und so den Fortbestand der Gesellschaft zu sichern. Um 1900 wurde die Lehre von den desintegrativen Kräften sämtlicher Konflikte durch den Späthistorismus verbreitet, ein halbes Jahrhundert später übernahm der Strukturfunktionalismus diesen Gedanken und in der Gegenwart orientiert sich die kommunitaristische Soziologie daran. Aber zu keiner Zeit blieb die Idee der ausschließlich negativen Konfliktauswirkungen unwider­sprochen.(Vgl. Dubiel 1999: 132)

3.1 Simmels Phänomenologie des Streits

Im übertragenen Sinne den ersten Stein warf der Berliner Professor für Soziologie Georg Simmel. 1908 widmete er in einem umfassenden Werk über die Soziologie ein Kapitel von circa 70 Seiten dem Phänomen des Streits.[1] Darin betont er vor allem, dass konfliktbedingte Auseinander­setzungen häufig ein starkes integratives Moment enthalten. Diese These belegt er unter anderem mit erstaunlich präzisen Beobachtungen aus zahlreichen Lebensbereichen. Besonders hervorzuheben sind hier seine Reflexionen über Ehe und Eifersucht.

[...]


[1] Die folgenden Ausführungen stützen sich im Wesentlichen auf das besagte Kapitel. Vgl. Simmel 1968: 186-255

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Integrative Rolle von Konflikten und Public Relations
Untertitel
Oder: Halten sowohl interne Auseinandersetzungen als auch professionelle persuasive Kommunikation eine Gesellschaft zusammen?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Persuasive Kommunikation
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V135325
ISBN (eBook)
9783640432295
ISBN (Buch)
9783640432233
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikte, Public Relations, Institut für Kommunikationswissenschaft Münster
Arbeit zitieren
Malte Peters (Autor:in), 2008, Integrative Rolle von Konflikten und Public Relations, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135325

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