Bildinterpretation nach Marotzki

Abschreckung auf der Autobahn Anwendung der Bildanalyse nach Winfried Marotzki an der Plakatkampagne „Runter vom Gas“


Hausarbeit, 2008

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

I. Die Bildinterpretation nach Marotzki
1. Basis für die Methode der Bildinterpretation nach Marotzki
2. Methode der Bildinterpretation nach Marotzki

II. Die Bildinterpretation nach Marotzki am Beispiel der Plakat-Kampagne „Runter vom Gas“Die Objektebene Die Ordnung der Objekte
Die Inszenierung der Objekte Die Analyse der Selbstund Weltreferenz

III. Fazit

Literaturverzeichnis

Weitere Quellen

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung – Begründung und Erklärung des Themas

Jeder, der in den letzten Monaten Deutschlands Autobahnen befahren hat, ist ihnen begegnet: Den hübschen, jungen, freundlich lachenden Gesichtern auf überdimensionalen Todesanzeigen. Sie begleiten uns auf langen Fahrten – immer in verschiedenen Gruppen, immer mit verschiedenen Lebensoder besser Todesgeschichten.

Das ist die neue Kampagne „Runter vom Gas“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V. Auf riesigen Plakatwänden am Straßenrand der Autobahn wird die tägliche Realität im Verkehr schockierend nüchtern präsentiert. Fünf verschiedene Familien und Paare symbolisieren tausende Autofahrer und sollen als abschreckende Beispiele zur Vorsicht mahnen.

In meiner Hausarbeit möchte ich mich in einem Teil mit dieser Kampagne näher beschäftigen. Ich werde sie anhand des relativ neuen Analysemodells zur Bildinterpretation, aufgestellt 2006 von Winfried Marotzki, in allen Einzelheiten beleuchten und so ihre Wirkung wissenschaftlich prüfen.

Zur Erreichung einer umfassenden Betrachtung innerhalb meiner Ausarbeitung, werde ich aber zuerst die Theorien und Basisansätze von Panofsky und Mannheim, die Ausgangspunkt Marotzkis waren, erklären um im Anschluss auf das weiterentwickelte Modell von Marotzki, auf Grundlage seiner eigenen Darstellung1, im Detail eingehen zu können.

Zwar handelt es sich bei diesem Modell um eine Methode zur Bildinterpretation, doch da die dokumentarische Methode, auf deren Basis Marotzki seine Theorie stützt, schon lange Zeit ebenso auf andere Quellen, wie auch Texte, angewendet wird, erscheint es mir nur logisch diese Methode für meine Plakatanalyse im zweiten Teil der Hausarbeit, in der sowohl die grafischen als auch die textlichen Elemente berücksichtigt werden müssen, zu wählen.

I Die Bildinterpretation nach Marotzki

In dem ersten Teil meiner Hausarbeit steht somit die Verfahrensweise, wie sie Winfried Marotzki in Zusammenarbeit mit Katja Stoetzer in dem Aufsatz „Die Geschichte hinter den Bildern“ formuliert hat, im Vordergrund. Diese erste Arbeitsetappe soll eine Basis für die anschließende Interpretation darstellen. Denn erst nach der Einarbeitung in die theoretischen Grundlagen ist es möglich dem Modell zu folgen und es praktisch umzusetzen.

Doch nicht nur für die Praxis, auch für das Verständnis der Methodik, die Marotzki anwendet, sind einige Hintergrundinformationen nötig. Deshalb wird es mein anfängliches Ziel sein, vorherige Theorien und Modelle zu beleuchten. So kann ein Rückblick auf andere Analysemodelle, speziell jener der sich Marotzki selbst bediente, eine bessere Einsicht in das System der Analyse bieten. Es ist wichtig zu wissen, dass die dokumentarische Methode und die ikonopgraphisch-ikonologische Interpretation Ausgangspunkt für Marotzkis Annahmen ist. Denn einiges aus dem Bereich dieser beiden Modelle wird als Vorwissen vorausgesetzt.

Zudem ist anhand eines Blickes in die Geschichte der Bildinterpretation auch die Entwicklung dieser gut erkennbar und sie erklärt den Weg bis hin zu zuletzt Marotzkis Modell.

I.1 Basis für die Methode der Bildinterpretation nach Marotzki

Das Analysemodell von Winfried Marotzki, u.a. veröffentlicht in „Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunstund medienpädagogischer Perspektive“ in Zusammenarbeit mit Katja Stoetzer, baut wesentlich auf früheren Theorien und Ansätzen anderer großer Sozialwissenschaftler auf. In seiner Abhandlung weist Marotzki vor allem auf die von Erwin Panofsky in seinem Aufsatz

„Studien der Ikonologie“ (1939) aufgestellte Ikonologie als Basis seines Modells hin.

Weiterhin zeigen sich eindeutige Parallelen zu der von Karl Mannheim aufgestellten dokumentarischen Methode, die in ihren Grundlagen in die Ikonologie von Panofsky eingegangen und somit auch in das Modell Marotzkis eingeflossen ist.

Diese beiden Ansätze mit Arbeitstechniken der Filmwissenschaften (vor allem den

Thesen David Bordwells und Kristin Thompson aus dem Jahr 2003 folgend) kombinierend, erarbeiteten die beiden Pädagogen der Universität Magdeburg Marotzki und Stoetzer ein Analysemodell, welches speziell auf die Bedingungen des Bildes angepasst ist. In diesem Kapitel sollen die eben angesprochenen Grundlagen aus der dokumentarischen Methode Mannheims und der späteren Ikonologie Panofskys dargestellt werden.

Zu Anfang also eine Definition des Begriffes dokumentarische Methode:

Die dokumentarische Methode ist eine weitgreifende Vorgehensweise ein Medium zu analysieren und zu interpretieren. Sie lässt sich auf verschiedensten Gebieten anwenden.

Ziel der Analyse ist es den Sinn einer vorliegenden Handlung oder eines Objektes zu ergründen. Karl Mannheim prägte den Begriff dokumentarische Methode für diese Sinnauslegung.

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich die dokumentarische Methode weiter. Sie wurde zunehmend auf andere Bereiche als nur die anfängliche Betrachtung von menschlichen Handlungen ausgeweitet. Seit einigen Jahren dient sie vor allem in der Sozialforschung als wissenschaftliche Arbeitstechnik. Das Arbeitsfeld „reicht von der Rekonstruktion von Kindergesprächen, über die Jugend- und Geschlechterforschung, die Organisationskulturforschung bis hin zur Wissenschaftsforschung.“2 In der Untersuchung von Sozialstrukturen, wie z.B. der Jugendkultur, konnten so durch die Analyse

2 Bohnsack, Ralf: Einleitung: Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis, Seite 9.

Seite 7 von 30 von vornehmlich Gruppen- und narrativen Interviews erklärende Grundlagen und Erkenntnisse gewonnen werden.

Schließlich hat sich die dokumentarische Methode aber auch als geeignetes Werkzeug für andere Medien als den Text erwiesen. In der Sozial- wie in der Medienforschung werden das Modell von Erwin Panofsky und dessen weiterentwickelte Ansätze verstärkt zu Bild-, Plakat- und Filmanalyse eingesetzt.

Im Jahre 1939 veröffentlicht der Kunsthistoriker Erwin Panofsky seine Abhandlung „Studien der Ikonologie“. Darin beschrieben ist ein weiterentwickeltes und z.T. stark überarbeitetes System der dokumentarischen Methode. Diese Methode soll Handlungen und Texte in ihrem Sinn analysieren. Panofsky, der hiermit die Basis für eine Reihe von Modellen der sozialwissenschaftlichen Analyse schafft, greift dabei auf Thesen eines anderen zurück. So beschreibt der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim schon Anfang der 20er Jahre die, von ihm als dokumentarische Methode bezeichnete, Theorie zur Sinnauslegung. Jahrzehnte später spricht Ralf Bohnsack, Sozialforscher der Universität Berlin, davon, dass wir Mannheim „im Hinblick auf die methodologische und metatheoretische Reflexion einiges verdanken.“3 Er erkennt also vor allem Mannheims Verdienst an der Erstellung einer theoretischen Methode zur Interpretation des Sinns an. Das Anwendungsgebiet bezieht Mannheim allerdings auf Handlungen oder allgemein auf kulturelle Gebilde.

Im Mittelpunkt des Analyseschemas steht die Ergründung dreier Sinne: des objektiven Sinns, des Ausdruckssinns und abschließend des dokumentarischen Sinns. Dabei weisen alle drei Arbeitsschritte einen interpretierenden Charakter auf.

So wird im ersten Schritt die Handlung in die gesellschaftliche Umgebung eingeordnet, z.B. die handelnden Personen klassifiziert. Im Ausdruckssinn soll dann folgend die Absicht hinter der Handlung bestimmt werden. Es wird also nach dem subjektiven Sinn aus Sicht der handelnden Person gefragt. Der dokumentarische Sinn beschreibt dann den Sinn, den der Betrachter der Handlung zuweist. Das heißt der Wissenschaftler versucht Rückschlüsse auf den Charakter und die mit der Handlung verbundenen Gedanken

– auch als Habitus, Wesen, bezeichnet - zu ziehen.

Bohnsack, Ralf: Dokumentarische Interpretation – am exemplarischen Fall von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen, Seite 35.

Seite 8 von 30 Doch es gibt Kritik an der Art und Weise dieses Modells von Mannheim. Es ist auffällig, dass sich der Ansatz fast völlig auf subjektive Eindrücke des Interpreten verlässt. Zwar kann vor allem bei der Suche nach dem objektiven Sinn und dem Ausdruckssinn auf ein allgemein gültiges Kulturgut zurückgegriffen werden, doch sind schon hier persönliche Wertungen des Betrachters schwer zu unterbinden. Die Handlung des Winkens ist, zumindest in unserem Kulturkreis, bekannt und eindeutig dem Ziel des Grußes zuordenbar, doch kann die Intensität dieser Handlung und die spezifische Ausführung jener durchaus den Sinn abwandeln. Die Beobachtung einer solchen Abwandlung würde im vorliegenden Modell dann ausschließlich subjektiv gedeutet. So können, vor allem im letzten Schritt der Interpretation der Persönlichkeit, bedeutende Unterschiede in der Interpretation zweier Betrachter liegen, da schon im ersten Schritt von vielleicht verschiedenen Faktoren ausgegangen wird.

In dem oben von mir selbst gewählten Beispiel des Grußes, könnten z.B. zwei Männer aufeinander treffen, beide gepflegt in dunkle Anzüge gekleidet, und sich durch eine sehr kurze Handbewegung in einem Gerichtsgebäude verständigen. Eine Interpretation wäre, dass beide Männer Anwälte sind, aufgrund der Kleidung und des Ortes, und sich grüßen (objektiver Sinn). Dass sie sich kennen, es beide aber sehr eilige haben, was den kurzen Gruß erklärt (Ausdruckssinn). Und dass beide somit miteinander bekannte Kollegen sind, die ihrem Beruf entsprechend stets sehr beschäftigt sind.

Eine zweite mögliche Auslegung wäre dagegen, dass es sich bei der einen Person um einen Staatsanwalt, bei der anderen jedoch um einen Angeklagten auf dem Weg zur gleichen Verhandlung handelt (objektiver Sinn). Auch hier wäre z.B. die Kleidung erklärt.

Der Gruß als Ziel beider Personen wäre der Ausdruckssinn. Dann könnte man aber aus der Kürze der Handlung schließen, dass es sich nur um kühle Höflichkeit handelt, das sich beide durch die Verhandlung kennen, aber aufgrund ihrer verschiedenen Positionen in der Verhandlung nicht leiden können. Es wäre dann also eher ein Akt der Heuchelei auf beiden Seiten (dokumentarischer Sinn).

Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten der Interpretation für jene Handlung, jede komplett unterschiedlich. In einer solchen Herangehensweise würden also unumgänglich Vorurteile, Klischees und diverse subjektive Einschätzungen, aufgrund einseitiger persönlicher Erfahrungen in die Analyse eingehen. Der Spruch „Kleider machen Leute“ wäre z.B. für dieses Beispiel zutreffend.

Seite 9 von 30 Nicht ganz 20 Jahre nach Mannheims dokumentarischer Methode legt Erwin Panofsky 1939 in seiner Abhandlung „Studien der Ikonologie“ den Grundstein für alle folgenden Theorien der dokumentarischen Methode und der Ikonologie.

Laut Fremdwörterbuch definiert sich Ikonologie, oder auch Ikonographie, vor allem als Betrachtung „der christlichen Kunst nach ihren Figuren, Gegenständen und Symbolen und (der) Lehre von ihrer Entwicklung und ihren historischen Zusammenhängen.“4 Panofsky wandte seine Methode allerdings weitgreifender an und bezog sich direkt auf die von Mannheim aufgestellten Thesen von 1921.

[...]


1 Vgl. Marotzki, Winfried / Stoetzer, Katja: Die Geschichte hinter den Bildern. Annäherungen an eine Methode und Methodologie der Bildinterpretation in biographieund bildungstheoretischer Absicht.

2 Bohnsack, Ralf: Einleitung: Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis, Seite 9.

3 Bohnsack, Ralf: Dokumentarische Interpretation – am exemplarischen Fall von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen, Seite 35.

4 Wahrig Fremdwörterlexikon, 4. Ausgabe, Seite 384, 2. Spalte „Ikonographie“

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Bildinterpretation nach Marotzki
Untertitel
Abschreckung auf der Autobahn Anwendung der Bildanalyse nach Winfried Marotzki an der Plakatkampagne „Runter vom Gas“
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg  (Fachbereich Kommunikation und Medien)
Veranstaltung
Grundlagen der Medienforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V135524
ISBN (eBook)
9783640441334
ISBN (Buch)
9783640441075
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marotzki, Ralf Bohnsack, dokumentarische Methode, Bildanalyse, Bildinterpretation, Erwin Panofsky
Arbeit zitieren
Constanze Arnold (Autor), 2008, Bildinterpretation nach Marotzki, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135524

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