Wissen kann man nicht wissen, man kann nur daran glauben!

Ein philosophisches Kompendium zum Verhältnis von Wissen und Glauben unter Berücksichtigung psychologischer, biologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wissen und seine Definition
1.1. Die Form des Wissens
1.2. Der Inhalt des Wissens
1.3. Die Objektivität von Wissen
1.4. Die biologische Notwendigkeit von Wissen
1.5. Die Wahrheit von Wissen

2. Glauben und seine Definition
2.1. Die Abgrenzung von Glauben zu Wissen
2.2. Die Macht des Glaubens
2.3. Die kausale Grundlage und die biologische Notwendigkeit des Glaubens
2.4. Die Kraft des Glaubens

3. Praktische Konsequenzen für unser Leben

Literaturverzeichnis

Internetverweise

Einleitung

Was Wissen wir wirklich und was dürfen wir überhaupt glauben?

Im nun folgenden Kompendium wollen wir uns unter der Berücksichtigung moderner wissenschaft-licher Erkenntnisse mit den beiden Begriffen 'Wissen' und 'Glauben' eingehend beschäftigen: Dabei werden wir uns fragen, was Wissen und Glauben überhaupt ausmacht, was sie unterscheidet und warum wir überhaupt wissen und glauben. Weiterhin werden wir untersuchen, inwiefern sich diese beiden Begriffe ausschließen, gegenseitig bedingen und wie sie unser Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen. Da diese beiden Systeme das grundlegende Fundament unseres bewussten Lebens ausmachen, sollte jeder Mensch sich eingehend mit diesem Thema beschäftigen, um die darin enthaltenen Zusammenhänge zu verstehen und darauf an sich selbst zu entdecken. Dies ist zwingend notwendig, um sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen und um zu verhindern, dass sie aus dem Ruder laufen!

1. Wissen und seine Definition

Gemäß der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie ist Wissen:

„im weiteren Sinne, hier wie Erfahrung in vorwissenschaftlichen Zusammenhängen, Bezeichnung für allgemein verfügbare Orientierungen im Rahmen alltäglicher Handlungs- und Sachzusammenhänge (Alltagswissen), im engeren, philosophischen und wissenschaftlichen Sinne im Unterschied zu Meinen und Glauben für die auf Begründungen bezogene und strengen Überprüfungspostulaten unterliegende Kenntnis, institutionalisiert im Rahmen der Wissenschaft. (Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Bd. 4, 2004, 718)

Aus Sicht der Psychologie beschreibt Rainer Sachse:

„'Wissen' entsteht durch eine Informationsverarbeitung, durch das kognitive System und enthält möglichst valide Theorien über die Realität.“ (Sachse, Rainer: Wissen und Glauben. Wie sie sich ergänzen und wann sie konfligieren, 2007, 11)

Das englische 'science', welches übersetzt 'Wissenschaft' bedeutet, lässt sich etymologisch auf das lateinische 'scientia' zurückführen. Das zugehörigen Verb 'scire' bedeutet neben 'wissen' auch „ver-stehen, gelernt haben, können“ und „einsehen, sich bewußt werden“ (vgl. Georges, Karl Ernst: Latei-nisch-Deutsch, 1913/1918, 50273; http://www.digitale-bibliothek.de/band69.htm)

Auf dieser Grundlage lassen sich vorerst genug Rückschlüsse für eine definitorische Eingrenzung des Begriffes treffen:

l Wissen ist das bewusst gewordene, gedankliche Produkt, welches sich auf die Realität ei-nes Subjektes bezieht, damit sich dieses in seiner Welt orientieren kann. Diese Orientie-rung basiert auf Prozessen des Verstehens, Einsehens, Lernens und Planens. Diese Prozes-se wiederum führen zu der Bildung von möglichst validen Realitätsmodellen und münden schlussendlich in ein möglichst effektives, intentionales, praktisches Handeln und somit eine willentliche Beeinflussung und Veränderung der Realität. Das gesamte System lässt sich durch verschiedene Prozesse der Informationsverarbeitung darstellen, die sich vor al-lem durch das Speichern, Abrufen, Kombinieren und Synchronisieren von Informationen beschreiben lassen. Das diese Prozesse durchweg kognitiver Art sind, lassen sie sich neu-rologisch auf die linke Gehirnhälfte lokalisieren. Dorthin gelangen die Informationen durch die Prozesse der Wahrnehmung, die über die jeweiligen artspezifischen Sinnesor-gane eines Lebewesens in sein ZNS (Zentrales Nervensystem) gelangen. Dieser Prozess ist jedoch hochgradig selektiv, da die jeweiligen Sinnesorgane nur für bestimmte physikali-sche Wechselwirkungen mit der Umwelt des jeweiligen Subjektes empfindlich sind!

1.1. Die Form des Wissens

Wissen soll hier vorerst als rein subjektives Wissen aufgefasst werden. In diesem Sinne ist es immer bewusstes Wissen, welches einer bestimmte Form bedarf, damit es überhaupt erst bewusst werden kann. Diese Form ist zugleich die Form unserer Gedanken und somit auch immer abstrakt. Unsere abstrakten Gedanken wiederum sind sehr stark durch die Form ihres Inhaltes determiniert. Da sich der Inhalt unserer Gedanken rein sprachlich und höchstens noch mathematisch darstellt, lässt sich folgern, dass unser bewusstes Wissen eine rein sprachliche (oder mathematische) Form annehmen kann und somit auch durch deren Regeln, Zusammenhänge und Gesetze determiniert sein dürfte. Wittgenstein hat einmal formuliert:

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

(Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, 2004, 67)

Da hier mit 'meiner Welt' die bewusste Welt gemeint ist, und meine bewusste Welt zu einem ge-wichtigen Teil durch mein Wissen bestimmt wird, gilt für diesen Teil das Gleiche, wie für das Ge-samte und wenn man sich der Reflexion Wittgensteins anschließen möchte, dann darf man durchaus Folgendes formulieren:

- Unser subjektives Wissen ist durch die Eigenschaften, Möglichkeiten und Grenzen unserer Sprache determiniert!

Daraus lässt sich folgern, dass das potentielle Wissen eines Menschen u.a. auch davon abhängt, wie-viele Sprachen er beherrscht. Es bedeutet jedoch auch, dass der Mensch in die Falle tappen kann, dass er Verständnisprobleme, die in seinen Denkprozessen auftauchen, auf die Realität projiziert, obwohl es vielmehr Probleme sind, die seinem Sprachsystem inhärieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2. Der Inhalt des Wissens

Der Gedanke, dass gewisse philosophische Probleme sich nicht darin differenzieren lassen, ob sie nun reale Probleme in unserem Denken über die Welt oder Probleme der Sprache, in der unser Den-ken formuliert wird, sind, mag auf den ersten Blick verblüffen. Schließlich sollte man die Realität doch von der Sprache unterscheiden können?! Der springende Punkt ist dabei jedoch, dass der

Inhalt unseres Wissens keine objektive 1:1-Abbildung der Welt enthält. Wie bereits angedeutet, sind die Informationen, auf denen unser Wissen von der Welt beruht, höchst selektiven Ausleseprozessen ausgesetzt. Nur wenige der mannigfaltigen physikalischen Prozesse, die in der Welt der objektiven Realität miteinander wechselwirken, geraten überhaupt erst durch die Sinnesorgane in unser ZNS. Erst dort werden sie in die phänomenalen Qualitäten unserer subjektiven Wahrnehmung transferiert. Dies bedeutet, dass das, was wir subjektiv von der Welt wissen, ein Konstrukt unseres ZNS ist. So-mit dürfen wir es keinesfalls mit der objektiven Welt gleichsetzen. (vgl. Roth, Gerhard: Aus Sicht des Gehirns. Wahrnehmung: Abbildung oder Konstruktion? 2003, 67 ff.) Hinzu kommt, dass das Gehirn selbst nicht nur in Bezug zu der Welt steht, sondern auch noch sehr stark selbstbezüglich ist. Es gibt be-deutend mehr neuronale Verschaltungen zwischen den einzelnen Gehirnarealen, als zwischen dem Gehirn und den Sinnesorganen. Daraus lässt sich schließen, dass unser Wissen von der Welt vor Al-lem ein Konstrukt unseres Gehirns ist, das durch die Wechselwirkungen unserer Sinnesorgane mit bestimmten physikalischen Prozessen der objektiven Realität beständig über unsere Umwelt infor-miert wird, jedoch grundsätzlich selbstbezüglich arbeitet. (vgl. Maturana, Humberto R.: Die Biologie der Realität, 1998, 27 f.) Dies ist auch notwendig. Schließlich beruhen unsere mannigfaltigen subjektiven Wahrnehmungen und Gedanken objektiv betrachtet einzig und allein auf äquivalenten elektroche-mischen Prozessen, die in unseren Neuronen wirken. Die Frage, wie diese Vermittlung und Überset-zung zwischen Körper und Geist stattfindet, ist auch heute noch ungelöst und dürfte wohl als eines der größten philosophischen Rätsel gelten, da das „missing link“, das Verbindungsstück zwischen Geist und Materie bis heute nicht nachgewiesen oder erklärt werden konnte.

Es lässt sich jedoch bereits jetzt festhalten, dass unter diesen Umständen nun doch erklärt werden kann, weshalb man Probleme im Denken über die Welt nicht so einfach von den Problemen des Denkmediums 'Sprache' abgrenzen kann:

- Unser Wissen ist keine Abbildung der objektiven Realität, sondern nur ein subjektiv kon-struiertes Modell von dieser!

Wenn wir nun im abstrakten Denken versuchen, unser subjektives Wissen von der objektiven Reali-tät mit eben dieser zu vergleichen, dann vergleichen wir nur zwei subjektive Konstrukte miteinan-der. Schließlich ist unsere Vorstellung von der objektiven Realität wiederum nur eine Vorstellung und somit eine subjektive Konstruktion unseres Gehirns. Da diese beiden bewussten Konstruktio-nen wiederum durch unsere Sprache determiniert sind, ist es somit überhaupt gar nicht möglich, eine endgültige Trennung zwischen Sprache, subjektivem Wissen und objektiver Realität zu ziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3. Die Objektivität von Wissen

„Zu leben ist zu wissen.“ (Maturana, Humberto R.: Die Biologie der Realität, 1998, 15)

Bereits in der am Schluss von 1.1. getroffenen Definition von Wissen ist zu bemerken, dass Wissen selbst untrennbar mit biologischen Prozessen verbunden ist. Eine Maschine hingegen wird nie et-was wirklich wissen können, da Wissen an Bewusstsein gekoppelt ist und auf hoch komplexen bio-logischen Konstruktionsprozessen beruht. Eine Maschine kann zwar Informationen verarbeiten, aber das Verhalten eines wissenden Subjektes kann es höchstens nachahmen. Eine Maschine wird niemals eine wirklich subjektive Erfahrung machen können, da ihr nichts bewusst werden kann.

- Eine rein maschinelle Informationsverarbeitung wird niemals zu einem Wissen der jewei-ligen Maschine führen, da sie nicht mit biologischen Lebewesen identisch ist, sondern die-se nur nachahmt !

Wäre es jedoch möglich in ferner Zukunft einmal eine äußerst komplexe Maschine zu ertüfteln, die doch bewusst wissen kann? - Der derzeitige Knackpunkt bei der Beantwortung dieser Frage ist die Tatsache, dass wir es bei einem biologischen Gehirn mit einem äußerst komplexen selbstreferentiel-len und selbstoptimierenden Prozessnetzwerk neuronaler Verschaltungen zu tun haben. Wenn Neu-rowissenschaftler über das Gehirn sprechen, dann verwenden sie durchweg Superlative: Das Gehirn sei das komplexeste Organ im gesamten Universum. Ein Gehirn habe mehr Neuronen und Synapsen als die Erde Sandkörner usw., usf. Dabei fallen Begriffe wie Synergetik, Autopoiese, Synchronizität oder Deterministisches Chaos. (→ empfehlenswerte Literatur)

Eine Maschine hingegen wird immer von Menschen konstruiert. Um nun eine Maschine bauen zu können, die so komplex ist, dass sie menschliche Kognition nicht nur nachahmt, sondern mit dieser identisch ist, müsste das menschliche Gehirn wiederum so 'einfach' konstruiert sein, dass der Mensch es verstehen und nachbauen könnte. Wenn unser Gehirn jedoch so einfach aufgebaut wäre, dann wären wir sicherlich wiederum zu beschränkt, um es zu verstehen.

„Das heißt, wer sich für besonders fähig hält, ist womöglich nur zu dumm, seine ei- gene Unfähigkeit zu erkennen.“ (Urban, Martin: Warum der Mensch glaubt, 2007, 58)

- Wissen kann somit niemals objektiv sein. Es ist eine rein subjektive Erscheinung!

Doch was ist mit dem objektiven Wissen der Naturwissenschaften? - Alleine dadurch, dass man Informationen dokumentiert und sie in Dateien oder Büchern stehen, werden sie nicht zu objektivem Wissen! Wie bereits festgehalten, ist wissen ein aktiver biologischer Prozess. Nur Subjekte erschaffen Wissen, durch das sie sich selbst und ihre Welt definieren. Wenn nun ein Subjekt sein Wissen sprachlich oder mathematisch dokumentiert, dann wird es erst wieder die Grundlage zu neuem Wissen, wenn ein anderes Subjekt dieses Wissen apperzi-piert, also bewusst aufnimmt. In diesem Sinne gilt:

- Das objektive Wissen, welches Wissenschaftler schaffen, ist in Wirklichkeit ein in-tersubjektives Wissen!

Dabei ist nämlich Folgendes zu beachten: Wenn es objektives Wissen gäbe, dann müsste je-des in Form von Informationen dokumentierte Wissen bei jedem Subjekt, welches dieses ap-perzipiert, zu einem gleichen Kenntnisstand über den Inhalt der Informationen führen. Da das Gehirn des Apperzipienten jedoch selektiv, selbstreferentiell und nicht linear arbeitet, wird jegliche Information in jedem einzelnen Menschen völlig anders apperzipiert. (vgl. Hu­ber, Ludwig: Wie das Neue in die Gehirne kommt. Emergenz und Chaos in neuronalen Prozessen; Auf-

satz in: Huber, Ludwig (Hrsg.): Wie das Neue in die Welt kommt. Phasenübergänge in Natur und Kultur, 2000, 157 ff.) Das faszinierende an nicht linearen Prozessen ist nämlich die Tatsache, dass auch nur die kleinste Varianz in der Konstitution der Gehirne zweier (vorgestellter) ansons-ten absolut gleicher Menschen bei zwei absolut völlig gleichen Reizen dazu führt, dass beide Gehirne dennoch völlig anders reagieren können und werden, obwohl sie vollständig kausal funktionieren. Neue Informationen stoßen nämlich niemals auf ein völlig ebenes Beet, in das sie wie ein Samen eingepflanzt werden. Vielmehr stoßen sie auf bereits bestehende komple-xe neuronale Verschaltungen und komplizierte Weltbilder und werden mit diesen verglichen, bewertet und passend eingeflochten.

- Dokumentierte Informationen können niemals zu objektivem Wissen führen, da un-ser Gehirn bei seinem Prozess der Informationsverarbeitung wie ein nicht-lineares, dynamisches System funktioniert und auf diese Weise jegliche Information drastisch verändert wird, indem sie erst in das eigene Weltbild 'übersetzt' wird!

Empfehlenswerte Literatur zu diesen Themen:

- Roth, Gerhard: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen
Konsequenzen, 2002
- Haken, Hermann: Synergetik: Die Lehre vom Zusammenwirken, 1990
- Strogatz, Steven: Synchron. Vom rätselhaften Rhythmus der Natur, 2004

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Wissen kann man nicht wissen, man kann nur daran glauben!
Untertitel
Ein philosophisches Kompendium zum Verhältnis von Wissen und Glauben unter Berücksichtigung psychologischer, biologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V135498
ISBN (eBook)
9783640447114
ISBN (Buch)
9783640447404
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaft, Religion, Weltbild
Arbeit zitieren
M.A. Christian Zippel (Autor:in), 2009, Wissen kann man nicht wissen, man kann nur daran glauben!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135498

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