Dichterischer Sprachpessimismus


Seminararbeit, 2009

24 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1 Sprachkritik
2.2 Sprachskepsis
2.3 Sprachpessimismus

3. Zusammenfassung

4. Literatur- und Quellenangaben

1. Einleitung

Das Verfallsdenken im Bezug auf die Sprache, gibt es nicht erst seit dem 20. Jh. sondern seit die Menschen begonnen haben, über die Sprache nachzudenken. Auch die Schuldzuweisungen haben eine lange Tradition. So werden etwa gerne die unteren sozialen Schichten für die Verschlechterung der Sprache verantwortlich gemacht. Forderungen, wie: man möge den Genetiv, den Dativ oder den Konjunktiv retten, sind die Folge einer wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen, oft journalistischen Sprachpflege.[1]

Im Mittelalter, entwickelte sich eine ritterliche höfische Kultur und auch die höfische Literatur (1180 – 1220). Dieser Funktiolekt war durch eine einheitliche Sprachform gekennzeichnet, kleinräumige Dialektmerkmale wurden vermieden, man lehnte sich an das Alemannische (des Hartmanns von Aue) an. Die höfische Dichtersprache wies starke Einflüsse aus dem Französischen sowie dem Niederländischen auf, was offensichtlich in der Oberschicht damals zum guten Ton gehörte, ähnlich wie der Fremdwortgebrauch im 16. und 17. Jh.. Der Spezialwortschatz, der sich durch diese Lehnwörter, aber auch Lehnübersetzungen und Lehnbildungen, entwickelte, war ausschließlich ein Merkmal der höfischen Literatur; in den vorhöfischen Romanen war er nicht zu finden. Manche dieser Wörter haben sich allerdings bis zum heutigen Tag erhalten.[2]

Der Beginn einer bewusst einsetzenden Sprachkritik geht auf das 17. Jh. zurück. Seit der zweiten Hälfte des 16. bis zum Beginn des 19. Jhs. suchte man nach einer allgemein akzeptierten Norm der Muttersprache, dabei ging man nicht wertfrei oder deskriptiv vor, sondern ganz im Gegenteil. Bis ins 19. Jh. wurde unter Grammatik auch Rhetorik, Stil und Sprachkunst subsummiert. Deshalb wurden Sprachlehren oft als Anleitung zur Abfassung von Dichtungen verfasst. Nur die Sprache der Dichtung galt als wertvoll und „rein“, die Alltagssprache der unteren Gesellschaftsschichten als „schlecht“ und „pöbelhaft“. Zu Beginn des 17. Jhs. war auch die deutsche Umgangssprache von französischen, italienischen und spanischen Fremdwörtern durchsetzt. Und während Vertreter der Aufklärung, wie etwa Christian Thomasius, bereits Vorlesungen in deutscher Sprache hielten, veröffentlichten andere, wie zum Beispiel Leibnitz, weiterhin in Latein und Französisch. Der Preußenkönig Friedrich II. verachtete die deutsche Sprache. Während des dreißigjährigen Krieges gab es bereits Bestrebungen zur Sprachpflege und Sprachreinigung, jedoch erst Opitz, Schottel, Gryphius, Grimmelshausen und anderen Mitgliedern der sogenannten „fruchtbringenden Gesellschaft“ gelang es, mit einigem Erfolg gegen die Vernachlässigung der Muttersprache zu protestieren. Martin Opitz plädierte für die Vermeidung von Dialektischem, inhaltsleeren Flickwörtern, Unklarheiten und „unsauberen“ und „fremden“ Wörtern.[3] Die deutsche Sprachlehre von Gueintz entstand aus diesem Kreis und die Voraussetzungen für Schottels grammatische Arbeiten wurden damals geschaffen. Jacob Grimm richtete sich gegen die sprachkritische Richtung, da er meinte, sie störe die Sprachentwicklung und wirke einem Bedeutungswandel entgegen. Schließlich hatte sich eine idealisierte Literatursprache als Sprachnorm durchgesetzt, dabei ist besonders Gottschedt hervorzuheben. Er lehnte „fremde“, „zu alte“, „zu neue“ Wörter ab und ebenso Metaphern, womit er in Konflikt mit Bodmer und Breitinger geriet.

Im 18. Jh. setzte Adelung die Bestrebungen Gottschedts fort, indem er das von ihm zur Norm erhobene Meißnische bzw. Obersächsische als Literatursprache übernahm. Die bedeutendsten Schriftsteller orientierten sich an diesen Regeln, wie etwa Goethe, Schiller, Wieland, E.T.A. Hoffmann und Heine. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. wurden zum ersten Mal zeitgenössische Dichter zu sprachlichen Vorbildern und übten somit als Einzelpersonen mit ihren Werken Einfluss auf die sprachliche Entwicklung aus. Friedrich Gottlieb Klopstock zum Beispiel hat sich mit seinen Wortschöpfungen („du Toderweckter“), semantischen Umformungen („Mal“ statt „Denkmal“), und Neologismen seine eigene Dichtersprache geschaffen. Lessing entwickelt einen persönlicheren Stil durch Einbeziehung des subjektiven Ich. Wieland bevorzugte lange Schachtelsätze und Hypotaxen.

Die Zeit der Klassik bringt eine „Antikisierung“ der Literatursprache mit sich (Voranstellung des attributiven Genitivs, Nachstellung des Adjektivs und Satzgliedfolgen, die genau die griechische Wortstellung imitieren). Man kann sich gut vorstellen, dass es bei den jungen Poeten, die sich intensiv mit der antiken Literatur und deren Übersetzungen befaßten, tatsächlich nicht nur bewußt, sondern auch unbewusst zu solchen Interferenzen zwischen dem Deutschen und den klassischen Sprachen der Antike gekommen sein mag. Wie dem auch sei, die Sprachgestaltungen Goethes und Schillers wirkten sich auf den Sprachgebrauch des 19. Jhs. aus, indem sie zum Vorbild erhoben wurden.

Im späten 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jhs. entwickelte sich eine objektive und deskriptive Linguistik an den Universitäten. Gleichzeitig jedoch entstand eine puristische Bewegung, die sich – ähnlich der Bemühungen der barocken Sprachgesellschaften – für eine „Reinigung“ der deutschen Nationalsprache von Fremdwörtern engagierte. Jahn und Riegel, der den Allgemeinen Deutschen Sprachverein gründete, waren Vertreter dieses Purismus.[4]

1937 hielt zum Beispiel der Erlanger Sprechkundeprofessor Ewald Geissler einen Vortrag über „Sprachpflege“ als „Rassenpflicht“, an den Pranger gestellt wurden dabei moderne deutsche Schriftsteller jüdischer Abstammung, welche die deutsche Sprache durch ihren Fremdwortgebrauch angeblich zersetzten.

Doch auch nach 1945 wurde von Nationalsozialisten die Sprache vielfach nicht nur als Verständigungsmittel betrachtet sondern als nationales Idol. Und selbst heute noch meinen Sprachkritiker, dass man Sprache vor dem Sprachgebrauch schützen müsse. Oft resultiert ein solcher Sprachpurismus aus einer einseitig diachronen Sprachbetrachtung, welche die Gegenwart aus der Vergangenheit zu deuten versucht.[5]

Nach dem 2. WK war wieder ein gesteigertes Interesse an Rhetorik und Stillehren zu beobachten. Willy Sanders und Wolf Schneider beeinflußten den deutschsprachigen Raum mit ihren Stilauffassungen besonders, auch Anleitungen zum Verfassen von Prosawerken fanden jahrzehntelange Verbreitung. „Stil“ wurde oftmals mit „Ausdruckskraft“ gleichgesetzt. Die Aussagen, dass der Stil möglichst leicht verständlich, ergötzlich, fesselnd und kurzweilig sein solle, weisen darauf hin, dass solche Stillehren an konventionellen narrativen Formen der Prosa festhalten. In den 70er Jahren erschien unter dem Titel „Die Leiden der jungen Wörter“ eine „Streitschrift“ von Hans Weigel, die sich gegen Modewörter und die falsche Anwendung der deutschen Sprache wendete. Auch die Schuldfrage wurde geklärt. Schuld sind die Professoren, Journalisten, die „Meinungsgötzen“, „Konsumologen“, kurz die „Markthelfer“.[6]

2. Begriffsbestimmung

Bei der Beschäftigung mit einschlägiger Literatur fällt immer wieder auf, dass die Begriffe „Sprachkritik“, „Sprachskepsis“ und „Sprachpessimismus“ als Synonyme verwendet werden. Es wird daher zunächst einmal eine genaue Abgrenzung dieser Begriffe vorgenommen.

2.1 Sprachkritik

In der vorliegenden Arbeit soll auf die Sprache der Dichter, die Literatursprache eingegangen werden, aber auch auf die sprachkritischen Ambitionen der Dichter und Literaten, die sich auf deren Werk niederschlagen. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, haben Dichter auch keinen unwesentlichen Beitrag geleistet im Bezug auf Sprachnormung, also die Planung und Festlegung von Standardvarietetäten, sowie auch auf die Sprachdidaktik durch Kanonisierung bestimmter Werke, die zur Pflichtlektüre des humanistischen Gymnasiums gemacht wurden. Die Sprachphilosophie untersucht die Bedeutung der Sprache für die Menschen. In diesem Zusammenhang muss erst einmal die Frage geklärt werden, ob Sprechen nur sprachunabhängige Denk- und Wahrnehmungsinhalte ausdrückt, die unveränderlich vorhanden sind, oder ob die Wirklichkeit sprachlich bestimmt wird, so dass die Formen unserer Sprache die Formen unserer Erfahrung sind. Die Sprachkritik des Empirismus, hauptsächlich durch Locke repräsentiert, „führt den Ursprung der Begriffe“ auf „sinnl[iche] Ideen zurück, die entweder aus sinnl[ichen] Eindrücken von Gegenständen außer uns oder aus der inneren Tätigkeit des Geistes entspringen“. Die Sprache ist also immer eine subjektive Zusammenfassung dieser Ideen. Der Wahrheitsanspruch wird somit einzig und allein in dem Gebrauch der Worte verortet.[7]

Humboldt und Herder waren der Auffassung, die später zur Grundlage einer wirkungsbezogenen Sprachwissenschaft wurde, dass Sprache nicht nur Kommunikationsmittel sei, sondern dazu diene, die Wahrheit zu erkennen und darzustellen. Die Sprache ist somit eine Zwischenwelt zwischen der Wahrheit und dem Menschen.[8]

[...]


[1] Vgl.: Schrodt, Richard: „Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?“, Passagen Verlag, Wien 1994, hier: S. 13-20.

[2] Vgl.: Ernst, Peter: „Deutsche Sprachgeschichte“, Facultas Verlag, Wien 2005, hier: S. 99-125.

[3] Vgl.: Kick, Susanne: „Kultur- und Sprachpessimismus am Werk von George Steiner und Hugo von Hofmannsthal“, Diplomarbeit an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 1996, hier: S. 9-12.

[4] Vgl.: Ernst, Peter: „Deutsche Sprachgeschichte“, Facultas Verlag, Wien 2005, hier: S. 177-222.

[5] Vgl.: Kick, Susanne: „Kultur- und Sprachpessimismus am Werk von George Steiner und Hugo von Hofmannsthal“, Diplomarbeit an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 1996, hier: S. 7-8.

[6] Vgl.: Schrodt, Richard: „Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?“, Passagen Verlag, Wien 1994, hier: S. 14.

[7] Vgl.: Glück, Helmut (Hrsg.): „Metzler Lexikon Sprache“, 2. erw. Aufl., Metzler Verlag, Stuttgart - Weimar 2000, S. 662-666. Und: Meyer, Uwe und Arnim Regenbogen: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2005, S. 366.

[8] Vgl.: Kick, Susanne: „Kultur- und Sprachpessimismus am Werk von George Steiner und Hugo von Hofmannsthal“, Diplomarbeit an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 1996, hier: S. 13.

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Details

Titel
Dichterischer Sprachpessimismus
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar Sprachpessimismus
Note
gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V135420
ISBN (eBook)
9783640436347
ISBN (Buch)
9783640436804
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dichtung und Sprache, Sprachpessimismus, Sprachkritik, Sprachskepsis, Brief des Lord Chandos
Arbeit zitieren
Dr. phil. Daria Hagemeister (Autor), 2009, Dichterischer Sprachpessimismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135420

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