Der Funktionalismus in der Ethnologie und seine Weiterentwicklungen


Studienarbeit, 2006

11 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Überblick
1.2 Ursprünge des Funktionalismus
1.3 Grundvoraussetzungen

2 Die Typologien des Funktionalismus
2.1 Malinowskis Funktionalismus
2.2 Radcliffe-Browns Strukturfunktionalismus
2.3 Thurnwalds Funktionalismus
2.4 Kritik am Funktionalismus

3 Die Weiterentwicklungen des Funktionalismus
3.1 Prozessualismus
3.2 Transaktionalismus
3.3 Bedeutung des Funktionalismus in der modernen Ethnologie

4 Literaturverzeichnis

1 Einführung

1.1 Überblick

Ziel und Zweck dieser Arbeit soll es sein, dem Leser einen Überblick über die ethnologische Theorie des Funktionalismus und deren Spielarten und Weiterentwicklungen zu geben, sowie ihre Bedeutung für heutiges ethnologisches Arbeiten aufzuzeigen. Funktionalismus sollte dabei nicht mit den gängigen architektonischen, philosophischen sowie psychologischen Bedeutungen verwechselt werden, die die Funktionalität von Gebäuden, das Bewusstsein als Funktion der Sinnesorgane und die Anpassung an die Umwelt durch psychische Funktionen betonen (Duden 2000:334).

Um einen Einstieg in die Materie zu erleichtern, möchte ich zuerst eine kurze Definition des Funktionalismus geben. Er hat die Gesellschaft selbst zum Thema und weniger Kultur per se. Nach Stagl befasst sich der Funktionalismus mit Folgendem (1999: 138):

Funktionalismus, die Betrachtung soziokultureller Erscheinungen (z.B. eines Brauches

oder einer sozialen Institution) unter dem Gesichtpunkt ihrer > Funktion, d. h. der

Aufgaben oder Leistungen, die sie im Rahmen der übergeordneten Ganzheit

soziokultureller Systeme erfüllen.

Die funktionalistische Analyse vernachlässigt also das Sosein der Phänomene (ihrer

Form) sowie ihr Eingebundensein in Zeit und Raum (ihre Geschichte und Verbreitung)

und konzentriert sich stattdessen auf ihr Dasein für etwas anderes, höheres, die

„Gesellschaft“, und ihre Interdependenz innerhalb der Gesellschaft. […]

1.2 Ursprünge des Funktionalismus

Der Funktionalismus hat seinen Ursprung in den soziologischen Ansätzen von Emil Durckheim und Marcel Mauss, die ihrerseits noch von den Auswüchsen des Evolutionismus beeinflusst waren. Dies zeigt sich in der Tatsache, dass Durkheim, der die Gesellschaft bestehend aus Teilen mit individuellen Funktionen auffasste, eine Diversifizierung jener im Verlaufe der Evolution konstatierte. Zum Funktionalismus Durkheims Roland Girtler (1980:266):

Nach Durkheim wird die Funktion eines sozialen Phänomens als dessen Beitrag zur Erhaltung des normalen, „gesunden“ Zustandes einer Gesellschaft bestimmt. Die

Funktionalistische Analyse besteht nun darin, einen funktionellen Bezugspunkt, nämlich den „Normalzustand“ der Gesellschaft anzugeben.

Was beabsichtigte Durkheim mit der intendierten Beschreibung von „Normalzuständen“ von Gesellschaften? Einerseits entwickelte er die These, dass das Verständnis für eine Institution nicht nur aus ihrem Nutzen, sondern auch aus ihrer Funktion für das soziale Ganze erwüchse, andererseits konstatiert er, dass die Funktion einer Institution auch in der Erhaltung struktureller Voraussetzungen beruhe, aus denen sie erwuchs, demnach ihrer eigenen Weiterexistenz. Girtler bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Tradition Durkheims zeigt sich in der Absicht, Tatsachen herauszuarbeiten, die universeller Natur sind, also eine allgemeine Funktionsfähigkeit besitzen“ (Girtler 1980).

Ein konkretes Beispiel für eine funktionalistische Analyse wäre die Aufgabe der Strafe, das Kollektivbewusstsein einer Gesellschaft zu stärken und ihre Struktur und ihren Aufbau zu bestätigen, was sich nach Durkheim auch in Formen von Ritualen äussert. In seinem Konzept der „segmentären Gesellschaft“, das er auf undifferenzierte soziale Einheiten bezieht (wahrscheinlich meint er Wildbeutergesellschaften), erfasst er ein kollektives, konformes Bewusstsein, das auf einer Totalität von Glaubensvorstellungen und Empfindungen beruht. Dieses kollektive Bewusstsein bildet die Grundlage für diverse Gesellschaftsformen (Girtler 1980:267).

In „Primitive Classification“ erkennt er zusammen mit seinem Neffen Maus die psychische Einheit der Menschheit anhand von kulturell übergreifenden Ähnlichkeiten.

Die Bedeutung von Durkheim und Mauss für die Entwicklung des Funktionalismus ist vor allem darin zu sehen, dass sie die Wichtigkeit der Strukturen von Gesellschaften erkannten, und den Institutionen die sie zu erhalten versuchen (Girtler 1980:269). Sie interessierten sich für die Funktionsmechanismen von Gesellschaften an sich, und versuchten diese anhand der Beschreibung von Eigenschaften herauszufinden.

1.3 Grundvoraussetzungen

Nach Stagl beruht der Funktionalismus auf folgenden vier Grundvoraussetzungen:

1) einer Analogbehandlung kultureller, sozialer, organischer und mechanischer Systeme, d.h. auf einer Vorentscheidung für den Szientismus [Orientierung an genauen, empirischen Wissenschaften; S.M.] gegen den Historismus;
2) der Ausklammerung der diachronen zugunsten der synchronen Analyse […];
3) der Überbetonung der Abgrenzbarkeit, systematischen Geschlossenheit und Harmonie der beschriebenen Eigenheiten und der Vernachlässigung der dem entgegenstehenden Faktoren, was den funktionalistischen Analysen einen abstrakt-utopischen Charakter verleiht; und
4) einer utilitaristischen Ausrichtung, d.h. einer letztlichen Reduktion des

Funktionsbegriffes auf die Bedürfnisbefriedigung (Stagl 1999:138).

2 Die Typologien des Funktionalismus

2.1 Malinowskis Funktionalismus

Der polnische Ethnologe Bornislaw Malinowski ist neben Radcliffe-Brown der Hauptbegründer des Funktionalismus. Er war ein vehementer Gegner des „Sofaevolutionismus“, dessen Vertreter ohne empirische Beweislage Thesen über die Entwicklung menschlicher Gesellschaften aufgestellt hatten. Malinowskis Funktionalismus beruht auf der Annahme, dass kulturelle Praktiken oder Institutionen menschliche Grundbedürfnisse erfüllen (vgl. Allenbach 2005:6). Auch etablierte er mit seiner Feldforschung auf den Trobriander-Inseln eine neue Methode ethnographischen Arbeitens. So hat seines Erachtens die Feldforschung alleine zu erfolgen, die Kenntnis der Ortssprache ist unerlässliche Voraussetzung, ebenso das Teilnehmen am alltäglichen Leben der zu Untersuchenden, und das Berücksichtigen aller, auch wenn unwichtig erscheinenden Lebensbereiche. Malinowski sagt zum ethnographischen Arbeiten:

Wir brauchen ganz unzweifelhaft eine neue Methode für das Sammeln von Beweisen. Der Sozialanthropologe muss seine bequeme Lage im Liegestuhl unter der Veranda einer Missionarshütte, in seinem Verwaltungsposten und im Bungalow eines Pflanzers verlassen, wo er mit Bleistift, Notizbuch und manchmal auch Whisky und Soda versehen, sich angewöhnt hat, die Aussagen von Informanten zusammenzutragen, Geschichten niederzuschreiben, den Menschen im Garten, am Strand um im Dschungel zu sehen; zusammen mit ihnen muss er zu weit entfernten Sandbänken fahren und fremde Stämme besuchen; er muss sie beim Fischfang, bei der Jagd und zeremoniellen Meeresfahrten beobachten. Die Information muss seinen eigenen überprüften Erfahrungen mit dem Eingeborenenleben entspringen und nicht tröpfchenweise von ein paar wenigen Informanten gesammelt werden […] Die Sozialanthropologie unter freiem Himmel ist im Gegensatz zu den Recherchen nach dem Hörensagen zwar keine leichte, aber dafür umso interessantere Arbeit (Girtler 1980:274).

[...]

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Details

Titel
Der Funktionalismus in der Ethnologie und seine Weiterentwicklungen
Hochschule
Universität Zürich  (Ethnologisches Institut)
Note
gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V135592
ISBN (eBook)
9783640442959
ISBN (Buch)
9783640443130
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionalismus, Ethnologie, Weiterentwicklungen
Arbeit zitieren
Simon Meier (Autor), 2006, Der Funktionalismus in der Ethnologie und seine Weiterentwicklungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135592

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