Das verzerrte Frauenbild in frühen deutschen Reiseberichten. Analyse der Werke des Adam Olearius und Sigismund von Herberstein


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
26 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt:

I. Aufgabenstellung

II. Informationsfluss
a. Reiseberichte
b. Zeitungen

III. Adam Olearius
a. Kurzbiographie
b. Hintergründe der Reisebeschreibung

IV. Einführung in die Reisebeschreibung des Adam Olearius

V. Rezeption der Reiseberichte über Russland durch die Bevölkerung

VI. Darstellung der russischen Frauen
a. Äußerliches Erscheinungsbild
b. Verhaltensweisen
c. Lebensumstände
d. Eheleben
i. Heirat
ii. Ehebruch und Scheidung

VII. Zusammenfassung

VIII. Ergebnis

Literaturverzeichnis

Anhang

„Sie halten ihre Weiber in schlechter Liebe, weil sie sie ungesehen nehmen und behalten müssen, wie sie sind [...] Das Leben der Weiber ist erbärmlich. Denn sie halten keine für ehrbar, die nur auf die Gasse geht. Darum halten die Reichen und Vornehmen ihre Frauen so abgeschlossen, dass niemand ihnen zu Gesicht oder mit ihnen zum Reden kommt, übergeben ihnen auch nicht die Wirtschaft[...][1]

I. Aufgabenstellung

Um das Leben und die Stellung der Frau im ausgehenden 16. Jahrhundert und den darauffolgenden zwei Jahrhunderten zu untersuchen, bedienen sich Historiker gerne der Gattung der Reiseliteratur. Diese gewährt, auf den ersten Blick, eine vermeintlich gute Einsicht in die Lebensumstände der russischen Frauen und der Gesellschaft. Hierbei wird das Frauenleben als „dumpfer und rechtloser Zustand“ dargestellt und dies blieb jahrhunderte lang gängige Meinung[2].

Diese Arbeit soll am Beispiel des Reiseberichts des Adam Olearius die Art und Weise darstellen, wie - hauptsächlich ab dem 17. Jahrhundert - das Bild der Russen und insbesondere der russischen Frauen durch deutsche Reiseberichte geprägt wurde. Welcher Bilder und Beispiele bediente sich Olearius bei seinen Erzählungen? Welche Situationen erlebte er selbst und welche übernahm er aus anderen Quellen? Es gilt festzustellen, warum und wie es zu dieser Stereotypenbildung kommen konnte, die sich über diese lange Zeit erhalten haben.

II. Informationsfluss

Zu Beginn stellt sich die Frage, wie im 17. Jahrhundert Informationen weiter gegeben wurden, gerade was in diesem Falle das ferne Moskowien betraf. Reisen war zu dieser Zeit für viele Menschen unerschwinglich und für diejenigen die es sich leisten konnten, mit Unannehmlichkeiten und Gefahren verbunden. Viele Menschen konnten sich daher nur mit Hilfe schriftlicher Erzeugnisse über andere Kulturen und ferne Länder informieren. An dieser Stelle sind als in Frage kommende Möglichkeiten die deutschen Reiseberichte und Zeitungen zu nennen.

a. Reiseberichte

Mit dem Beginn der Vereinfachung des Reisens durch die Post in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand eine neue Reisekultur, die in einer zunehmenden Reiseliteratur ihren Ausdruck fand. Neben Reiseführern, Reisehandbüchern, wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Reiseschriften, Reisetagebüchern, Reisenovellen und Reiseromanen nahmen auch die Reiseberichte bzw. -beschreibungen einen wichtigen Platz unter den Publikationen rund ums Reisen ein[3]. Man kann prinzipiell zwischen zwei Arten des Reisens unterscheiden: Einerseits ist das Reisen in geschäftlichen Angelegenheiten zu nennen. Hierzu zählen unter anderem Hof-, Handels-, Missions- und Pilgerreisen, aber auch der Heerzug und die Wallfahrt. Andererseits reisten viele Menschen immer häufiger um des Reisens Willen. Das Reiseunternehmen wurde zum Selbstzweck und diente vor allem der Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizonts[4].

Diese Reiseberichte geben nicht nur Aufschluss über Land und Bewohner, die sie beschreiben, sondern auch über Einstellung und Beurteilung ihrer Verfasser. Sie bilden eine besondere Quellengattung für jeden Historiker[5] und bieten Einblicke in kulturelle Begegnungen mit fremden Völkern und Kulturen.

b. Zeitungen

Zeitungen dienten im 17. Jahrhundert wie die Reiseberichte zur Information der Bevölkerung. Diese sind im Gegensatz zu den Reiseberichten als Quellen zur Russlandkunde kaum ausgewertet worden[6]. Die Zeitungen waren zur damaligen Zeit kein „öffentlich zugängliches, periodisches Druckerzeugnis mit aktuellem und universalem Inhalt“[7], sondern vielmehr handgeschriebene Einzelexemplare[8]. Ursprünglich waren diese Zeitungen Anlagen zu Briefen in fürstlicher Korrespondenz und zirkulierten in diesen Kreisen in gekürzter, ergänzter oder einfach duplizierter Form[9].

Diese Eigenschaften der Zeitungen können dazu geführt haben, dass sie angesichts ihres uneinheitlichen Charakters und der resultierenden Anonymität der Verfasser[10] nicht in vergleichbarer Weise zu einer verlässlichen Quelle wurden. Daher dient als Grundlage für die weitere Bearbeitung die Reisebeschreibung Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen vnd Persischen Reyse von Adam Olearius aus dem Jahre 1656[11].

III. Adam Olearius

a. Kurzbiographie

Adam Olearius wurde 1603 in Aschersleben (Sachsen) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er begann das Studium der Theologie 1620 an der Universität Leipzig, befasste sich aber hauptsächlich mit Mathematik, Philosophie und Naturwissenschaften. Im Jahre 1627 schloss Olearius sein Studium mit dem Magister der Philosophie ab. Er trat 1633 in den Dienst des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf. In dessen Auftrag nahm er an mehreren diplomatischen Reisen nach Persien teil. Adam Olearius verstarb im Jahre 1671 in Schleswig als angesehener Dichter, Historiker und Philologe[12]. Sein Werk bildet einen „Markstein der Entwicklung der deutschen Wissenschaftssprache“[13].

b. Hintergründe der Reisebeschreibung

Olearius war auf seinen Reisen im Auftrag des Herzogs von Schleswig- Holstein-Gottorf entsandt worden. Bereits im Jahr seines Dienstantritts wurde er mit einer Gesandtschaft nach Persien geschickt. Diese sollte die Eröffnung einer Handelsroute über Persien und Russland nach Norddeutschland vereinbaren. Die Gesandtschaft verließ Hamburg am 6. September 1633 und traf am 14. August 1634 in Moskau ein. Olearius gehörte der 34 Personen umfassenden Delegation als Sekretär an und hielt viele Erlebnisse dieser Reise und deren Ergebnisse fest. Mit dem Zaren Michail Fedorovič wurde ein Vertrag geschlossen, der den schleswig-holsteinischen Kaufleuten den Transport bestimmter persönlicher Waren durch Russland und die Anlage von Stapelplätzen entlang der Wolga erlaubte. Dieses Privileg wollte der Zar sich jedoch mit 600 000 Talern vergüten lassen und sorgte durch diese unrealistische Forderung bereits zu diesem Zeitpunkt zum Scheitern der Verhandlungen. Obwohl diese Reise sowohl handelspolitisch als auch diplomatisch ein Fehlschlag war, wurde der von Olearius darüber verfasste Reisebericht zu einem „Markstein in der Länder und Völkerkunde“[14]

IV. Einführung in die Reisebeschreibung des Adam Olearius

Unter den Reisebeschreibungen des 17. Jahrhunderts über Russland nimmt die des Adam Olearius ohne Zweifel den allerersten Rang ein[15]. Wolfgang Geier bezeichnet sie sogar als „Meilenstein der Länder- und Völkerkunde“[16] und ordnet sie neben Herbersteins Rerum Moscovitiacarum Commentera von 1549 als den zweiten Klassiker der Russlandkunde ein[17]. Damit hatte Olearius ein großes Erbe anzutreten, da das Werk Herbersteins zwischen 1549 und 1589 insgesamt 14 Mal in verschiedenen Sprachen aufgelegt worden war[18]. Olearius besuchte Russland insgesamt drei mal: In den Jahren 1634 und 1636/39 wie bereits beschrieben als Sekretär und 1643 als Leiter einer holsteinisch-gottorfischen Gesandtschaft. Sein Buch berichtet von dem Erlebten, Gesehenen und Gehörten im fernen Moskau und wird durch ältere Russlandliteratur ergänzt[19]. Dieses Werk ragt durch seine Fülle des Stoffs, den Olearius klar gliedert und mit einer großen Anzahl an Illustrationen versehen hat, besonders heraus, sodass dem damaligen Publikum zum ersten Mal ein plastischer Eindruck Russlands vermittelt wurde.

[...]


[1] Herberstein, Sigismund von: Das alte Rußland. (Aus dem Latein) unter Mitarbeit von P. König. Zürich 1984, S. 131-133. In: Pietrow-Ennker, Bianka: Rußlands neue Menschen, Die Entwicklung der Frauenbewegung von den Anfängen bis zur Oktoberrevolution, Frankfurt/ New York 1999, S. 83.

[2] Vgl. Pietrow-Ennker, Bianka: Rußlands neue Menschen, Die Entwicklung der Frauenbewegung von den Anfängen bis zur Oktoberrevolution , Frankfurt/ New York 1999, S. 83.

[3] Vgl. Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 24, 1973, S. 556.

[4] Ebd. S. 559.

[5] Ebd. S. 555.

[6] Vgl. Auerbach, Inge: Rußland in deutschen Zeitungen (16. Jahrhundert) in: Keller, Mechthild (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht 9.-17.Jahrhundert, West-Östliche Spiegelungen, Reihe A, Band 1, München 1985, S. 183.

[7] Vgl. Welke, Martin in: Rußland in der deutschen Publizistik des 17. Jahrhunderts (1613­1689). In: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 23, 1976, S.142.

[8] Vgl. Auerbach: Rußland in deutschen Zeitungen, S. 183.

[9] Auerbach: Rußland in deutschen Zeitungen, S. 183.

[10] Ebd. S. 184.

[11] Olearius, Adam: Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen vnd Persischen Reyse, Schleswig 1656.

[12] Vgl. Priesner, Claus: in Neue Deutsche Biographie, hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 19 Berlin 1999, S. 517ff.

[13] Vgl. Prinz, Friedrich: Von den Historien fremder Völker: „Des Adam Olearius Gesandtschaftsreisen durch Russland und Persien“, in: Damals, Band 24 1994, S. 861.

[14] Vgl. Priesner, Claus: NDB, Bd. 19, S. 517.

[15] Olearius, Adam: Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen vndPersischen Reyse, Schleswig 1656, Nachdruck, herausgegeben von Dieter Lohmeier, Tübingen 1971.

[16] Priesner, Claus: NDB, Bd. 19, S. 517.

[17] Vgl. Geier, Wolfgang: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten, Wiesbaden 2004, S. 73.

[18] Herberstein, Sigismund von: Beschreibung Moskaus der Hauptstadt in Russland samt des Moskowitischen Gebietes, 1557, Ausgewählt, übertragen und eingeleitet von Bertold Picard, Graz/ Wien/ Köln 1966, S.22.

[19] Vgl. Liszkowski, Uwe, Olearius' Beschreibung des Moskauer Reiches, in: Keller, Mechthild (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht 9.-17.Jahrhundert, in: West-Östliche Spiegelungen, Reihe A, Band 1, München 1985, S. 223.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das verzerrte Frauenbild in frühen deutschen Reiseberichten. Analyse der Werke des Adam Olearius und Sigismund von Herberstein
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Konstruktion von Geschlechtsbildern und Geschlechterbeziehungen im Russischen Reich und der Sowjetunion (19./20. Jahrhundert)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V135329
ISBN (eBook)
9783668016422
ISBN (Buch)
9783668016439
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenbild, reiseberichten, analyse, werke, adam, olearius, sigismund, herberstein
Arbeit zitieren
Bernhard Koch (Autor), 2009, Das verzerrte Frauenbild in frühen deutschen Reiseberichten. Analyse der Werke des Adam Olearius und Sigismund von Herberstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135329

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