In der Adoleszenz haben junge Menschen schwierige Entwicklungsaufgaben zu meistern,Identität und Selbstwertgefühl, Individualität und Autonomie sind herauszubilden. Gerade diese Alterstufe beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach der eigenen Identität. Umso sinnvoller scheint es, dieses Thema auch im Deutschunterricht zu behandeln. Wir begegnen diesem Thema nicht nur bei der Frage nach einer nationalen Identität und einem damit verbundenem Leitbild oder bei der Frage nach einer europäischen Identität, sondern in vielen Alltagssituationen. Durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, aber auch durch die Abgrenzung zu anderen bildet sich ein Selbstbild, das von der jeweiligen Person aufrecht erhalten wird und anderen dazu dient, diese Person in ihr soziales Umfeld einzuordnen. Die Frage nach der Identität muss deswegen zwangsläufig ein modernes Thema bleiben.
Heute gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten seine Identität zu gestalten und seine Individualität hervorzuheben. Doch mit einer Identität sind auch stets Rollenerwartungen verbunden, die sich aufgrund soziologischer Entwicklungen permanent verändern. Diese Erwartungshaltung kann zu Spannungen zwischen der sozialen Identität und der persönlichen Identität führen, wie es in Punkt 2 noch genauer erläutert wird.
Nach einer Klärung des Identitätsbegriffs, des Konzepts des identitätsorientierten Deutschunterrichts und der Methode des emotionalen Erlebens wird in dieser Arbeit genauer auf ein mögliches Unterrichtskonzept zur Lektüre des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ eingegangen.
Die Unterrichtsreihe soll mit der Lektüre und Interpretation von Migrantenlyrik beginnen. Dazu wurden Gedichte von Rose Ausländer ausgewählt. Auf diese Weise soll sich dem Begriff der Identität angenähert werden. Den Schülern soll auch die Definition des Identitätsbegriffs von Lothar Krappmann vorgestellt werden. Im Anschluss daran erfolgt die gemeinsame Lektüre des Romans, die mittels einer Kombination aus der Fokus-Methode und der Methode des emotionalen Erlebens erfolgen soll.Ziel der vorliegenden Arbeit ist es folglich die Idee des identitätsorientierten Deutschunterrichts vorzustellen und diese auf ihre Vor- und Nachteile zu überprüfen.Des Weiteren sollen konkrete Vorschläge zur Behandlung des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann im Deutschunterricht gemacht werden. Die vorgestellte Unterrichtsreihe ist für die Sekundarstufe I vorgesehen und könnte auch in der Form eines Projektkurses...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Identität
3. Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts
4. Mögliche Nachteile eines identitätsorientierten Unterrichts
5. Emotionales Erleben und seine reflexive Verarbeitung als schulbarer Textverstehensprozess
6. „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann
6.1 Einstieg in das Thema
6.2 Unterrichtsplanung
6.3 Unterrichtsstunde II und III
6.3.1 Ihre Erlebnisse während der Haft
6.4 Unterrichtsstunde IV
6.5 Unterrichtsstunde V und VI
6.6 Unterrichtsstunde VIII
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, das Konzept des identitätsorientierten Deutschunterrichts theoretisch zu fundieren und seine Anwendbarkeit in der Schulpraxis anhand des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann aufzuzeigen, um Schüler bei der Reflexion ihrer eigenen Identitätsbildung zu unterstützen.
- Grundlagen des Identitätsbegriffs nach Lothar Krappmann
- Didaktische Potenziale und Herausforderungen identitätsorientierten Unterrichts
- Die Methode des emotionalen Erlebens als Textverstehensprozess
- Praktisches Unterrichtskonzept zur Lektüre von Erika Riemann
- Verbindung von autobiografischer Literatur mit der Ich-Entwicklung
Auszug aus dem Buch
6.3.1 Ihre Erlebnisse während der Haft
Nach ihrer Verurteilung in Ludwigslust verbringt Erika ihre Haft in Brandenburg, Torgau, Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Im Folgenden sollen einige Schlüsselerlebnisse erläutert werden, die die Schüler im Laufe der Unterrichtseinheit hinsichtlich der Identitätsproblematik herausarbeiten sollen.
Besonders in Torgau kommen Demütigungen und Vergewaltigungen der Frauen sehr häufig vor und auch Erika ist davon betroffen. Als Erika ihr Bleistift weggenommen werden soll, protestiert sie lautstark und wird daraufhin von den Soldaten in dem schmalen Zwischenraum einer Doppeltür gesperrt. Ihre Verzweiflung und Resignation tragen dazu bei, dass ihr eigener Wille durch diese Bestraffung gebrochen wird. An dieser Stelle wird deutlich, dass ihr während der Gefangenschaft nicht die Möglichkeit eingeräumt wird, persönliche Bedürfnisse zu äußern und sie ausschließlich nach ihrer sozialen Rolle (als Gefangene) behandelt wird.
Ihre Resignation wird besonders an dieser Textstelle deutlich:
Aus der Wärme wird Kälte, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Ich beginne zu schweben, oben, unten, alles löst sich auf. Ich schlage meinen Kopf gegen die Tür. Der Schmerz bringt ein wenig Orientierung zurück. Aber dann wird mein Kopf zu schwer. Ich kann dieses Riesending auf meinem Hals nicht mehr in Bewegung setzen. Ein Geräusch holt mich noch einmal zurück in die Welt. Schüsse, sagt eine ferne Erinnerung aus einer anderen Zeit. Das waren Schüsse.
Vielleicht haben sie mich erschossen. Vielleicht bin ich tot. Habe ich mir ganz anders vorgestellt, aber das ist jetzt ja auch egal. Alles ist egal.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz des Identitätsbegriffs für Jugendliche und stellt das Ziel vor, den identitätsorientierten Deutschunterricht am Beispiel des Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ zu konzipieren.
2. Der Begriff der Identität: Hier wird der Identitätsbegriff nach Lothar Krappmann erläutert, wobei insbesondere die kommunikative Entstehung von Identität und der Dualismus zwischen sozialer und persönlicher Identität im Vordergrund stehen.
3. Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts: Das Kapitel beschreibt, wie dieser Unterrichtsansatz die Individualität stärkt, das soziale Klassenklima verbessert und zur Schärfung des Selbst- und Weltverständnisses beiträgt.
4. Mögliche Nachteile eines identitätsorientierten Unterrichts: Es werden Grenzen aufgezeigt, wie etwa die Notwendigkeit eines hohen Vertrauensverhältnisses und die Gefahr einer erzwungenen Selbstoffenbarung introvertierter Schüler.
5. Emotionales Erleben und seine reflexive Verarbeitung als schulbarer Textverstehensprozess: Dieses Kapitel stellt die Methode nach Jürgen Grzesik vor, um Emotionen beim Lesen systematisch als Teil des Textverstehens zu nutzen und zu reflektieren.
6. „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann: Vorstellung des Romans, seiner autobiografischen Bedeutung und die Begründung, warum er sich für eine Identitätsthematisierung im Unterricht besonders eignet.
6.1 Einstieg in das Thema: Dieses Unterkapitel beschreibt die Einführung durch Migrantenlyrik von Rose Ausländer, um erste Zugänge zum Identitätsbegriff zu schaffen.
6.2 Unterrichtsplanung: Ein konkreter tabellarischer Überblick über die acht Unterrichtsstunden und die jeweils intendierten didaktischen Zielstellungen.
6.3 Unterrichtsstunde II und III: Fokus auf die gemeinsame Untersuchung und Präsentation der verschiedenen Handlungsstationen des Romans in Gruppenarbeit.
6.3.1 Ihre Erlebnisse während der Haft: Eine vertiefende Analyse ausgewählter traumatischer Schlüsselerlebnisse der Protagonistin während der Haftzeit unter dem Aspekt der Identitätsproblematik.
6.4 Unterrichtsstunde IV: Beschäftigung mit den Merkmalen autobiografischer Texte anhand des gewählten Romans.
6.5 Unterrichtsstunde V und VI: Anleitung zur Erstellung eines Identitätsschemas, das sowohl die soziale als auch die Ich-Identität von Erika Riemann visualisiert.
6.6 Unterrichtsstunde VIII: Abschließende Besprechung der Tagebucheinträge und Reflexion über das Geleistete.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Unterrichtsreihe, die trotz schwer absehbarer persönlicher Resultate der Schüler das große Potenzial zur Identitätsreflexion betont.
Schlüsselwörter
Identität, Deutschunterricht, Erika Riemann, Die Schleife an Stalins Bart, Identitätsorientierung, Sozialisation, Ich-Identität, Emotionales Erleben, Textverstehen, Autobiografie, Adoleszenz, Literaturdidaktik, Reflexion, Rollenerwartungen, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das didaktische Konzept des identitätsorientierten Deutschunterrichts und wendet es exemplarisch auf die Behandlung des autobiografischen Romans „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann in der Sekundarstufe I an.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die Identitätstheorie nach Lothar Krappmann, die Methode des emotionalen Erlebens nach Jürgen Grzesik, die Analyse autobiografischer Literatur sowie praktische Unterrichtsvorschläge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten und Herausforderungen dieses speziellen Unterrichtsansatzes aufzuzeigen und konkrete methodische Vorschläge zu machen, wie Schüler anhand der Lektüre ihre eigene Identitätsentwicklung reflektieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine didaktische Konzeption verfolgt, die soziologische Identitätsmodelle mit literaturdidaktischen Methoden zur emotionalen Textverarbeitung kombiniert, um ein strukturiertes Unterrichtskonzept zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine methodische Einordnung, eine detaillierte Unterrichtsplanung sowie eine Analyse des Romans in Bezug auf die Identitätsentwicklung der Protagonistin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Identitätsbildung, Literaturdidaktik, autobiografisches Erzählen, emotionales Erleben und soziale Identität beschreiben.
Warum eignet sich der Roman von Erika Riemann für diesen Unterricht?
Der Roman ermöglicht es, die Entwicklung einer jungen Frau über einen langen Zeitraum unter extremen Bedingungen zu beobachten, was den Schülern hilft, die Balance zwischen Ich- und sozialer Identität kritisch zu reflektieren.
Welche Rolle spielt die Methode des emotionalen Erlebens?
Diese Methode dient dazu, Emotionen beim Lesen nicht nur als Nebenprodukt zu sehen, sondern sie als wichtigen Teil des Textverstehens systematisch zu erfassen und für die persönliche Reflexion der Schüler nutzbar zu machen.
Was ist das zentrale Instrument in der Unterrichtsplanung?
Ein zentrales Werkzeug ist das „Identitätsschema“, ein Modell mit drei Ringen, mit dem die Schüler die soziale Identität, die Ich-Identität und die prägenden Emotionen der Hauptfigur analysieren können.
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- Sonja Borzutzky (Author), 2006, Vorteile des identitätsorientierten Deutschunterrichts am Beispiel der Lektüre des Romans "Die Schleife an Stalins Bart" von Erika Riemann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135411