Die Entwicklung der Initiale bis zum Ende des Mittelalters


Seminararbeit, 2000

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorbemerkung

2. Die Geschichte der Initialkunst
2.1 Römisches und christliches Altertum
2.2 Friihmittelalter / merowingische Buchkunst (7./8. Jahrhundert)
2.3 Insulare Buchkunst (im 7. Jahrhundert einsetzend)
2.4 Karolingische Zeit
2.5 Nachkarolingische / romanische Zeit (10./11./12. Jahrhundert)
2.6 Spätmittelalter / Gotik
2.7 Italienische Renaissance / Humanismus (14. bis 16. Jahrhundert)
2.8 Erfindung des Buchdrucks

3. Zusammenfassende Schlussbemerkung

4. Bildteil

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Vorbemerkung

Littera initialis „bezeichnet den Anfang oder Beginn eines Textes oder Sinnab-schnittes, der durch bes ondere GröBe, Verzierung oder Farbe gegeniiber den brigen Buchstaben hevorgeh oben ist" 1, d.h. unter dem Begriff der Initiale werden alle hervorgehobenen Anfangsbuchstaben von Textabschnitten zusammen-gefasst. Die Initiale ist im Lauf der Geschichte jedoch weit iiber die praktische Auf-gabe der Textgliederung hinaus als Kunstwerk an sich geschaffen und empfunden worden2 und ist s omit auch immer ein Zeitzeuge oder -repräsentant der zu ihrer Ent-stehungszeit vorherrschenden Schrift- und (Buch-)Kunstform. Diese Seminararbeit will einen Uberblick iiber die Realisierung zeittypischer Merkmale in der Ausfiihrung und Verwendung der Initialen in der Buchillustration geben. Sinnvoll ist dies in Hin-sicht auf eine Auffiihrung des Gehalts an Buchschmuck einer Handschrift in einem Handschriftenkatalog, wobei Löffler fordert, nach Jahrhunderten zu ordnen und die wichtigsten ikonographischen Gesichtspunkte zu beriicksichtigen.3

Aus Platzgriinden wird im Folgenden nicht näher auf Zusammenhänge mit der allgemeinen Buchmalerei (Miniaturmalerei) und Tafelmalerei eingegangen, s ondern nur wo nötig auf generelle Strömungen im Bereich der Kunst hingewiesen.

Auf der CD-Rom-Version werden im Anschluss an den Textteil Beispiele gege-ben, auf die an der entsprechenden Stelle im Text durch eine FuBnote verwiesen wird.

2. Die Geschichte der Initialkunst

2.1 Römisches und christliches Altertum

Die Geschichte der illustrierten Papyrusrolle reicht bis in das ägyptische Altertum zu-riick. Jedoch erst mit dem Wechsel vom Papyrus zum Pergament im Buchwesen er-hielten die Illustratoren ein Material, das „s owohl der technischen Verfeinerung ent-gegenkam, wie es den vollen Reiz der Farben zur Geltung brachte".4

Sch on in lateinischen Handschriften des 4. Jahrhunderts ist der Usus nachweisbar, den Anfangsbuchstaben jeder Seite oder Kolumne zu vergröBern und dekorativ zu gestalten. In der Antike werden meist einfache ge ometrische und pflanzliche Verzie-rungen verwendet, s owie der Fisch, der bis ins 9. Jahrhundert neben dem Vogel eines der wichtigsten Motive fiir Initialen bleibt.

2.2 Friihmittelalter / merowingische Buchkunst (7./8. Jahrhundert)

Die Ansätze zu ornamentalem und farbigem Buchschmuck, die im 6. Jahrhundert zu be obachten waren, entfalten sich in der vorkarolingischen Zeit in vielen lokalen Tra-ditionen voll. Er konzentriert sich jetzt auf den Beginn eines Buches, dessen Titel und Initialen. Fische und Vogel sind hierbei die beliebtesten, allgemein verbreiteten Motive,5 Rot, Gelb und Griin die häufigsten Farben.

Im 8. Jahrhundert treten erstmals Figureninitialen auf, bei denen Tiere oder men-schliche Gestalten Buchstaben/-teile ersetzen; haben sie einen Bezug zum Inhalt des Buches spricht man von historisierten Initialen.6

2.3 Insulare Buchkunst (im '. Jahrhundert einsetzend)

Die im 5. und 6. Jahrhundert im siidlichen Gallien geschriebene Halbunziale wird durch irische Monche im Zuge der Missionierung in Irland eingefiihrt, wobei sie dort in einem runden Duktus als Buchschrift auftritt und als s olche auch in der Initial-kunst zugrundegelegt wird.7 Das Flechtband wird in der Buchkunst Irlands zusam-men mit wirbelnden Spiralen und subtil verflochtenen Tieren zum vorherrschenden Schmuck- element: Der Buchstabe wird als Flechtwerk aus verschiedenfarbigen Bändern oder Riemen gebildet, beginnt oft in Tierköpfen, Vogel- und Hundeköpfen, läuft häufig nach links aus oder ist am Ansatz bzw. Ende mit Spiralen verziert. Dem linearen We-sen des Flechtwerks wird auch die Menschen- und Tierform, s oweit sie in die Orna-mentik einbez ogen ist, unterworfen, ohne Riicksicht darauf, ob die F ormen dabei n och natiirlich erscheinen oder nicht.8 Kennzeichnend sind die rote Umtiipfelung der Anfangsbuchstaben s owie die stufenweise immer kleiner werdenden Buchstaben im Anschluss an die Initialen („Diminuendo-Wirkung").9 10

2.4 Kar olingische Zeit

Ausgehend vom H ofe Karls des GroBen vollzieht sich im Rahmen der kulturellen Erneuerung in Form einer Renaissance der Antike ein kultureller und kiinstlerischer Aufschwung. In der ornamentalen Buchkunst ist infolgedessen eine Verschmelzung christlicher und heidnischer Symb ole festzustellen: Es wird teilweise direkt auf antike Schmuckmotive, bes onders Formen aus der Pflanzenwelt (Ranken, Palmetten, Akan-thus, Blätter, aber auch andere Motive, wie z.B. der Mäander) zuriickgegriffen. Die Initialausstattung der groBen Mehrzahl der Handschriften wird aus einem recht en-gen Vorrat von Formen bestritten, unter denen das Flechtband, das mittels einem Netz von Punkten konstruiert wird, fast unentbehrlich geworden ist. Vermehrt findet sich auch die Verwendung von Gold und Silber. Die älteren Fisch- und Vogelmotive treten zuriick, und viele Handschriften beschränken sich auf vergroBerte Capitalis-buchstaben. Ab dem 9. Jahrhundert wird ein Initialstil mit breiten gewundenen und Soft verschlungenen Blattranken von Bedeutung. Zu dieser Zeit tauchen auch bewusst geformte historisierte Initialen auf. Dieser Initialtyp behält groBe Bedeutung bis in die Renaissance. Von der ornamentalen Kunst Englands ist ein fast gänzlich figuren-loser Stil der zweiten Jahrhunderthälfte abhängig, den strenge geometrische Umrah-mungen und schwere Initialformen auszeichnen, die mit engen Flechtmustern von h oher Präzision gefiillt werden („frankosächsischer Stil").11 12

2.5 Nachkar olingische / romanische Zeit (10./11./12. Jahrhundert)

Im Erscheinungsbild der Handschriften der nachkarolingischen Zeit ist eine zuneh-mende Abstufung der Schriftgrade im Verhältnis von GröBe, Ansehnlichkeit und Gehalt an Abkiirzungen feststellbar, je nach der vorgesehenen Benutzungssituation.13

Neben der Illustration mit Deckfarben ist im 12. Jahrhundert die Illustration mit Federzeichnungen sehr verbreitet: Der Umriss der Ranke wird als rote Linie ausge-fiihrt und der Körper der Ranke selbst, von der der Buchstabe gebildet wird, wird in der Pergamentfarbe belassen. Daneben aber hält sich bis ins 11. und 12. Jahrhundert die anspruchsvollere Art, die Initiale wie friiher in Gold und Silber zu gestalten.14 Im Bereich der Initialkunst ist im 11. Jahrhundert die pflanzliche Ornamentik bereits reichlich ausgebildet; Gold und Silber werden von bunten Farben verdrängt. Immer häufiger werden tierische und menschliche Formen zur Bereicherung oder s ogar zur Bildung des Buchstabens herangez ogen. Unter den z oomorphen Motiven gewinnen Drachen und Löwen an Beliebtheit; Drachenkämpfe und Rankenkletterer sind fiir diese Zeit typisch.15

Der verbreitetste Initialtyp der nachkarolingischen Zeit ist die Rankeninitiale, eine treibende Ranke, die in das Innere des B ogens dringt oder sich um den Schaft herum ausbreitet. Ranken und Figuren beherrschen den Buchstaben oft s o weit, dass seine Erkennbarkeit zuriicktritt. Das Eigentiimliche der romanischen Initiale ist, dass sie rein ornamental gedacht ist: die Ranken s ollen nicht eine bestimmte Pflanze oder ein bestimmtes Blatt wiedergeben, s ondern entstammen der ornamentalen Vorstellung des Illuminators.16

Die bewohnte Initiale, in die Figuren und Szenen (etwa Jagd- und Kampfszenen) ohne Bezug zum Inhalt des Buches eingesetzt werden, aber auch der narrative Buch-stabe mit erklärenden und illustrierenden Szenen erlebt seine volle Ausbildung in ro-manischer Zeit.17

2.6 Spätmittelalter / G otik

Mit dem Eintritt in die gotische Zeit erfährt das mittelalterliche Buchwesen die tiefgreifendsten Veränderungen seiner ganzen Geschichte: durch die Sch olastik wird eine gesteigerte Buchproduktion und rationellere Gestaltung des Buches hervorgeru-fen, zeitgleich mit der Einbiirgerung des Papiers.

Im 11. und 12. Jahrhundert hatte sich fiir den Illuminator eine groBe Freiheit in der Gestaltung beziehungsreicher figurierter Initialen geb oten, die sich aber in der eigent-lichen Buchillustration nur in Enzyklopädien, Geschichtswerken und Ritterdichtung s owie der kirchlich-biblischen Thematik fanden; jetzt im 13. Jahrhundert wird auch Literatur der Rechtswissenschaft, Kriegswissenschaft, Astrologie und Alchemie illus-triert18, wobei volkssprachliche Literatur häufiger mit Bildern versehen wird als latei-nische.

Typisches Merkmal der gotischen Handschriftenillustration ist die Entwicklung ei-nes reichen Randschmuckes, der sich aus Rankenausläufern von Initialen bildet: die Randleisten gehören von nun an zum allgemeinen Schmuck des illustrierten Buches. Mit der gotischen Initiale vollzieht sich ein grundsätzlicher Wandel: der Zierbuchsta-be bekommt eine darstellerische Aufgabe. Die Bildinitiale als Textillustration s oll durch kleine Bilder, die in sie eingefiigt sind, Erklärungen geben.19

Ein typisch gotisches Ornament ist das Fleuronnee, ein linear gezeichnetes Orna­ment in qualitätvoller reicher Ausfiihrung, bei dem zierliche Spiralen oder andere Or-namentstreifen den Initialkörper umgeben.20 Die fast ausschlieBlich verwendeten Farben sind Blau und Rot im Wechsel. Bescheidenere Anfangsbuchstaben, die Lom-barden, sind bauchig gerundete Initialen des Unzialalphabetes, auch diese meist ab-wechselnd in Rot und Blau. Lombarden alleine können den Schmuck einfacher Handschriften des 13. bis 15.Jahrhunderts ausmachen.

Eine einfachere, der Feder angemessene zeichnerische Hervorhebung der GroB-buchstaben geschieht bei Cadellen, GroBbuchstaben aus parallel gefiihrten Schäften und Bögen, die sich teilweise durchkreuzen und mit Drolerien, Masken, Vögeln und Fleuronnee versetzt sein können. Diese finden sich v.a. in liturgischen Handschrif-ten.21 Merkmal des echt gotischen Zierbuchstabens sind die Verbindungen von Men-schen- und Tiergestalt, die die Initialen schmiicken.

Ein Kennzeichen des 13. und 14. Jahrhunderts ist die historisierte Initiale als Tex-tillustration, die eine kleine Szene aus dem Text zur Erklärung enthält. Die figiirli-chen Darstellungen haben hier einen eigenen ikonographischen Sinn, sind also nicht bloB dekorativ verstanden. 22

[...]


1 Lexikon des gesamten Buchwesens, s.v. Initiale

2 vgl. Loffler 199 7, S.124

3 vgl. Loffler 199 7, S.166

4 Bischoff 1986, S.244

5 vgl. Bischoff 1986, 5.257

6 Bildteil S. 8

7 vgl. Funke 1999, 5.29

8 vgl. Liffler 199 7, 5.125

9 vgl. Lexikon des Mittelalters, s.v. Initiale

10 Bildteil S. 9

11 vgl. Bischoff 1986, 5.272-2 74

12 Bildteil S. 10 bis 12

13 vgl. Bischoff 1986, 5.284

14 vgl. Löffler 199 7, 5.126f

15 vgl. Bischoff 1986, 5.286

16 vgl. Löffler 199 7, 5.127f

17 Bildteil S. 13

18 vgl. Bischoff 1986, S.299

19 vgl. Liffler 199 7, S.128

20 vgl. Mazal 1986, S.154

21 vgl. Mazal 1986, S.153

22 Bildteil S. 14 und 15

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Initiale bis zum Ende des Mittelalters
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die deutsche Handschriftenkunde und Paläographie
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V135341
ISBN (eBook)
9783640432691
ISBN (Buch)
9783640432912
Dateigröße
19966 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Initiale, Mittelalter, Buchdruck, Schreibkunst, Kalligraphie
Arbeit zitieren
Astrid Mueller (Autor), 2000, Die Entwicklung der Initiale bis zum Ende des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135341

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