Kolonialismus und Kolonialkrieg

Herrschafts- und kriegstheoretische Perspektiven


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Thematisierte Form des Krieges

3 Moderner Kolonialismus – eine Definition

4 Kriegstheoretische Basis

5 Der neuzeitliche „Pazifizierungskrieg“
5.1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen „begrenztem“ und „genozidalen“ Pazifizierungskrieg

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welchen Anlass gibt es für diese Ausarbeitung? Die folgenden schriftlichen Ausführungen und Reflexionen basieren auf einem Vortrag, den ich zum Thema „Kolonialismus und Kolonialkrieg“ im Wintersemester 2005/2006 im Soziologieseminar von Herrn Professor Trutz von Trotha gehalten habe. Das Seminar trug den Titel „Kriegsformen und ihre filmische Darstellung“ und war so konzeptualisiert, dass einerseits ein ethnologischer Zugang zum Thema Krieg und seinen verschiedenen Erscheinungsformen beabsichtigt war – durch die Vorführung unterschiedlicher Filmbeiträge, denen es oblag, jeweils exemplarisch für eine bestimmte Form des Krieges zu sein – und andererseits durch diesen ersten Zugang soziologische Überlegungen und Erkenntnisse angestoßen werden sollten, die dann durch Vorträge – von Referenten, dem Dozenten in persona sowie von zwei Gastdozenten – genauer analysiert, bewertet und evident wurden.[1]

Bevor ich auf den primären Forschungsgegenstand meiner Ausarbeitung komme, kurz noch ein paar Worte zu den einzelnen Filmbeiträgen. So unterschiedlich die gezeigten Filme in ihrer ganzen Essenz auch sein mögen, lassen sie sich unter ethnologischen Gesichtspunkten in zwei verschiedene Typen klassifizieren[2]:

1. Filme mit einer etischen Perspektive (klassische Ethnologie)
2. Filme mit einer emischen Perspektive (moderne Ethnologie)

Diese Differenzierung nach der „Beobachterperspektive“ einerseits und nach der „Perspektive der handelnden Subjekte“ andererseits findet sich auch bei den im Seminar verwendeten Werken wieder. Jedoch sei sie hier nur am Rande erwähnt und kann bei näherem Interesse zu methodologischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen in der so genannten writing-culture-Debatte der Ethnologie verfolgt und vertieft werden[3].

2 Thematisierte Form des Krieges

Nachdem ich nun den Entstehungsrahmen der nachfolgenden Gedanken abgesteckt habe, ist es angebracht, in medias res zu gehen: Was ist hier unter Kolonialkrieg zu verstehen? Koloniale oder überseeische Konflikte gab es sowohl in der Antike, im Mittelalter als auch in der Neuzeit. Meine Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf neuzeitliche koloniale Konflikte, das heißt auf Kolonialkriege des 19. und 20. Jahrhunderts, was natürlich nicht bedeutet, dass die hier thematisierten herrschafts- und kriegstheoretischen Aspekte ausschließlich Kolonialkriegen der so genannten „klassischen Kolonialphase“[4] zu eigen sind. Der Militärhistoriker Erwin A. Schmidl versteht unter kolonialen Kriegen zwei große Gruppen von Konflikten:

1. jene zwischen einer europäischen Kolonialmacht und einer „eingeborenen“Organisation[5] (einem Staat, einem Volk, einem Stamm) und
2. jene zwischen europäischen Mächten, sofern sie in Übersee ausgetragen werden (Vgl. Schmidl 1991, S. 111)

In meiner Bearbeitung sollen alleinig Kolonialkriege der erstgenannten Gruppe thematisiert werden. Somit wäre die Form des Krieges definiert, um die es gehen soll – nämlich der neuzeitliche Kolonialkrieg zwischen einer europäischen Kolonialmacht und einemeingeborenenKollektiv – und es bleibt mir nur noch zu erläutern, warum ich mich dafür entschieden habe, meinen Forschungsgegenstand „Kolonialismus und Kolonialkrieg“[6] zu benennen und beispielsweise nicht nur „Kolonialkrieg“, da das belegte Seminar doch explizit die Formen des Krieges zum Forschungsgegenstand auserkoren hat. Zur Begründung verweise ich auf von Trotha, der schreibt, dass sich in kolonialen Kriegen – er nennt sie Pazifizierungskriege – „…Kriegführung und[7] Herrschaftsausübung…unmittelbar treffen“ (von Trotha 2003, S. 36). Genau deshalb sind beide Aspekte – sowohl die koloniale Kriegführung als auch die koloniale Herrschaft – in meinen Ausführungen von Relevanz und ich möchte nun versuchen, folgende Frage zu beantworten:

Welche Erkenntnisse über „Kolonialismus und Kolonialkrieg“ sind elementar und für die Soziologie relevant und müssen deshalb hier wiedergegeben werden[8] ?

3 Moderner Kolonialismus – eine Definition

Da ich in diesem Kapitel den Begriff der kolonialen Herrschaft festlegen werde, erscheinen mir zunächst ein paar grundlegende soziologische Aspekte zum Phänomen der Herrschaft als bedeutsam.

Exkurs: Herrschaft und Macht

Der Begründer der verstehenden Soziologie, Max Weber, hat den Begriff der Herrschaft folgendermaßen definiert[9]: „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ (Weber 1985, Kapitel 1 § 16). Darüber hinaus hat er den Herrschaftsbegriff von dem Begriff der Macht abgegrenzt: „Der Begriff »Macht« ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der »Herrschaft« muss daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten: für einen Befehl Fügsamkeit zu finden“ (Weber 1985, Kapitel 1 § 16). Später hat sich Heinrich Popitz (1992) sehr intensiv mit Herrschaft – die er als „institutionalisierte Macht“ versteht – auseinandergesetzt und ein Stufenmodell für den Übergang von Macht zu Herrschaft – von Popitz als ein „Institutionalisierungsprozess in Form von zunehmender Entpersonalisierung, zunehmender Formalisierung sowie zunehmender Integrierung“ (Popitz 1992, S. 236) bezeichnet – entwickelt: Die erste Stufe oder Vorstufe nennt er sporadische Macht. Die zweite Stufe ist laut Popitz als normierende Macht zu verstehen. Bei der dritten Stufe findet eine Positionalisierung von Macht statt, die gleichbedeutend mit Herrschaft ist. Zur vierten Stufe zählt er die Entstehung von Positionsgefügen der Herrschaft („Herrschaftsapparaten“), die sich um die zentrale Position eines Herrn bilden. Und schließlich die fünfte Stufe: staatliche Herrschaft und die Veralltäglichung zentrierter Herrschaft (Vgl. Popitz 1992, S. 232-260). Weber grenzt die Begriffe Herrschaft und Macht also strikt voneinander ab, wobei Popitz Herrschaft als „institutionalisierte Macht“ versteht. Um den für meine Betrachtung über Kolonialismus und koloniale Kriegführung hier relevanten Unterschied zwischen Herrschaft und Macht noch besser zu verdeutlichen, gebe ich ein paar Aussagen von Trutz von Trotha wieder: „Typisch für das Phänomen der Herrschaft ist das Prinzip der Beständigkeit[10]. Herrschaft ist immer darauf aus, von Dauer zu sein und die Fesselung der Beherrschten so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. In diesem Punkt ist eine klare Abgrenzung zum Phänomen der Macht erkennbar: Macht bedient sich dem Prinzip der Bewegung“ (notiert im belegten Seminar „Kriegsformen und ihre filmische Darstellung“ im WS 2005/2006).

Ich bestimme nun ein ganz bestimmtes Herrschaftsverhältnis, nämlich das der kolonialen Herrschaft. Dass die Begriffe Kolonialismus und koloniale Herrschaft austauschbar sind beziehungsweise als sinngleich zu verstehen, untermauert die wissenschaftliche Definition des rennomierten Historikers Jürgen Osterhammel (2003):

„ „Kolonisation“ bezeichnet im Kern einen Prozess der Landnahme[[11] ], „Kolonie“ eine besondere Art von politisch-gesellschaftlichem Personenverband [ [12] ], „Kolonialismus“ ein Herrschaftsverhältnis. Das Fundament aller drei Begriffe ist die Vorstellung von der Expansion einer Gesellschaft über ihren angestammten Lebensraum hinaus“ (Osterhammel 2003, S. 8-9).

[...]


[1] In dem speziellen Seminar wurden folgende Formen des Krieges behandelt: der Primitive Krieg (Dead Birds. USA 1964. Regie: Robert Gardner), der Kolonialkrieg (Weiße Geister – der Kolonialkrieg gegen die Herrero. BRD 2004. Regie: Martin Baer), der Befreiungskrieg (Die Schlacht um Algier. 1965. Regie: Gillo Pontecorvo) und der Totale Krieg (Die Brücke. BRD 1959. Regie: Bernhard Wicki). Selbstverständlich ist diese Einteilung nicht als erschöpfend zu betrachten. Beispielsweise nimmt Der Brockhaus folgende Typisierung vor: 1. nach der Absicht der Krieg führenden Parteien: Angriffs-, Verteidigungs-, Eroberungs-. Revanche-, Befreiungs-, Kolonial-, Religions- oder Heilige Kriege. 2. nach der Art der Kriegführung: Bewegungs- und Stellungskriege, Partisanen- und Guerillakriege. 3. nach der territorialen Ausweitung des Krieges: einerseits lokale oder regionale Kriege, andererseits globale oder Welt-Kriege. 4. nach dem Raum, in dem der Krieg überwiegend stattfindet: Land-, Luft- und See-Kriege. 5. nach den zum Einsatz kommenden Kampfmitteln: konventionelle Kriege, Atom-Kriege, chemische und biologische Kriege (Vgl. Art. Krieg. In: Der Brockhaus 1998, S. 83-84).

Des Weiteren wurden die Phänomene der Friedensstiftung (Bury the Spear. BRD 2003. Regie: Ivo Strecker) und der Kriegsreportage (James Nachtwey, Kriegsfotograf. CH 2001. Regie: Christian Frei) filmisch eingeführt, anschließend thematisiert und analysiert. Der Vollständigkeit halber seien auch die Vorträge der beiden Gastdozenten erwähnt: Single Hero im Dschungel. Der Vietnamkrieg im amerikanischen Film (Dozent: Dr. Jörg Lehmann) sowie Krieg im Kino der Weimarer Republik (Dozent: Philipp Stiasny).

[2] Wobei bei dieser Kategorisierung die Stärke der Ausprägungen natürlich variieren kann.

[3] Von Trotha verweist hierfür zum Beispiel auf Arbeiten von Nigel Barley, ein Vertreter des radikalen Kulturrelativismus.

[4] Bezeichnet in der Geschichtsschreibung den Zeitraum von Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg.

[5] Hier ist unbedingt zu betonen, dass der Begriff der Organisation in diesem Zusammenhang so nicht gewählt werden darf. Von Trotha weißt mit Nachdruck darauf hin, dass der Begriff der Organisation, den Schmidl hier verwendet, so nicht tragbar und in diesem Kontext wissenschaftlich falsch ist und richtigerweise der Begriff des Kollektivs gewählt werden sollte – wie dies auch Jürgen Osterhammel in seiner sehr gut durchdachten Definition des modernen Kolonialismus praktiziert (siehe Seite 5 meiner Ausarbeitung). Trotz dieses grundsätzlichen Defizits bediene ich mich hier der Definition Schmidls, um die gängige historische Einteilung moderner Kolonialkriege aufzuzeigen und klarzumachen, um welchen Typen es im Folgenden gehen soll.

[6] Wie schon zuvor bemerkt, sind die soziologischen Aspekte und Erkenntnisse hierzu zuerst durch den ausgestrahlten Film: W eiße Geister - der Kolonialkrieg gegen die Herrero. BRD 2004. Von Martin Baer. angeregt worden – in Anlehnung an die zuvor erwähnte Typologie, weist dieser eine extrem emische Perspektive auf – und wurden anschließend durch meine Auseinandersetzung mit der relevanten Lektüre auch wissenschaftlich fundiert.

[7] Die Kursivschreibweise wurde von mir zur besonderen Hervorhebung hinzugefügt.

[8] Bei der Beantwortung dieser Frage werde ich mich sowohl auf Soziologen als auch auf Historiker beziehen, da einige Historiker in diesem Forschungsbereich sehr gute Grundlagen für soziologische Analysen geschaffen haben. Ich denke hier vor allem an den rennomierten und mehrfach ausgezeichneten Historiker Jürgen Osterhammel.

[9] Bei seiner wohl jedem Sozialwissenschaftler gängigen Herrschaftstypisierung, bei der es um die Art der Legitimation der Herrschaft geht, unterscheidet Weber drei Idealtypen legitimer Herrschaft: legale Herrschaft, traditionale Herrschaft und charismatische Herrschaft.

[10] In Analogie zum Popitzschen Institutionalisierungsprozess.

[11] Osterhammels Differenzierung enthält sechs verschiedene Expansionsvorgänge im Laufe der Weltgeschichte: 1. Totalmigration. 2. Massenhafte Individualmigration. 3. Grenzkolonisation. 4. Überseeische Siedlungskolonisation: entweder „neuenglischer“ Typ (Typ I), „afrikanischer“ Typ (Typ II) oder „karibischer“ Typ (Typ III). 5. Reichsbildende Eroberungskriege. 6. Stützpunktvernetzung.

[12] Mit Bezug auf die sechs Formen der Expansion definiert Osterhammel folgende Haupttypen von Kolonien: 1. Beherrschungskolonien. 2. Stützpunktkolonien. 3. Siedlungskolonien: „neuenglischer“ Typ, afrikanischer Typ, „karibischer“ Typ.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kolonialismus und Kolonialkrieg
Untertitel
Herrschafts- und kriegstheoretische Perspektiven
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Seminar "Kriegsformen und ihre filmische Darstellung"
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V135615
ISBN (eBook)
9783640442003
ISBN (Buch)
9783640442065
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolonialismus, Kolonialkrieg, Herrschafts-, Perspektiven
Arbeit zitieren
Christian Hoffmann (Autor), 2006, Kolonialismus und Kolonialkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135615

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