Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts am Beispiel der Lektüre des Romans "Die Schleife an Stalins Bart" von Erika Riemann


Hausarbeit, 2006
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Identität

3. Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts

4. Mögliche Nachteile eines identitätsorientierten Unterrichts

5. Emotionales Erleben und seine reflexive Verarbeitung als schulbarer Textverstehensprozess

6. „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann
6.1 Einstieg in das Thema
6.2 Unterrichtsplanung
6.3 Unterrichtsstunde II und III
6.3.1 Ihre Erlebnisse während der Haft
6.4 Unterrichtsstunde IV
6.5 Unterrichtsstunde V und VI
6.6 Unterrichtsstunde VIII

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis:
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

Internetquellen:

1. Einleitung

In der Adoleszenz haben junge Menschen schwierige Entwicklungsaufgaben zu meistern, Identität und Selbstwertgefühl, Individualität und Autonomie sind herauszubilden. Gerade diese Alterstufe beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach der eigenen Identität. Umso sinnvoller scheint es, dieses Thema auch im Deutschunterricht zu behandeln. Wir begegnen diesem Thema nicht nur bei der Frage nach einer nationalen Identität und einem damit verbundenem Leitbild oder bei der Frage nach einer europäischen Identität, sondern in vielen Alltagssituationen. Durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (z.B. Fans einer Musikgruppe, Mitglied eines Sportvereins etc.), aber auch durch die Abgrenzung zu anderen bildet sich ein Selbstbild, das von der jeweiligen Person aufrecht erhalten wird und anderen dazu dient, diese Person in ihr soziales Umfeld einzuordnen. Die Frage nach der Identität muss deswegen zwangsläufig ein modernes Thema bleiben.

Heute gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten seine Identität zu gestalten und seine Individualität hervorzuheben. Doch mit einer Identität sind auch stets Rollenerwartungen verbunden, die sich aufgrund soziologischer Entwicklungen permanent verändern. Diese Erwartungshaltung kann zu Spannungen zwischen der sozialen Identität und der persönlichen Identität führen, wie es in Punkt 2 noch genauer erläutert wird.

Nach einer Klärung des Identitätsbegriffs, des Konzepts des identitätsorientierten Deutschunterrichts und der Methode des emotionalen Erlebens wird in dieser Arbeit genauer auf ein mögliches Unterrichtskonzept zur Lektüre des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ eingegangen.

Die Unterrichtsreihe soll mit der Lektüre und Interpretation von Migrantenlyrik beginnen. Dazu wurden Gedichte von Rose Ausländer ausgewählt. Auf diese Weise soll sich dem Begriff der Identität angenähert werden. Den Schülern soll auch die Definition des Identitätsbegriffs von Lothar Krappmann vorgestellt werden. Im Anschluss daran erfolgt die gemeinsame Lektüre des Romans, die mittels einer Kombination aus der Fokus-Methode und der Methode des emotionalen Erlebens erfolgen soll.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es folglich die Idee des identitätsorientierten Deutschunterrichts vorzustellen und diese auf ihre Vor- und Nachteile zu überprüfen. Des Weiteren sollen konkrete Vorschläge zur Behandlung des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann im Deutschunterricht gemacht werden. Die vorgestellte Unterrichtsreihe ist für die Sekundarstufe I vorgesehen und könnte auch in der Form eines Projektkurses erfolgen.

2. Der Begriff der Identität

Um dieses Themengebiet im Unterricht behandeln zu können, ist es nötig zuerst eine Erklärung des Identitätsbegriffs voranzustellen, bzw. gemeinsam mit den Schülern zu erarbeiten. In dieser Arbeit wird der Identitätsbegriff von Lothar Krappmann vorgestellt, der auch für den Unterricht den Schülern erklärt werden sollte, um einen gemeinsamen Ausgangspunkt zu schaffen. Weiterhin wäre es möglich die Definitionen von Hans-Peter Frey und Karl Haußer, sowie George Herbert Mead, Erikson und Habermaß mit den Ausführungen von Lothar Krappmann zu vergleichen. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit werde ich mich auf den Grundgedanken von Lothar Krappmann beschränken.

Nach seiner Definition entsteht Identität durch Kommunikation und ist deswegen nicht mit einem starren Konstrukt zu vergleichen. Die Identität wird über die Sprache vermittelt, die bei der Interaktion zwischen 2 Gesprächspartnern benutzt wird, um z.B. Wünsche und Bedürfnisse auszutauschen. Damit es durch die Sprache zu einer Identität kommen kann, muss die Sprache nach der Ansicht von Krappmann drei Funktionen erfüllen:

Erstens muss die Sprache als Werkzeug dienen, um bestimmte Erwartungen an den Gesprächspartner, sowie an die Gesprächssituation zu vermitteln.

Zweitens muss es durch das Mittel der Umgangssprache möglich sein, Problemlösungen zu finden. Drittens sieht Krappmann eine weitere notwendige Funktion der Sprache darin, so genannte Überschussinformationen weitergeben zu können. Als überschüssige Informationen werden diejenigen klassifiziert, die dem Gesprächspartner eine persönliche Einstellung zum Inhalt der Mitteilung offenbaren.

Wenn die Sprache diese drei Funktionen erfüllt, so entsteht permanent eine neue Identität im Interaktionsprozess.

Des Weiteren ist in diesem Zusammenhang der Begriff der balancierenden Ich-Identität zu klären. Durch die Erwartungen des sozialen Umfelds hat ein Individuum eine soziale Identität, die sich aufgrund bestimmter Normen definiert. Neben dieser sozialen Identität besteht die persönliche Identität, die durchaus divergierend sein kann und sich auf die Einzigartigkeit eines Individuums bezieht. Aufgrund dieses Dualismus im Identitätsbegriff entsteht ein Spannungsfeld: In beiden Fällen, durch die Unmöglichkeit den Erwartungen zu entsprechen, agieren die Kommunikationspartner auf einer „als - ob - Ebene“, sie geben vor, diese Erwartungen zu erfüllen, ohne dem nachkommen zu können.

„Was erwartet wird, ist also ein Balanceakt: eine Identität aufzubauen, die scheinbar den sozialen Erwartungen voll entspricht, aber in dem Bewusstsein, in Wahrheit die Erwartungen doch nicht erfüllen zu können.“[1]

3. Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts

Ziel des identitätsorientierten Deutschunterrichts ist es „den Schülern eine Hilfe zur Entwicklung einer stabilen Identität zu geben, die den Anforderungen der heutigen Gesellschaft standhält.“[2] Die Individualität des Einzelnen soll gestärkt werden. Erreicht man dieses Ziel, sollte auch das gegenseitige Verständnis für die Individualität eines Anderen gewährleistet sein, so dass Verständnisschwierigkeiten und Misstrauen abgebaut werden. Der identitätsorientierte Deutschunterricht kann also nicht nur dazu beitragen, die Sichtweise des Einzelnen zu ändern, sondern auch das Gruppenklima zu verbessern und das Gruppenbewusstsein zu stärken. Volker Frederking spricht in diesem Zusammenhang von einem verbesserten „Selbst- und Weltverständnis.“[3]

Des Weiteren kann ein Unterricht mit dieser Zielstellung dazu beitragen, dass dem Einzelnen sein Verhalten und dessen Hintergründe erst bewusst werden. Die Rollenerwartungen, die an einzelne Schüler gestellt werden, werden meist nur unbewusst wahrgenommen. Rollenkonformes Verhalten mit entsprechenden Verhaltensritualen ist oft dermaßen verinnerlicht, dass Schüler sie selten in Frage stellen. Der Schüler passt sich der Erwartungshaltung seiner Umgebung an. Der identitätsorientierte Unterricht bietet dem Einzelnen die Möglichkeit seine eigene Identität außerhalb dieser Normen wahrzunehmen. Er hat die Möglichkeit darüber nachzudenken, was sein Wesen im Unterschied zu anderen Identitäten ausmacht. Dieses analysierende didaktische Prinzip kann zu einer Stärkung der Ich-Identität beitragen. Die Identitätsfindung ist dabei als dynamischer Prozess zu sehen, dem Entwicklung nicht nur zugestanden, sondern auch abverlangt wird.

Damit die eben erläuterten Ziele auch erreicht werden können, bedarf es einer Literaturauswahl, mit der sich die Schüler identifizieren können. Die Literatur ermöglicht es zudem den Schülern etwas Fremdes näher zu bringen, von dem sie sich auch kritisch distanzieren können. Vorraussetzung für den identitätsorientierten Unterrichts ist es folglich, dass sich die Leser mit dem Text auseinandersetzen und die Lektüre sie beeinflusst. „Die Schleife an Stalins Bart“ kann als Roman also gut verwendet werden, da diese autobiographische Erzählung viele Gefühle, wie zum Beispiel Mitgefühl, Trauer, etc. hervorruft. Es wird eine Form der „Selbstbegegnung“ ermöglicht, die die Ich-Entwicklung ermöglicht. Fremdes kann reflektiert und diskutiert werden. „Literatur und Sprache sind Instrumente diese Konfrontation mit Unbekanntem zu praktizieren und so letztendlich Klarheit über sich selbst zu gewinnen.“[4] Ein Vorteil dieses didaktischen Prinzips ist also die Förderung der Erkenntnis über die jeweilige Ich-Identität, ein weiterer liegt in der Förderung des Fremdverstehens, der Entwicklung von Empathie und dem Abbau von egozentrischen Denkweisen.

[...]


[1] Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen S. 72.

[2] Frederking (2001), S. 92.

[3] Ebd. S. 95.

[4] Frederking (2000), S. 45.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts am Beispiel der Lektüre des Romans "Die Schleife an Stalins Bart" von Erika Riemann
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hs: Bin ich das? Oder das? Literarische Gestaltungen der Identitätsproblematik
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V135411
ISBN (eBook)
9783640435968
ISBN (Buch)
9783640436286
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturdidaktik, Jugendbuch, Erika Riemann, Projektunterricht, Identität
Arbeit zitieren
Sonja Borzutzky (Autor), 2006, Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts am Beispiel der Lektüre des Romans "Die Schleife an Stalins Bart" von Erika Riemann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135411

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