Jeder, der in den letzten Monaten Deutschlands Autobahnen befahren hat, ist ihnen begegnet: Den hübschen, jungen, freundlich lachenden Gesichtern auf überdimensionalen
Todesanzeigen. Sie begleiten uns auf langen Fahrten – immer in verschiedenen Gruppen, immer mit verschiedenen Lebens- oder besser Todesgeschichten.
Das ist die neue Kampagne „Runter vom Gas“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V. Auf riesigen Plakatwänden am Straßenrand der Autobahn wird die tägliche Realität im Verkehr schockierend nüchtern präsentiert. Fünf verschiedene Familien und Paare symbolisieren tausende Autofahrer und sollen als abschreckende Beispiele zur Vorsicht mahnen. In meiner Hausarbeit möchte ich mich in einem Teil mit dieser Kampagne näher beschäftigen. Ich werde sie anhand des relativ neuen Analysemodells zur Bildinterpretation, aufgestellt 2006 von Winfried Marotzki, in allen Einzelheiten beleuchten und so ihre Wirkung wissenschaftlich prüfen.
Zur Erreichung einer umfassenden Betrachtung innerhalb meiner Ausarbeitung, werde ich aber zuerst die Theorien und Basisansätze von Panofsky und Mannheim, die Ausgangspunkt Marotzkis waren, erklären um im Anschluss auf das weiterentwickelte Modell von Marotzki, auf Grundlage seiner eigenen Darstellung1, im Detail eingehen zu können.
Zwar handelt es sich bei diesem Modell um eine Methode zur Bildinterpretation, doch da die dokumentarische Methode, auf deren Basis Marotzki seine Theorie stützt, schon lange Zeit ebenso auf andere Quellen, wie auch Texte, angewendet wird, erscheint es mir nur logisch diese Methode für meine Plakatanalyse im zweiten Teil der Hausarbeit,in der sowohl die grafischen als auch die textlichen Elemente berücksichtigt werden müssen, zu wählen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Bildinterpretation nach Marotzki
1. Basis für die Methode der Bildinterpretation nach Marotzki
2. Methode der Bildinterpretation nach Marotzki
II. Die Bildinterpretation nach Marotzki am Beispiel der Plakat-Kampagne „Runter vom Gas“
1. Die Objektebene
2. Die Ordnung der Objekte
3. Die Inszenierung der Objekte
4. Die Analyse der Selbst- und Weltreferenz
III. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirksamkeit der Plakatkampagne „Runter vom Gas“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V. durch die Anwendung eines speziellen, 2006 von Winfried Marotzki entwickelten Analysemodells für Bildinterpretationen.
- Grundlagen der dokumentarischen Methode und Ikonologie nach Mannheim und Panofsky
- Methodik der Bildinterpretation nach Marotzki
- Strukturelle und inhaltliche Analyse der „Runter vom Gas“-Kampagnenplakate
- Untersuchung von Inszenierung, Objekten und Selbst- sowie Weltreferenz in der Werbekommunikation
Auszug aus dem Buch
II.4 Die Analyse der Selbst- und Weltreferenz
Aus der Recherche ist bekannt, dass es sich bei den Plakaten um eine Kampagne gegen zu schnelles Fahren auf der Autobahn handelt. Das Ziel ist also zum langsamer Fahren anzuregen. Das spiegelt sich deutlich in der Darstellung wider.
Als Mittel benutzten die Initiatoren eines der wirksamsten Gefühle, die der Mensch besitzt: die Angst. Anstatt, wie in vorigen Kampagnen, auf die Vorbildwirkung durch berühmte und anerkannte Persönlichkeiten zu vertrauen, schlägt man hier den Weg zur Abschreckung ein. Denn das Plakat soll in diesem Fall nicht raten und verurteilen, sondern durch seine nüchterne Bestandsaufnahme ängstigen.
Die grafischen Elemente (Kreuz, Text, Rahmen) sprechen eine Assoziation an, die aufgrund unseres Kulturgutes bei jedem Autofahrer in Deutschland in eine eindeutig Richtung weist. Mit dem Motiv der Todesanzeige wurde ein einfaches Bild gewählt, welches jedem bekannt ist. So wurde Verwechslung, Missverstehen und Falschinterpretation vorgebeugt. Außerdem ist die einfache Strukturierung des Plakates von großer Wichtigkeit. Schließlich stehen die Plakate an Autobahnen. Man musste sie also so konzipieren, dass sie schnell erfassbar und sofort verständlich sind. Kleine Texte, zu viele Elemente und uneindeutige Anspielungen würden innerhalb der weniger Sekunden, in denen ein solches Plakat im Blickfeld ist, nicht wirken. Deshalb gereichen dem Plakat der motivische Aufbau und die schlichte Farbgebung zum Vorteil. Dabei verstand man es diese Einfachheit gleichzeitig als Aussage zu verpacken und in die zu vermittelnde Botschaft zu integrieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Kampagne „Runter vom Gas“ und Darlegung des Forschungsinteresses sowie der methodischen Herangehensweise an die Plakatanalyse.
I. Die Bildinterpretation nach Marotzki: Theoretische Herleitung des Analysemodells unter Einbeziehung der Ansätze von Panofsky und Mannheim sowie der Filmwissenschaften.
1. Basis für die Methode der Bildinterpretation nach Marotzki: Definition und Erläuterung der dokumentarischen Methode sowie der ikonographisch-ikonologischen Interpretation als wissenschaftliche Grundlage.
2. Methode der Bildinterpretation nach Marotzki: Detaillierte Beschreibung der vier Arbeitsschritte: Objektebene, Ordnung der Objekte, Inszenierung der Objekte und Analyse der Selbst- und Weltreferenz.
II. Die Bildinterpretation nach Marotzki am Beispiel der Plakat-Kampagne „Runter vom Gas“: Praktische Anwendung des Modells auf ein ausgewähltes Kampagnenplakat unter Berücksichtigung von Bild- und Textelementen.
1. Die Objektebene: Identifikation und Beschreibung der sichtbaren Bildelemente, wie Personen, Logos, Text und grafische Symbole.
2. Die Ordnung der Objekte: Erschließung der Bedeutung und des Sinnzusammenhangs der dargestellten Elemente im Kontext der Todesanzeigen-Ästhetik.
3. Die Inszenierung der Objekte: Untersuchung der formalen Gestaltung und der bildlichen Wirkung, insbesondere im Hinblick auf Setting und Komposition.
4. Die Analyse der Selbst- und Weltreferenz: Bewertung der psychologischen Wirkung des Plakats und dessen Einordnung in das gesellschaftliche Bewusstsein über Verkehrssicherheit.
III. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Eignung des Modells für die Plakatanalyse und Reflexion über die methodische Trennschärfe bei der praktischen Anwendung.
Schlüsselwörter
Bildinterpretation, Winfried Marotzki, dokumentarische Methode, Panofsky, Ikonologie, Runter vom Gas, Plakatkampagne, Verkehrssicherheit, Medienforschung, Todesanzeige, Bildanalyse, mise-en-scène, Selbst- und Weltreferenz, Sozialforschung, Werbekommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Plakatkampagne „Runter vom Gas“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, wobei der Fokus auf der Anwendung eines spezifischen, bildtheoretischen Modells liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der Bild- und Medienforschung, die Geschichte der Bildinterpretation (insb. Panofsky und Mannheim) sowie die angewandte Werbeanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Eignung des von Winfried Marotzki entwickelten Analysemodells zur wissenschaftlichen Prüfung der Wirkung von Plakatkampagnen zu demonstrieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Verwendet wird das viergliedrige Analysemodell von Winfried Marotzki, welches die Ebenen der Objektbeschreibung, Ordnung, Inszenierung (mise-en-scène) sowie der Selbst- und Weltreferenz umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Modells und die praktische Anwendung auf das Kampagnenplakat „Gabi, Frank, Mia und Max T.“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildinterpretation, dokumentarische Methode, Ikonologie, Verkehrssicherheit und Medienspezifische Analyse.
Warum wurde ausgerechnet das Format der Todesanzeige für die Kampagne gewählt?
Laut der Analyse fungiert die Todesanzeige als bekanntes kulturelles Symbol, das sofort Assoziationen mit Sterben und Tod auslöst, um das Thema Verkehrsunfall abschreckend und emotional wirksam zu vermitteln.
Wie bewertet die Autorin die Unterscheidung der Arbeitsschritte in der Praxis?
Die Autorin stellt im Fazit fest, dass die theoretische Differenzierung zwischen Objektanordnung und Objektinszenierung zwar plausibel erscheint, die Grenzen in der praktischen Anwendung jedoch teilweise fließend und schwer zu trennen sind.
- Quote paper
- Constanze Arnold (Author), 2008, Bildinterpretation nach Marotzki, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135524