Instrumentalisierung von Feindbildern


Seminararbeit, 2001

27 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Versuch einer inhaltlichen Analyse
A.) Feindbild als Begriff
B) Definitionsversuche: Vorurteil, Stereotyp, Feindbild
a) Das Vorurteil
b) Stereotyp
c) Feindbild

III. Entstehung - Konstruktion - Anwendung - Abbau
A) Entstehung von Feindbildern
B) Konstruktion von Feindbildern
C) Warum werden Feindbilder eingesetzt?
D) Beispiele für Feindbilder im politischen Diskurs Italiens

IV. Versuch einer rhetorischen/semantischen Analyse
A) Sprache und Feindbild
B) Der Diskurs der Differenz entsteht - Gruppenbildung und Wir-Diskurs
a) Kategorisierung und Evaluierung
b) Wir-Diskurs
C) Argumentationsstrategien und -techniken
a) Beispiele: Strategien der Verantwortungs- bzw. Schuldzuschreibung
b) Beispiele: Techniken der Argumentation: Verantwortungs- bzw. Schuldleugnung
D) Umsetzung der Strategien

V. Schlusswort – Abbau von Feindbildern

VI. Bibliographie

Die Instrumentalisierung von Feindbildern

I. Einleitung

In vorliegender Arbeit habe ich versucht dem Phänomen Feindbild auf die Spur zu kommen. Die zentrale Frage dieser Arbeit lautet: Was ist ein Feindbild und in Zusammenhang damit wie entsteht es, wie, wo und warum wird es eingesetzt und in weiterer Folge wie kann es abgebaut werden?

Zunächst wird mittels einer inhaltlichen Analyse versucht den Begriff Feindbild genauer zu definieren, im Anschluss daran erfolgt ein Diskurs über die Entstehung des Feindbildes, wie wird es konstruiert und aus welchen Gründen wird es überhaupt eingesetzt. Nächster Punkt bildet eine rhetorische Analyse, in der die sprachliche Umsetzung des Feindbildes anhand konkreter Beispiele untersucht wird. Das letzte Kapitel meiner Arbeit befasst sich schließlich mit dem Prozess des erfolgreichen Abbaus von Feindbildern.

II. Versuch einer inhaltlichen Analyse

A.) Feindbild als Begriff

Vor Jahren verpönt, ist das Wort Feindbild heute in der Politik und in den Medien im ständigen Gebrauch. Bei genauerer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass in der Regel unter dem Wort Feindbild nicht immer dasselbe verstanden wird.

Am Beginn meiner Arbeit muss also der Versuch einer Definition des Begriffes Feindbild stehen. Kurz und bündig urteilte Alexander Solschenizyn über die Ursachen von Hass und Feindbild: „Die Menschen vergaßen Gott, daher kommt alles“.[1]

Zunehmend beschäftigt sich die Wissenschaft mit dem Bild, das sich zwischen die Menschen schiebt. So kommt Hans Dieckmann bei dem Versuch, historische Bezüge der psychologischen Analyse zu unterwerfen, zu der Folgerung:

„Unter Feindbild verstehen wir nicht den Feind oder den Gegner selbst, sondern etwas Drittes, das sich zwischen ihn und uns selbst schiebt, ein Bild, das sich wie alle Bilder aus einer ganzen Anzahl von Komponenten zusammensetzt, die mit dem eigentlichen Objekt oft sehr wenig oder kaum etwas zu tun haben.“[2]

In einem Lehr- und Arbeitsbuch „Politik“ heißt es zum Feindbild: „Das feindliche System erscheint als das Böse schlechthin, es dient als plausible Erklärung und Rechtfertigung für die Missstände in der eigenen Gesellschaft und als Vorwand für die Unterdrückung von Kritik und Opposition. Informationen vom Gegner werden unter diesen Voraussetzungen nur verzerrt wahrgenommen und so ausgewählt, dass sie das Vorurteil, das ‚Feindbild’ bestätigen eine angemessene Erkenntnis der politischen Realität wird verhindert, die Lernfähigkeit eingeschränkt ...[3].

B) Definitionsversuche: Vorurteil, Stereotyp, Feindbild

Um die Begriffsverwirrung von Vorurteil, Stereotyp und Feindbild aufzulösen und um die Begriffe zu präzisieren, möchte ich im folgenden versuchen eine Definition dieser Termini zu geben.

a) Das Vorurteil

Der Begriff Vorurteil beinhaltet alles, was einem Urteil vorhergeht und nicht schon als Hypothese artikuliert worden ist, also eine Kategorie des Denkens, vorgegebene Klassifizierungen und Bedeutungsinhalte, die unsere Sprache aufbewahrt und an Heranwachsende abgibt. Vorurteile zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine vorläufigen Urteile sind, die korrigierbar wären, oder Setzungen, von der Tradition als Sprache über uns verhängt, sondern „im voraus erfolgte Aburteilungen bei praktischem Ausfall intellektueller Kontrolle“[4]. Nach Ginsberg[5] lassen sich folgende Phänomene der Vorurteilsforschung festmachen:

- Meinungen und Überzeugungen, die ohne Prüfung oder sorgfältige Überlegung gebildet und ohne jede Kritik angenommen werden, wo Zweifel oder Kritik vernünftigerweise erwartet werden könnten.
- Überzeugungen oder Ansichten, die von logisch irrelevanten Impulsen, Gefühlen, Emotionen, Stimmungen oder Komplexen beeinflusst werden.
- Günstige oder nicht günstige Einstellungen zu Personen oder Dingen, die nicht auf Erfahrung oder Kenntnis ihrer Qualitäten beruhen oder die bereits geformt wurden, ehe eine solche Erfahrung oder Kenntnis gegeben war.

Vorurteile helfen auf vielfältige Weise, Orientierung und Bedingungen für das Überleben in der Welt, dem „Überraschungsfeld unvorhersehbarer Struktur“[6], zu finden. Kinder lernen dies bereits durch die schon in Sprache und Zeichen vorgegebenen Vor-Urteile und Traditionen, während Erwachsene das Verstehen von Neuem durch Reduzieren auf bereits Vertrautes und Gewohntes bzw. Gelerntes bewerkstelligen; d.h. das vorhandene System von Vorurteilen ermöglicht eine zwar stark vereinfachende, aber praktisch unzureichende Gewissheit und Bewältigung.

Nach Brückner konstruiert sich unsere Sicht der Dinge weniger aus Primärerfahrungen, sondern aus zweiter oder dritter Hand. Betrachtet man unsere Lebenswelt – Politik, Wirtschaft, Soziales – so scheint sie immer weniger einsichtig. Dennoch äußern wir uns, wählen wir und gleichzeitig überblicken wir die wirklichen Zusammenhänge, deren globaler Zusammenhang auch das Schicksal des einzelnen Individuums entscheidet und beeinflusst, nur in kleinen Ausschnitten, in der Reduktion. Daraus kann man folgern, dass es nicht weiter verwundert, dass unsere Welt in starkem Maß von Gepflogenheiten, Meinungen, Urteilen und Wertmustern besetzt ist, die wir nicht selbst erzeugen bzw. haben, sondern die von außen kommen und deren Quelle hauptsächlich das Meinen von anderen ist.

b) Stereotyp

Einer der wichtigsten Vorurteils-Komplexe ist der des sozialen Vorurteil, des Stereotyps. Es beinhaltet eine Schablone von Feindschaft/Gegnerschaft in zwischenmenschlichen Beziehungen, die gegen eine ganze Gruppe oder deren individuelle Mitglieder gerichtet ist. Das Stereotyp erfüllt eine spezifische, irrationale Funktion für seine Träger[7]. Auffallend ist hier, dass das einzelne Individuum nur als Teil des Ganzen auftritt, als ein Glied einer Gruppe.

Stereotype lassen sich unterscheiden in:

- Heterostereotypen: hier beziehen sich die Ansichten/Vorurteile auf eine fremde Gruppe.
- Autostereotypen: hier beziehen sich die Ansichten/Vorurteile auf die eigene Gruppe.

Eine der ersten Definitionen des Terminus Stereotyp stammt von Walter Lippmann, der sie als „vom Vor-Urteil bestimmte Vereinfachung der Weltsicht, gängige Modelle und Schemata mit oft emotivem Gehalt, die der raschen Orientierung dienen und als Abwehrmechanismus gegen ungewisse, ungewohnte und unangenehme Informationen wirken“, definierte[8]. Beinahe überflüssig zu sagen, dass soziale Vorurteile Urteile über Gruppen bzw. Menschen enthalten, deren „Erfahrungsgrundlage von peinlicher Spärlichkeit“[9] ist.

Die Wichtigkeit des Stereotyps liegt einerseits in der Orientierungsfunktion, andererseits aber, insbesondere beim Heterostereotyp, in der Stärkung der eigenen Gruppe und in der Offenlegung des Verhältnisses der eigenen Gruppe zur fremden Gruppe. So liegt der Nutzen sozialer Vorurteile darin, die Wertschätzung der eigenen Gruppe zu erhöhen, damit soziale Stabilität und Zusammenhalt zu gewinnen und den Angehörigen der fremden Gruppe einen sozial niedrigeren Status zuzuweisen.

Man sollte meinen, dass es bei Stereotypen einen Zusammenhang zwischen Vorurteilen und faktischem Wissen gibt. So verweist Brückner auf Untersuchungen, die ergaben, dass „die subjektiven, nicht sachlichen Bestandteile in Urteilen und Einstellungen zu bestimmten Gegenständen anwachsen, wenn die Anzahl der verfügbaren objektiven Informationen über den Gegenstand abnimmt“[10]. Zum anderen hängt unsere Wahrnehmung von Filtern ab, die wir selbst in diverse Situationen einbringen. Wahrnehmung ist wie das Erinnern selektiv und so verhalten sich auch die Vorurteile als selektive Filter. Verdeutlichen kann man das am Beispiel eines Reisenden: er sieht nicht das, was er in fremden Ländern vorfinden könnte, sondern das, was er erwartet, und diese seine Erwartungen werden von Vorurteilen bestimmt. Auch bei der ganz normalen Wahrnehmung gehen wir so vor: wir beachten zu oft nur solche Vorgänge und Geschehnisse, die unseren Interessen, Einstellungen und Werthaltungen entgegenkommen – positiv wie negativ. Vorurteile implizieren somit Verhaltens-Erwartungen.

c) Feindbild

Feindbilder sind eine spezifische (viele Autoren sprechen auch von einer pathologischen) Form von Vorurteilen. Sie vereinigen alle Komponenten des Vorurteils (kognitiv, emotional, konativ) zu einem negativen Bild des Gegenüber, der anderen Gruppe aber auch anderer Völker und Staaten. Das Feindbild hebt sich vom Vorurteil vorerst dadurch ab, dass es mit einem Bedrohungsgefühl verbunden wird.

Der Begriff Feindbild hat sich in den letzten Jahren als Schlagwort mit „inflationärem Gebrauch“[11] durchgesetzt. Es entstammt der Verteidigungspolitik in der Entspannungsphase des Ost-West-Konfliktes. Die Definitionen des Wortes sind umfangreich und beziehen sich auf verschiedene Perspektiven.

So definiert Hörner den Begriff Feindbild als „Projektion verleugneter Teile des eigenen Ichs auf andere“. Es handelt sich hier um eine psychoanalytische Definition, in der das Feindbild eine Ventilfunktion innehat: „Feindbilder sind Klischees des Anderen, die mehr der eigenen seelischen Stabilisierung als der realistischen Orientierung dienen“[12].

Sommer definiert Feindbild als eine „Untergruppe von Vorurteilen“. Sie sind „Deutungsmuster für gesellschaftlich-politisches Geschehen; sie sind negative, hoch emotionale, veränderungsresistente Vor-Urteile“[13].

Gerhard und Link[14] beschreiben Feindbilder als kollektiv verankerte Bilder mit symbolischer Bedeutung, die oft situationsbedingt entstehen und sich an oberflächlichen Details orientieren. Einmal vorhanden, bieten sie Erklärungsmuster. Gleichzeitig unterliegen sie dem Konsistenzprinzip, d.h. sie bleiben stabil. Informationen werden selektiv wahrgenommen und gespeichert, dem Feindbild widersprechende Informationen werden umgedeutet, die Informationen, die nicht in das vorgeformte Schema passen, werden abgewertet. Je extremer das Feindbild, desto resistenter ist es gegen Änderungen. Feindbilder haben die Eigenschaft, potentiell gewalttätig zu sein und dadurch unkontrollierte Emotionalisierungen zu bewirken. Daraus resultiert, dass es nahezu unmöglich wird mit dem Feind zu kommunizieren.

Derselben Effekt kann beobachtet werden, wenn sich das Feindbild im sogenannten subjektlosen Zustand befindet: es wird als „Masse“, „Bazillus“ etc. bezeichnet. Auf diese Weise wird bzw. kann das Feindbild nicht als Gegner wahrgenommen werden, es besitzt kein eigenes Handeln und keine eigene Identität. Wird das Feindbild aber in den Subjektstatus erhoben, so kann man mit ihm kommunizieren, da es nun konkret ansprechbar wird. Phänomene wie Feindbilder, Stereotype oder Klischees bilden einen Schnittpunkt verschiedener Disziplinen, die ihrerseits diese Begriffe auch in unterschiedlicher Weise nutzen, das Feindbild ist in diesem Sinne also ein „arbeitstechnischer“ Begriff.

Nicklas definiert folgendermaßen: „Das Feindbild stellt eine mehr oder weniger strukturierte Ganzheit von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gefühlen dar, die unter dem Aspekt der Feindschaft vereinheitlicht einem Menschen, einer Gruppe von Menschen oder Völkern und Staaten entgegengebracht werden“.[15]. Er betont die „totalisierende Tendenz“ von Feindbildern, wodurch die Welt nach dem Freund-Feind-Schema polarisiert werde.

[...]


[1] Wagenlehner 1989, S. 6

[2] Wagenlehner 1989, S.6

[3] Sutor 1979, S. 485

[4] Brückner 1983, S. 38

[5] Brückner 1983, S. 38

[6] Brückner 1983, S. 35

[7] Brückner 1983, S. 38f.

[8] Lippmann 1964, zitiert nach Schulz, S. 9.

[9] ebda, S. 40

[10] Brückner, S. 42

[11] Hörner, Karin: Der Begriff Feindbild: Ursachen und Abwehr. In: Klemm, Verena, Karin Hörner (Hg.): Das Schwert des ‚Experten’: Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild. Heidelberg, Palmyra 1993, S. 34-43; S. 34

[12] ebda, S. 35

[13] Sommer 1989, S. 19-36, zit. bei Hörner, S. 36

[14] Gerhard, Ute; Link, Jürgen: Der Orient im Medienkurs.: Aktuelle Feindbilder und Kollektivsymbolik. In: Lüders, Michael (Hg.): Der Islam im Aufbruch? Perspektiven der arabischen Welt. München, Piper 1992, S. 277-297; S. 277f

[15] Nicklas 1984, Bd. 5, S. 148-150, zit. nach Hörner, S. 38

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Instrumentalisierung von Feindbildern
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Seminar zum Thema: Der politische Diskurs in Italien in text- und soziolinguistischer Analyse
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V13560
ISBN (eBook)
9783638191890
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Instrumentalisierung, Feindbildern, Seminar, Thema, Diskurs, Italien, Analyse
Arbeit zitieren
Jessica Cathérine Lacha (Autor), 2001, Instrumentalisierung von Feindbildern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13560

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