Bindung, Trennung, Verlust. Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung.


Examensarbeit, 2002
85 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Grundannahmen der Psychoanalyse
2.2. Frühe Arbeiten der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie
2.2.1. Sigmund Freud
2.2.2. Anna Freud
2.2.3. René Spitz

3. Die Bindungstheorie John Bowlbys
3.1. Grundannahmen der Bindungstheorie
3.2. Konzept der Feinfühligkeit
3.3. Konzept der Bindungsqualität
3.4. Konzept der Bindungsrepräsentation

4. Maternelle Deprivation und ihre Folgen
4.1. Zum Begriff der maternellen Deprivation42
4.2. Maternelle Deprivation als Risikofaktor für die kindliche Entwicklung
4.2.1. Direktbeobachtungen
4.2.2. Retrospektive Untersuchungen

5. Erziehung im Sinne des Kindeswohl
5.1. Entbindungsstationen und das „Rooming - in“ - Projekt
5.2. Krankenhausaufenthalte in der frühen Kindheit
5.3. Heimerziehung und Pflegefamilien

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Schlusserklärung

1. Einleitung

Das Leben besteht aus einer Vielzahl von Beziehungen. Jeder von uns hat Erfahrungen mit den Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Ein Großteil der Freuden und Sorgen resultiert aus diesen mehr oder weniger engen Bindungen. So erfüllt es uns mit Freude, gemeinsam mit einem guten Freund auszugehen, oder wenn die Mutter tröstend die Arme um die Schulter legt. Andererseits machen wir uns Sorgen, wenn die Schwester Liebeskummer hat oder trauern, wenn die Großeltern sterben.

Beziehungen nehmen somit im menschlichen Leben eine wichtige Rolle ein, egal ob wir sie neu knüpfen oder beenden.

Doch die wohl wichtigste und vielleicht auch intensivste menschliche Bindung ist die zwischen Mutter und Kind. Schon vor der Geburt bilden die beiden eine Einheit, die einzigartig ist. Der Fötus wird im Mutterleib mit Nahrung und Sauerstoff versorgt. Zudem erfährt er Geborgenheit und Wärme. Später ist es die Aufgabe der Mutter dieses Gefühl von Sicherheit und Liebe aufrechtzuerhalten. Sie wird das Kind pflegen und umsorgen, mit ihm spielen, es wickeln und ernähren, es auf den Arm nehmen, liebevoll streicheln und wiegen.

Viele Forscher aus den verschiedensten Fachbereichen haben sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts mit der Beziehung zwischen Mutter und Kind und der Entwicklung der emotionalen Bindung beschäftigt. Ihnen haben wir die Erkenntnisse bezüglich der Auswirkungen einer lang andauernden Trennung des Säuglings von der Mutter auf seine motorische, intellektuelle und seelische Entwicklung zu verdanken (Klaus, M. H.; Kenell, J. H., 1983, S. 17). Zudem ist es ihnen gelungen, die Entwicklung dieser Mutter-Kind-Bindung zu beschreiben und die sie störenden und fördernden Faktoren zu benennen.

Die Ergebnisse dieser Arbeiten führten zu Veränderungen im Umgang mit Wöchnerinnen, die ihr Neugeborenes jetzt direkt nach der Geburt im Arm halten und Stillen dürfen, sowie zu Neuerungen im Pflegewesen der Kinderheime. Ebenfalls wurde das Bild von einem passiven, kompetenzlosen Säugling revolutioniert. Die Vorstellung, dass das Baby nach der Geburt mehrere Wochen lang weder hören noch sehen kann, ist heute nicht mehr aktuell. Das Neugeborene gestaltet die Beziehung zur Mutter und ihre Reaktionsweisen von Anfang an aktiv mit und bedient sich seiner Möglichkeiten, um von ihr Aufmerksamkeit und Bedürfnisbefriedigung zu erlangen.

In der Literatur findet man im Wesentlichen drei verschiedene Ansätze, die versuchen, den Ursprung dieses Bindungsverhaltens zu erklären: Den psychoanalytischen, den lerntheoretischen und den ethologischen Ansatz.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gewann man durch die Arbeiten Sigmund Freuds und seiner Schüler neue Einblicke in die frühkindliche Entwicklung. Die Psychoanalyse betonte als erste psychologische Schule die Bedeutung affektiver Prozesse in der Kindheit und ihre Auswirkungen auf das spätere Sozialverhalten.

Der in der psychoanalytischen Tradition stehende Ansatz hebt den anaklitischen Ursprung der kindlichen Bindung hervor. Demnach bindet sich der Säugling auf Grund physiologischer Bedürfnisse, wie denen nach Nahrung und Wärme, an eine Person, die dieses Verlangen stillen kann. Die Bindung des Kindes an die Mutter ist somit das Resultat der Erkenntnis, dass sie, die Mutter, die Quelle der Bedürfnisbefriedigung ist.

Bis 1958 wurden vier grundlegende psychoanalytische Theorien, die den Ursprung der Bindung zu klären versuchten, beschrieben (Bowlby, J. 1975, S. 171). Allen gemein ist die Annahme, dass Bindung auf Grund von Bedürfnisbefriedigung entsteht. Uneinig ist man sich jedoch darüber, welcher Art die physiologischen Bedürfnisse sind. Sie reichen von dem oben angesprochenen Verlangen nach Nahrung und Wärme, über die Neigung, sich auf die menschliche Brust zu beziehen, bis hin zu dem angeborenen Bedürfnis, Kontakt mit einem anderen menschlichen Wesen aufzunehmen. Die vierte Theorie beschreibt die Sehnsucht nach der Rückkehr in den Mutterleib, als das der Bindung zugrundeliegende Bedürfnis.

Die Lerntheorien sehen in jedem Verhalten, also auch in dem des Bindungsverhalten, eine Reaktion auf bestimmte Reize, mit dem sich der Organismus an die Umwelt anpasst. Verhalten ist demnach das sichtbare Ergebnis von Reiz-Reaktions-Verbindungen, die der Mensch – ausgehend von einigen elementaren angeborenen Reflexen – im Laufe der Zeit „erlernt“ hat (Baumgart, F. 1998, S. 109).

Für die Entwicklungspsychologie sind insbesondere die Theorien des „operanten Konditionierens“ und die des „sozialen Lernens“ von Bedeutung. Durch die lerntheoretische Annahme der primären und sekundären Verstärkung lassen sich sowohl wesentliche Komponenten der sozialen Entwicklung als auch die Folgen ihres Ausbleibens verstehen und erklären. Demnach ist Bindung das Ergebnis eines Lernprozesses, in dem die Erfahrung gemacht wird, dass durch die Anwesenheit und Fürsorge anderer Menschen positive Gefühle verstärkt werden können.

Die Anhänger der ethologischen Perspektive gehen von einer vorherrschenden, naturgegebenen, phylogenetischen Vorprogrammierung aus, die dazu führt, dass Mutter und Kind eine individuelle Bindung eingehen.

So löst auf der Seite der Mutter allein das Äußere des Kindes das Pflegeverhalten aus. Das kleine runde Gesicht mit den großen tiefliegenden Augen, die hohe Stirn sowie die kleine Nase und die Pausbacken rufen das Gefühl der Zuneigung hervor. In der Ethologie wird dieses Phänomen als „Kindchenschema“ beschrieben.

Doch auch der Säugling verfügt über ein großes angeborenes Verhaltensrepertoire, welches ihm die Möglichkeit bietet, in einen Dialog mit der Mutter einzutreten, der die Entstehung einer Bindung fördert. Das Lächeln des Säuglings, nachdem die Mutter liebevoll sein Gesicht gestreichelt hat, stärkt sie in dem Glauben, das Richtige getan zu haben. So stellt jede Verhaltensweise des Babys, egal, ob es sich beruhigen lässt oder aber weiter weint, ein Kommunikationselement dar, auf welches die Mutter instinktiv reagiert.

Die Bindung des Kindes an die Mutter wird in diesem Ansatz als ein naturgegebener Entwicklungsgang angesehen, der dem Säugling Schutz bietet und sein Überleben garantiert.

Die Art und Weise, wie die Mutter die Signale ihres Kindes interpretiert, das heißt, wie sie sie versteht und wie sie auf diese reagiert, bestimmt das Gelingen oder Nicht - Gelingen der Bindung. Nur wenn die Bedürfnisse des Kindes erkannt und befriedigt werden, kann bei ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entstehen. Mit den Worten von Erik Erikson gesprochen, würde man dieses Gefühl als das des Urvertrauens bezeichnen.

Es ist diese ursprüngliche Mutter-Kind-Bindung, die die Basis für alle weiteren emotionalen Bindungen des Kindes legt. „Die Intensität und die spezifische Färbung dieser Bindung zur Mutter wird die Qualität aller Beziehungen beeinflussen, die das Kind im Verlauf seines weiteren Lebens zu anderen Personen aufnehmen und unterhalten wird“ (Klaus, M. H.; Kenell, J. H. 1983 S. 18).

In dieser Arbeit wird die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung in den ersten drei bis vier Lebensjahren des Kleinkindes für seine weitere Entwicklung im Vordergrund stehen. Der Grund für die Auswahl dieser Altersspanne ergibt sich erstens aus dem Stufenmodell der Entwicklung, welches diese Lebensspanne als frühe Kindheit bezeichnet (Oerter, R.; Montada, L. 1998, S. 167) und zweitens aus den vielfältigen Forschungsergebnissen, die dieser Phase der Kleinkindzeit eine prägende Rolle für die Ausbildung der Mutter-Kind-Bindung zuschreiben.

Im theoretischen Grundlagenteil werden, nach einer kurzen Vorstellung der wichtigsten Theorien und Gedankengüter der Psychoanalyse, die Arbeiten ihres Begründers Sigmund Freud, sowie ihrer Vertreter Anna Freud und René Spitz vorgestellt. Ihre Ergebnisse aus den Untersuchungen neurotischer Patienten und Heim- und Findelkindern waren mitunter die ersten, die auf die große Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung in der frühen Kindheit aufmerksam machten und Anregungen für die erzieherische Praxis lieferten. Diese Forschungsarbeiten und die ihnen zugrunde liegende Theorie der Psychoanalyse stellen die Basis für viele weitere, in der Folgezeit gemachten Untersuchungen dar.

Auch die Bindungstheorie John Bowlbys, die im dritten Kapitel der Arbeit vorgestellt und anhand von neueren Forschungsergebnissen erläutert wird, hat ihre Anfänge in der Psychoanalyse. Diese Theorie, die Bowlby in den sechziger und siebziger Jahren in drei Bänden zusammenfasste, bearbeitet sowohl den komplexen Aspekt der Bindung zwischen Mutter und Kind als auch das den der Trennung. Die Thesen Bowlbys revolutionierten die damals in den vierziger und fünfziger Jahren vorherrschenden Ansichten über die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung aus psychoanalytischer Sicht, weil sie die Rolle tatsächlicher früher Erfahrungen, wie zum Beispiel die Trennung von der Mutter, für die weitere Persönlichkeitsentwicklung hervorhoben. Heute stellt die Bindungstheorie die Grundlage für die moderne Bindungsforschung dar. Ihre Konzepte und Erklärungsmodelle werden zunehmend in die praktische Arbeit von Psychologen und anderen beratend tätigen Personen einbezogen und sind Bestandteil therapeutischer Weiterbildungen.

Auf Grund seiner vielfältigen Untersuchungen, die Bowlby zu den Auswirkungen einer Trennung des Kindes von einer wichtigen, emotional besetzten Bezugsperson durchführte, entstand das Konzept der maternellen Deprivation. Die zahlreichen Forschungsarbeiten, die zum Phänomen der Trennung und der fehlenden mütterlichen Fürsorge durchgeführt wurden, zeigen die schwerwiegenden Folgen für die weitere kindliche Entwicklung auf. Eine Einführung in den Begriff der maternellen Deprivation wird im ersten Abschnitt des vierten Kapitels gegeben. Ihr folgt die Vorstellung der Ergebnisse der Deprivationsforschung, wobei hier zwischen direkten und retrospektiven Untersuchungen unterschieden wird. Dieses Vorgehen ermöglicht es, zwischen direkten Folgen der maternellen Deprivation und ihren Spätfolgen zu differenzieren.

Das fünfte Kapitel behandelt einige Präventionsmaßnahmen, die sich auf Grund der Deprivationsforschung entwickelt haben. Die Ausführungen zu diesem Thema sind unter der Überschrift „Erziehung im Sinne des Kindeswohl“ zusammengefasst.

Eine feste Definition des Begriffes kann man kaum geben, da man nicht von abstrakten Wertvorstellungen und allgemeinen Regeln auf konkrete Einzelfälle deduzieren kann und darf. Jedoch schließt der Begriff des Kindeswohl in sich bestimmte Entwicklungsvoraussetzungen und -bedingungen ein, die dem noch unmündigen Kind helfen sollen, seine Entwicklungsressourcen bestmöglich zu nutzen und zu entfalten.

„Der kindliche Körper braucht Nahrung, Schutz und Pflege. Der kindliche Intellekt entwickelt sich nicht spontan, sondern in Reaktion auf die Einwirkungen von außen. Das Kind braucht Hilfe, um die Reize, die aus der Innenwelt, und die Wahrnehmungen, die aus der Außenwelt anlangen, für sein Verständnis einzuordnen. Es braucht Menschen, die seine positiven Gefühle empfangen und erwidern und sich seine negativen Äußerungen und Hassregungen gefallen lassen... Seine spätere Ethik und Moral ist abhängig von den Vorbildern, die ihm in den frühen Jahren von den Eltern geboten werden. Erst recht bleiben sein Selbstgefühl und seine Selbstsicherheit im späteren Leben abhängig von seiner Stellung innerhalb der Familie, d. h. von dem Gefühl geschätzt, anerkannt und als vollwertiges Familienmitglied betrachtet zu werden“ (Zitelmann, M. 2001, S. 127). Somit wird hier der Begriff des Kindeswohl als die Gesamtheit der erforderlichen Sozialisations- und Entwicklungsbedingungen verstanden.

Auf Grund der Erkenntnisse aus der Psychologie und der Erziehungswissenschaft ist auf dem Gebiet der praktischen Erziehungshilfe viel zugunsten des Kindes und somit zu seinem Wohl geleistet worden. In dieser Arbeit werden drei „Reformen“ dargestellt, anhand derer man die Einflüsse von Deprivations- und Bindungsforschung deutlich erkennen kann. Neben der Darstellung der Veränderungen auf den Entbindungsstationen und in den Krankenhäusern wird noch auf die Heimerziehung und die Erziehung in Pflegefamilien eingegangen.

2. Theoretische Grundlagen

2. 1. Grundannahmen der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Sigmund Freud begründet. Er selbst definierte in seiner Schrift „Psychoanalyse und Libidotheorie“: „PSYCHOANALYSE ist der Name 1) eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind; 2) einer Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet; 3) einer Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen“ (Freud, S. 1969, S. 211). Die Psychoanalyse betonte als erste psychologische Schule die Bedeutung affektiver Prozesse für die menschliche Entwicklung und stellte die Behauptung auf, dass die affektiven Erlebnisse der frühen Kindheit von entscheidender Bedeutung für das spätere Sozialverhalten sind.

Gründe zur Aufstellung dieser Behauptung ergaben sich aus den Ergebnissen der für die Psychoanalyse typischen Behandlungsgespräche. Mittels Hypnose, Traumdeutung und spezifischen psychoanalytischen Behandlungsgesprächen wurden Erinnerungen an Ereignisse in der frühen Kindheit freigelegt und als Ursachen neurotischer Störungen interpretiert. „Die Kindheitsneurose mag für kurze Zeit manifest werden oder selbst übersehen werden. Die spätere neurotische Erkrankung knüpft in allen Fällen an das Vorspiel in der Kindheit an“ (Freud, S. 1966, S. 109). Die Theorien der Psychoanalyse wurden somit nicht auf dem Wege der experimentellen Beobachtung im Laboratorium, sondern durch Erfahrungen im Umgang mit neurotisch erkrankten Erwachsenen gewonnen. Man kann diese Methode der Datengewinnung in bezug auf die Richtigkeit ihrer Rückschlüsse auf die frühkindliche Entwicklung kritisieren. Es gibt jedoch keinen Zweifel darüber, dass die Psychoanalyse die Entwicklungspsychologie und das Wissen über das kindliche Verhalten bereichert hat.

Obwohl Sigmund Freud nie selbst ein Kind behandelte, sondern seine Erkenntnisse ausschließlich durch die Therapie Erwachsener gewann, lieferte Freud den Entwicklungspsychologen, wie wohl kaum ein anderer, eine Fülle von Hypothesen zur Erklärung des menschlichen Verhaltens.

Grundlegend für die Psychoanalyse als wissenschaftliche Theorie ist die Annahme Freuds, dass das menschliche Verhalten, insbesondere dessen pathologische Erscheinungsformen, nicht hinreichend mit dem Rückgriff auf das Bewusstsein erklärt werden können. „Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen“ (Freud, S. 1923, S. 283). Das Bewusstsein des Menschen, also auch das des Kindes, macht nur einen kleinen Teil der menschlichen Psyche aus und muss als „Diener“ der unbewussten Erfahrungen, Motive und Bestrebungen angesehen werden. In seiner Schrift „Das Ich und das Es“ greift Freud auf den Autor G. Grodeck zurück, „der immer wieder betonte, daß das, was wir unser Ich heißen, sich im wesentlichen passiv verhält, daß wir nach seinem Ausdruck „ gelebt“ werden von unbekannten unbeherrschten Mächten“ (Freud, S. 1923 S. 292).

Die Entdeckung des Unterbewusstseins führte zu weiteren zentralen Annahmen der psychoanalytischen Theorie; Zu Freuds Triebtheorie und seinen Vorstellungen über den „Psychischen Apparat“.

Die psychische Struktur des Menschens hielt Freud in seiner Theorie des „Psychischen Apparats“ fest. Demnach entwickeln und differenzieren sich im Laufe der ersten Lebensjahre drei Instanzen, die verschiedene Funktionen erfüllen. Das Es, das älteste der drei Instanzen, enthält alles ererbte, bei Geburt mitgebrachte und die aus der Körperorganisation stammenden unbewussten Triebe. Das Ich, welches dem Bewusstsein zugeordnet ist, übernimmt die Vermittlerfunktion zwischen Es und Außenwelt. „Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält“ (Freud, S. 1923. S. 294). Das Über-Ich repräsentiert demgegenüber die gesellschaftlichen Normen und Gebote sowie die Verbote. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß.

Für das Verständnis des menschlichen Verhaltens und insbesondere des hier interessierenden kindlichen Verhaltens, ist ein Einblick in die von Freud formulierte Triebtheorie notwendig. Freud geht von einer im Organismus verankerten Triebstruktur aus, die alle Aktivitäten des Menschen vorantreibt und nimmt an, dass der Konflikt zwischen der Auslebung der Triebe und den einschränkenden Bedingungen der Umwelt der Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Verhaltens und der psychischen Erkrankungen sei (Baumgart, F. 1998, S. 51). Triebe, die unbewussten Inhalte des Es, repräsentieren die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben und ihr Ziel ist die sofortige Befriedigung. Die Quelle des Triebes und das Objekt zur Triebbefriedigung verändern sich im Laufe der Entwicklung. So verschieben sich in jeder Entwicklungsphase, die das Kind durchläuft, die Körperzonen für sexuelle Bedürfnisse. Die Annahme über das Vorhandensein kindlicher sexueller Bedürfnisse erläutert Freud in seinen 1905 erschienen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. Mit der Untersuchung dieses Gegenstandes und der Entdeckung, dass sich die Sexualität der Erwachsenen aus infantilen Vorstufen entwickelt, beginnt die psychoanalytische Erforschung der frühen Kindheit.

2.2. Frühe Arbeiten der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie

2.2.1. Sigmund Freud

Obwohl Sigmund Freud seine Erkenntnisse nur aus der Behandlung Erwachsener gewann, findet man in seinen Schriften Formulierungen zur Mutter-Kind-Beziehung und festgehaltene Beobachtungen von kindlichen Trennungsreaktionen.

Die Aussagen Freuds über den Ursprung der Bindung zwischen Kind und Mutter lassen sich auf dem Hintergrund der Triebtheorie verstehen. In seinem Werk „Hemmung, Symptom und Angst“ schreibt er: „ Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung der Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er bereits aus Erfahrung weiß, daß sie allein seine Bedürfnisse ohne Verzug befriedigt“ (Freud, S. 1926, S. 277).

Somit ist es die Befriedigung der kindlichen Bedürfnisses, die die Liebe zur Mutter entstehen lässt.

Freud betont ebenfalls die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen im Hinblick auf die spätere Entwicklung. „Schon in den ersten sechs Jahren der Kindheit hat der kleine Mensch die Art und den Affektton seiner Beziehung zu Personen des nämlichen und des anderen Geschlechts festgelegt, er kann sie von da an entwickeln und nach bestimmten Richtungen umwandeln, aber nicht mehr aufheben“ (Freud, S. 1914, S. 238).

Die Beziehung des Kindes zur Mutter beschreibt er als „die einzigartige unvergleichliche, fürs ganze Leben unabänderlich festgelegte Bedeutung der Mutter als erstes und stärkstes Liebesobjekt, als Vorbild aller späteren Liebesbeziehungen bei beiden Geschlechtern (Freud, S. 1966, S. 115).

Auch das Phänomen der Trennung kleiner Kinder von der Mutter wird von Freud aufgegriffen und bearbeitet.

In seinem Eingangswerk „Die Traumdeutung“ geht Freud davon aus, dass Kinder die abwesende Mutter nicht sonderlich vermissen, solange die Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse gesichert ist. Er schreibt diesbezüglich: „Daß das Kind die Abwesende nicht sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz erfahren, wenn sie nach mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt“ (Freud, S. 1900, S. 260).

In den zwanziger Jahren jedoch revidierte Freud diese Annahme. In der Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ schildert er seine Beobachtungen an einem Kind, welches die Abwesenheit der Mutter symbolisch in ein Spiel kleidet. In seiner Deutung beschreibt Freud das Verhalten des Kindes als eine Leistung, den durch die Trennung hervorgerufenen Triebverzicht, also das Fortgehen der Mutter, zu gestatten. Er bemerkt, dass „das Fortgehen der Mutter... dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein kann“ (Freud, S. 1920, S. 225).

Die Reaktionen des Kindes auf Trennung oder Verlust einer Bezugsperson beschreibt Freud als Angst, Trauer und Schmerz. „An der Angst des Säuglings ist zwar kein Zweifel, aber Gesichtsausdruck und die Reaktion des Weinens lassen annehmen, daß bei ihm einiges zusammenfließt, was später gesondert werden wird. Er kann das zeitweilige Vermissen und den dauernden Verlust noch nicht unterscheiden; wenn er die Mutter das eine Mal nicht zu Gesicht bekommen hat, benimmt er sich so, als ob er sie nie wieder sehen sollte, und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahrungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches Verschwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen zu folgen pflegt“ (Freud, S. 1926, S. 306).

Obwohl es sich bei all diesen Ergebnissen Freuds über die kindliche Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die spätere Entwicklung nur um Konstrukte oder empirisch unbewiesene Annahmen handelt, haben sie die Grundsteine für die Erforschung der frühen Kindheit gelegt. Freud selbst betont die Bedeutung der Analyse von Kindern und von deren direkten Beobachtung. Im Vorwort zur vierten Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ schreibt er: „Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei Anhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können“ (Freud, S. 1905, S. 45).

Seine Tochter Anna Freud hat sich genau diesem Verfahren der Analyse von Kindern zugewandt. Mit dieser für die Psychoanalyse neuen Methode der direkten Beobachtung war es ihr möglich, die klassische Theorie der frühkindlichen Entwicklung ihres Vaters weiterentwickelt.

2.2.2. Anna Freud

Zu Beginn der psychoanalytischen Bewegung war es keineswegs die direkte Beschäftigung mit dem Kind, welche im Mittelpunkt stand. Das Hauptinteresse der Psychoanalytiker bestand in der Rekonstruktion der frühen Kindheit und in der Aufdeckung neuer Einzelheiten des Entwicklungsvorgangs mit Hilfe der analytischen Beobachtung an neurotischen Erwachsenen. Doch die so gewonnenen Erkenntnisse waren weit davon entfernt, in der Praxis Anwendung zu finden. Sigmund Freud schreibt zu diesem Aspekt:„ Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vorbeigehen, nicht weil ich besonders viel davon verstehe oder selbst soviel dazugetan habe. Ganz im Gegenteil, ich habe mich kaum je damit beschäftigt. Aber es ist so überaus wichtig, so reich an Hoffnungen für die Zukunft, vielleicht das Wichtigste von allem, was die Analyse betreibt. Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik, die Erziehung der nächsten Generation“ (Freud, S. 1933, S. 575). Mit der Einführung der Kinderanalyse und der Entwicklung der direkten Beobachtungsmethode sollte dieses Versäumnis nachgeholt werden.

Von besonderer Bedeutung auf diesem Gebiet sind die Arbeiten Anna Freuds.

Sie äußerte ihre Ansichten zum Problem der Trennung von Kindern und ihren Eltern auf Grund der Beobachtungen, die sie in dem von ihr 1940 mitgegründeten Kriegskinderheim, dem Hampstead Nurseries in London, durchführte. Kinder, die auf Grund von Krankheit, Obdachlosigkeit oder Evakuierungsmaßnahmen in dieses Heim eingeliefert wurden, verbrachten hier eine kürzere oder längere Zeit außerhalb der Familie.

Die Aufgaben dieser Institution waren sowohl therapeutischer als auch prophylaktischer Art. So versuchte man, sowohl die physischen, als auch die psychischen Kriegsfolgen der Kinder wieder aufzuheben und sie vor weiteren Schäden zu bewahren. „Die Leitung der Nurseries bemüht sich, Säuglinge und Kleinkinder, die von ihren Müttern getrennt werden müssen, in Reichweite ihrer Familien aufzuziehen und durch Besuchsfreiheit den Kontakt zwischen Kindern und Familie zu erhalten, als unerläßliche Bedingung für spätere Rückkehr zu normalem Familienleben“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 5).

Zudem bot diese Einrichtung die Möglichkeit zur Erforschung der psychischen Verhaltensweisen der Kinder. Man konnte ihre Reaktionen auf Gefahr, Zerstörung, Trennung von der Familie und die dadurch entstandenen psychischen Entbehrungen sowie Reaktionen auf das durch die Anstaltssituation erzwungene frühe Gemeinschaftsleben studieren.

Anna Freud hat ihre Beobachtungen in zahlreichen Schriften, denen sie auch Fallbeispiele beifügte, dokumentiert und lieferte somit eine Fülle von Material, welches die Bedeutung der frühkindlichen Trennung von der Familie und ihre Folgen beschreibt.

In ihrem Aufsatz „Kriegskinder“ schreibt sie diesbezüglich: „Der Krieg bedeutet der Mehrzahl der Kinder wenig, solange er nur ihre körperliche Sicherheit bedroht, ihre Lebensbedingungen verschlechtert und ihre Rationen kürzt; er gewinnt erst einschneidende Bedeutung, wenn er den Familienverband auflöst und damit die ersten Gefühlsbindungen der Kinder an ihre nächsten Angehörigen erschüttert. Viele Kinder haben aus diesem Grunde die Aufregungen des Londoner Bombardements besser vertragen als die zu ihrem Schutz vorgenommene Evakuierung aus der Gefahrenzone“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 29).

Die Reaktionen der Kinder auf die Trennung von der Familie sind altersspezifisch. Anna Freud beobachtete je nach Lebensalter unterschiedliche Formen der Mutterbeziehung, die mit entsprechenden Trennungsreaktionen verbunden sind.

Sie unterscheidet innerhalb der ersten beiden Lebensjahre drei Phasen: Die erste Phase umfasst die ersten Lebensmonate. In dieser Zeit verhält sich der Säugling der Mutter gegenüber rein egoistisch und materialistisch. All seine Lebensäußerungen stehen im Zeichen von Bedürfnis- und Befriedigungserlebnissen. „Wenn der Säugling satt, warm und trocken ist, zieht er sein Interesse von der Außenwelt zurück und schläft ein. Wenn er hungrig, kalt, naß ist oder Darmunruhen hat, stellt er durch Weinen und Schreien die Verbindung mit der Mutter wieder her“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 35f.).

Anna Freud beobachtete, dass der Säugling in dieser Phase Nahrung und Pflege ohne Probleme von anderen Personen annimmt und sich nach der Abgabe durch die Mutter, nach kurzdauerndem Weinen, wieder beruhigt. Ihre Erklärung für dieses Verhalten steht ganz in der Tradition ihres Vaters, wenn sie schreibt: „Seine inneren Bedürfnisse, denen er hilflos ausgeliefert ist, sind überwältigend stark, sein Unterscheidungsvermögen zwischen Personen der Außenwelt noch unvollkommen entwickelt“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 36). Die Bindung des Kindes an die Mutter wird somit auch von Anna Freud als ein Ergebnis der Bedürfnisbefriedigung angesehen. „Der Säugling hat seine ersten Lusterlebnisse nur bei der Nahrungsaufnahme... Es stellt eine positive Beziehung zur Nahrung (Milch) her und dehnt sie allmählich auf die Person aus, die ihm die Nahrung zuführt. Seine Vorliebe für die Nahrung wird die Grundlage für seine Liebe zur Mutter“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 76).

Die zweite Phase beginnt ungefähr in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Die Beziehung zur Mutter entwickelt sich langsam zu einem Gefühlsverhältnis. Das Kind wendet sich auch dann zur Mutter, wenn es keine Hilfe benötigt, es erfreut sich an ihrer Gegenwart und wird ungern von ihr allein gelassen. „Ihre Anwesenheit beginnt ihm mehr zu bedeuten als nur Sicherung für den Fall des Auftretens von Bedürfnissen, die ohne sie unbefriedigt blieben“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 36). Die von Anna Freud beobachteten Trennungsfolgen sind Mangel an Esslust, unruhiger Schlaf, unfreundliches und abweisendes Benehmen und ein gestörter Kontakt zur Umwelt. Zudem beschreibt sie, „daß das Kind nach der Trennung zu den Anfangsstadien seiner Mutterbeziehung regrediert; das Verhältnis zur Ersatzmutter wird wieder auf der alten Basis des ersten Kontakts mit der Mutter, d. h. in Anlehnung an die Befriedigung der Körperbedürfnisse hergestellt“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 37).

Erst im zweiten Lebensjahr kommt die Bindung zur Mutter zur vollen Entfaltung. „Das Kleinkind ist in seiner Liebe ausschließlich und anspruchsvoll; die Mutter wird zum Objekt, an dem alle seine Triebwünsche, vom Saugen, Beißen, Betasten angefangen, ihre Befriedigung finden wollen“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 37). Eine Trennung von der Familie in dieser Zeit wird von Anna Freud als besonders schmerzlich beschrieben, und die Folgen sind schwerwiegender als die bei jüngeren Kindern. Das Kind fühlt sich allein und verlassen und seine Sehnsucht nach der Familie erzeugt Ausbrüche von Verzweiflung. Nahrung, Schlaf, Trost und Zärtlichkeit werden verweigert. Dagegen klammern sie sich an von zuhause mitgebrachtes Spielzeug, an Kleidung oder an andere Erinnerungsstücke.

Ein weiteres von Anna Freud beobachtetes Trennungsphänomen ist das nicht Wiedererkennen der Mutter nach einer Eingewöhnungszeit im Heim. „... die Mutter wird „vergessen“, weil die innere Bindung an sie durch die erlebte Enttäuschung, die ungestillte Sehnsucht etc. ins Wanken gerät; das Kind verfeindet sich auf Grund dieser Unlusterlebnisse mit dem Erinnerungsbild der Mutter und verdrängt es aus seinem Bewußtsein“ (Freud, A.; Burlingham, D. 1971, S. 40).

Ihre Beobachtungen der Trennungsreaktionen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse über die Bedeutung von Bindung und Trennung in der frühen Kindheit führten zu praktischen Folgerungen. Anna Freud war der Meinung, dass „abnorme Reaktionen weniger auf der Tatsache der Trennung selbst beruhen, als auf der Form, in der die Trennung von der Muter durchgeführt wird“ (Freud, A. 1980a, S. 557). Es ist die Plötzlichkeit des Verschwindens aller geliebten Personen, die auf das Kind eine Schockwirkung hat.

Anna Freud entwickelte daher einen Plan für eine schrittweise Evakuierung von Kleinkindern. Es ist ihr wichtig, dass die Trennung vorbereitet wird und dass das Kind die Möglichkeit hat, die Ersatzperson, die es in der Trennungszeit betreuen wird, kennen zu lernen. „Wo die Mütter während der Periode der Eingewöhnung in die neue Umgebung als Besucher auftauchen, durchlebt das Kind den Trennungsschmerz zu wiederholten Malen, in immer kleiner werdenden Dosen. Zur Zeit, wenn die Entwöhnung von der eigenen Mutter durchgeführt ist, ist die Ersatzmutter schon eine wohlbekannte, dem Kind vertraute Person“ (Freud, A. 1980a, S. 557). In einem ihrer Berichte aus dem Hampstead Nurseries schildert Anna Freud vergleichend zwei Fallbeispiele, die ihre oben gemachte Aussage bestätigen. So wurde Hilda mehr als zwei Monate vor der Heimaufnahme als Tageskind aufgenommen. Die Schwierigkeiten im Umgang mit den anderen Kindern legten sich nach einigen Wochen. „Als die Mutter schließlich die Tochter sich selbst überlassen mußte, hatte sich Hilda in ihrer neuen Umgebung eingelebt, fühlte sich dort zu Hause und zeigte keinerlei negative Erscheinungsfolgen. Im Gegensatz dazu wurde Carol zwei oder drei Tage vor der Entbindung der Mutter zu uns gebracht und mußte sich von heute auf morgen von der Mutter trennen, obwohl sie ihr ganzes bisheriges Leben mit ihr verbracht hatte und offensichtlich sehr gut gepflegt worden war... Tagelang saß oder stand sie da, lautlos oder weinend, und nur gelegentlich hörte man sie mit überraschend tiefer Stimme „Mutti, Mutti“ murmeln... Wie im Gesundheitsbericht beschrieben, wurde sie eine Woche nach ihrer Ankunft krank, ein Ereignis, auf das sie mit Apathie und Teilnahmslosigkeit reagierte“ (Freud, A. 1980a, S. 401).

Somit ist es Anna Freud gelungen, die Erkenntnisse der bisherigen klassischen Psychoanalyse mit ihren Beobachtungsmethoden zu erweitern und praktische Anwendungen für den Umgang mit Kleinkindern zu formulieren. Sie erkannte, dass, „wenn immer ein Kind in den ersten Jahren schwere psychische Entbehrungen erfährt,... die Entwicklung seines Seelenlebens nachhaltig beeinträchtigt [wird]“ (Freud, A. 1980b, S. 1414). Diese „Mangelkrankheiten“, wie sie sie bezeichnet, sind „für die Weiterentwicklung nicht weniger folgenschwer..., als ihr körperliches Korrelat bei Vorenthaltung lebenswichtiger Vitamine“ (Freud, A. 1980b, S. 1424).

2.2.3. René Spitz

Etwa zeitgleich zu den Untersuchungen Anna Freuds entstanden die Aufzeichnungen von René Spitz über die Normalentwicklung von Kleinkindern in der präverbalen Phase. Als Psychoanalytiker und Experimentalpsychologe brachte er Mitte der dreißiger Jahre neue methodische Ansätze in die Erforschung von Bindung und Trennung kleiner Kinder ein. Neben der Verwendung standardisierter Tests, wie z.B. dem Bühler-Hetzer-Kleinkindertest, nutzte er das direkte Beobachtungsverfahren und die Filmanalyse. Auch Gespräche mit den Eltern und dem Pflegepersonal der Findelhäuser, Krankenhäuser oder Säuglingsheimen, in denen er seine Untersuchungen durchführte, dienten der Datenerhebung.

Sein besonderes Interesse galt der Entwicklung der Objektbeziehung während der ersten Lebensjahre. Spitz´ Untersuchungen ergaben, dass das Kind im ersten Jahr drei Stufen durchläuft, die er als „objektlose Stufe“, die „Stufe des Objektvorläufers“ und die „Stufe des eigentlichen libidinösen Objekts“ bezeichnet (Spitz, R. 1985, S. 35).

Demnach zeichnet sich die erste Stufe durch die Undifferenziertheit des Neugeborenen aus. Von Geburt bis etwa zum dritten Lebensmonat „kann das Neugeborene ein „Ding“ nicht von einem anderen unterscheiden; es kann ein (äußeres) Ding nicht von seinem eigenen Körper unterscheiden und es erlebt die Umgebung nicht als etwas, was von ihm getrennt ist. Darum nimmt es auch die bedürfnisbefriedigende, nahrungspendende Brust, wenn überhaupt, als einen Teil seiner selbst wahr“ (Spitz, R. 1985, S. 54).

Das Neugeborene ist in den ersten Tagen nach der Geburt durch eine außerordentliche Reizschranke gegen die Außenwelt geschützt, so dass diese für den Säugling praktisch nicht existiert. Die Aufgabe der Mutter ist es, das Neugeborene vor einer Reizüberflutung zu schützen, auf die es mit heftiger Unlust reagieren würde. Zudem hilft die Mutter dem Säugling, die von innen kommenden Reize zu verarbeiten, wenn sie z. B. seinen Hunger stillt und somit unlustbehaftete Spannungszustände abführt. Die Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind, die Spitz mit dem Begriff „Dialog“ beschreibt, befähigt das Kind, Schritt für Schritt bedeutungslose Reize in bedeutungserfüllte Signale umzuwandeln und sich somit allmählich ein kohärentes begriffliches Bild seiner Welt aufzubauen (Spitz, R. 1985, S. 60f.).

In der Stufe des Objektvorläufers ist das Kind in der Lage, „zumindest einen Teil seiner somatischen Mittel zu koordinieren und zum Ausdruck eines psychischen Erlebens zu benützen“ (Spitz, R. 1985, S. 104). Das sogenannte „Dreimonatslächeln“ ist das erste Zeichen dafür, dass das Kind sich im Übergang von überwiegender Passivität zum Beginn eines aktiven Verhaltens befindet.

Attrappenversuche von Spitz haben gezeigt, dass das Lächeln des drei bis sechs Monate alten Kindes nicht vom menschlichen Gesicht als ganzes ausgelöst wird, sondern von einer spezifischen Gestaltkonfiguration innerhalb des Gesichts, dem Objektvorläufer (Spitz, R. 1985, S. 109).

Mit der Aussage, dass das menschliche Gesicht das erste Objekt, oder genauer gesagt, der erste Objektvorläufer ist, widerspricht er Sigmund Freud, der die mütterliche Brust als erstes Objekt des Kindes postulierte. Spitz Untersuchungen ließen aber nur diesen Schluss zu, wenn er beobachtete: „Es [das Kind] sieht die Brust nicht an, wenn die Mutter sich ihm nähert, es sieht ihr Gesicht an; es blickt weiter auf ihr Gesicht, während es die Brustwarze im Mund hat und die Brust anfaßt. Von dem Augenblick an, in dem die Mutter das Zimmer betritt, bis zum Ende der Stillzeit starrt es das Gesicht der Mutter an“ (Spitz, R. 1985, S. 99).

Dieses Verhalten, das Lächeln als Reaktion auf menschliche Gesichter, zeigt, dass Gedächtnisspuren beim Kind angelegt sind, die die Grundvoraussetzung für das Erreichen der nächsten Stufe, der des eigentlichen libidinösen Objekts, bilden.

Während für das drei Monate alte Kind jedes menschliche Gesicht so gut ist wie das andere und es stets mit einem Lächeln reagiert, verhält sich das acht Monate alte Kind differenzierter. Seine Unterscheidungsfähigkeit ist schon gut entwickelt und es kann „Freund“ und „fremd“ auseinanderhalten. Das Verhalten dieser Kinder in der Stufe des eigentlichen libidinösen Objekts auf fremde Personen ist äußerst verschieden. Sie können „schüchtern den Blick senken, die Augen mit den Händen zuhalten, das Gesicht mit dem hochgehobenen Kleid zudecken, sich im Bett auf den Bauch werfen und das Gesicht in der Bettdecke verstecken, es kann weinen oder schreien“ (Spitz, R. 1985, S. 167). Diese Reaktionen hat Spitz als „Achtmonatsangst“ charakterisiert. Er sieht den Grund für diese Erscheinung in der Fähigkeit des Kindes, seine Gedächtnisspuren vom Gesicht der Mutter mit dem Fremden zu vergleichen. Stimmt das wahrgenommene Gesicht nicht mit dem der Mutter überein, fühlt es sich von ihr verlassen. „Wir nehmen an, daß diese Fähigkeit... bei einem acht Monate alten Kind auf den Umstand hinweist, daß es jetzt eine echte Objektbeziehung gebildet hat und daß die Mutter zu seinem libidinösen Objekt, seinem Liebesobjekt, geworden ist“ (Spitz, R. 1985, S. 172).

Es ist die Liebe und die Zärtlichkeit der Mutter ihrem Kind gegenüber, die sie zu einem Objekt des kindlichen Interesses macht.

Spitz misst der Mutter-Kind-Beziehung in der Entwicklung des Kleinkindes eine ganz besondere Rolle zu. Er stimmt dem Soziologen Georg Simmel zu, der in dieser Beziehung den „Keim zu allen späteren Entwicklungen von Sozialbeziehungen höherer Ordnung“ sieht (Spitz, R. 1985, S. 32).

Somit nehmen Arbeiten, die sich mit gestörten Mutter-Kind-Beziehungen beschäftigen, einen großen Raum in Spitz´ Werken ein.

Auf Grund seiner Forschungsarbeiten und den aus ihnen gewonnenen Daten formuliert Spitz eine Reihe frühkindlicher Störungen, die er als Folge unbefriedigender Beziehungen zwischen Mutter und Kind betrachtet.

Er unterscheidet in dieser Hinsicht zwei Hauptkategorien. Auf der einen Seite stehen die ungeeigneten Mutter-Kind-Beziehungen, bei denen die Störungen auf Grund eines qualitativen Faktors auftreten. Hier spielt der Einfluss der individuellen Persönlichkeit der Mutter auf die Entwicklung des Kindes eine große Rolle. Spitz beschreibt mütterliche Verhaltensweisen wie „primäre unverhüllte Ablehnung“, „primäre ängstlich übertriebene Besorgnis“ oder „bewußt kompensierte Feindseligkeit“ als krankheitserregendes Agens und psychisches Toxin, welches die normale Beziehung, die eine Mutter zu ihrem Kind haben sollte, stört (Spitz, R. 1985, S. 221). Die andere Seite bilden die unzureichenden Mutter-Kind-Beziehungen. Sie sind durch das Auftreten von Störungen auf Grund eines quantitativen Faktors ausgezeichnet. Dem Entzug der libidinös besetzten Objektbeziehung im ersten Lebensjahr misst Spitz große Bedeutung zu, da sie zu schweren Schädigungen und ernsthaften Störungen des Seelenlebens führen. Auf Grund des Bezugs zum Thema Bindung und Trennung wird sich dieser Abriss auf die zuletzt genannte Kategorie beschränken.

Spitz´ Untersuchungen an Kindern in Findlings- und Säuglingsheimen führten zu dem Ergebnis, dass die Ursache kindlicher psychischer Störungen die Abwesenheit der Mutter ist. Dabei entspricht der Grad der Schädigung der Dauer dieses Entzugs. Spitz unterscheidet daher zwischen dem partiellen und dem totalen Entzug affektiver Zufuhr.

Er beobachtete in einem Säuglingsheim eine typische Symptomfolge, die sich dadurch äußerte, dass Kinder, die eine befriedigende Beziehung zur Mutter hatten, jedoch um den sechsten Lebensmonat herum von ihr getrennt wurden, ein weinerliches Verhalten zeigten und jeglichen Kontakt zur Außenwelt vermieden. Neben Schlaflosigkeit, Gewichtsverlusten und Anfälligkeit für Erkrankungen stellte Spitz ein Abfallen des Entwicklungsquotienten fest. „Dann hörte die Weinerlichkeit auf, an ihre Stelle trat eine „gefrorene“ Starre des Gesichtsausdrucks. Nun pflegten diese Kinder mit weit geöffneten, ausdruckslosen Augen dazuliegen oder dazusitzen, mit erstarrtem, unbeweglichem Gesicht und abwesendem Ausdruck, wie in einer Betäubung“ (Spitz, R. 1985, S. 281). Spitz bezeichnet diesen Zustand in Anlehnung an Freud als „anaklitische Depression“. Werden Mutter und Kind wieder vereinigt, tritt in der Regel eine rasche Genesung ein. „Es ist zu bezweifeln, ob die Genesung vollkommen ist; ich würde annehmen, daß die Störung Narben hinterläßt, die in späteren Jahren sichtbar werden...“ (Spitz, R. 1985, S. 285). Beobachtungen an Kindern, dessen Trennung von der Mutter jedoch länger als fünf Monate dauerte, deckten Symptome eines zunehmend schwerer werdenden Verfalls auf, der nicht mehr rückgängig zu machen ist. Zu dieser Aussage kommt Spitz auf Grund seiner in den vierziger Jahren gemachten Untersuchungen in einem Findelhaus. Dort beobachtete er 91 Säuglinge, die nach der Trennung der Mutter im Alter von etwa drei Monaten zwar körperlich gut versorgt waren, affektiv jedoch über einen langen Zeitraum hinweg im Durchschnitt nur ein Zehntel der Zufuhr bekamen, die sie in der üblichen Mutter-Kind-Beziehung bekommen hätten.

Die Kinder zeigten alsbald die Symptome der anaklitischen Depression, die sich mit der Zeit deutlich verschlimmerten. Die Motorik verlangsamte sich, der Gesichtsausdruck wurde leer und oft schwachsinnig, und die Koordination der Augen ließ nach. Bei einer Nachuntersuchung der Kinder nach etwa drei Jahren mussten Spitz und seine Mitarbeiter feststellen, dass viele nicht in der Lage waren zu laufen, sich selbst anzuziehen oder selbständig mit dem Löffel zu essen. „Nur ein Prozent der Kinder konnte ganze Sätze sprechen“ (Spitz, R. 1985, S. 290f.). Spitz fasste dieses Phänomen des totalen Entzugs affektiver Zufuhr mit dem Begriff „Hospitalismus“ zusammen.

Mit diesen empirischen Untersuchungen zur anaklitischen Depression und zum Hospitalismus hat Spitz eindrucksvoll dargelegt, „daß ein krasser Mangel an Objektbeziehungen die Entwicklung in allen Bereichen der Persönlichkeit zum Stillstand bringt“ (Spitz, R. 1985, S.296).

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Bindung, Trennung, Verlust. Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung.
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Erziehungswissenschaftliches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
85
Katalognummer
V13549
ISBN (eBook)
9783638191821
ISBN (Buch)
9783656058267
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindung, Trennung, Verlust, Bedeutung, Mutter-Kind-Beziehung
Arbeit zitieren
Ute Brast (Autor), 2002, Bindung, Trennung, Verlust. Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13549

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