[...]Der Beginn einer bewusst einsetzenden Sprachkritik geht auf das 17. Jh. zurück. Seit der zweiten Hälfte des 16. bis zum Beginn des 19. Jhs. suchte man nach einer allgemein akzeptierten Norm der Muttersprache, dabei ging man nicht wertfrei oder deskriptiv vor, sondern ganz im Gegenteil. Bis ins 19. Jh. wurde unter Grammatik auch Rhetorik, Stil und Sprachkunst subsummiert. Deshalb wurden Sprachlehren oft als Anleitung zur Abfassung von Dichtungen verfasst. Nur die Sprache der Dichtung galt als wertvoll und „rein“, die Alltagssprache der unteren Gesellschaftsschichten als „schlecht“ und „pöbelhaft“. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSBESTIMMUNG
2.1 Sprachkritik
2.2 Sprachskepsis
2.3 Sprachpessimismus
3. ZUSAMMENFASSUNG
4. LITERATUR- UND QUELLENANGABEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Sprachpessimismus in der Literatur und analysiert, wie Dichter und Literaten kritisch auf Sprache und sprachliche Normen reagieren. Dabei wird der Zusammenhang zwischen literarischen Sprachkrisen, der Rolle des Dichters als Sprachwahrer und dem historischen Wandel des Sprachverständnisses von der Vormoderne bis in die Gegenwart beleuchtet.
- Historische Entwicklung der Sprachkritik seit dem 17. Jahrhundert.
- Theoretische Abgrenzung von Sprachkritik, Sprachskepsis und Sprachpessimismus.
- Die Krise der Narration am Beispiel des Lord-Chandos-Briefes von Hugo von Hofmannsthal.
- Experimentelle Sprachformen der Avantgarde und der Wiener Gruppe.
- Der Wandel vom Sprachpessimismus zur modernen literarischen Selbstreflexion.
Auszug aus dem Buch
2.1 Sprachkritik
In der vorliegenden Arbeit soll auf die Sprache der Dichter, die Literatursprache eingegangen werden, aber auch auf die sprachkritischen Ambitionen der Dichter und Literaten, die sich auf deren Werk niederschlagen. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, haben Dichter auch keinen unwesentlichen Beitrag geleistet im Bezug auf Sprachnormung, also die Planung und Festlegung von Standardvarietetäten, sowie auch auf die Sprachdidaktik durch Kanonisierung bestimmter Werke, die zur Pflichtlektüre des humanistischen Gymnasiums gemacht wurden. Die Sprachphilosophie untersucht die Bedeutung der Sprache für die Menschen. In diesem Zusammenhang muss erst einmal die Frage geklärt werden, ob Sprechen nur sprachunabhängige Denk- und Wahrnehmungsinhalte ausdrückt, die unveränderlich vorhanden sind, oder ob die Wirklichkeit sprachlich bestimmt wird, so dass die Formen unserer Sprache die Formen unserer Erfahrung sind. Die Sprachkritik des Empirismus, hauptsächlich durch Locke repräsentiert, „führt den Ursprung der Begriffe“ auf „sinnl[iche] Ideen zurück, die entweder aus sinnl[ichen] Eindrücken von Gegenständen außer uns oder aus der inneren Tätigkeit des Geistes entspringen“. Die Sprache ist also immer eine subjektive Zusammenfassung dieser Ideen. Der Wahrheitsanspruch wird somit einzig und allein in dem Gebrauch der Worte verortet.
Humboldt und Herder waren der Auffassung, die später zur Grundlage einer wirkungsbezogenen Sprachwissenschaft wurde, dass Sprache nicht nur Kommunikationsmittel sei, sondern dazu diene, die Wahrheit zu erkennen und darzustellen. Die Sprache ist somit eine Zwischenwelt zwischen der Wahrheit und dem Menschen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert das historische Verfallsdenken im Bezug auf die Sprache sowie die Entwicklung der Sprachkritik und deren normativen Anspruch von der ritterlichen Kultur bis hin zum 20. Jahrhundert.
2. BEGRIFFSBESTIMMUNG: Dieses Kapitel dient der notwendigen terminologischen Abgrenzung der eng verwandten Begriffe Sprachkritik, Sprachskepsis und Sprachpessimismus.
2.1 Sprachkritik: Es wird die Rolle der Dichter bei der Festlegung von Sprachnormen untersucht und das Verhältnis von Denken, Wirklichkeit und sprachlichem Ausdruck philosophisch hinterfragt.
2.2 Sprachskepsis: Dieses Kapitel behandelt die Sprachkrise in der Literatur, wobei insbesondere Hofmannsthals Lord-Chandos-Brief als Paradigma für den Zusammenbruch der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit dient.
2.3 Sprachpessimismus: Hier wird der Einfluss sprachpessimistischer Tendenzen auf die Avantgarde, die Wiener Gruppe und die moderne literarische Praxis analysiert.
3. ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung bündelt die zentralen Erkenntnisse über den historischen Wandel des sprachkritischen Diskurses und dessen Bedeutung für die literarische Produktion.
4. LITERATUR- UND QUELLENANGABEN: Dieses Kapitel listet die für die Arbeit herangezogene Fachliteratur und Quellen auf.
Schlüsselwörter
Sprachpessimismus, Sprachkritik, Sprachskepsis, Literaturwissenschaft, Hofmannsthal, Lord-Chandos-Brief, Avantgarde, Wiener Gruppe, Sprachnorm, Sprachkrise, Sprachpurismus, Sprachphilosophie, Sprachwandel, Moderne, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Sprachpessimismus und die damit verbundene Sprachkritik in der Literatur. Sie untersucht, wie sich das Verhältnis von Dichtern zur Sprache über die Jahrhunderte hinweg verändert hat und wie Sprachkrisen die literarische Produktion beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Sprachnormen, die philosophische Auseinandersetzung mit Sprachskepsis sowie die experimentellen Versuche von Autoren, die Sprachkrise durch neue Ausdrucksformen wie die Lautdichtung zu überwinden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine fundierte begriffliche Abgrenzung von Sprachkritik, Sprachskepsis und Sprachpessimismus sowie die Darstellung, wie Dichter auf die als unzureichend empfundene Sprache reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Literaturarbeit, die auf einer umfassenden Analyse von Fachliteratur sowie auf der Interpretation literarischer Schlüsseltexte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung, die Analyse von Sprachkrisen anhand von Hofmannsthals Werk und die Untersuchung pessimistischer Tendenzen und experimenteller Gegenbewegungen in der Moderne und Postmoderne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sprachpessimismus, Sprachskepsis, Hofmannsthal, Avantgarde und Sprachkrise maßgeblich geprägt.
Warum spielt der Lord-Chandos-Brief eine so zentrale Rolle in der Arbeit?
Der Brief gilt als Dokument eines Umbruchs und verdeutlicht exemplarisch die existenzielle Krise eines Dichters, dessen Vertrauen in die Sprache und die Realität zerbrochen ist.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen der Avantgarde und den sogenannten neuen Erzählern?
Während die Avantgarde und die Wiener Gruppe mit radikalen Sprachreduktionen experimentierten, zeigt die Arbeit auf, dass sich seit den 2000er Jahren eine Tendenz zu narrativeren und konventionelleren Erzählweisen abzeichnet, die sich in bewusster Opposition zur Avantgarde positionieren.
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- Dr. phil. Daria Hagemeister (Author), 2009, Dichterischer Sprachpessimismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135420